Sophie von La Roches literarische Salongeselligkeit in Koblenz-Ehrenbreitstein 1771-1780

by Monika Nenon
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Title:
Sophie von La Roches literarische Salongeselligkeit in Koblenz-Ehrenbreitstein 1771-1780
Author:
Monika Nenon
Year: 
2002
Publication: 
The German Quarterly
Volume: 
75
Issue: 
3
Start Page: 
282
End Page: 
296
Publisher: 
Language: 
English
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Abstract:

MONIKANENON

University of Memphis

Sophie von La Roches literarische Salongeselligkeit in Koblenz-Ehrenbreitstein1771-1780'

Was wäre ich denn, wenn ich nicht immer mit

klugen Leuten umgegangen wäre und von

ihnen gelernt hätte? Nicht aus Büchern,

sondern durch lebendigen Ideen Tausch,

durch heitre Geselligkeit müßt ihr lernen!

(Goethe im Gespräch mit dem Kanzler

Friedrich von Müller, 6. März 1818)

In den letzten Jahren hat sich die Salon- forschungdaraufkonzentriert,den Salon als literarische und soziale Institution einer vor- nehmlich städtischen Kultur naher zu be- schreiben. Die Blütezeit der Salons im deut- schen Sprachraum wurde Ende des 18. Jahr- hunderts in den Metropolen Berlin und Wien angesetzt. In Berlin scharte 2.B. der Philo- soph Moses Mendelssohn einen geselligen Kreis um sich, in dem viele Frauen verkehr- ten, die später zu berühmten Salonieren wer- den sollten. Zu dem Freundeskreis um Mo- ses Mendelssohns Tochter Dorothea (Veit- Schlegel) gehörten-um nur einige zu nen- nen-Henriette Herz, Sara von Grotthuß, Marianne von Eybenberg und Fanny von Arnstein, die später einen Salon in Wien hat- te. Die bekanntesten Salons in Berlin wur- den von Rahe1 Levin-Varnhagen, Henriette Herz und Sara Levygeführt. Zu der sich über mehr als ein Jahrhundert erstreckenden Ge- schichte der Berliner und Wiener Salons sind in den letzten Jahren eine Reihe von Unter- suchungen erschienen, unter denen die Arbeiten von Deborah Hertz, Konrad Feilchen- feldt, Peter Seibert, PetraWilhelmy und Det- lev Gaus hervorzuheben sind.Während die Salonforschung sich hauptsächlich auf die Salons des 19. Jahrhunderts in den europäi- schen Großstädten Berlin und Wien konzen- trierte, wofür zuletzt auch wieder Detlev Gaus genannt werden soll, stellt sich jedoch die Frage, ob diese Form der Geselligkeit plötzlich ohne Vorläufer im urbanen Kon- text des 19. Jahrhunderts entsteht, oder ob es nicht schon im 18. Jahrhundert Formen freundschaftlicher, geselliger Vereinigungen gegeben hat, die den Salons des 19. Jahrhun- derts strukturell und funktional ahnlich sind.J Petra Wilhelmy zieht die Linie zurück ins 18. Jahrhundert und unterscheidet "zwei Grundtypen deutscher Salongesellig- keit im 18. Jahrhundert" (55). Ihrer Typisie- rung nach, die mir sinnvoll erscheint, da sie zwei verschiedene, doch zusammenhängen- de Traditionslinien aufzeigt, lassen sich ein- mal der "aristokratisch geprägte Rokokosa- lon nach französischem Vorbild" und zum anderen der "bildungsbürgerliche Salon" unterscheiden (Wilhelmy 55). Zum ersten Grundtypus des aristokratischen Salons ge- hören zum Beispiel der Salon um die Herzo- gin Anna Amalia in Weimar und der emp- findsame Kreis um die Große Landgr&n Karoline von Hessen-Darmstadt.Gum bür- gerlichen Grundtypus der Salongeselligkei- ten, in denen sich hauptsächlich der bürger- liche Verdienstadel versammelte, was aber Adlige nicht ausschliesst, sindu.a. die Leipzi- ger Salons von Luise Gottsched ( 17 13-1 7621 und von Christiana Mariana von Ziegler (1695-1760), der gesellige Kreis um Julie Bondeli in Bern, sowie derjenige um Sophie von La Roche in Koblenz-Ehrenbreitstein (1771-1780) zu nennen. '

Im Mittelpunkt dieser Untersuchung soli der letztere, der gesellige Kreis um Sophie von La Roche stehen, der von 1771-1780 in

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ihrem Haus in Koblenz-Ehrenbreitstein zu- sammenkam.6 In den Teilen I und 11 möchte ich zunächst danach fragen, in welcher Weise sich die Salongeselligkeit im Hause Sophie vonLaRoches entfaltet hat und sie alsneuen Gefuhls- und Kulturraum beschreiben. Die Merkmale dieser Geselligkeit sollen dann im Teil I11 an den Kategorien gemessen werden, die Peter Seibert zur Beschreibung der Sa- lons aufgestellt hat. Damit soll die struktu- relle und funktionale Verbindung der litera- rischen Geselligkeiten im 18. Jahrhundert zu den Salons im 19. Jahrhundert aufgezeigt werden. Danach wird im lYund RTeil nach der Stellung Sophie von La Roches in diesem Kreis gefragt und erstmals untersucht wer- den, ob die geselligen Aktivitäten in ihrem Hause ihre Position als Autorin in der Litera- rischen Öffentlichkeit gefordert haben. Da- bei wird sich zeigen, dass Sophie von La Roche eine Meisterin auf dem Gebiet der Kom- munikation war und dass sie sich selbst ein soziales Beziehungsnetz aut%aute, das ihr schon bei der Etablierungals SchriRstellerin in der literarischen Öffentlichkeit zugute kam.

Zunächst also zur ersten Frage nach der Entfaltung der literarischen Salongesellig- keit in Koblenz-Ehrenbreitstein. Schon be-

vorderKhriererGeheimratGeorgMichael 

Frank LaRache seine Stelle antrat und das Haus in der Hofstraße 262 imFrühjahr 1771 bezog, sandte seine Frau Sophie LaRoche die ersten Einladungen aus, um in dem neuen Domizil Gäste zu empfangen. Christoph Martin Wieland hatte gerade den ersten Teil des Briefromans Geschichte des Fräuleins vonSternheim herausgegeben, der von dem literarischen Publikum sehr gut aufgenom- men wurde. Sophie von La Roche war damit auf dem besten Wege, eine der bekannten deutschen Autorinnen zu werden. Nach den Jahren an den Höfen von Mainz und Wart- hausen hatte sie Gelegenheit, zum ersten Mal ein eigenes, offenes Haus zu führen, in

dem sie Gäste empfangen konnte. Für den

13.Mai 1771 war nun ein Treffen irn Hause La Roche geplant, zu dem Friedrich Hein- rich Jacobi aus Pempelfort bei Düsseldorf, sein Bruder Johann Georg Jacobi, Franz Michael Leuchsenring, der Unterhofmeister der Großen Landgräfin Karoline von Hes- sen-Darmstadt, Herr von Kerpen und Chris- toph Martin Wieland geladen waren. Wäh- rend die Brüder Jacobi, Leuchsenring und später auch Johann Heinrich Merck in den nächsten Jahren aufgrund der relativen Nähe Darmstadts und Düsseldorfs häufig Gästeim Hause Sophie von LaRoches in Eh- renbreitstein waren, war der Besuch Wie- lands, der zu der Zeit Professor in Erfurt war, eine seltene Ausnahme. Zwischen Wieland und Sophie von La Roche bestand eine-in ihrem Charakter und ihrer Intensität zeit- weise ganz unterschiedliche-lebemlange Freundschaft, die von beiden kultiviert und geschätzt wurde.8 Die Ankunft Wielands imHauseLaRoche wurde von Fritz Jacobi ineinem Brief an den Grafen Chotek in Wien be- schrieben und vermittelt inder Theatralisie- rung eine anschauliche und aufschlußreiche Vorstellung von empfindsamer Freund- schafts- und Geselligkeitskultur. Fritz Jaco- bi schildert die AnkunftWielands in Ehren- breitstein folgendermaßen:

