Mit wechselndem Schlüssel: Annäherungen an Nelly Sachs' Gedicht "Bin in der Fremde"

by Gisela Brinker-Gabler
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Title:
Mit wechselndem Schlüssel: Annäherungen an Nelly Sachs' Gedicht "Bin in der Fremde"
Author:
Gisela Brinker-Gabler
Year: 
1992
Publication: 
The German Quarterly
Volume: 
65
Issue: 
1
Start Page: 
35
End Page: 
41
Publisher: 
Language: 
English
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Mit wechselndem Schlüssel: Annäherungen an Nelly Sachs' Gedicht "Binin der Fremde"

Bin in der Fremde
die ist behütet von der 8
dem heiligen Schleifenengel
Der ist immer unterwegs
durch unser Fleisch
Unruhe stiftend
und den Staub flugreif machend -(67)

Dieses Gedicht von Nelly Sachs gehört zu ihrer späteren Lyrik aus dem Gedicht- band Glühende Rätsel. Es ist ein Rätsel mithin, glühend im Aussprechen von Ge- heimnisvollem. Um der hier genannten Fremde nachzudenken, bedarf es verschie- dener, sich auch überschneidender Annäherungenaufverschiedenen Wegen, wie ich im folgenden entfalten möchte. Zunächst ist "Fremde"als Ortsbestimmung zu lesen. Dort zu sein, wo alles oder vieles anders ist, anders als das Vertraute, Verläßliche. Die Fremde, von der das Gedicht spricht, ist aber auch eine behütete. Der heilige Schlei- fenengel erinnert an ein Geborgensein, wie es Kinder kennen, über die ein Schutzengel wacht. In einem früheren Gedicht der Sammlung Glühende Rätsel ist ebenfalls von einem Engel die Rede: 'Ein Engel aus den Wünschen der Liebe erbaut /stirbt und aufersteht in den Buchstaben / in denen ich reise-'' (17). "Engel zu bilden," schreibt Gisela Dischner in ihrer Studie zur frühen Lyrik von Nelly Sachs (1970), ''umschreibt metaphorisch die dichterische Aufgabe des Erinnerns" (41). Die behütete Fremde wäre somit Erinnerungsraum, dessen Figu- ration der Engel ist. Die 8, diese Ziffer in der Bewegung der Schleife geschrieben, verweist als liegende 8 auf das Unendliche. Der Erinnerungsraum öffnet sich ins Un-

The German Quarterly 65.1 (1992)

endliche, in dem räumliche und zeitliche Kategorien aufgehoben sind, Vergangen- heit, Gegenwart und Zukunft zusammen- fallen. Erinnerung ist nicht statisch, sondern geschieht als leibliche Bewegung. Sie stört das Gewohnte, die Ordnung: 'Bin in der Fremde.'' Der Erinnerung, die das Gewohnte fremd, zur Fremdemacht, eignet auch ein befreiendes, erlösendes Moment. Der Staub, auf vergängliche Leiblichkeit deutend, gerät in Bewegung, wird flugreif, aufbruchbereit, was die Offenheit des Gedichtschlusses durch den Gedankenstrich unterstreicht.

Religiöses und dichterisches Selbst- verständnis verbinden sich in diesem Gedicht in einer für Nelly Sachs'Lyrik cha- rakteristischen Weise mit konkreter histo- rischer Erfahrung. Sie, die dem Massen- mord ihres Volkes Entflohene, ist ins Ungesicherte verstoßen, ist im Exil, dasbesondere Schicksal des jüdischen Volkes durchleidend, ist in der Fremde schlecht- hin, in der jeder Mensch ist. Aber sie weiß um ein "glühendes" Geheimnis, dessen Symbol der Schleifenengel ist: 'Siehe das Ewigkeitszeichen auf der Wand / Siehe die beiden Nullen aneinandergekettet. . ." (Verzauberung 76).

