Zwei glatt, zwei kraus: Revolutionäre (Un) Geduld und La durée. Stricken in der Literatur als Ausdruck bestimmter Seinsmodalitäten

by Irmgard Elsner Hunt
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Title:
Zwei glatt, zwei kraus: Revolutionäre (Un) Geduld und La durée. Stricken in der Literatur als Ausdruck bestimmter Seinsmodalitäten
Author:
Irmgard Elsner Hunt
Year: 
1994
Publication: 
The German Quarterly
Volume: 
67
Issue: 
2
Start Page: 
235
End Page: 
249
Publisher: 
Language: 
English
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Abstract:

ELSNER

Colorado State University

Zwei glatt, zwei kraus:
Revolutionäre (Un)Geduld und La durke.
Stricken in der Literatur als Ausdruck
bestimmter Seinsmodalitäten

Für Ute Grass
und für alle Strickerinnen

Zwei glatt, zwei kraus: mechanische, geistlose Tätigkeit minder intelligenter In- dividuen-oder gerade solcher, die dem ei- genen Denken und den Entwicklungen in ihrer Umgebung viel Raum geben und viel Zeit lassen? Auch Männer strick(t)en: Schäfer und Hirten, Wärter oder Sträflin- ge. Heutige Szenen des Strickens mögen, besonders in der Öffentlichkeit, von Frau- en bebildert sein; aber was eigentlich drückt ihr Stricken aus? Hier einige Bei- spiele:

Als auf dem feministischen Literatur- kongreß 1984 in Hamburg Hunderte von Germanistinnen strickend tagten, auf Gängen warteten, in Sektionssitzungen diskutierten und in Pausen plaudernd saßen, bot dies nicht immer ein "professio- nelles9'Bild nach männlich gesetzten Maß- stäben; aber sie waren da, ganz gegenwär- tig, mit jener bewegten Ruhe, die das Stricken ausdrückt: sie waren am Beginn eines großen Initiierens und Diskutierens. Wenn wir heute, im Jahre 1994, zurück- blicken, zeigt sich jener von Sigrid Weigel organisierte Kongreß als Anfang oder viel- leicht schon erster Höhepunkt nunmehr zehnjähriger weiblicher Germanistik, international und en masse ausgeübt. Mit der zähen Ausdauer, die das Stricken ver- langt, führten sich die Frauen in den Lite- raturbetrieb mit all seinen Aspekten ein; sie haben inzwischen eine unüberhörbare Stimme gewonnen und sind als hblizistinnen weder wegzudenken noch zu ignorieren. Eine der Frauen jenes Kongresses, Regula Venske, veröffentlichte 1991 Das

Verschwinden des Mannes in der weibli- chen Schreibmaschine: Männerbilder in der Literatur von Frauen. So weit sind wir also gekommen: nicht nur eingeholt, son- dern überholt haben Frauen gewisse Teile des kulturellen Lebens durch die besonde- re Gabe der Ausdauer, wohl auch besonde- ren Fleiß, und im Vertrauen aufKontinui- tät und Resultat. Und hat auch so manche Frau das Gestrick gegen den Komputer eingetauscht: gestrickt wird noch immer.

Auch in politischen Aktionen wurde Zähigkeit anhand von Stricken wirksam. Als im Verlauf der Friedensbewegung die Einbringung größerer Imagination in den Prozeß gefordert wurde, fiel den Frauen am Greenham Common (England) ihr Gestrick ein. Durch hartnäckige Sitzproteste bei heftigem Stricken mit übergroßen, ge- fährlichen Nadeln erschwerten sie den Polizisten die Arbeit des Wegtragens und Verhaftens-ine Praxis, die in der Folge in zahllosen Protestaktionen auch aufdem europäischen Kontinent und in den USA übernommen wurde. So angewandt, wer- den Stricknadelnzur Waffe, und diese Waf- fe ist eine der Zeit, ist mehr inneres als

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äußeres Verachten, Trotzbieten, Kämpfen.

Damals und heute strick(t)en nicht nur Frauen, sondern auch Männer. Vor Jahren, als ich noch viel strickte (immer mehr wichen die Nadeln der Feder; aber immer noch haben Männer in weiblich betriebenen Schreibmaschinen zu verschwinden), schenkte ich einem Freund ein kleines Buch mit dem Titel: The Manly Art of Knitting. Auf dem Titelfoto ragten zwei besonders starke, behaarte Männer- arme in die Höhe, große, nach Schwerter- art gekreuzte Stricknadeln in geballten Fäusten, ohne Wolle, ohne den zu flächigen Maschenbahnen zu verarbeitenden Fa-den, gerüstet nicht zum ausdauernden Masche-Für-Masche über Tage und Wo- chen oder Jahre, sondern viel eher zum schnellen Kampf mit diesen kuriosen Waf- fen. Dieser Mann hat denn auch das un- ernsthafte Büchlein verloren und die Kunst trotz anfänglichen Interesses nicht ausgeübt. Das wirkliche Drinsein und die Ausdauer, also Dauer in dieser Tätigkeit, fehlten.

Denn die Eiligkeit ist eine der Krankheiten der männlich hervorgebrachten Menschheitsgeschichte. Dasselbe meinte auch Lothar Baier in seinem Essay Volk ohne Zeit von 1990 in bezug auf das "eilige Vaterlandn und dessen Neuvereinigung. Auf diesen Gedanken istbesonders in Ver- bindungmit Günter Grass' Kritik am deut- schen Wiedervereinigungsprozeß nach ei- ner ersten Erkundung über das Stricken in der Literatur zurückzukommen. Eine solche Untersuchung ergibt nämlich in der Hauptsache zwei Seinsmodalitäten der Strickenden, denen ihr Handwerk Aus- druck verleiht. Die eine knüpft in Roman, Drama und Lyrik-unter anderen bei Charles Dickens, Georg Büchner, Georg Heyrn, Heiner Müller und Urs Jaeggi-an die Französische Revolution an; die zweite, origineller konzipiert und eigentümlicher gestaltet, findet sich im Erzählwerk von Grass in den achtziger Jahren.

Scheint es zunächst, daß sich in der er- sten,demRevolutionsmotivverpflichteten

Gruppe sowohl revolutionäre Ungeduld ab auch finstere, vielleicht hinterhältige Geduld ausdrücken, wahrend das Grass'- sche Motiv des Strickensdald alsErzähl-, bald als Schweigemetapher-eher Lang- mut, Geduld im politischen wie privaten Leben, ja Weisheit beinhaltet, so lassen sich beide Seinsmodalitäten gleichwohl in einem Bergsonschen Sinn von la durke verstehen. Das Sein, welches in einem in- tuitiven Erfassen der Realität fließend, be- wegt und bewegend, (sich) verändernd dauert,erklärt ein echtes Inter-esseam Ge- gebenen, also ein Hineingehen, Drinsein, Hindurchgehen. Bergson meint mit die- sem Verständnis des Seins ein Kontinuie- ren durch die Zeit. Er hat das Sein in der Zeit die Erfahrung der reinen Zeit genannt. Wir erfahren dann, so fllhrt er aus, das eigene Sein, die eigene Person in ihrem Fließen durch die Zeit, unser Selbst, wel- ches dauert.1 Und diese Dauer meint doch auch Ausdauer, Geduld, Aushalten im po- litischen wie privaten Bereich. Dem strik- kend Ausdruck zu verleihen ist die wirkliche Kunst dieser Fertigkeit. Ausgeübt wird sie immer wieder in Zeiten des tat- sächlichen oder versuchten Umsturzes, aber auch beim Versuch einer zukunftsorientierten Verlangsamung der Gegen- wart während anscheinend friedlicher Zei-

ten.