-

Wieland, sagten sie uns, sey noch nicht angekommen, sie waren ihn aberjede Minute envartend. Kurz hierauf hörten wir

einen Wagen rollen; wir zum Fens- ter hinaus-r war es selbst. Der Herr von La Rache lief die Tre~~e

.-hinunter ihm entgegen; ich ungedultig, ihm nach; und wir empfiengen unsern Freund unter der Hausthüre. Wieland war bewegt und etwas betäubt. Während dem, daß wir ihn bewillkommten, kam die Frau von La Ro- che die Treppe herunter. Wieland hatte eben mit einer Art von Unruhe sich nach ihr erkundiget, und schien äußerst unge- dultig sie zu sehen: Auf einmahl erblickte er sie-ich sah ihn ganz deutlich zurück- schauern; er hatte dabey die Miene, die ich Ihnen vorher zu beschreiben versucht habe-. Drauf kehrte er sich zu Seite; warf mit einer zitternden und zugleich heftigen Bewegung seinen Hut hinter sich auf die Erde, und schwanckte zu So- phien hin. Alls dieses war von einem so außerordentlichen Ausdrucke in Wie- lands ganzer Person begleitet, daß ich mich in allen Nerven davon erschüttert fühlte. Sophie gieng ihrem Freunde mit ausgebreiteten Armen entgegen; er aber, anstatt ihre Umarmung anzunehmen, er- griff ihre Hände, und bückte sich um sein Gesicht darein zu verbergen: Sophie neig- te mit einer himmlischen Miene sich über ihn, und sagte mit einem Tone, den keine Clairon, und keine Dubois nachzuahmen fähig sind: Wieland-Wieland-Oja-sie sind es-sie sind noch immer mein lieber Wieland. Wieland, von dieser rührenden Stimme geweckt, richtete sich etwas in die Höhe; blickte in die weinenden Augen seiner Freündin, und ließ dann sein Ge- sicht auf ihren Arm zurück sincken. -Keiner von den umstehenden konnte sich der Thränen enthalten: mir strömten sie die Wangen hinunter; ich schluchste; ich war außer mir, und ich wüste bis auf den heü- tigen Tag noch nicht zu sagen, wie sich diese Scene geendiget, und wie wir zu- sammen wieder hinauf in den Saal ge- kommen sind. (Jacobi an Graf Chotek, 16. 6.1771, Briefwechsel 114)

Diese Beschreibung Friedrich Jacobis von der Wiederbegegnung Sophie von La Roches und Wielands ist nach dem Ge- schmack der Zeit stilisiert und enthält vie- le Elemente der zärtlichen, empfindsa- men Freundschaftskultur. Es wird sehr deutlich, wie geschickt die Gastgeberin diesen Auftritt inszeniert und wie wichtig sich die Hauptakteure in dieser Szene nehmen. Dabei steht das demonstrative Zeigen der Gefühle im Mittelpunkt. Ge- stik, Mimik, Begrüßungsworte und Trä- nen sollen die Bedeutung der einzelnen Personen und die freundschaftliche, liebe- volle Beziehung zum anderen zum Aus- druck bringen. Die Gefühle überwältigen schließlich alle Beteiligten und die Freude des Wiedersehens endet in einem Strom von Tränen, dem sich keiner der Anwesen- den entziehen kann wie Jacobi betont. Damit entsteht eine Gefühlsgemeinschaft von Freunden, die einen besonderen Um- gang miteinander demonstrieren soll.9 Die Tage in Ehrenbreitstein vergehen mit an- regender Konversation im geselligen Kreis der Freunde, der Lektüre von Briefen, lan- gen Spaziergängen, Naturbetrachtungen und gegenseitigen Freundschaftsbekun- dungen. Friedrich Jacobi genoß wie er sag- te: "vierzehn Tage lang in der Gesellschaft einer der liebenswürdigsten und besten Menschen, alle die Freuden in vollem Maße, welche die höchste Glückseligkeit für mein Herz ausmachen" (Jacobi, Brief an Graf Chotek, 16.6.1771, Briefwechsel 110). Im Mittelpunkt dieses Kreises stand die Autorin Sophie von La Roche, die gera- de in diesem Jahr mit dem ersten Teil ihrer Geschichte des Fräuleins von Stern- heim ans Licht der literarischen Öffent- lichkeit getreten war und die in den fol- genden Jahren aufgrund ihres wachsen- den literarischen Bekanntheitsgrades und des von ihr in einem ausgedehnten Brief- wechsel gepflegten Freundschaftskults zahlreiche Besucher an den Rhein locken sollte. Auch Goethe stattet Mitte Septem- ber 1772 Sophie von La Roche einen Be- such in Ehrenbreitstein ab und zeichnet im 13. Buch von Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit ein anschauliches Por- trät seiner Gastgeberin:

Sie war die wunderbarste Frau, und ich wüßte ihr keine andre zu vergleichen. Schlank und zart gebaut, eher groß als klein, hatte sie bis in ihre höheren Jahre eine gewisse Eleganz der Gestalt sowohl des Betragens zu erhalten gewußt, die zwischen dem Benehmen einer Edeldame und einer würdigen bürgerlichen Frau gar anmutig schwebte. (561)

Eleganz, weltläufige GeschWenheit und Konversationskunst sind Eigenschaften, die die Besucher in Ehrenbreitstein immer wie- der an ihrer Gastgeberin bewunderten. Gelegenheit zur Ausbildung dieser geselligen Talente gab es fiir Sophie von La Roche an den Höfen von Mainz und Warthausen ge- nug, an denen sie zur Hofgesellschafl gehör- te und repräsentative Aufgaben erfüllte, für die sie auch eigens geschult wurde, wie sie selbst in ihrer Autobiographie berichtet. Um den Grafen Stadion während des Tages in Warthausen angenehm mit anregender Konversation zu unterhalten, legte ihr Mann ihr schon morgens ausgewählte Lek- türe bereit, die sie zu lesen hatte. Diese Lesefrüchte sollten dann wie zufällig in die Kon- versation eingestreut werden, damit sich der Grafnicht langweile undunterhalten werde:

Ich selbst glaubte den Anfang des Schwe- benden meiner Ideen in der vieljährigen Gewohnheit zu sehen, mich alle Tage nach den Büchern umzusehen, welche mein Mann noch vor 7Uhr Morgens, ehe er in das Kabinett der Geschäfte gieng, auf seinen Tisch legte, wo er dann öfters in Französischen, auch in Teutschen und Englischen gewisse Blätter bemerkte, welch ich mit Aufmerksamkeit lesen, ihren Inhalt mir bekannt machen, und eine leichte schickliche Einkleidung su- chen sollte, in welcher ich sie, bald beim Auf- und Abgehen mit dem Grafen in vie- len ineinander laufenden Zimmern, bald bei Tische anzubringen mich bemühen sollte, damit der edle Mann immer das Vergnügen habe, etwas Unterhaltendes zu hören. (La Roche, Melusinens Som- mer-Abende L-LI)

Diese Form der geselligen Konversation, die zur Unterhaltung dient, spielt eine wichtige Rolle an den Höfen. Wer es zu etwas bringen wollte, mußte galante Kon- versations- und Umgangsformen beherr- schen, um Menschen für sich einzuneh- men. Deshalb spielte auch die Schulung in der Konversation bei der Erziehung jun- ger Menschen eine wichtige Rolle, wie auch am Beispiel Sophie von La Roche deutlich wird, deren Ehemann als Mentor diente.