Nelly Sachs wurde in Berlin als einzige Tochter des Fabrikanten William Sachs und seiner Frau Margarete, geb. Karger1 geboren. Behütet und umsorgt wächst sie auf, lebt auch als junge, unverheiratete Frau im Elternhaus. Der Vater stirbt 1930. Als Schrecken und Terror des Nazi-Regimes einsetzen, beginnt ihr Leben "Unter der Bedrohung," über das es in

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QUARTERLY

einem gleichnamigen kurzen Prosatext unter anderem heißt: 'Unter Bedrohung leben: im offenen Grab verwesen ohne Tod. Das Gehirn faßt nicht mehr. Die letzten Gedanken kreisen um den schwarzgefärbten Handschuh, der die Eintrittsnummer zur Gestapo verdunkelte und fast das Leben kostete. Angstschweiß hatte unsichtbar zu bleiben" (10f.). Nachdem ihr im Frühjahr 1940 gemeinsam mit der Mutter die Flucht nach Schweden gelungen war, beginnt im Exil, nach ihrem 50. Lebensjahr, unter dem Eindruck der sich häufenden Todesnach- richten von Freunden und Verwandten, ihre Dichtung als erschütternde Totenkla- ge und Anrede der unfaßbaren Grausam- keit, die auf deutschem Boden sich ereignet

hatte:

-. .

0 die Schornsteine

Auf den sinnreich erdachten Wohnungen

des l'bdes,

Als Israels Leib zog aufgelöst in Rauch

Dmh die Luft"

(Inden ~ohnun~en 8)

des Tb&

Neben der Lyrik entstehen szenische Dichtungen (zum Beispiel Eli: Ein Myste- rienspiel vom Leiden Israels), und es beginnt Sachs' Übersetzungsarbeit schwedi- scher Lyrik ins Deutsche. 1950 stirbt ihre Mutter; Liebe und Sorge um sie hatten ihr Kraft zum Überleben gegeben. Der Ostber- liner Aufbau Verlag veröffentlicht 1947 die erste Gedichtsammlung In den Wohnungen des Todes. 1949 erscheint im Amsterdamer Berman-Fischer Verlag Sternverdunkelung. Veröffentlichungen in Westdeutsch- land lassen auf sich warten. Sehr langsam beginnt hier die Aufnahme ihres Werkes, vermittelt unter anderem durch Alfred Andersch und dann vor allem durch Hans Magnus Enzensberger, der 1959 in seinem Essay "Die Steine der Freiheit" die Auf- merksamkeit auf die "größte Dichterin, die heute indeutscher Sprache schreibt,"lenkt. In den sechziger Jahren kommt es in rascher Folge zu weiteren Publikationen und ersten Ehrungen. 1959 erhält Sachs den Literaturpreis des Kulturkreises im Bundesverband der deutschen Industrie, 1960 den Anne tte-von-Dros te-Hülshoff- Preis, den sie in Meersburg, erstmals wie- der deutschen Boden betretend, entgegen- nimmt. 1961 stiftet die Stadt Dortmund einen Nelly-Sachs-Preis mit ihr als erster Preisträgerin. 1965 erhält siedenFriedens- preis des Deutschen Buchhandels in Frankfurt, und 1966 wird ihr, als bisher einziger Dichterin in deutscher Sprache, der Nobelpreis für Literatur verliehen, ge- meinsam mit dem gleichfalls jüdischen Schriftsteller Josef Agnon.

Nelly Sachs' Hinwendung zur Dichtung erfolgt bereits injungen Jahren in Deutsch- land. Sie führt zu einem Briefwechsel mit der schwedischen Schriftstellerin Selma Lagerlöf und vertieft sich in einem Kreis