Inwiefern die im Stricken dargestellten Seinsweisen-in dieser Studie in der Hauptsache an männlichen Autoren ver- anschaulicht-als ominöse Inszenierung, als satirisierte oder bewunderte Beschäf- tigung und dergleichen literarisch "gewirkt" sind; ob sie spezifiich weiblich oder fürFrauen leichter und lieber lebbar ge- worden sind; inwiefern sie gar mit den Moi- ren als Initiatorinnen undverwalterinnen anderer Text(i1)-Weberei in Verbindung zu bringen sind: dies soll im folgenden Neu- lesen des Strickens in der Literatur au- ßerdem untersucht werden.

Vor diesem Erkundungsgang muß je- doch noch ein Blick auf Virginia Woolfs Ib the Lighthouse (1927) geworfen werden.2

Wie ist in Woolfs autobiographischem Ro- man das Stricken der Mrs. Ramsey zu ver- stehen? Wie hat die Autorin, mit der sich so viel feministische Kritik beschäftigt, die Existenz Mrs. Ramseys konzipiert, wie ge- meint? Die viktorianische Zeit und Mr. Ramsey haben fast alles mit einer Antwort auf diese Frage zu tun. Leider hat Regula Venske Mr. Ramsey in ihrem Buch über Männerbilder von Frauen nicht behandelt. Im Interviewteil des Bandes bemerkt je- doch Julian Schutting, die zum Mann ge- wordene Jutta Schutting, recht provoka- tiv: ". . . es gibt von Frauen, meines Wissens, überhaupt keine Männerfiguren. Das sind reine Typisierungen. Ich hätte so- gar gedacht, das geht hin bis zur Viginia Woolf. Mr. Ramsey etwa, der bleibt doch ganz schattenhaft. . ."3 Man mag dem zu- stimmen oder nicht: Mr. Ramsey hat mit dem Leben seiner Frau viel, wenn nicht alles zu tun. Unter anderem ist dies ein Eheroman. Die häufig strickende Mrs. Ramsey ist Gattin des als brillant gelten- den und bekannten Akademikers Ramsey, istMutter von acht Kindern, geliebterund bewunderter Mittelpunkt eines Großhaushalts, zu dem auch Bedienstete, Stu- denten und mehr oder weniger ständige Hausgäste gehören. Die Ehepartner sind betont gegensätzlich dargestellt; das Ver- hdtnis ist unterschwellig gespannt, wird

aber nach außen aufrechterhalten.

Mn. Ramsey spielt ganz die von ihrerwartete Rolle, und zwargemäß den Erwar- tungen viktorianischer Gesellschaft so weitgehend, daß sie diese Rolle uiid. Sie ist die sich Opfernde, die Selbstlose, die sich über die Familie hinaus auch um Nachbarnund besondersum Kranke küm- mert. Ein Paar Socken, die sie in Arbeit hat, sollen dem kranken Kind der Familie im Leuchtturm gebracht werden. Doch kann das Ausfahren nicht geplant wer- den-nicht weil das Wetter mit Sicherheit schlecht wird, sondern weil Mr. Ramsey, der, in seiner Umgebung akzeptiertenvei- Se, alles weiß und alles besser weiß, glatt- weg erklärt: "But it won't be fmen (LH 10).

Mit diesem Satz widerspricht Mr. Ramsey seiner Frau, die dem Kind Hoffnung auf den Ausflug gemacht hatte, und enttäuscht zugleich den Sohn tief. Mrs. Ram- sey schweigt und strickt weiter.

Diese Frau zeigt dieselbe Würde und Ernsthaftigkeit wie zum Beispiel die Strik- kenn Defarge (s.u.). Beide sprechen wenig, aber man sieht sie geradezu denken. Woolf liefert uns diesen Denkstrom in der Form der erlebten Rede, so wenn Mrs. Ramsey über ihreigenes Ungebildetsein inmitten eines Gelehrtenhaushalts nachdenkt:

What did it all mean? To this day she had no notion. A square root? What was that? Her sons heb. She leant on them: on cubes and square roots; that was what they were talkng about'now; on Voltaire . . .on the character of Napoleon. ..she let it uphold her and sustain her, this admirable fabric of the masculine intelligente .. . like iron girders spanning the swaying fabric, upholding the world, so that she could trust herself to it utterly . .. Then she woke up. It was still being fabricated. (LH 159)

Mrs. Ramsey versteht plötzlich, daß das ge- samte Wissen nach Jahrhunderten der Wissenschaften noch im Entstehen ist, wie ein Gewebe, ihrem Gestrick ähnlich; selbst die Strukturen entwickeln sich erst. In die- ser Erkenntnis fuhlt sie sich für den Augen- blick "hung suspended" (LH 161): zufrieden, in der Konversationsrunde nichts Ein- drucksvolles beizutragen, sondern einfach dazusein, ruhig strickend, in Überlegenheit über die unruhig Strebenden, Wetteifern- denamTisch. Ihrintuitives Wissen teiltsich den anderen nur durch gleichmütiges Da- sein, nicht aber inWortenrnit. ME. msey flüchtet sich auch zum Strickzeug, wenn sie mit ihrem Mann sprechen soll. Daß sie ihn liebt, kann sie ihm nicht sagen; sie teilt es ihmschließlich nur mit, indem sie ihm (auch wider eigenes besseres Wissen) recht gibt: etwa wenn es um den fraglichen Ausflug zum Leuchtturm geht.

Die Existenzweise der strickenden

Mrs. Ramsey teilt sich uns im ersten und weitaus umfangreichsten Teil des Romans als Ruhepol im Zentrum der lebhaften Fa- milie mit. Die erzählte Zeit nur eines Abends dehnt sich über fast 200 Seiten Er- zählzeit; Ruhe und Dauer der Mrs. Ramsey werden solcherart anschaulich und wach- sen mit ihrem Strickstrumpf. Der Leser erfährt viel über die Gedankenwelt der Strickerin. 'You won't be able to fuiish that stocking tonight," bestimmt Mr. Ramsey gegen Ende des Abends, und seine Frau stimmt ihm einsilbig zu (LH 184). Die Ehe der beiden überzeugt nicht als glückliche: Yoneliness was for both of them the truth about thingsn (LH 301).

Im kurzen zweiten Teil des Romans er- fährtder Leser, daß Mrs. Ramsey gestor- benist, nicht aber, unter welchen Umstän- den. Ich denke, daß Viginia Woolfin Mrs. Ramsey die sich aufopfernde Weibliche darstellen wollte, die tatsächlich durch Zeit und Umstände geopfert wird. Wäh- rend sie strickt und am Faden bleibt, dau- ert sie in ihrer spezifischen Seinsweise, aber sie lebt nur für andere; ein Zuviel an Aufopferung läßt ihren Lebensfaden rei- ßen. Jahre später fährt Mr. Ramsey mit zweien seiner jetzt erwachsenen Kinder zum Leuchtturm. Sohn und Tochter nötigt er geradezu; er selbst unternimmt die Fahrt wie aus Pflicht. Es ist, als wolle er seiner verstorbenen Frau endlich Tribut zollen und irgendein Versäumtes nachho- len; aber die Geste kommt spät und ist we- nig, wenn nicht sogar unecht. Die Kinder sind dem Vater bereits entfremdet. Lily, Freundin der Familie, sieht dem Boot von weitem nach und denkt an die Verstorbe- ne:

Mrs. Rarnsey bringing them together; Mrs. Ramsey saying, "Life stand stili heren; Mrs. Ramsey making of the mo- ment something permanent. . . -this was of the nature of a revelation. In the midst of chaos there was shape; this eternal passing and flowing . . . was struck into stability. Life stand still here, ME. kamsey said. "Mrs. Ramsey! Mrs. Ramsey!"

she repeated.She owed it aii to her.
All was silence. (LH 240f.)