Diese geselligen Formen der gebildeten Konversation, die in den Salons des Adels ge-

pflegt werden, werden nun in bürgerlichen, geselligen Kreisen übernommen. Dabei geht esaber nicht nur um anregende Konversati- on zur Unterhaltung, sondern diese geselli- gen Formen erfüllen mehrere, verschiedene Funktionen. Wichtig scheint mir vor allem die Herstellung eines gemeinsamen Gefühls-und Kulturraumes zu sein, in dem neue Formen der mündlichen literarischen Rezeption gepflegt werden, die auch den Zweck haben, eine Gefiihlsgemeinschaf't zu schaffen. Gemeinsam liest man im Hause La Roche etwa Johann Georg Jacobis Gedichte, rezitiert Briefe oder spricht über den Werther10 Goethe bezeichnet diese Form von Zu- sammenkunfl ausdrücklich als "Kongreß": "Nicht lange war ich dein der Gastim Hause. Zu dem Kongreß, der hier teils im artistischen, teils im empfindsamen Sinne gehal- ten werden sollte, war auch Leuchsenring beschieden, der von Düsseldorf heraufkam'' (DuW557). Wie schon im Frühjahr 1771 war auch der empfindsame Leuchsenring bei dem "Kongreß" im September 1772 anwe- send, der wie immer "mehrere Schatullen'' mit sichführte,die die Briefe vertrauter Freunde enthielten und die nach Goethe "manche Schätze" enthüllten. Dazu gehör- ten zum Beispiel die Briefe Julie Bondelis, die sehr hoch geachtet wurden. Man saß in kleinem Kreis zusammen und hörte sich Auszüge aus den Briefen an. Leuchsenring war für diese literarische Praxis wohl be- kannt und übte sie auch im Kreis der Emp- findsamen in Darmstadt aus. Doch erfreute sich diese gemeinsame Lektürenicht bei al- len Anwesenden gleicher Beliebtheit. Goetheberichtet z.B. von der kritischen Haltung des Aufklärers La Roches, der sich meistens zurückzog, sobald die Schatullen geöffnet wurden, oder, wenn er blieb, sich spöttischer Bemerkungen nicht enthalten konnte, wäh- rend Goethe diesen Vorlesungen gerne bei-

wohnte.

Es wird deutlich, dass die Konversation, die gemeinsame Lektüre von Briefen und dasRezitieren von Gedichten zu Elementen einer sich entfaltenden Salongeselligkeit werden, die mehrere Funktionen erfüllt. Da-

durch entsteht ein neuer Gefühls- und Kul- turraum, dem Goethe "artistische" und "empfindsame" Funktion zuschreibt. Zum einen hat die sich entfaltende Geselligkeit, wie Goethe sagt, "artistische" Funktion. Es treffen sich Schriftsteller und an Literatur interessierte, gebildete Menschen, die ge- meinsam literarische Werke rezipieren und sich darüber unterhalten. Dieskann man-und darin unterscheidet sich der ge- sellige Kreis um Sophie von La Roche von denjenigen um Luise Gottscheds, Christiana Marianna von Ziegler und Julie Bonde- lis-als die ersten Autorentreffen bezeich- nen, bei denen auch persönliche Beziehun- gen geknüpft und gepflegt werden, die nicht selten zu gemeinsamen literarischen Unter- nehmungen führen, wie unten ausgefuhrt werden soll. Zum anderen eflt das Zusam- mentreffen nach Goethe eine "empfindsa- me" Funktion. Damit ist eine bestimmte Gefühlshaltung gemeint, die in Sprache, Gestik und Mimik der Freunde zum Ausdruck kommt und gemeinschaftsbildend wirkt. Dabei ist Michael Maurer in der Einschät- zung rechtzugeben, dass Sophie von La Ro- che "wesentlichen Anteil an der Kultivie- rung einer Sprache des Gefühls hatte" (25). Diese neue Gefühlssprache ist die Sprache tugendliebender, rechtschaffener und ver- dienstvoller Bürger, die das eigene Selbst zum Ausdruck bringen wollen. Dazu dienen ihnen neue Formen des Gesprächs und des kommunikativen Austauschs in Briefen. Auf den "Zusammenhang von Brief, gestei- gertem (Selbst-) Gefühl und Geselligkeit" weist auch Nikolaus Wegmann hin:

Dieser empfindsame Selbstbezug, den eine solcherart angelegte epistolographi- sche Schreibweise in Gang setzt-und dann auch in Gang hält-gilt zugleich als Merkmal des Menschen schlechthin, kommuniziert man doch über den wech- selseitigen Austausch der Briefe 'direkt' von Mensch zu Mensch, ohne Ansehen des Standes frei von sozialer Kontrolle. Hier, im Nachvollzug des empfindsamen Selbstbezuges im Akt des Briefeschrei- bens, vergewissert man sich seiner- jen- seits von gesellschaftlichen (Funktions-) Bezügen gründenden Humanität. (78)

Diese neue Sprache ist gemeinschaftsbil- dend und steht im Gegensatz zur stilisier- ten, konventionellen Sprache des Hofs und seinen Umgangsformen. Als Beispiele seien ein empfindsamer Freundschafts- brief von Johann Georg Jacobi und ein Brief Sophie von La Roches herangezogen, in dem sie die Umgangsformen am Hof kritisiert. So schreibt Johann Georg Jaco- bi z.B. an Sophie von La Roche in einem Dankesbrief (21.7.1772):

Nun, beste Sophie, lassen Sie mich Ihre Hände küssen und Ihnen stillschweigend für alles das Gute und Schöne danken, was Sie mit einer so freundlichen Miene in Ihrem Hause mir anboten. Insonder- heit danke ich Ihnen für jedes edle Ge- fühl, das Sie in meinem Herzen aufweck- ten. Bei den seligsten Augenblicken, in welchen ich Sie lächeln oder weinen sah und es zu sehen verdiente, schwöre ich Ih- nen, daß nichts für mich verloren sein soll. Glauben Sie gewiß-doch keine Ver- sicherungen! Sie haben mich Ihren Freund genannt [...].(Maurer 168)

Ausdrücklich werden die Empfindungen betont, die Sophie von La Roche in ihrem Freund geweckt hat und der besondere Wert der Freundschaft wird hervorgeho- ben. Nach dem Sturz ihres Mannes schreibt Sophie von La Roche an den Vor- leser der englischen Königin Jean Andre de Luc, in dem sie das aufrechte Verhalten ihres Mannes mit dem Verhalten anderer Menschen bei Hof kontrastiert:

Zu allen Zeiten wurden die schwachen Köpfe von Vorurteilen beherrscht, und Ihr Freund La Roche hatte viele andere Fehler begangen. Er liebte das allgemeine Beste; er ergriff Partei für die Untertanen gegen ihre Unterdrücker; er war unbe- stechlich und gerecht ohne Rücksicht auf die Großen, wenn sie Ränke spannen ge- gen die Kleinen; Kriechen und Schmei- cheln war ihm verhaßt; er sagte in allem

die Wahrheit-0 wie hätte er sich auch gegen eine Hofkabale halten sollen in ei- ner Zeit, in der die Liebe zum allgemeinen Besten keine Tugend mehr ist, nach der man fragt und die man lohnt. (La Roche an Jean Andre de Luc, Speyer, 3.5.1781, Maurer 235)