-

literarisch interessierter und begabter Frauen in Berlin. Bestimmend ist zunächst vor allem der Einfluß romantischer Dich- tungen wie der Brentanos und vor allem Novalis'; hinzu kommt die Lektüre Jacob Böhmes, Hölderlins und Stefan Georges. Es entstehen Legenden und ~rzähin~en (1931) und Gedichte, die sie aber zum großenTeil selbst vernichtet. Die Dichtung, die dann im schwedischen Exil, im "'Äon der Schmerzen" (Briefe 84) entsteht, bleibt oft noch überlieferten Formen verpflichtet, bis sie mehr und mehr unter der Einsicht eines Bruchs eine eigene Ausdrucksform gewinnt: 'Wir nach dem Martyrium unseres Volkes sind geschieden von allen früheren Aussagen durch eine tiefe Schlucht, nichts reicht mehr zu, kein Wort, kein Stab, kein Ton-(schon darum sind alle Vergleiche überholt). . ." (Briefe 84). Bereits 1961 hat Beda Allemann in seinem wegweisenden Aufsatz 'Hinweis auf einen Gedicht-Raum"aufjene sich in Nelly Sachs' Gedichten ankündigende andere Sprach- verfassung aufmerksam gemacht, in der nicht mehr ausgesagt und mitgeteilt wird als "die äußerste und eigentliche Wohnung des Todes, die auch inhaltlich gesehen als der Raum der Gedichte von Nelly Sachs be- stimmt werdenmuß" (42f.). Allemannsieht in ihrem Werk die 'Wiederaufnahme der

Nelly Sachs

kosmischen Dichtung mit modernen Mit- teln" und hat als erster auf den Eiduß des Chassidismus und der Kabbala hingewie- sen, im besonderen der Wort- und Todes- mystik des Sohar, dessen Schreiber "für Nelly Sachs das Urbild des Dichters" ist (3~).~

Das "Leben unter Bedrohung" hatte Nelly Sachs der jüdischen Kultur zuge- führt, der Lektüre des Alten Testaments und Martin Bubers Nacherzählungen alt- jüdischer Stoffe. Anfang 1950 erhält sie Gershom Scholems ¿Tbersetzung Die Geheimnisse der Schöpfing: Ein Kapitel aus dem Sohar (Berlin 1935) zum Geschenk (Briefe 125). In seiner Studie Zur Kabbala und ihrer Symbolik hat Scholem auf den für die Geschichte der Kabbala folgenrei- chen Mythos von der Schechinu und ihrem Exil hingewiesen. In diesem Mythos sind zwei Motivreihen verbunden, das Exil der Ekklesia Israels und das in zahlreichen, nicht nur gnostischen Vorstellungskreisen auftretende Exil der Seele aus ihrem Ur- sprung. Während in der talmudischen Li- teratur und dem nichtkabbalistischen rab- binischen Judentum Schechina Einwohnung, und zwar Gottes in der Welt bedeutet, wird im Sprachgebrauch der Kabbala seit dem Buch Bahir Schechina als ein weiblicher Aspekt Gottes verstanden. Das Exil der Schechina, schreibt Scholem, wird manchmal als die Vertreibung der Königin oder Königstochter dargestellt (144). In diesem Sinne ist ein Zyklus der Sammlung Und niemand weiß weiter (1957) bedeutsam, der nach der Melusine benannt ist und in dem ein Gedicht von Genoveva und der Tierfrau Melusine spricht:

Immer hinter den Rändern der Welt
die ausgesetzte Seele Genoveva wartet
mit dem Kinde Schmerzensreich
im Heimwehgestrahl.

Auch Schechinakannst du sagen,
die Staubgekrönte,
die durch Israel Schluchzende

Und die heilige Tie&au
mit den sehenden Wunden im Kopf,
die heilen nicht
aus Gotteserinnerung . . . (194)

Das Exil der Schechina wird größten- teils als zerstörerische Aktivität der menschlichen Sünde und deren magischer Sinn verstanden (Scholem 144f.). Sinn der religiösen Handlung ist daher, solches Exil wieder aufzuheben oder doch aufseine Auf- hebung vorbereitend hinzuarbeiten.