Lily erkennt Mrs. Ramseys Seinsweise als einen beneidenswerten Schatz, den der Witwer weiterhin verkennt, was sich jetzt in seiner Unzufriedenheit mit der Tochter äußert: "He thought, women arealways like that; the vagueness of their minds ishopeless; it was a thmg he had never been able to understand; but so it was. It had been so withher-his wife. They could not keep any- thing clearly fked in their minds" (LH249). Spätestens hier widerspricht man Schub ting: nicht schattenhaft hat Woolf diesen Mann gezeichnet, sondern sehr deutlich als unverbesserlichen Chauvinisten. Lily sieht in ihrer Erinnerung das ganz andere Bild der Mrs. Ramsey, nämlich jenes der Autorin selbst, die ihre Mutter porträtiert: "Mrs. Ramsey-it was part of her perfect good- ness-sat there quite simply, in the chair, flicked her needles to and fro, knitted her reddish-brown stocking, cast her shadow on the step. There she sat" (LH 300). Dies ist ein Bild der Geduld und der durde, des Ein- fach-so- und Einfach-Seins, das in den Dar- stellungen des Strickens bei den männli- chen Autoren ebenfalls erscheint.

Von 1789 an bewegte die Französische Revolution die Gemüter. Nicht sofort wurde sie mit dem Stricken in Verbindung ge- bracht, obwohl die tricoteuses, die stricken- den Frauen an der Guillotine, im Laufe der Zeit fast mythischen Stellenwert annah- n~en.~

Besonders in England blühte dieses Motiv auf, nachdem es Charles Dickens in A Tale of lZoo Cities ausgenutzt hatte.5 In Dickens' Roman strickt Th6dse Defarge, die Anfhrin weiblichen Volkes im Faubourg Saint Antoine während der Schrek- kensherrschaft, beinahe andauernd. Sie strickt sogar Muster, welche die Namen verurteilter Aristokraten enthalten. Als verstoßene, halbaristokratische Bastar-

din hegt sie innerlich ungeheuren Zorn und unumstößliche Rachegedanken, uner- kannt selbst von den nächsten Verschwo- renen. Sie horcht und hört, schweigt mei- stens, wartet mit scheinbarem Gleichmut aufihre Stunde. Sie wird ausdrUcklich mit demstricken identifiziert, als hätte sie viel Zeit und die größte Geduld der Welt. Wür- digund ruhig, "withgreat composure," prä- sidiert sie in der Kneipe ihres Mannes, schenkt aus, kassiert und nimmt zugleich ein, was sie hört und sieht. Nach jeder klei- nen Unterbrechung kehrt sie zurück zum Gestrick: "Then she glanced in a casual manner around the wine-shop, tookup her knittingwithgreat apparent calmness and repose of spirit, and became absorbed in it" (WC38). Beinahe unaufhörlich strickend, lebt sie eine Seinsweise der Langmut, ver- schleiert jedoch die innere revolutionäre Ungeduld, die in diesem Stadium nach außen revolutionäre Geduld heißen muß. Ihre Zeit wird kommen, so weiß sie, strik- kend und wartend mit ominöser Beharr- lichkeit. Die wiederholte Beteuerung des Erzahlers, daß sie strickte und nichts sah, verkehrt ebendiese Beteuerung in ihr Gegenteil: alles sieht Madame Defarge, und sie hat eine Meinungvon ihrer Gegenwart, hat Plan und Vision der Zukunft. So er- fahrtsich diese Strickerin; so dauert sie in ihrer spezifischen Art des Seins.

Sie hört und sieht auch Dinge, die, we2 weit entfernt sich abspielend, unhörbar und unsichtbar sind (TTC 156). In der Tat weiß Madame Defarge Dinge, die sie an- scheinend gar nicht wissen kann: unauf- hörlich strickt sie an einem gewissen Na- menregister (TTC 162), und immer unter der Vorgabe, so ins Stricken vertieft zu sein, daß sie die Umwelt ausschließt. Ihr revolutionäres Dasein gerät Masche fur Masche zu Strickmustern, die Symbole enthalten. Gefragt, was sie andauernd stricke, auch an öffentlichen Orten und so-gar im Gehen auf der Straße, antwortet sie, sie habe sehr viel zu tun damit, Lei- chentücher (gestrickte!) herzustellen (TTC 163). In ihrerunheimlichen, ewig stricken- den Präsenz enthüllt sich die durbe der Therese Defarge.

Sie spricht wenig und nur in hinter- gründigen Andeutungen. Rache und Wie- dergutmachung, verrät sie, brauchen lan- ge, so wie es lange dauere, bis sich ein Erdbeben aufbaut, ehe es losbricht. "Although it is a long time on the road, it is on the road and coming .. .always advanc- ing-ganz wie das Stricken langsam, aber sicher aufs fertige Produkt zuwächst. Im Sinn trägt Defarge die neue Zeit, die Ge- rechtigkeit-allerdings durch blutige, schreckliche Rache. Diese Frau erfährt sich in der Tat in ihrem Fließen durch die Zeit, eflährt ihr Selbst, welches durch die- se Zeit dauert, in dem völligen Selbstver- trauen, daß ihr Tun richtig sei, und im vol- len Vertrauen auf Erfolg-wann immer der sich einstellt. We shall have helped it. ...Nothing that we do, is done in vain": genauso, wie Masche für Masche zur Fläche anwächst (VC 168). Nur in der Seins- weise innerer Überzeugung kann derart Sußerlich ruhig und vertrauensvoll in der Form des zweiten Futurs gesprochen wer- den. Als wäre sie eine Seherin, bemerkt Defarge über die kommende Zeit, daß im- mer seltsamere Dinge geschehen werden. Eine unheimliche Aura umgibt die strik- kenden Frauen der Pariser Kommune:

All the women knitted. They knitted worthless things;but the mechanical work was a mechanical substitute for eating and drinking; the hands moved for the jaws and the digestive apparatus: if the bony fingers had been still, the stomachs woulcl have been more faminepinched. . . . Darkness closed around, and then came the ringing of church bells and the distant beating of the military drums in the Palace Cowtyard, as the women sat knitting, knitting. Darkness encompassed them. .. . that night all-potent as the voice of Power and Plenty, Freedom and Life. So much was closing in about the women who sat knitting, knitting, that their very selves were closing in around a structure yet unbuilt, where they were to sit kniti

ting, knitting, counting dropping heads.

('M'C 174f.)

Eine anschaulichere Beschreibung von Bergsons durke, vom Fließen des Selbst durch die Zeit istwohlkaumvorstellbar. Die Frauen stricken und stricken, als solle ihr ganzes Selbst in die noch zu bauende Guil- lotine eingehen-als verschränkten sie tat- sächlich ihre Gegenwart mit der Zukunft. Dies ist die revolutionäre (Un)Geduld im Sinn von durde, wiewohl avantla lettre, da Dickens von Bergsonscher Philosophie ja

nichts hat wissen können. Wie keine andere Tätigkeit ist das Stricken gerade durch die mechanische Wiederholung der Bewegung Ausdruck verstreichender Zeit; fast zynisch wirkt der Vergleich mit der mechanisch funktionierenden Guillotine. Dickens drückt dies in der Anordnung dreier bestimmter Kapitel im 350-seitigen Roman aus: "Knit- ting" (TTC 155), 'Still Knitting" (TTC 165) und "The Knitting Done" (TTC 332)-aber ist das Gestrick der Menschheitsgeschichte in der Tat jemals fertig? Hier nur in dem Sinn, daß Madame Defarge selber ihrEnde

findet. Schauerlich und makaber ihr Strik- ken-Warten-Dauern neben der Guillotine, doch ebenso ihr eigener Tod. Hätte sie ihr Gestrick niemals aus der Handlegen sollen? An ihrem letzten Tag führt sie eine Pistole im Gürtel, die ihr versehentlich den Tod bringt. Hätte diese Frau weitergestrickt, so hätte siege1ebt;hätte sie weitergelebt, dann strickend, planend, konspirierend, schwei- gend. Als sie die Stricknadeln gegen eine Pistole eintauschte, um zu töten, unter- brach sich ihre Dauer; ihr Schicksalsfaden

brach ab.