Im gemeinsamen Fühlen und Empfin- den im Hause LaRoche kreieren die Freunde eine gesellige Gemeinschaft, die sich tradi- tionellen, hierarchischen Einordnungen entzieht und imscharfen Kontrast zum kon- ventionellen Verhalten der Menschen bei Hof zu sehen ist. Gleichzeitig formiert sich eine neue Form von literarischer Öffentlich- keit, die die ständischen Schranken zu über- winden beginnt. Auf diesen paritätischen Aspekt der Salongesellschaften weist vor al- lem Jürgen Habermas hin:

Wie sehr sich Tischgesellschaften, Salons und Kaffeehäuser in Umfang und Zusam- mensetzung ihres Publikums, im Stil des Umgangs, im Klima des Räsonnements und in der thematischen Orientierung unterscheiden mögen, sie organisieren doch allemal eine der Tendenz nach per- manente Diskussion unter Privatleuten. [. . .] Gegen das Zeremoniell der Ränge setzt sich tendenziell der Takt der Eben- bürtigkeit durch. Die Parität, auf deren Basis allein die Autorität des Arguments gegen die der sozialen Hierarchie sich be- haupten und am Ende auch durchsetzen kann, meint im Selbstverständnis der Zeit die Parität des bloß Menschlichen. (51-52)

Dies kennzeichnet auch das Geschehen im Hause La Roches. Man trim sich im gastlichen Haus, rezipiert gemeinsam Gedichte und Briefe, unterhält sich darüber und setzt die Unterhaltung in einem freundschaftli- chen Briefwechsel fort. Damit wird ein Stück "permanente Diskussion unter Privatleu- ten" geschaffen, wie Habermas feststellt, die auf Parität beruht und gegen "das Zermo- niell der Ränge" gerichtet ist. Ungewöhnlich ist, dass in diesem Fall sogar eine Frau im Mittelpunkt steht und ebenfalls ihre Stimme im freundschaftlichen Diskurs erhebt. Frau- en wie ChristianaMariana von Ziegler, Luise Gottsched, Julie Bond&, &Phie von La Ro

haben in diesen informellen, gese&- gen eine wichtige ~ ~gespielt und l l ~ sie haben damit auf ihre Weise am Diskurs der Aufklärung teilgenommen.

Fragt man sich nun, inwiefern man den geselligen Kreis um Sophie von La Roche als Salon bezeichnen kann, so möchte ich als Orientierungshilfe die Kriterien vorschla- gen, die Petra Wilhelmy sowie Peter Seibert aufgestellt haben. Zunächst ist es wichtig, festzuhalten, dass der BegnfT "Salon" erst im 19. Jahrhundert gebräuchlich wurde, heute aber auch in einem erweiterten Sinne auf verwandte Formen und Vorstufen jener explizit als Salon bezeichneten und allge- mein als Salon anerkannten Institutionen angewandt wird, die in gewisser Hinsicht als "idealtypische" Beispiele des Salons fungie- ren. So werden andere, mehr oder minder ähnliche gesellige ZusammenkunRe im 18. Jahrhundert als Salon bezeichnet, sofern sie viele Merkmale des idealtypischen Salons aufweisen, und vor allem sofern sie für ihre Teilnehmer eine ähnliche Funktion erfullen. Folglich ist die Frage nicht, ob ein bestimm- tes Beispiel einer dieser Vorformen die Defi- nition des klassischen Salons erfullt oder nicht-Salon, ja oder nein-, sondern inwie- fern es hilfreich ist, eine der Vorformen nach Struktur- und Funktionsverwandtschaft in Zusammenhang mit ihren späteren, reiferen Nachfolgeformen zu betrachten.

Wilhelmy z.B. beschreibt den Salon als "eine freie, ungezwungene Geselligkeit, de- ren Grundlage die Konversation über litera- rische, künstlerische oder politische The- men bildet"(25).Geht man von dieser Defi- nition aus, erfüllt der gesellige Kreis um Sophie von La Roche die genannten Merk- male eines Salons. Noch genauer versucht Peter Seibert das Phänomen Salon zu defi- nieren, indem er sechs epochenübergreifen- de Kriterien eines Salons aufstellt. Anhand

dieser Merkmale, die mir in ihrer theoreti- schen Durchdringung sinnvoll erscheinen und die ich übernehmen möchte, soll die Nahe einer bestimmten geselligen Praxis zu derjenigen eines idealtypischen Salons be- stimmt werden. Seibert führt folgende Merkmale an: (1)die Gemischtgeschlecht- lichkeit, (2) die Zentrierung auf eine Salon- dame, (3)die Periodizität des Zusammentre- ten~in einem zur Halböffentlichkeit erwei- terten Privathaus, (4) das Gespräch als Handlungsmoment, (5) die Durchlässigkeit der Teilnehmerstrukturen, und (6) der Ver- zicht der Handlungsziele jenseits der Gesel- ligkeit (161). Betrachtet man nun anhand dieser Kriterien das Geschehen im Hause La Roche, so lassen sich alle Kriterien finden mit Ausnahme der Periodizität des Zusam- mentreffens. An den geselligen Zusammen- künften im Haus La Roche nahmen Männer und Frauen teil, Sophie von La Roche stand im Mittelpunkt, das Gespräch war konstitu- tiv, die Teilnehmerstrukuren offen, und Ge- selligkeit war Zweck der Versammlung. Zwar gab es in Ehrenbreitstein keinen jour fure für das gesellige Zusammentreffen, wie später in den Berliner Salons, aber man kann doch sagen, dass die Funktionen, die die ge- selligen Zusammentreffen im Hause La Roche erfüllten, denen der Berliner Salons sehr ähnlich sind. Sophie von La Roche fiihrte ein "offenes Haus" mit Saloncharakter, in dem Gäste stets willkommen waren.ll Höhe- punkte dieser geselligen Zusammentreffen waren sicherlich der Besuch Wielands 1771 und Goethes 1772. Danach kam Fritz Jacobi zwischen 1771 und 1780 jedes Jahr nach Eh- renbreitstein, und auch sein Bruder Johann Georg Jacobi, Leuchsenring und Merck wa- ren häufig zu Gast. Im Sommer 1774 trafen Goethe, Lavater und Basedow mit Sophie von La Roche zusammen. Selbst die Herzo- gin Anna Arnalia kam 1778 zu Besuch. Wer von den lokalen Bewohnern Ehrenbreit- steins anwesend war, läßt sich nicht mehr leicht rekonstruieren, dadarüber nicht Buch gefuhrt wurde und man auf die Briefwechsel und Autobiographien der Dichter angewie- sen ist. Sicherlich kann man dennoch dem

bekannten Urteil zustimmen, dass Sophie von La Roches Haus in Ehrenbreitstein "ei- nen geistigen Wallfahrtsort am Mittelrhein" darstellte, der eine ganze Reihe von Schriftstellern und gebildeten Bürgern anzog.