Nähern wir uns dem anfangs zitierten Gedicht mit diesen kabbalistischenvorstel- lungen, so erschließt sich eine weitere Dimension der zum Ausdruck kommenden Spannung von "Fremde" und ihrer Aufhe- bung, die es vorzubereiten gilt: "den Staub flugreif machend-.'' "Fremde" weist auf das Exil der Schechinu, das Exil Israels wie generell das Exil der Seele, ihre Entfrem- dung von Gott. Vermittelnd zwischen Exil und Hoffnung auf Aufhebung steht 'die 8 / der heilige Schleifenengel" als Erinnerung und damit Sehnsucht ("'sehende Wunden') nach Wiederherstellung der Einheit, nach Erlösung. Das Exil ist damit nicht einvöllig hoffnungsloser Zustand der Entfremdung, sondernbirgt als Möglichkeit einen Weg der Überwindung Dieser, der jüdischen wie jeder Mystik innewohnende, mythische Gehalt, die Vorstellung einer Einheit vor der Trennung, der Zweiheit, dem Bruch, erhellt auch die Beziehung des Gedicht- werks von Nelly Sachs zur Dichtung der Moderne. Sachs' Dichtung ist Dichtung nach dem Bruch, im Bewußtsein von Iden- tität und Nichtidentität. Der Bruch wird kraft der Erinnerung gegenwärtig gehal- ten, ist Antriebskraft des poetischen Gei- stes. Von hier aus läßt sich Dischners Cha- rakterisierung von Nelly Sachs als Dichterin der Hölderlin-Linie zustimmen, zu der auch Trakl, Rilke und Celan gehören. Daß sich bei ihr aber dieser Bruch nicht verselbständigt, wie beim späten Hölder- lin, bei Trakl und Celan, sondern der Weg geöffnet bleibt, ist bestimmt durch die reli- giöse und ebenso mystische Komponente, die auch für Rilke bedeutsam ist.

Dichtung selbst ist für Nelly Sachs Ver- mittlung, Erarbeitungdes Weges als Arbeit am Wort. Dies wird deutlich, wenn wir eine weitere Dimension der "Fremde" in den Blick nehmen, ebenfalls mit Bezug auf die Kabbala. Den Kabbalisten zufolge ist die geheime Welt der Gottheit "eine Welt der Sprache, eine Welt göttlicher Namen, die sich nach ihrem eigenen Gesetz auseinan- der entfalten" (Scholem 54). Daher ist der von Stufe zu Stufe fortschreitende Schöp fungprozeß "nicht notwendigerweise ver- schieden von dem Prozeß, der seinen Aus- druck in göttlichen Worten findet und in den Dokumenten der Offenbarung, in denen diese göttliche Sprache sich nieder- geschlagen haben soll" (Scholem 54.). In einer Anmerkung zu Nelly Sachs' szeni- scher Dichtung Beryll sieht in der Nacht oder das verlorene und wieder gerettete Alphabet kommt die Bedeutung des Wortes in der kabbalistischen Mystik als geistige Schöpfungspotenz zum Ausdruck: "Der ewige Kreislauf vom Schöpfungsaugen- blick an in Natur und Menschen aus- und eingeatmet. Aus dem Atem wurde der Buchstabe geboren und wieder entsteht neue Schöpfung aus dem Wort. Dies ist im Buch des Glanzes-dem Buch Sohar, dem Buch jüdischer Mystik, darin sich die Mystikder ganzen Welt trifl't-eingeschrie- ben" (353). Die Buchstaben sind die sinnli- che Ausformung des gesprochenen Wortes der göttlichen Ursprache. Die Verbindung zu ihr muß wieder hergestellt werden, um die "Fremde," die eine Entfremdung der Sprache ist, aufzuheben. Diese Möglichkeit ist durch die Verlebendigung der Buchsta- ben nach demvorbild des Sohar-Schreibers gegeben, von dem es im Sohar-Zyklus der SammlungUnd niemand weiß weiter heißt:

Und wickelt aus, als wärens
Linnentücher,
darin Geburt und 'Ibd ist eingehüllt,

Buchstabenleib, die Falterpuppe

aus grüner, roter, weißer Finsternis

und wickelt wieder ein in Liebesleiden

wie Mütter tun;denn Leiden ist
Versteck fUrsLicht.