Bergson hat seine Idee der durke (1903) später mit jener der "kreativen Evolution" verknüpft (1907). Bei Madame Defarge hingegen handelt es sich um kreative Re- volution. Als echte Revolutionärin stirbt sie, wenn auch unerwartet und unbeab- sichtigt, im Vertrauen auf die Herbeifüh- rung einer neuen Zeit und irn Glauben an die deshalb notwendige Schreckensherr- schaft, das Köpferollen, welches eben

gleichmütig mitzumachen sei. Dickens schildert schließlich gegen Ende des Ro- mans die Strickweiber in der ersten Zu- schauerreihe neben der Guillotine als eine symbolische Schwesternschaft der Schick- salsgöttinnen, die hier Parzen und Erinnyen zugleich sind und für Rache, Un- glück, Tod stehen. Defarge fehlt an ihrem letzten Tag unter ihnen. Ihre Strickschwe- stem und Verschworenen wissen zu jenem Zeitpunkt nichts von Defarges Schicksal, und nur sie hätte gewußt, daß im selben Augenblick auf der Guillotine ein Nicht- Aristokrat sein Leben für einen Aristokra- ten läßt, aus Liebe zu dessen bürgerlicher Frau. Die Strickweiber hatten dem Spek- takel gleichgultig zugesehen und, mecha- nisch wie sonst ihre Maschen, die Köpfe gez5ihlt. Zwar empfinden sie die Abwesen- heit Thkrese Defarges als Unglück oder Mißgeschick, doch die Schicksalhaftigkeit des Augenblicks (fürDefarge und die ge- rettete Familie, deren Geschicke verknüpft sind) und seine Vorausdeutung auf den weiteren Verlauf der Revolution kön- nen sie nicht erkennen. Defarges Gegen- wart fehlte; die Dauer ist unterbrochen

worden.

Dickens hat Defarge am Ende als böse, rachedurstige Schreckensfrau gesehen- die sie als zum Mord Entschlossene ja auch war, die aber nicht mehr zum Bild der langmütig Wartenden paßt. Er mißt jetzt, einkehrend in die eigene Enählgegen- wart, mit dem moralischen Maß seiner Zeit, einem Maß, welches die französische Schreckensherrschaft nicht anerkannte. Der Autor war vermutlich auch von den Quellen zu seiner Arbeit beeinflußt, unter ihnen die Geschichte der Französischen Revolution von Alphonse de Larnartine in der 1848 erstmals erschienenen englischen Übersetzung, der einige Voreinge- nommenheit nachgesagt wird.6 Dort steht zu lesen, daß die Pariser Kommune den Sadismus der Frauen schüren wollte und sie durch ein Dekret organisierte:

They shall assist in the national fetes,'

said the decree of the Commune, 'with their husbands and their children, and they shall knit there.' From theme origi- nated the name of Zi-icokuses (Knittern) of Robespierre, a name which defamed tlmt sign of handiwork and of the domestic hearth. Every day, detachments of these mercenaries, paid by the Commune, dis- tributed themselves . . . upon the steps 0% the guiilotine-to greet death, to insult the victims, and to glut their eyes Mth blood. Antiquity had paid mourners, the Community had stipendiary furies?

Die Richtigkeit dieser Sicht zu erforschen bleibe Sache der Historiker, schreibt Ri- chard Rutt, doch verpasse Lamartine in seiner Darstellung durch ideologische Schön- färberei des "Handwerks der Häuslichkeit" und durch schrullige Sprache vollkommen den hintergriindigen Ausdruck des Strik- kens.' Sicherlich war es neben dem Köpfen der Aristokraten ein Bild des verachtenden Sarkasmus; diesen beinhalten blutige, epo- chenändernde Revolutionen. Wahrschein- lich hätten gleichgultig strickende Men- schen der Erschießungeines Ceausescuvon Rumänien zusehen können, hätte man sie so inszeniert. Sie hätten dies ausgehalten, hätten die Spannung aufi-echterhalten und getragen fur die Zeit zwischen Leben und Tod, die jede wirklich verändernde Revolu- tion mit sich bringt.

In Georg Büchners Revolutionsdrama Dantons Ibd handelt es sich nicht mehr um Strickende: an die Stelle von Robes- pierres Strickweibern sind die Grisetten getreten. Vormals Putzmacherinnen und Näherinnen, jetzt vielleicht unter den tricoteuses, sind sie mit dem Liebesleben als Lebensinhalt beschäftigt-zur temporären Erhaltung ihrer moribunden, selbst- zerstörerischen Liebhaber, der Revolutio- näre. Nach Dantons Meinung sind die Grisetten in der Zeit kurz vor Höhepunkt und Ende der Schreckensherrschaft einzi- ges lebenserhdtendes ~rinzip.~

In einem Stadium, in dem sich alles, selbst die Freiheit prostituiert und das Toten an der Tagesordnung ist, sind die sonst Verworfen- sten die moralisch Gesündesten.l0

Das Stück Dantons Tbd ist als Geschichte von einem Dutzend Tagen der Revolution auch zeitphilosophische Aussage: Zeit zwischen Leben und Tod, also Schwe- be-eine Art von Dauer, die aus dem Leben zu gleiten im Begriff ist.Und wie Büchner, so fragen später Georg Heym, Heiner Muller und Urs Jaeggi angesichts des Revolu- tionsstoffes, verglichen mit und in Beziehung gesetzt zu der eigenen politischen Gegenwart: Was ist die Zeit und was der Mensch in ihr? Geschieht sein Dauern durch das Leben auf eine irgendwie lächer- liche, leere, nichtige Weise?

Georg Heym-um chronologisch fort- zufahren-W Büchners Linie einen Schritt weiter: die Strickenden sind bereits tot. Mit seinem berühmten Gedicht "Berlin VIII" (datiert 25.12.1910)sind wirvom Pa- risdes Terrors in das Berlinvor dem Ersten Weltkrieg verpflanzt; mit seiner Vision fungiert der Dichter als Gleichmacher:

Ein Armenkirchhof ragt,schwarz, Stein

an Stein,

Die Toten schaun den roten Untergang

Aus ihrem Loch. Er schmeckt wie starker

Wein.

Sie sitzen strickend an der Wand entlang, Mützen aus Ruß dem nackten Schläfen- bein, Zur Marseillaise, dem alten Sturmge-

11

sang.

Alle, die Toten ohne Unterschied, stricken, doch jetzt nicht mehr die roten Jakobiner- mützen, nicht mehr die roten Mützen der Freiheit, der Kommune oder der kommuni- stischen Utopie, sondern schwarze Mützen aus Ruß. Das kann nicht mehr Ausdruck des Seins in seinem Fließen durch die Zeit bedeuten, sondern in völliger Umkehrung nur noch Desillusionierung und das Ende aller (politischen) Hoffnung. Obgleich die

meisten Interpreten Heyms Gedicht im Sinn prophetischer Vision (bezogen auf 1918/19) auslegen, hinterfragt Harald Har- tungimNachwort zu seiner neuen Heym- Ausgabe dies noch einmal-und findet, daß er nurbestätigenkann: "Und ist es nicht ein Wunder? Man kann es auch die Potentiali- tät des Textes nennen. .."I2 Die Potentiali- tät des Textes: Textgewebe, Produkt in ei- nem Bilde, in dem die bewegte Ruhe des Strickens präsent ist, dauernd selbst im Tod, fast als seien die Toten es zufrieden, wartend-aber worauf? Wohl weder auf Auferstehung noch auf ein Kommen besse- rer Zeit, aber dennoch die verstreichende Zeit ausdrückend: diesmal resigniert über

das Scheitern im Leben, in einem Sein im Tod.