In ihrem Haus am Rhein herrschte eine offene und gastfreundliche Atmosphäre; die Empfangszimmer waren mit Bildern ge- schmückt, und die Fenster boten eine schöne Aussicht aufden Rhein, wie Goethe festhalt:

Das Haus, ganz am Ende des Tals, wenig

erhöht über dem Fluß gelegen, hatte die

freie Aussicht den Strom hinabwärts. Die

Zimmer waren hoch und geräumig, und

die Wände galerieartig mit aneinander-

stoßenden Gemälden behangen. Jedes

Fenster, nach allen Seiten hin, machte

den Rahmen zu einem natürlichen Bilde,

das durch den Glanz einer milden Sonne

sehr lebhaft hervortrat; ich glaubte nie so

heitere Morgen und so herrliche Abende

gesehen zu haben. (DuW557)

Stellt man nun die Frage nach der Ein- schätzung der Stellung Sophie von La Ro- ches in diesem Kreis, sind mehrere Aspekte zu berücksichtigen. Zum einen kann man sa- gen, dass Sophie von La Roche mit dem Führen dieses offenen Hauses sicherlich die Grenzen des privaten Farnilienraumes, in dem einer bürgerlichen Frau die dreifache Rolle der Gattin, HausfrauundMutter zuge- wiesen war, überschreitet. Doch könnte man argumentieren, dass die Funktion der Frau im Salon sich nicht grundszitzlich von der zu- geschriebenen dreifachen Bestimmung als Gattin, Hausfrau und Mutter unterscheidet. Nach den Theorien von Gellert und Rous- seau zum Beispiel, die beide von einem be- stimmten Geschlechtscharakter der Frau ausgehen, hat die Frau aufgrund ihrer Na- türlichkeit und Empfindungsfähigkeit eine besondere Gabe fur Konversation, deren Ziel vor allem die gesellige Unterhaltung des Mannes ist. l2Wie eine Gattin nach Rousseau ihren Mann bei guter Laune halten soll und

fürihnda sein soll, soll nun eben auch die Salondarne eine ganze Reihe von Besuchern unterhalten. So schreibt Rousseau über die Rolle der Frau:

Ainsi toute l'education des femmes doit 6tre relative aux hommes. Leur plaire, leur etre utiles, faireaimer et honorer d'eux, les elever jeunes, les soigner grands, les conseiller, les consoler, leur rendre la vie agreable et douce: voila les devoirs des femmes dans tous les temps, et ce qu'on doit leur apprendre des leur enfance. Tant qu'on ne remonterapas a ce principe, on s'ecartera du but, et tous les preceptes qu'on leur donnera ne serviront de rien pour leur bonheur ni pour le notre.

(440)

Wie deutlich wird, soll die Erziehung der Frauen auf die Männer ausgerichtet sein, worauf es dabei ankommt, ihnen zu gefal- len und ihnen ein angenehmes Leben zu bereiten. Man könnte argumentieren, dass diese Funktion von der Salonikre im Salon ebenfalls erfüllt wird. Das Wirken der Frau im Salon entspricht nach den Theorien von Gellert und Rousseau ihrem Geschlechtscharakter und bestimmt ihre Funktion in der Unterhaltung des Man- nes. Gellert z. B. schreibt den Frauen in Bezugauf das Briefeschreiben, das bei ihm "die Stelle eines Gesprächs vertritt,'' ge- steigerte Empfindungsfähigkeit zu, da sie nicht durch die "Regeln der Kunst" verbil- det sind. "Ein Frauenzimmer von gesun- dem Geschmacke, die aber nicht mit den Regeln der Kunst bekannt ist, wird das Unnatürliche in diesem Briefe leicht füh- len. Man redet nicht so, das wird ihre Cri- tik seyn. "l3 Frauen haben demnach nach Gellert aufgrund ihrer Natürlichkeit, die nicht durch Bildung eingeschränkt wur- de, eine besondere Gabe für Konversation und erfüllen nach Rousseau die Funktion, Männern zu gefallen und zu unterhalten. Dies ist auch in einem Salon der Fall. Argu- mentiert man so, wäre der selbständige und emanzipatorische Aspekt der Rolle der Frau im Salon sehr eingeschränkt.

Zum anderen kann man aber anführen, dass sich das Geschehen imgeselligen Kreis nicht auf~nterhaltun~

der Männe; reduzie- ren läßt, sondern Kulturbedeutung hat, die einen eigenen Wert hat. Die gleichberechtig- te Teilnahme an der Rezeption und Diskus- sionvon Literatur steht für sich. Im Falle Sophie von La Roches zeitigt die Entfaltung li- terarischer Geselligkeit sogar Folgen, die mit ihrer Stellung als Schrif'tstellerin zu tun ha- ben. Denn mit der Öffnung des Hauses ist auch der Zugang zur öffentlichen literari- schen Sphäre verbunden, auf der sich viele Besucher Sophie von La Roches bereits eta- bliert haben und sich mit mehr Sicherheit bewegen als die angehende Autorin, deren Erstlingsroman gerade erst erschienen ist. Wenn man von dem alten Topos von der Fort- setzung der Konversation in Briefen ausgeht, kann man sehen, wie die persönlichen Gespräche imSalon in den Briefen fortgeführt werden. I* Und Briefe sind überhauptwo- rauf Barbara Becker-Cantarino hingewie- sen hat-"die Schule der schreibenden Frauen gewesenv( "Leben als Text" 83). Betrachtet man den Briefwechsel, den Sophie von La Roche mit allen ihren Besuchern ge- führthat, läßt sich feststellen, dass sich diese Briefe nicht nur in gegenseitigen Freund- schafhbekundungen erschöpfen, sondern auchalsGeschäftsbriefe zu lesen sind, in de- nen es um alltagliche Belange eines Schrift- stellers, bzw. einer Schriftstellerin geht. Sophie von LaRoche war eine gewandte Briefe- schreiberin, die in den siebziger Jahren mit vielen Schrif'tstellern und Intellektuellen korrespondierte. Hier wärenu.a. zu nennen: Christoph Martin Wieland, Johann Georg Jacobi, Friedrich Jacobi, Goethe, Lenz, Jo- hann Kaspar Hirzel, Johann Heinrich Jung-Stilling, Heinrich Christian Boie, Friedrich Leopold Graf zu Stolberg, Wolf- gang Heribert von Dalberg, Bodmer, Lava- ter, Pfeffel und Julie Bondeli. In den Briefen von und an Sophie von La Roche werden zum Beispiel literarische Neuerscheinungen besprochen; es wird zu Rezensionen aufge-

fordert, gemeinsame Projekte werden disku- tiert und Angelegenheiten, die mit dem Ver- legen und dem Vertrieb der Bücher zu tun haben, werden verhandelt. Manche lernen sich imHause Sophie von La Roches persön- lich kennen wie Wieland und Friedrich Jaco- bi, wovon Friedrich Jacobi-wie oben ausge- fuhrt-eine recht anschauliche Schilderung überliefert hat. Zwischen den beiden Schrift- stellern besteht nach diesem Treffen aber nicht nur ein enges Freundschaftsverhält- nis, sondern auch eine enge literarische Zu- sammenarbeit. Nach Einschätzung John McCarthys wird Friedrich Jacobi zusammen mit seinem Bruder Georg in der Anfangszeit zum tatkräftigsten Unterstützer und Mitarbeiter von Wielands publizistischem Unter- nehmen des Teutschen Merkur, der 1773 von Jacobi und Wieland gegriindet wurde. l5Auf einen Vorschlag Sophie von La Roches hin wird auch Johann Heinrich Merck zur Mit- arbeit am Teutschen Merkur gewonnen, wo er als Rezensent tätigwird. Und Wieland bit- tet in den Briefen an Sophie von La Roche darum, ihm Beiträge für denMerkur zu schi- cken. Diese zieht es aber vor-was Wieland bedauert-ihre Frauenzimmer-Briefe in Ge- org Jacobis Journal Iris erscheinen zu las- sen; später sollten aber doch einige Erzäh- lungen von ihr im Merkur veröffentlicht werden.16Als sie Wieland um eine Rezension ihres Romans Rosaliens Briefe an ihre Freundin Mariane von St. ** im Merkur bittet, verschließt er sich dieser Bitte nicht. Wie- land, der bekanntlich auch Herausgeber ih- rer Geschichte des Fräuleins von Sternheim ist, kümmert sich überhaupt um Sophie von LaRoches schriftstellerische Belange. Zum Beispiel fragt er in den Briefen nach dem Ab- satz des Romans oder nach den Übersetzun- gen ins Englische und Französische. Wie- land an La Roche, 21.5.1773,118). Mitte der siebziger Jahre wird er für eine Weile in der Funktion als Ratgeber f%r Sophie von La Roche von Goethe abgelöst, der sie bei der Konzeption ihres zweiten Romans berät und konstruktive Vorschlage zur Konzeption gibt. Beispiele dieser Art ließen sich fortfüh- ren. Doch wird ersichtlich, dass es sich hier