Doch während er wie Sommer oder
Winter handelt,
schwebt schon Ersehntes
sehnsuchtsvoll verwandelt. (210)

Das Auswickeln und Einwickeln des Buchstabenleibea deutet auf den fortlau- fenden hzeß der Entfaltung und Verhül- lung des Buchstabens und Wortes. Denn göttliche Buchstaben und Namen stellen eine Konzentration von Energie dar und drücken eine Sinnfülle aus, die in mensch- liche Sprache nicht oder zum mindesten nicht erschöpfend übersetzt werden kann. Aber Aus- und Einwickeln, die Arbeit am Buchstaben und Wort, von Sehnsucht an- getrieben (''Leiden ist Versteck fürs Licht"), hat verwandelnde, kosmische Kraft,verwandelt Wort und Welt. Und so heißt es im programmatischen Gedicht der Sammlung Flucht und Verwandlung: "Anstelle von Heimat / halte ich die Verwandlungen der Welt-'' (262). In diesem Sinne ist die anfangs zitierte Fremde auch Trennung vondergeheimenwelt der Gottheit als Welt göttlicher Sprache. Die Verbindung zu ihr hält aber die 8, der heilige Schleifenengel, die Erinnerung an die göttliche Sprache, welche Sehnsucht entbindet, Unruhe stiftet als Voraussetzung der Verwandlung der Welt, die sich auf die Schöpfung zube- wegt. Es ist die schöpferische Sprache des Dichters, nach dem Vorbild des Sohar, die das göttliche Wort wieder sichtbar, lesbar machen kann:

Da schrieb der Schreiber des Sohar

und öffiete der Worte Adernetz

und führte Blut von den Gestirnen ein,

die kreisten unsichtbar, und nur

von Sehnsucht angezündet.

Des Alphabetes Leiche hob sich aus

dem Grab,

Buchstabenengel, uraltes Kristall,

mit Wassertmpfen von der Schöpfung

eingeschlossen,

die sangen-und man sah durch sie

Nelly Sachs

Rubinund Hyazinth und Lapis

schimmern,
als Stein noch weich war
und wie Blumen ausgesät. . . . (209)

Die in Nelly Sachs' Dichtung aus my- stisch-religiösen Vorstellungen erwachsen- de Arbeit an der Sprache, die dem Unsag- baren Sagbares abringt, trim sich mit der Auffassungvon Sprache in moderner Dich- tung. Von hier aus lassen sich auch Verbin- dunglinien zur SprachaufTassung Walter Benjamins aufzeigen, vor allem zu seinem frühen Aufsatz "über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen," einer mystischen Interpretation des ersten Genesiskapitels, in dem Sprache als mysti- sche Realität vorausgesetzt wird. In Gesprächen mit dem Freund Gershom Scholem anläßlich der späteren Arbeiten "Lehre vom Ähnlichen" und "Über das mi- metische Vermögen" hat Benjamin Scholem gegenüber die für ihn wichtige Lehre der Kabbala über die Sprache, ins- besondere den Sohar betont. In seinem Auf- satz 'aer Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen" spricht Benjamin zunächst von der schöpferischen Gottes- sprache als Identität des schaffenden Got- teswortes und des erkennenden Namens in Gott und von der paradiesischen Sprache des Menschenals einer der Erkenntnis und des Namens, indem sie "die stumme na- menlose Sprache der Dinge empfängt, er- kennt und sie in Namen überträgt" (11: 1, 151f.). Der Sündenfall ist "Geburtsstunde des menschlichen Wortes," in der der Name nicht mehr unverletzlich lebt. Indem der Mensch aus der unmittelbaren Namens- sprache heraustritt, wird die Sprache zum Mittel, dieetwas (außer sich se1bst)mitteilt; damit wird sie "an einem Teile jedenfalls zu bloßem Zeichen." Das Exil von der reinen Sprache des Namens führt mithin in die Welt des künstlichen Zeichens. Die menschlichen mannigfaltigen Sprachen sind aber nicht von der reinen völlig ge- trennt, sondern es bleibt ihnen eine Teilha- be am göttlichen Wort eigen, so wie sie auch untereinander aufeinander bezogen blei-