Wenn Heiner Müller die zwei Terzinen aus Heyms Sonett in seinem Stiick Germaniu 3öd in Berlir~ wörtlich(und zwar durch- gehend als Sechszeiler) zitiert, so konsti- tuieren sie unter dem Titel "Tod in Berlin 1" eine ganze Szene (oder ein Bild) für sich, folgend dem Unbild "Nachtstück" und vor- ausgehend der Szene "Tod inBerlin2," wor- in Müller Gerhart Hauptmanns alten Hilse phantasierend "die rote Rosa" sehen läßt.13 Müller überhöht durch diese Paral- lelisierung die Aussage des Bildes "Tod in Berlin 1": Ende aller Illusion und Utopie, nach Müller sogar Ende der Geschichte. Es geschieht nichts mehr; nichts entwik- kelt sich weiter: die Toten schauen ins im- mer sterbende Leben. Da ist keine Dauer mehr; das ist in der Tat ein Gestrick in Schwarz, aus Ruß-aus nichts, als ein Nichts. Kein Gewebe entsteht, keine Flä- che, nichts Wärmendes. Müller bedient sich der genialen Darstellung von Nega- tion aus Heyms poetischer Vision, weil die- se aufseinen Satz vom Ende der Geschich- te genau zutrifft: nichts entsteht bei dieser Strickerei, kein Produkt aus diesem nur noch illusorischen, imaginierten Tun; es hat sich ausgewartet und ausgedauert; nichts ist aus der roten Revolution für die Freiheit geworden. Die Evokation der Marseillaise klingt als Hintergrund fur die hohlen Bewegungen des Strickens der Ge- spenster wie Hohn. Der Faden ist ab: nicht mehr la durke, sondernle nhnt. Büchners Danton erlebte das Nichts als Sinnlosigkeit und suchte es im Trost bei den Griset- ten noch einmal-auf Zeit-zu vergessen. So sieht der Geschichtsverlauf auch für Georg Heym hundert Jahre nach einer Zeit aus, die in der Folge der Französischen Revolution wieder fleißig restaurierte, und so noch einmal ein halbes Jahrhundert spä- ter für Heiner Muller, der die "Zeit Georg Heyms im utopischen Raumn erkannt hat.14 Übrigens hat Henri Bergson in L'kvolution crkatrice den Begriff des nkant zu widerlegen versucht, indem er ihm sein Verständnis des Andauerns der Zeit ent- gegensetzte.

Erstaunlich ist, daß Dickens noch 1859 eine Revolution darstellt, die der Hoffnung Raum gibt: die Strickerin dauert in ihrer Gegenwart, in vollem Glauben an sie und mit starker Hoffnung auf die Zukunft. Der Engländer beendet seine Geschichte, be- vor es vom Schrecken zum Schrecklichsten kommt, wzihrend Büchner 1835 bereits das Selbstzerstörerische der Revolution thematisiert. Wenn Georg Heym das Mo tiv aufgreift, so geschieht das zur Zeit der er- sten Publikationen von Henri Bergson, dessen Philosophie sich neben Heyms Dichtung erstaunlich lebenszugewandt und -bejahend ausnimmt. Gleichwohl fra- gen Dichter wie Philosoph nach der Zeit und nach der Geschichte: Was sind diese? Kann der Mensch sie aushalten, er-dau- ern, durchdauern, überdauern? Kann er gar Geschichte machen, leiten, kontrollie- ren? Kann er erfassen und erleben, was Zeit oder was das ist, was Bergson "reine Zeit" genannt hat?15 Vielleicht wirft ein Gedicht von Urs JaeggiLicht auf eine mög- liche Antwort.

BeiBüchnerund Heym, die beide gleich jung aus dem Leben gingen, tritt der Fa- talismus der Geschichte zutage.16 Es ist eine Weltanschauung, die bei MUller, viel- leicht typisch für seine (unsere) Gegen- wart, in den Zynismus mündet. In dersel-

ben Generation gelingt Jaeggi mit dem ?ext "Ohne Titel" ein quasi-geschichtsphi- losophisches Gedicht, welches das der Französischen ~volution verpflichtete Strickmotiv noch einmal aufgreift:

Und so beginnt die Geschichte.
Langsame Kindheit

Linien. In den Raum gelegte Täuschun- gen.Ich laufe, Zugang zu allem. "Die Ordnung des aufs Gratewohl Zemn- nenen (oder Aufgeschütteten)" ist nach Heraklit die schönste.

Ebene Fläche, vom Gärtner gelegt. Der Stein,irgendwann abgelagert, liegt für sich, an Unordnung so wenig schuld wie an Ordnung. Im Fels erkennbar, was einmal w~ar. Jetzt Waffe in der Hand eines Ohnmächtigen oder eingerollt in einen Hügel, bis zum Verschwinden hineingewachsen.

Wnd in bestimmten Höhlen tropft das Wasser herab." (Xenophanes) Frauen sitzen in einer Felskuppe und tun so, als ob sie noch immer strick-

ten, nicht am Neubeginn der Welt, auch nicht an ihrer Vernichtung.

EinNachtforccher malt Pfeile
in die wand.17

Einladend und faszinierend offen läßt die- ses Gedicht das Nachdenken über die per- sönliche und die Weltgeschichte, vom An-fang über Ur-und Vorgeschichte, von Jahrtausenden geologischer Versteinerung und kurzen Jahren persönlicher Verstei- nung. Im Gegensatz zu Müller und dessen unruhigem, verstört-aufstörendem Protestschreiben und -zitieren gegen die von ihm erkannten Gegebenheiten liegt in Jaeggis Gedicht viel Ruhe und-viel Zeit.

Damit ist eine Uberleitung zu Günter Grass' Geschichtsbild und Zeitphilosophie gegeben (s.u.). "Frauen sitzen in einer Felskuppe /und tun so, als ob sie noch im- mer strickten, / nicht am Neubeginn der

Welt, auch nicht / an ihrer Vernichtung." So tun, als ob: also Konjunktiv. Strickten sie aber, so nicht am Beginn einer neuen Zeit, nach der neuen Zeitrechnung des Revolutionskalenders von 1792, auch nicht neben der Guillotine, dem endlosen Töten zusehend bis zum Nichts; und nicht, als wären sie Klotho, Lachesis und Atropos, am Fadenaufspannen, Ausführen des Weltgewebes und Fadenabschneiden, so das Schicksal der Welt und ihrer Geschich- te ein fur allemal besiegelnd-wie denn? Wie strickten diese Frauen und welche Seinsweise drückten sie damit aus? Jaeggi hat es in einer anderen, hngeren Version desselben Gedichts mit dem Titel "Durch- querungen" selbst beantwortet: ". . . nicht am Neubeginn der Welt, auch nicht / an der Vernichtung. Einfach so."18 Einfach so, in der durke, die Bergson meinte: in einer Erfahrung des temps pur. Diese Seinsmo- dalität ist eine des vollen Seins in der Gegenwart, ohne Vor- oder Rückwärts- orientierung, ohne Richtung, Zweck oder Ziel, und doch in einem solchen Sein alle Hoffnung nach vorn offenlassend: zukunftsmögliches Sein. Es sei hier behaup- tet, daß mehr Frauen als Männer eines sol- chen Seins fähig sind und es häufiger an den Tag legen. Texte von Jaeggi oder Grass, aber auch von Ingeborg Bachmann stützen diese Behauptung.lg Der Aus- druck "einfach son-glücklicherweise heute wieder öfter gehört-heißt doch: einfach sein. Selbst die bloße Vorgabe, selbst bloß zu tun, als ob es menschenmöglich wäre, einfach so zu existieren-schon dies macht sich um eine Seinsweise verdient, deren eine stets zweckorientierte Gesellschaft nicht mehr fähig zu sein scheint. Jaeggis Zeilen räumen die Kunst absichtslosen, reinen Seins den Frauen als Möglichkeit ein. Ihr derartiges Dauern, brächten sie es, strickend oder nicht, fertig, würde eine echte Alternative eines Seinsmodus, damit aber ein verändertes Zeit- und Geschichts- bild eröffnen.