nicht nur um Freundschaftsbeziehungen zwischen Privatpersonen, sondern um lite- rarische Geschäfisbeziehungen zwischen Kol- legen handelt. Fürden Erfolg von literarischen Gemeinschbternehmen ist es nicht un- wesentlich, wenn sich die Partner persönlich kennengelernt haben. Dazu hatten sie im Hause La Roche Gelegenheit. Zweifelsohne haben diese Projekte im Fall Sophie von La Roches dazu beigetragen, den Bekanntheits- grad der Schriftstellerin in der literarischen Öffentlichkeit zu erhöhen und sie als Schrift- stellerin zu etablieren. Durch die literarische Geselligkeit, die sich in ihrem Haus entfaltet hat, hat sich Sophie von La Roche ein Netz von sozialen Beziehungen aufgebaut, das ihr bei der Etablierung als Schriftstellerin in der literarischen Öffentlichkeit zugute kam. Zeugnis vom Erfolg dieser Etablierung als Schriftstellerin geben z.B. Fritz Jacobi und Lenz. Fritz Jacobi schreibt an Sophie: "Es ist so süß, so unaussprechlich siiß, von Sophie Sternheim erkannt, von ihr geschätzt zu seyn!" (Jacobi 226). Und Lenz schreibt 1775 an Sophie von La Roche: "Die Erscheinung einer Dame von ihrem Range auf dem Par- naß (die so viele andre Sachen zu tun hat) mußte jedermann aufmerksam machen" (Ich bin mehr Hen als Kopf 22).

Abschließend kann man zusammenfas- sen: Sophie von La Roche führte von 1771- 1780 in Koblenz-Ehrenbreitstein ein geselli- ges Haus mit Saloncharakter, in dem sich aufgeklärte Beamte und Dichter trafen, die von der angehenden Schriftstellerin angezo- gen wurden. Die sich in ihrem Haus entfal- tende Geselligkeit 1d3t sich als neuer Gefühls- und Kulturraum verstehen. In struk- tureller und funktionaler Hinsicht ist diese Art von Geselligkeit im 18. Jahrhundert den Salonsim 19. Jahrhundert ähnlich und des- halb ist sie als derenVorläufer zu betrachten. In diesem Kreis entwickelt sich eine gesellige literarische GesprächsMtur, die gemein- schaftsbildend wirkte und fiir das Selbstver- ständnis der Dichter und der Dichterin wich- tig wurde. Wie vor ihr Christiana Mariana von Ziegler, Luise Gottsched und Julie Bon- deli, nahm Sophie von La Roche mit der Ent-

faltung einer literarischen Salongeselligkeit in ihrem Haus am Diskurs der Aufklärung teil. Ulrike Weckels, Claudia Opitz', Olivia Hochstrassers und Brigitte Tolkemitts Ur- teil: "Frauen waren also nicht nur Gegen- stand aufgeklärter Diskurse, einige schrie- ben sogar an ihnen mit" (10),17 findet damit am Beispiel Sophie von La Roches erneut Bestätigung. Mit dem Führen dieser Salonge- selligkeiten überschreiten diese Frauen die privaten Grenzen, die einer bürgerlichen Frau im 18. Jahrhundert gesteckt wurden. Im Gegensatz zu Christiana Mariana von Ziegler, Luise Gottsched und Julie Bondeli geht Sophie von La Roche aber noch ein gan- zes Stück weiter, indem sie sich selbst Zu- gang zur öffentlichen literarischen Sphäre schafft. Durch ihre Einladungen pflegte sie persönliche Beziehungen und baute ein so- ziales Netz auf, das ihr bei der Etablierung als Schrifistellerin in der literarischen Öf- fentlichkeit nutzte, was bisher noch nicht ge- sehen wurde.lB In den Briefen, die sie mit den Dichternführt,geht es nämlich nicht nur um den empfindsamen Austausch von freund- schaftlichen Gefühlen, sondern vor allem um geschstliche Dinge des Literaturbe- triebs. Persönliche Bekanntschaften helfen ihr dabei, Subskribenten, Verleger und Übersetzer zu finden, in Journalen zu publi- zieren und rezensiert zu werden. Sie bittet ihre Kollegen um konstruktive Kritik und Lob, diskutiert mit ihnen über literarische Neuerscheinungen und fordert zur Subskription auf. In vielfacher Weise stellt sie auch persönliche Beziehungen zwischen Kollegen her und greift damit fordernd in den Literaturbetrieb ihrer Zeit ein. Zweifels- ohne lohnte es sich, Sophie von La Roche zu kennen.

Damit kann man in den geselligen Krei- sen wie dem um Sophie von La Roche eine der wenigen gesellschaftlichen Formen se- hen, zu denen Frauen nicht nur Zugang be- kamen, sondern sogar im Mittelpunkt stan- den und damit eine Buhne hatten, öffentlich oder zumindest halb-öffentlich zu wirken. Die meisten anderen öffentlichen Institutio- nen im 18. Jahrhundert waren Frauen ver- wehrt. Sophie von La Roche hat es verstan- den, diese Nische, die sich hier auftut, für sich selbst und als Autorin produktiv zu nut- zen.

Anmerkungen

'Diese Arbeit wurde durch einen Faculty Re- search Grant vom Office of theVice Provost for Research an der Universität Memphis unter- stützt. Der Universität und insbesondere dem Office of the Vice Provost for Research bin ich für diese Förderung dankbar. Meinen Dank möchte ich auch Peter Foley von der Univer- sity of Arizona aussprechen, der mir vieleAnregungen zum Thema Salon gegeben hat.

2Deborah Hertz, Die jüdischen Salons irn al- ten Berlin 1780-1806; Konrad Feilchenfeldt, "Berliner Salon und Briefkultur um 1800," und ders., "Die Berliner Salons der Romantik"; Peter Seibert, "Der literarische Salon-ein Forschungsüberblick"; Petra Wilhelmy, Der Berliner Salon irn 19. Jahrhundert (17801914); DetlevGaus, Geselligkeit und Gesellige.

3Gaus geht es nicht darum, die "Kontinuität der Salonkultur, sondern vielmehr die Singu- larität der Berliner Salons der klassischen Pe- riode" zwischen 1780 und 1806 aufzuzeigen (115).Während Peter Seibert einerseits den Aspekt der Urbanität betont, indem er auf die "Konstellation von Urbanität und Intellektu- alität" (146) verweist und damit den Salon im Grunde als Phänomen der Großstadt charak- terisiert, so schlägt er doch andrerseits selbst die Brücke vom Empfindsamen Kreis in Darm- stadt zu den Berliner Salonieren: "Mit Franz Michael Leuchsenring wurde vor allem die Brücke zu Personen des ehemaligen Darm- städter Kreises geschlagen und damit eine Organisationsform des literarischen Lebens in Erinnerung gerufen, die durch die Einbezie- hung von Frauen wie Karoline Flachsland den Anspruch der Berliner Jüdinnen auf gleichbe- rechtigte Zulassung zu literaturorientiertem Umgang unterstützen konnte" (185).