ben. Dadurch werden die verschiedenen Wörter der Sprache, wie Benjamin in der 'Zehre vomÄhnlichen"schreibt, vermittels einer unsinnlichen Ähnlichkeit "ähnlich jenem Bedeutenden in ihrer Mitte" (11: 1, 207). In der Vorstellung, daß also nicht eine völlige Trennung von der unmittelbaren Namenssprache erfolgt, die Sprache nicht völlig, sondern "an einem Teile jedenfalls" zum Zeichen wird (im Unterschied etwa zu der Auffassung Derridas), besteht das ver- bindende Element zwischen Benjamins und Nelly Sachs' sprachtheoretischen Überlegungen. Dies kommt sehr schön im Bild vom Weltenbaum zum Ausdruck, das beide verwenden. DieVorstellung vom Wel- tenbaum geht zurück auf einen alten Mythos, der in der Kabbala als 'Sprach- Schöpfungsbaum" wiederkehrt. Am Ende des Sohar-Zyklus heißt es bei Nelly Sachs: ". . . und Abschied war ein Blatt vom Wort, / das fiel, und seinen Namen hinterließ, / der wie ein Falke aus dem Sterben stieß-" (Und niemand weiß weiter 211). Das "Blatt vom Wort," das seinen Namen hinterläßt, deutet auf das dem Blatt eingeprägte gött- liche Schöpfungswort. Bei Benjamin er- scheint das Bild eines "Blattes (Baumes)," das denabgesprengtenTeilen eines Ganzen bis ins Unendliche hin eingeprägt ist (I: 3, 934 [358-591). Während bei Benjamin das Aufblitzen der "'unsinnlichen Ähnlich- keiten" auf jene "Mitte," die reine Sprache, verweist, richtet sich Nelly Sachs'Aufmerk- samkeit aufdie Wiederbeseelungdes Buch- stabens, des Wortes als Suche nach den ver- borgenen Beziehungen, die ihren Grund im schöpferischen Gotteswort haben. Nach dem Zusammenbruch der Rede bleibt der Weg zu dem Verlorenen als Aufbruch unter dem Zeichen des Schleifenengels ("Siehe das Ewigkeitszeichen auf der Wand / Siehe die beiden Nullen aneinandergekettet. . ." Verzauberung 76). Für Paul Celan, den anderen großen jüdischen Dichter deut- scher Sprache, ist dieser Weg einer des An- denkens in Endlichkeit, den ein Du vielleicht für einen Moment zu öffnen vermag. In seinem Gedicht 'Zürich, Zum Storchen"

QUARTERLY

THEGERMAN

über die Begegnung mit der verehrten Freundin Nelly Sachs: der das Gedicht auch gewidmet ist, heißt as:

Von deinem Gott war die Rede, ich spch gegen ihn, ich ließ das Hen, das ich hatte, hoffen: auf sein höchstes, umi.öcheltes, sein haderndes Wort-

Dein Aug sah mir zu, sah hinweg,
dein Mund
sprach sich dem Aug zu, ich hörte:

Wir
wissen ja nicht, weißt du,
wir
wissen ja nicht,
was
gilt. (Niemandsmse 214f.)

Anmerkungen

lSiehe zum folgenden die von Ruth Dinesen und Helmut Miissener besorgte Edition der Briefe Nelly Sachs' und die dort gelieferten Angaben zu ihrem Leben; ebenso vgl. Berendsohn.

2~llemanneHinweis ist in der Folge von zahl- reichen Interpreten aufgenommen worden. Vgl.

u.a. Diachner (1963), Lagercrantz, Geißner, Blom- ster, Kersten und mit Bezug auf die lurianische Kabbala, Berman.

3Ausfiihrlich schreiben über die Begegnung von Paul Celan und Nelly Sachs Bahr und Dinesen.

Zitierte Werke

Nelly Sachs. Fahrt im Staublose: Die Gedichte der Nelly Sachs. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1961. Darin: In den Wohnungen des Todes, Sternverdunkelung, Und niemand weiß weiter, Flucht und Verwandlung, Fahrt ins Staublose, Noch feiert Tod dasLeben.

. Verzauberung. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1970.