Matte Büchner vom Geschichtsfatalis- mus geschrieben und Heym sich dieser Weltanschauung verwandt gefühlt; hatte Müller sie evoziert mittels Betonung von Utopie- und Zukunftslosigkeit, so erklärt Jaeggi seine Philosophie der Geschichte so: "Die Geschichte, wenn es sie gibt, /beginnt immer wieder."20 Die Frauen tun so, als ob sie noch immer strickten. Sie warten. Sie üben revolutionäre Geduld in ruhiger Ge- genwart, in einer Verlangsamung und Ver- längerung der Zeit. Lenins Wort von der revolutionären Ungeduld, rückblickend als revolutionäre Geduld schon anwend- bar auf die Französische Revolution, er- fährthier die Umkehrung in einer entge- gengesetzten Zeiterfahrung. Welche Zeit- und Geschichtsphilosophie Günter Grass durch das Stricken der Frauen in seinem Erzählwerk ausdrückt, sei abschließend

untersucht.

Grass hat als Erzählmetapher das Ei- chelstoßen, Gänserupfen (nebst Federn- blasen), Kartoffelschälen sowie das Strik- ken benutzt, letzteres sinnbildlich gemäß der Redensart vom Garnspinnen für das Geschichtenenählen. Beim Stricken wird erzahlt, wird aber auch geschwiegen; in jedem Fall werden Maschen und Reihen gezählt, also die Sekunden, Minuten und Stunden. Zeit wird, bewußt oder unbe- wußt, gemessen, er-zählt; Vergangenheit wird in die Gegenwart heraufgeholt und in die Zukunft weitergesponnen. Beim Er- zählen wird nicht nur berichtet, sondern auch erfunden, gehofft, gewünscht. Krea- tive Evolution ist im menschlichen Dauern beim Erzählen am Werk. Die strickend Beschäftigten können den Faden verlieren oder nicht, am Faden bleiben oder, ihn ab- reißend, ihn auf Zeit unterbrechen, ihn rei- chen oder ihn abschneiden (als seien La- chesis und Atropos am Werk). Auch aufgeribbelt und neugestrickt wird biswei- len, wenn das zuerst Geschaffene Fehler enthdt und falsche Resultate bringt.

Als sollten die unlösbaren Probleme Weltüberbevölkerung und weltweite öko- logische Katastrophen aussagereich be- schwiegen werden, strickt in Grass' Kopf- geburten oder Die Deutschen sterben aus (1980) die Begleiterin des Reisenden in Südostasien hartnäckig durch seine ver- zweiflungsvollen Gedankengänge.21 Nicht nur die Hauptthemen des Buches, auch das Problem der Deutschen als Nation (sich wiedervereinigende? oder ausster- bende?) sowie das eher Banale einerhien- reise-angelesene Information und Vor- wissen, Statistik und Wirklichkeit, Flug und Zeitverschiebung, Schutzimpfung und Schock-all das überschweigt Ute ausdauernd und ertragend: strickend. Sicherlich gehört sie zu den schweigend Strickenden. Mögen KritikerInnen Grass als unverbesserlichen, ja abzuschreiben- den Chauvinisten sehen, der nicht anders kann, als entraditionelle Geschlechterrol- len zu vermitteln (er denkt-redet-schreibt, sie strickt-schweigt-denkt), so zeigen sich beim genauen Hinsehen doch auch Selbst- kritik und Selbstironie des Autors:

Die chinesischen Frauen erstaunten der Nadelhaltung wegen. Sonst eher scheu, wollten sie die mitteleuropäische Methode des Strickens von nah sehen. ...Denn je- ner erdfarben abgestufte Wintershawl, den Ute während unserer Eisenbahnfahrt von Shanghai nach Kwelin zu stricken begonnen und während der Reise durch den asiatischen Großraum verlängert hat- te, wurde, soviel dazwischenkam, zu Weihnachten fertig, weil Ute am Faden geblieben war, während sich meine Ge- daikeliknäuel im sperrigen Gegenwarts- müll verliefen und auch jetzt noch, seitdem ich ihnen nachgehe, wirr zuhauf liegen. (Ko 165)

Der Seinsmodus dieser Frau ist der unbeirrbar und ruhig überdauernde. In der Ver- gangenheit Begonnenes wird in der Zukunft fertig werden. Die Strickerin erfährt sich, anhand des wachsenden Produkts, in ihrem Fließen durch die Zeit alseins mit der Zeit. Ausdauer auf ein gewisses Ziel hin: nicht verstiegene Gedankengebäude oder Machtstreben und Einflußgehabe, sondern nützliches, wärmendes, praktisches Pro- dukt. Auf Reisen fließt diese Strickerin wörtlich durch Zeit um? Raum, dauert und erfährt sich in Nutzen und Sicherheit ihres Tuns, abwartend, was aus aller GeschäRig- keit in Politik und öffentlichem Leben um sie herum werde. Sie hält an ihrer privaten Zeit und Zeiterfahrung fest, während der männliche Partner die Stärke solch still- schweigender Ausdauer erkennt:

Gäbe es sie als mächtige Organisation, die Internationale der strickenden Frauen, hätten die Männer bald das Zugucken nur. (Ko 165)

Er erkennt ihre Stärke und verkennt doch M gleichen Moment diesen weiblichen Seinsmodus des Strickens. Nicht Macht strebt dieser an (will nicht zahlreich und organisiert sein), sondern einfaches Sein, unbeirrbar "einfach so," wie es in Jaeggis Gedicht heißt. Er will mit Ruhe, Stärke und Ausdauer eine Seinsweise darstellen, wie sie dem Nichtstricker in seiner Unruhe, in seiner Selbstüberschätzung voll Einst und Wichtigkeit fremd und unverständlich ist. Beim Warten in Flughallen strickt Ute Grass Nadel nach Nadel, whnd ihre Gefahrtin Margarethe von Trotta bei näch- ster Reisegelegenheit ebenfalls Strickzeug bei sich haben will. Auch im Zug durch Südchina, beim Anblick landwirtschaftli- chen Fleißes: Ute fuhrt interkontinentale Stricknadeln. "Ute ließ nicht ab. Unbeirrbar blieb sie am Fadenn (Ko 121), als wollte sie andere ihr schweigendes Dauern durch die Zeit anhand von Wollknäuel und Nadeln lehren.

Selbst im Flugzeug, in unserer moder- nen, gefühllosen Art des Uberschreitens von Raum und Zeit: das Gestrick. Daneben das "unzeitgemäße Ereignisn des durch den Mittelgang des Flugzeugs in Richtung Cockpit entrollenden Wollknäuels (Ko 122): Bild der verrinnenden Zeit, Symbol der Dauer, Veranschaulichung jenes Berg- sonschen "moi qui da," bei bewußtem oder unbewußtem Einklang der Strickerin mit diesem Existenzmodus. Es handelt sich hier um Utes spezifkche Realität der Person "dans son ecoulement t+i travers le temp~."~~

Kein einziges Wörtchen räumt der Erfinder diesem Schweigedasein ein, aber es ist: es existiert, trägt das Sein der Gestalten in nächster Umgebung, ja er- möglicht erst jenes andere Dasein dieses besonderen Gefährten. Seinsmodi als Strickmuster, in Längenmaßen des Strick- strumpfs oder des Wintershawls gemes- sen: so stellt Grass in Kopfgeburten noch einmal traditionelle Geschlechteridenti- täten auf.

Durch Leben und Fiktion in die Entste- hungsjahre des Butt-Romans zurückver- folgen läßt sich die Frauenreihe in Grass' Werk mit den Assoziationen Ute-Ulla und ULla-Damroka; wiederzufinden istDamroka in der Rättin (1986) als Kapitänin auf dem Schiff "Neue R~ebill."~~

Diesmal also nicht die schweigsam strickende Ute, son- dern die Tonangebende, die Einzige, die noch oder wieder mit dem magischen Butt spricht: darüber, was denn aus der verdor- benen Welt werden solle. Er verspricht den Frauen auf dem Schiff das versunkene Vineta, welches sie als ihr Utopia suchen, finden und bewohnen sollen. Vier weitere Frauen hat sich Damroka mit an Bord ge- nommen. Diesmal wird strickend erzählt und beraten, wird im Reden erneut eine andere Seinsweise gelebt.