4Die verschiedenen Kreise literarischer Ge-

selligkeit in Weimar finden in letzter Zeit ge-

rade wieder besondere Aufmerksamkeit. Ne-

ben dem "Weimarer Musenhor' der Herzogin

Anna Amalia gab es die "Freundschaftstage"

der Hofdame Louise von Göchhausen, Jo-

hanna Schopenhauers "Theeabende," Goethes "Mittwochs-Kränzchen" und "Mittwochs-Ge- sellschaft" und die "Freitags-Gesellschaft" der "Weimarer Kunstfreunde." Vgl. dazu: Ilse-Ma- rie Barth, Literarisches Weimar; John A. Mc- Carthy, "Die gesellige Klassik"; Peter Graden- witz,Literatur und Musik im geselligen Kreise; Astrid Köhler, Salonkultur im klassischen Weimar.Astrid Köhler stellt dabei die Verbin- dung zwischen den bürgerlichen Salons in Ber- lin und dem Salon Johanna Schopenhauers her: "Das Zusammentreffen dieser verschiede- nen Konstellationen ermöglichte es Johanna Schopenhauer offenbar, eine Geselligkeitskultur von außen in die Stadt hineinzutragen, einen Kreis 'großer Geister' um sich zu ziehen und im Zusammensein mit ihnen ihre eigene Lebens-Kunst zu kreieren. Ein solches Kon- zept kann von Seiten der Wirtin bewußt oder unbewußt als Konkurrenzunternehmen zu be- kannten Berliner Salons, aber auch zu deut- schen Künstlerkolonien im Ausland (in Rom beispielsweise dem Kreis um Angelika Kauff- mann) angesehen werden" (27). Vergleiche zum Darmstädter empfindsamen Kreis: Vale- rian Tornius, Die Empfindsamen in Darm- stadt; Lilli Rahn-Beckmann, Der Darmstädter Freundeskreis; Renate Krüger, Das Zeitalter der Empfindsamkeit; Gerhard Sauder, "Der Empfindsame Kreis in Darmstadt." Zwischen

1771 und 1773 formte sich ein Freundschafts- bund zwischen einigen Menschen. Der Zirkel trafsich im Hause des Kriegsrats Johann Hein- rich Mercks und bei Mademoiselle Ravanel, ei- ne Erzieherin der Prinzessinnen, im Schloß. Zu dem empfindsamen Kreis gehörten Henriette von Roussillon, genannt Urania, Luise von Ziegler, genannt Lila und Caroline Flachsland, die spätere Frau Herders, die den Beinamen Psyche bekam. Daneben nahmen der Hofmei- ster des Erbprinzen und Rat Franz Michael Leuchsenring und der Geheime Rat Andreas Peter von Hesse an den Treffen teil. Merck und Leuchsenring waren häufige Gäste bei Sophie von La Roche in Ehrenbreitstein, während So- phie von LaRoche ihrerseits 1772 einenBesuch in Darmstadt machte.

%iehe dazu: Magdalene Heuser, "Das Mu- senchor mit neuer Ehre zieren. Schriftstelle- rinnen zur Zeit der Frühaufklärung," und dies., '"Das beständige Angedencken vertritt die Stelle der Gegenwart'. Frauen und Freund- schaften in Briefen der Frühaufklärung und Empfindsamkeit.'' Heuser zeigt in diesem Bei- trag die besondere Bedeutung auf, die der Freundschaft für Frauen im 18. Jahrhundert zukam und schliesst, dass "Freundschaft im

18. Jahrhundert keinesfalls eine Domäne der Männer war9'(165). Siehe zu Julie Bondeli: Julie Bondeli. Ein Porträt in Briefen. Die Her- ausgeberinnen urteilen über Julie Bondeli: "Es war denn auch ihre Bildung, die Julie Bondeli die Chance einer gewissen Emanzipation aus einer ständisch genormten Frauenrolle eröff- nete. Sie führte eine Existenz als Femme de Lettres und Salonniere, pflegte Freundschaf- ten zu Gleichgesinnten, unterhielt Korrespon- denzen mit verschiedenen Persönlichkeiten ihrer Zeit und setzte sich als Leserin und Den- kerin mit Literatur, Ästhetik und Philosophie, Medizin und Naturwissenschaften, Theologie und Pädagogik auseinander. Kurz, sie war Phi- losophin ganz im Sinne des 18. Jahrhunderts, offen für die intellektuellen Debatten wie für die gesellschaftlichen Fragen ihrer Zeit" (10).

6Siehe zu diesem Thema: Robert Hassen- camp, "Aus alten Briefen. Die Familie La Roche und ihr Freundeskreis in den Jahren 1760- 1780"; J.J.Wagner, Koblenz-Ehrenbreitstein; Adolf Bach, Aus Goethes Rheinischem Lebens- raum;K.Th. Plato, Sophie von La Roche in Ko- blenzlEhrenbreitstein; Ulrike Weckel, "Frauen und Geselligkeit im späten 18. Jahrhundert. Das offene Haus der Sophie La Roche in Ehren- breitstein."

7Die 1730 in Augsburg geborene Marie So- phie Gutermann heiratet, nachdem ihre Verlo- bung mit Christoph Martin Wieland aufgelöst wurde, 1753 den Sekretär des Grafen von Sta- dion Georg Michael Frank La Roche. Die Fa- milie lebt in den folgenden Jahren in Mainz, wo Graf Stadion als erster Minister am Hof des Kurfürsten Emmerich Joseph von Mainz tätig war und als einer der wichtigsten Personen im Alten Reich galt. 1762 kehrte Graf Stadion auf sein Schloß nach Warthausen zurück, wo auch die Familie La Roche bis zum Tode des Grafen 1768 lebte. In den Jahren 1762 bis 1768 ent- stand im Schloß Warthausen ein kleiner Roko- kosalon4er Warthausener "Musenhof '-, zu dem auch Wieland, der mittlerweile Stadt- schreiber in Biberach war, gehörte. Der alte, hochgebildete Graf Stadion liebte geistreiche Konversation über Literatur und Philosophie, Musik, Theater und Tanz und scharte die Men- schen in seiner ländlichen Umgebung um sich, mit denen er seine Neigungen pflegen konnte.