. Suche nach den Lebenden: Die Gedichte der Nelly Sachs. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1971. Darin: UGlühende Ritsel," "Die Suchende," 'Teile dich Nacht."

-. "Leben unter Bedrohung." Walter A. Berendsohn. Nelly Sachs: Einführung in das

Werk der Dichterin jüdischen Schicksals.

Darrastadt: Agora Verlag, 1974.9-12. . "Beryli sieht in der Nacht oder das verlorene und wieder gerettete Alphabet.''

Zeichen im Sand Die szenischen Dichtungen der Nelly Sachs. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1962.

. Briefe der Nelly Sachs. Ed.Ruth Dinesen and Helmut Müssener. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1984.

AUemaan, Beda. "Hinweia auf einen Gedicht-Raum." Nelly Sachs zu Ehren: Gedichte.Prosa. Beitrüge. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1961.37-44. Bahr, Ehrhard. 'Tau1 Celan und Nelly Sachs: Ein Dialog in Gedichten." Jahrbuch für Internationale Germanistik. Reihe A, Bd. 21: Datum und Zitat bei Paul Celan. Akten des Internationalen Paul Celan-Colloquiums. Haifa 1986. Ed. Chaim Shoham und Bernd Witte. Bern, Franktiirt am Main, New York, Paris: Peter Lang Verlag. 183-94. Berendsohn, Walter A Nelly Sachs: Einführung in das Werk der Dichterin jüdischen Schicksals. Darmstadt: Agora Verlag, 1974. Berman, Russe11 A. '"Der begrabenen Blitze Wohnstatt': Trennung, Heimkehr und Sehnaucht in der Lyrik von Nelly Sachs." Gunter E. Grimm, Hans-Peter Bayerdörfer (Eh.).

ZmZeichen Hiobs: Jüdische Schriftstel2er und deutsche Literatur. Königstein:Athenäum, 1985.280-92.

Beqjamin, Walter. Gesammelte Schriften. Unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gerahom Scholem hg. von Rolf ?Tedemann und Hermann Schweppenhäuser. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1977.

Blomster, W.V. "ATheosophy of the Creative Word: TheSohar-Qcle of Nelly Sachs." The Germanic Review 44 (1969): 211-27.

Celan, Paul. Gesammelte Werke in fünf Bänden. Hrag. von Beda Allemann, Stefan Reichert unter Mitwirkung von Rudolf Bücher. Bd. 1: Gedichte I. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1983.

Dineaen, Ruth. Tau1 Celan und Nelly Sachs."

Jahrbuch fir Internationale Germanistik. Reihe k Bd. 21 Datum und Zitat bei Pa1 Celan. Akten des Internationalen Paul Celan- Colloquiuma Haifa 1986. E&. Chaim Shoham und Bemd Witte. Bem, Frankfurt am Main, New York, Paria: Peter Lang Verlag. 211-28.

Dischner, Giela. "Die Lyrik von Nelly Sachs und ihr Bezug zur Bibel, zur Kabbala und zum

Nelly Sachs

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-. Poetik des modernen Gedichts: Zur Lynk von Nelly Sachs. Bad Homburg v.d.H., Berlin, Zürich: Gehlen Verlag, 1970.

Enzenaberger, Hans Magnus. "Die Steine der Freiheit."Merkur 13 (1959). Heft 138: 770-75. Geißner, Hellmut. "Nelly Sache." Deutsche Literatur seit 1945:In Einzeldurstellungen. Ed.

Dietrich Weber. Stuttgart: Alfred Kröner

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Kernten, Paul. Die Metaphorik in der Ipik von Nelly Sachs. Mit einer Wort-Konkordmz und einer Nelly Sachs-Bibliographie. Hamburg: Hartmut Lüdke Verlag, 1970.

Lagercrantz, Olof. Versuch über dieLyrik der Nelly Sachs. Frankfurtam Uain..Suhrkamp Verlag, 1967.

Scholem, Gemhom. Zur Kabbala und ihrer Symbolik. Ziirich: Rhein-Verlag, 1960.

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