In oft bewiesener Ambivalenz gelingt es dem Autor, die Strickerinnen auf See gleichzeitig zu satirisieren und zu preisen. Nur vier der fünf Frauen stricken; "die Alte" will nur noch kochen. Mehr hätten mitfahren sollen, wurden aber durch öko- logische Kongresse und Seminare "mit Gelegenheit für gemeinsames Strickenn verhindert (Rä 38). Offiziell erforschen die- se fünf Seefahrerinnen die Verquallung der Ostsee; der tiefere Zweck ist jedoch die Suche nach dem versunkenen Reich. Revolutionär ihre Einschiffung und Abkap- selung von Männern ("Uns kommt kein Mann an Bord"; Rä 67) auf der schwim- menden Insel; revolutionär ihr Überlebenswille und ihre Absicht, im versunke- nen Vineta die feministische Utopie zu verwirklichen, in radikaler Absage an die männlich verdorbene Welt kurz vor dem atomaren Ende. Strickend fahren und re- den sie, erzählen und schweigen sie. Ihr Erfinder macht sich über sie lustig: die Frauen stricken noch immer fürMänner-Söhne, Liebhaber, Enkel. Deutlich scheint hie und da Grass' Spott durch; deutlich be-

wirkt diese Satire deshalb bei feministi-

scher Literaturkritik Haß und stößt auf Ablehnung.

Doch wechselt Grass auch das Lager und spielt seine Ambivalenz ganz durch. Beim Stricken erzählen sie von sich, "als müßten sie Reste loswerdenn-dabei geht es um immer gleiche Geschichten, nämlich um "abgelegte, zermürbte, um harte und müde, zugreifende, versagende, um zeit- weilig liebenswerte, nun abgedroschene, um vergangene Männer" (Rä 152f.). Ihre eigene, weibliche Seinsweise leben diese Frauen nun autonom; sie ist ihnen wichti- ger als das Leben in einer Partnerbezie- hung. Die Verhdtnisse gingen schief, weil "immer alles zu früh oder zu spät"geschah; jetzt, in ihrer derzeitigen Lebensphase, geht es den Frauen ums Sein in der Gegen- wart, ums ruhige Dasein mit Reden, Schweigen und herlegen, während die unerhörte Langmut und der Gleichmut des Strickens sie von vergangenen Eebens- weisen in zukünftige hinübergleiten las- sen, zu einer Zeit, da von männlicher Seite das Ende bereitet ist undvor derTürsteht. Ihr Ausscheiden aus der "Normalgesell- schar geht mit revolutionärer Geduld und Selbstsicherheit vor sich.

Sosehr ihm seine Sicht der Geschlech- ter als allzu traditionell und sexistisch an- gekreidet werden kann: Grass hat als einer der ersten männlichen Autoren das Ge- schlechterverhältnis am Anfang der sieb- ziger Jahre neu thematisiert. Und selten hat einer so einsichts- und liebevoll über das Stricken der Frauen geschrieben. Er drückt darin seine Hoffnung auf sie in ih- rem Anderssein aus: vom Romanende des Butt bis zur Apokalypse in der Rättinhofft er auf sie als Rätin und als Retterin. Die vom Mann unterschiedliche Seinsweise der Frau willGrass betonen; Gleichmache- rei und Nachahmung männlicher Muster seitens der Frau interessieren ihn nicht oder werden von ihm lächerlich gemacht. Frauen mögen solche Versuche der Defi- nierung weiblicher Identität ablehnen, ja deren Autor völlig abschreiben-treffen- der als er hat dennoch keiner über die im Stricken seiner Partnerin gezeigte Seins- weise gesprochen:

Ich nehme Wolie und Nadeln ernst und la- che nicht, wenn der Faden reißt, eine Masche falit oder aufgeribbelt werden muß, was zu locker gestrickt wurde.

Immer schon hatte ich dies Geklapper im Ohr. Von Kindheit an bis zum gegenwärtigen Pullover haben mich Frauen mit Selbstgestricktem warmgehalten in Lie be. Zu jeder Zeit war etwas mit schlichtem oder versetztem Muster in Arbeit für mich. Wenn meine Weihnachtsratte nicht, daim solltest du, Rättin, mir glauben: Nie werde ich die überall rund um den Erdbali strickenden, aus Not und Gefälligkeit, auch aus Zorn oder Trauer strickenden Frauen verspotten. Ich höre sie gegen die rinnende Zeit, gegen das drohende Nichts, gegen den Anfang vom Ende, gegen jedes Verhängnis oder aus Trotz und bitter be- griffener Ohnmacht mit ihren Nadeln klappern. Wehe, wenn dieses Geräusch plötzlicher Stille wiche! Aus nur dummer Männerdistanz bewundere ich. wie sie

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überm Strickzeug gebeugt bleiben.

Jetzt, Rättin, seitdem sich in Wäldern und Flüssen, auf flachem, auf bergigem Land, in Manifesten und Gebeten, auf Transparenten und im Kleingedruckten sogar,in unseren leerspekulierten Köpfen abzeichnet, daß uns der Faden ausgehen könnte, jetzt, seitdem das Ende von Tag zu Tag nur vertagt wird, sind Frauen strickend die letzte Gegenkraft, während die Männer nur alles zerreden und nichts fertig bringen, das den &erenden Men- schen wärmen könnte-und seien es Puls-

wärmer nur. (Rä 41)

Ladurde-vielleicht nun nicht mehr nur im Sinn von Dauern durch die Zeit, sondern von Durchhalten und Substanz-neu-anwachsen-Lassen, von etwas-Neues-Erfinden, von kreativ Evolvieren! Nichtgegen die verrinnende Zeit stricken die Frauen, son- dern mit ihr.Eine Spannung tätig, erfinde- risch aushalten, beim Stricken wie auch im politischen Sinn, und so verändern. Im Sein in der Gegenwart, einmal ohne die Geschaf- tigkeit und das Alleswissen des Vorher-und- Nachher ruhig die Zeit und das eigene Sein erfahren, weben und leben, im Textilwirken wirk-lich sein-diesen Seinsmodus stellt Grass als besondere und lehrreiche Fahig-

keit der Strickerinnen dar.

Solange wir uns er-leben, spinnt Klotho die Lebens- und Schicksalsfaden, reicht Lachesis den Faden und bestimmt seine Länge. Nicht immer schneidet Atropos den Faden ab; nicht immer zerschneidet sie entstandenes Gewebe, wenn langsam, mit Überlegtheit gelebt wird und nicht kopflo- se Eiligkeit Fehler der Geschichte erzeugt. Eine Maschenzeile lang in der Gegenwart verweilen; schon Gestricktes wieder auf- dröseln, wenn falsch gearbeitet wurde; die ZukunR langsam kommen lassen-mit anderen Worten: die Zeiten nicht trennen, sondern kontinuierlich Vergegenkunft" leben: aus einem so verstandenen Geist ge- lebter Zeitdauer heraus wehrte sich Gün- ter Grass gegen das "eilige Vaterland" von 1990und kritisierte er den Wiedervereini- gungsprozeß.

Die Kunst, reine Zeit zu erdauern, in eigener Existenz durch das Gestern-Heu- te-Morgen zu fließen, in der privaten Zeit des Maschenzählens die off~ielle, ge- schichtliche Zeit zu relativieren und ihre angebliche Wichtigkeit zu verringern, im Zwei-glatt-zwei-kraus sowohl revolutionä- re Ungeduld als auch revolutionäre Ge- duld (kreative Evolution) zu praktizieren: das zeigen vor allem Dickens und Grass. Woolf beschreibt eine Strickerin, die der schweigsamen Ute in Kopfgeburten am meisten gleicht: traditioneller Frauenty- pus von geradezu revolutionärer Geduld.