In diesem Kreis hatte Sophie von La Roche ihren bestimmten Platz und die Aufgabe, als Hofdame den Grafen angenehm zu unterhal- ten. Christoph Martin Wieland beschreibt die- sen aristokratischen Salon folgendermaßen:

Das Schloß Warthausen ist eine schwa- che Meile von Biberach entfernt und auf ei- ner Anhöhe gelegen, welche ein liebliches Tal beherrscht. Englische Gärten und Par- ke machen dieses Haus entzückend fur einen Menschen meines Schlages. Hierher hat sich der Graf von Stadion zurückgezo- gen, um noch möglichst viel von dem zu genießen, was ihm nach 72 noch zu leben übrig bleibt. Stellen Sie sich einen alten Herrn vor mit einer Miene und einem Blick, daß, um mit Shakespeare zu reden, die Natur sich erheben und sagen möchte: 'Das ist ein Mann', einen Mann der mit 72 Jahren noch das ganze Feuer eines 50 jährigen Franzosen mit der Schlichtheit der Denkweise und den Manieren eines engli- schen Großen verbindet, einen Staats- mann, Freund der Literatur und der Künste und einen unübertrefflich ange- nehmen Gesellschafter, und Sie haben eine Vorstellung von dem Herrn des Hauses. Seine Gesellschaft ist zusammengesetzt aus der Gräfin von Schall, seiner Tochter, Herrn de LaRoche, seinem Günstling und Faktotum, Sophie der Frau des letzteren, einem sehr originellen Arzt und einem Hauskaplan, den man nicht anders als Meister Pangloß nennen darf und aus den Kindern von Sophie, welche einer der Hauptfreuden des Grafen sind [...]. (Christoph Martin Wieland an Johann Georg Zimmermann, BriefWechsel94)

BZur komplexen Beziehung zwischen Sophie von La Roche und Wieland vergleiche: Monika Nenon, Autorschaft und Frauenbildung und dies., "The Genius and His Muse: Women as Objects of Imagination for Klopstock and Wieland"; Barbara Becker-Cantarino, "'Muse' und 'Kunstrichter': Sophie La Roche und Wie- land"; Verena Ehrich-Haefeli, "Gestehungs- kosten tugendempfindsamer Freundschaft"; Gudrun Loster-Schneider, Sophie La Roche. Ehrich-Haefeli und Loster-Schneider betonen ebenfalls die überwiegend positiv fördernde Haltung Wielands gegenüber Sophie von La Roche.

Wgl. zu dem Zusammenhang von Freund- schaft und Geselligkeit vor allem Wolfram Mauser. Mauser schreibt über den Tugendbe- griff der Freundschaft: "So überrascht es nicht, daß sie im Verlauf der nachfolgenden Jahr- zehnte mehr und mehr zum Garanten für Ge- meinsinn, Verläßlichkeit und das Gefühl des Miteinander in einem außerinstitutionellen Raum geselligen Umgangs wurde" (18).

lvergleiche z.B. den Brief von Sophie La Roche an Johann Georg Jacobi vom 15. März 1772, in dem sie die gemeinsame Lektüre seiner Gedichte erwähnt: " [...I schreibe mit meiner alten zärtlichen Achtung an sie über das Ver- gnügen Ihrer Freundschaft und über die ange- nehme Stunden, welche mir Ihr Schmetterling machte, teils da ich ihn selbst, dann mit meiner Max, mit La Roche, mit Dumeiz und Leuchsen- ring las. Alle diese sagen Ihnen ohnendlich viel Freundschaftliches und Schönes" (Maurer 162). Brief Friedrich Heinrich Jacobis an So- phie von La Roche vom 28. Oktober 1774 (Jacobi, Briefwechsel 267).

11Ulrike Weckel hat den Begriff "offenes Haus" eingeführt, der sinnvoll ist, weil er die offene Struktur des Hauses, d.h. seine Zugäng- lichkeit für Besucher betont. Der Begriff sagt aber nichts über die funktionale Bedeutung der kulturellen, geselligen Zusammenkünfte aus. Das, was sich inhaltlich bei diesen Treffen ab- spielte, steht aber meiner Ansicht nach im engen Zusammenhang mit den Salons im 19. Jahrhundert. Vgl. Ulrike Weckel, "Frauen und Geselligkeit im späten 18. Jahrhundert."

12Gellert betont in seiner Brieftheorie die na-

türliche, besondere Empfindungsfähigkeit der

Frau, die sich in ihrem Briefstil bemerkbar

macht: "Aus diesem Grunde kann man sich sa-

gen, woher es koemmt, daß die Frauenzimmer

oft natürlichere Briefe schreiben als die Män-

ner. Die Empfindungen der Frauenzimmer sind

zarter und lebhafter, als die unsrigen. Sie wer-

den von tausend kleinen Umständen gerührt,

die bey uns keinen Eindruck machen. Sie wer-

den nicht allein öfter, sondern auch leichter

gerührt, als wir. Eine Vorstellung macht bey

ihnen geschwind der andern Platz, daher hal-

ten sie sich selten bey einem guten Gedanken

zu lange auf; wir fühlen ihn stärker, und darum

gehen wir oft zu lange mit ihm um. Ihre Ge-

danken selbst sind, wie ihre Eindrücke, leicht;

sie sind scharfes, aber kein tiefes Gepräge"

(Gellert 76).Vergleiche das fünfte Buch von

Rousseaus ~mile: Jean-Jacques Rousseau,

Emile ou de 1'6ducation.

13Christian Fürchtegott Gellert, "Praktische Abhandlung von dem guten Geschmacke in Briefen," Die epistolographischen Schriften, Deutsche Neudrucke, Reihe: 18. Jahrhundert. Hg. von Paul Böckmann (Stuttgart: Metzler, 1971) 3-4.

14Vgl. dazu: Diethelm Brüggemann, "Gellert, der gute Geschmackund die üblen Briefsteller. Zur Geschichte der Rhetorikin der Moderne." l5Wieland.Epoche-Werk- Wirkung, hg. von Sven- Aage J#rgensen, Herbert Jaumann, John Mc- Carthy, Horst Thome (München: Beck, 1994)

164.

16Christoph Martin Wieland an Sophie von La Roche, Brief vom 16.1.1775: "So angenehm es mir gewesen wäre, den Leserinnen des Merkur (denn der Merkur hat auch Leserinnen) eine Frucht des Geistes und Herzens meiner Freun- din Sophie vorsetzen zu können, so billig finde ich Ihre Ursachen, warum Sie der Iris und un- serm Jacobi den Vorzug gegeben haben. Sie kennen mich zu wohl, als daß Sie von mir glau- ben sollten, ich könnte nur einen Augenblick darüber ungehalten seyn. Die Iris ist ohnehin bey weitem der schickiichere Platz für Frauen- zimmer Briefe, die eine Frau zur Verfasserin haben" (Wieland, Briefwechsel Bd.5, 328). Sophie von La Roches Frauenzimmerbriefe sind teilweise zunächst in der Iris (2. Bd. 2.Stückbis 8. Bd. 1.Stück, 1775-1776) erschie- nen; später kommen sie unter dem Titel

Rosaliens Briefe an ihre Freundinn Mariane von St**. Von der Verfasserinn des Fräuleins von Sternheim. 1.Band. Altenburg: Richter, 1779) 472 S.; 2. Band 1780, 502 S.; 3. Band 1781,360s. heraus.

17Vgl. zur Stellung der Frau im Diskurs der Aufklärung die informationsreichen Bände:

Ordnung, Politik und Geselligkeit der Geschlechter im 18.Jahrhundert. Hg. von Ulrike Weckel, Claudia Opitz, Olivia Hochstrasser und Brigitte Tolkemitt (Göttingen: Wallstein, 1998);Tugend, Vernunft und Gefühl. Geschlechterdiskurse der Aufilärung und weib- liche Lebenswelten. Hg. von Claudia von Opitz, Ulrike Weckel und Elke Kleinau (Münster: Waxmann, 2000).

lsUlrike Weckel geht in ihrem oben zitierten Aufsatz auf diesen Aspekt nicht ein. Vielmehr geht sie davon aus, dass Sophie von La Roche schon eine berühmte Schriftstellerin war. 1771 wurde aber gerade erst der erste Band ihres Romans Geschichte des Fräuleins uon Stern- heim anonym veröffentlicht und ihre Stellung als Schriftstellerin in der literarischen Öffentlichkeit war meiner Ansicht nach zu diesem Zeitpunkt noch keineswegs gefestigt.

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