Büchnerverwandelt die Rolle derhisto- risch-revolutionären Strickerinnen in die der lebenserhaltenden Grisetten; Heym kehrt die Dauer der Zeit aus dem Leben- digen ins Totenreich und versucht die Ne- gierung der Dauer, welche Bergson abge- lehnt hat. Dennoch liefert der Heyrn-Text die Desillusionierung, welche die Dauer menschlichen Seins in Frage stellt: Atro- pos nähert sich. In seiner Verwendung des Heymschen Gedichts Iäßt Muller die Schicksalsgöttin ihrWerkvollbringen. Der Faden ist ab: die Geschichte ist zu Ende. Kein Gewebe, kein flächiges Gestrick oder Gewirk ist mehr möglich; nichts entsteht mehr; beim jahrtausendealten geschicht- lichen Versuch des Menschen, die Span- nung des privaten wie politischen Prozes- ses tätig auszuhalten, spannte sichendlich der Lebensfaden zu stark und riß ab. Und dennoch behält Müller mit dieser seiner Weltanschauung nicht das letzte Wort.

Jaeggi und Grass (in der Rättin) trans- ponieren die Gedankengebäude Heyms und Mullers aus dem irrealen Bereich in den konjunktivischen. Bei jenem tun die Frauen so, als ob sie noch immer strickten, noch immer aushielten; bei diesem wird fktiv aufrechterhalten, daß sie noch im- mer stricken (was er sich wünscht). Ihre Erfinder erhalten sich solcherart die eige- ne Hoffnung, daß Dauer, Kontinuität, Uberleben möglich seien, aufrecht.

So erweist einExkurs über das Stricken in der Literatur, daß diese handwerkliche Kunst Seinsmuster enthalt, die eine Fer- tigkeit als Fähigkeit mit der Bergsonschen Idee derdurke verknüpfen. Es handelt sich um die menschliche Existenz in ihrem Fließen durch die Zeit zu jedem Augen- blick-bildlich gesprochen: Maschenreihe fir Maschenreihe, Nadel um Nadel. Die Autoren erkennen in diesen Seinsweisen revolutionäre Geduld und Ausdauer, be- wegte Ruhe und Unbeirrbarkeit, beiläufi- ges Reden und Erzählen oder überlegenes Schweigen, Gleichmut und Langmut, ge- lassenes Sein-an-sich. Dies geschieht eben um eines solchen Daseins willen: um sei- ner selbst willen also, zu keinem fremden und besonders zu keinem lebensfeindli- chen Zweck. Es stellt ein Dauern in der Zeit, im Bewußtsein und Akzeptieren des Fließens und Veränderns dar, und in ruhigem Einklang damit.

Diese Autoren sind auf der Spur, weib- liche Seinsmodalitäten zu erkunden, und sie sind aufeinervielversprechenden Spur. Unter den Lebenden gebe ich Jaeggi den weitaus größten Vorsprung gegenüber Grass und Müller. Jener erforschte Frau- engruppen soziologisch schon in den frü- hen sechziger Jahren, als sich noch kein männlicher Autor auf die nämliche Artmit weiblichen Seinsweisen beschäftigte, ge- schweige denn wissenschaftliche Erhebungen zum Thema publizierte. Mögen Männer als Kollektiv im Sinne von Horst Eberhard Richters Diktum 'Vermenschli- chen heißt ~erweiblichen"~~

von alternati- ven Seinsmodalitäten lernen! Mögen die Forscher und Schreiber aushalten, und mögen ihnen die Fäden sich weder verwir- ren noch reißen! Viel wäre gewonnen, würden neben denFrauen die Männer (wieder) stricken, um das Dauern eines Seins zu leben, welches eine Verlängerung der Ver- gangenheit in die Gegenwart fur eine noch zu erwartende Zukunft ist. Um es mit dem C:rass des Butt zu sagen: Solange wir er- zählen, leben wir. Solange wir stricken, le- ben wir.

Anmerkungen

'Henri Bergson, "Introduction h la meta- physique,"Revue de m&tal~hysique et de morale (Jan. 1903): 4,14.

2Virginia Woolf, To the Lighthouse (New York: Harcourt Brace, 1955). Im Text mit LH und Seitenzahl belegt. Eine Eiilführung in die- sen Roman liefert Alice van Buren Kelley, Ib

th Lighthouse: The Mariage of Life und Art (Boston: Twayne, 1987) 6: '5%the Lighthouse is fiction, not pure biography, and the Rarnseys go beyond the personal to offer an inteiligent set- ting forth of the conflict between the Victorian and the modern worlds, particularly on the proper role for women. In developing this theme, 'The Window' represents the past, The Lighthouse' Woolfs present, and between them the shattering years of the First World War, contained in 'Time Passes'."

3Regula Venske, Das Verschwinden des Mannes in der weiblichen Schreibmaschine: Männerbilder in der Literatur von Frauen

(Hamburg: Luchterhand, 1991) 179. 4Richard Rutt, A History of Hand Knitting (Loveland: Intenveave Press, 1987) 95.

5Charles Dickens, A Ezle of %o Cities (Cleveland: World Publishing, 1946). Im Text mit 'M'C und Seitenzahl belegt.

"utt 95.

7Alphonse de Lamartine, The Girondists, vol. I11 (New York: Harper, 1868) 317. 8R~tt96. Wgl. Dantons lbd N/5. 1°Zur Frage, wie weitgehend und stark ge

rade die Grisette Marion eins mit sich selbst ist und einmütig fürdas Leben steht, vgl. Reinhold Grimm, Love, Lust und Rebellion: New Approaches to Georg Büchner (Madison:U of Wis- consin P, 1985), bes. 90-100.

llGeorg Heym, &dichte. Ausgewählt und mit einem Nachwort von Harald Hartung (München: Piper, 1986) 15.

12Ebd. 106.

13Heiner Müller, Germania lbd in Berlin. Der Auftrag. Mit Materialien (Stuttgart: Klett, 1983)44.

14Heiner Müller Material: %te und Kom- mentare (Leipzig: Reclam, 1990) 115.

15Vgl. Henri Bergson, L2volution crkatrice (Paris: Presses universitaires de France) 4-7, 9-11,21.

16S.o. die Ausführungen zu Heym und Mül- ler.

'?Vgl. Irmgard Elsner Hunt, "Urs Jaeggis Gedichte: Wortfiguren," Figuren, hg. Sepp Hie- kisch-Picard (Zürich: Arche, 1991) 109-23; dort Abdruck und Gesamtinterpretation des Ge- dichts. Das hier zitierte Gedicht ("Ohne Titel") ist 1986 entstanden.

lsUrs Jaeggi, "Durchquerungen," Walter Jens zum 60. Geburtstag (Stuttgark Radius, 1988); Handschrift ohne Seitenangaben.

lvgl. Irmgard Elsner Hunt, 73emerkun- gen über Lichtung-Erleuchtung-Epiphanie," Sprach im technischen Zeitalter 113 (1990): 49-57.

20Urs Jaeggi, "Durchkreuzungen," Monatshefte 81 (1989): 4.

21Günter Grass, Kopfgeburten oder Die Deutschen sterben aus (Darmstadt: Luchter-

hand, 1980). Im Text mit Ko und Seitenzahl belegt.

22Bergson,Introduction a la mdtaphysique

4.

23Günter Grass, Die Rättin (Darmstadt: Luchterhand, 1986). Im Text mit Rä und Sei- tenzahl belegt.

24Vgl. Horst Eberhard Richter, Eltern, Kind und Neurose: Psychoanalyse der kindlichen Rolle (Stuttgark Klett, 1963).

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