Inkle und Yarico in Deutschland: Postkoloniale Theorie und Gattungsgeschichte im Konflikt

by Florian Gelzer
Citation
Title:
Inkle und Yarico in Deutschland: Postkoloniale Theorie und Gattungsgeschichte im Konflikt
Author:
Florian Gelzer
Year: 
2004
Publication: 
The German Quarterly
Volume: 
77
Issue: 
2
Start Page: 
125
End Page: 
144
Publisher: 
Language: 
English
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Abstract:

FLORIAN GELZER

Universitdt Bern

Inkle und Yarico in Deutschland: Postkoloniale Theorie und Gattungsgeschichte im Konflikt

Die FigurdesedlenWilden,wie sieinsbesonderein der europaischen Literatur der Aufklarung haufig auftritt, hat im Zuge der neueren postcolonial studies die intensive Aufmerksamkeit der Forschung auf sich gezogen. Dabei nimmt vor allemeine Geschichtesolchernoble savages einen prominenten Platz ein, da siegleichfurmehrereneuereliteraturwissenschaftliche Ansatze von paradigmatischerWichtigkeitist.DieRedeistvonderErzahlungvom englischenKaufmann Inkle und der Indianerin Yarico -einem der am weitesten verbreiteten StoffederEpochederAufklarungundderEmpfindsamkeituberhaupt. DieentscheidendeFassungderGeschichtewirdvon SirRichardSteele1711 im Spectator erzahlt: DieBesatzungeinesenglischenHandelsschiffsgeht inderKaribik anLand,um nachLebensmittelnzu suchen.EineGruppevon Indianern macht dieEnglandernieder, dochderjungeThomas InklewirdvoneinerIndianerin, Yarico, gerettet. Die beiden verlieben sich ineinander und leben drei Monate langineineridyllischenLiebesbeziehung, wahrend welcherInkleseinerindianischenGeliebteneinzukunftigesgemeinsamesLebeninLondonausmalt. Als ein englischesSchiffan derKusteanlegt, dasdiebeidennach Barbadosbringt, erwacht jedochderKaufmannsgeistinInklewieder,underverkauft Yaricoals Sklavin. Als sie ihm mitteilt, dass sie von ihm schwanger sei, erhoht er den Preis.'

Fur die Literaturwissenschaft ist die Geschichte ein seltener Clucksfall. In parabelhafter Form tangiert sie wichtige Grundthemen gleich mehrerer neuerer literaturtheoretischer Richtungen: neben der postkolonialen Theorieetwa derGeschlechterforschung, desNewHistoricism oder der IntertextuaIitatstheorien. EssolIim Folgendendarum gehen, den Zugriff der postcolonial studies aufdieseGeschichtekritisch zuhinterfragen. Denn inderpostkolonialen Literaturtheorie und anderen diskursorientierten Ansatzen, so meine These, wird das Problem der Gattungsgeschichte zu wenig beachtet oder ubergangen,AlsFallbeispiel solIhierdieRezeption derGeschichtevon Inkle und Yarico in Deutschland verdeutlichen, dass und wie Gattungskonventionen die Gestaltung eines Stoffes -und damit etwa auch die Zeichnung der

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edlen Wilden -mindestens so stark beeinflussen konnen wie diskursgeschichtliche Bedingungen. Die Diskussion ausgewahlter deutschsprachiger Fassungen der Geschichte von Inkle und Yarico dient dabei als Hintergrund, vor dem ein Beispiel einer postkolonialen Lekture der Erzahlung kritisch begutachtet wird.

Die literaturwissenschaftliche Beschaftigung mit der beruhmten Geschichte ist nicht neu. Bereits 1937hatte Lawrence Marsden Price eine kommentierte Anthologie, dasInkle and Yarico Album, herausgegeben.s das die Verbreitungdes Stoffes in England, Frankreich, Deutschland und der Schweiz nachzeichnet. Price betrachtete Steeles Version der Geschichte als "eines der nahezu fehlerlosen Meisterwerke der Literatur" und verfolgte dessen allmahliche Verwasserung und endliches Absinken in die Trivialliteratur, ohne auf literaturtheoretische Fragestellungen im engeren Sinne naher einzugehen. Nicht ohne Pathos trauerte er am Schluss seiner Studie den noch unverderbten Beschreibungen der "echten" Yarico nach und bemangelte die Verkitschungen und die auf den Publikumsgeschmack abgezielten "billigen" Versionen.' Wie stark sich die Erkenntnisinteressen der jungeren Forschung im Vergleich dazu gewandelt haben, wird offenkundig, wenn man eine neuere englischsprachige Anthologie von Versionen derselben Geschichte betrachtet." Bereits der Untertitel dieses Readers, "Representing Gender; Race and Slavery inthe NewWorld," macht deutlich, dass der HerausgeberFrank Felsenstein den Fokus auf diejenigen Aspekte der Geschichte legt, die fur die zeitgenossische Literaturtheorie, allen voran die gender theories undpostcolonial studies, von Interesse sind. Die verschiedenen Fassungenwerden alsein grofser "Intertext" behandelt, der im "kollektiven Cedachtnis'" des 18. Jahrhunderts fest verankert gewesen sei und der vor allem als mundlicher Erzahlstoff Verbreitung gefunden habe. Die Auspragungen der Geschichte in den verschiedensten Gattungen seien als Verschriftlichungen einer primar mundlichen Erzahltradition zu betrachten, an denen sich zeitgenossischeAuffassungen von der Beziehung zwischen den Geschlechtern, Konstruktionen von Andersartigkeit und Fremdheit sowie die Problematisierung des Kolonialwesens und des Sklavenhandelsablesenliefsen.7Alskollektives Erzahlgutdes18.Jahrhunderts sei die Geschichte von Inkle und Yarico, auf eine pragnante Formel gebracht, ein "focal narrative in cultural and historical debate of issues of gender, race, and colonialism."

War es dem Germanisten Priceim wesentlichen urn literarhistorische und asthetische Fragestellungen gegangen (wie hat sich der Stoff in der europaischenLiteraturverbreitet undwelches sind dieliterarischwertvollenVersionen7), ist Felsenstein an umfassenderen diskursanalytischen Problemstellungen interessiert (was konnen die verschiedenen, auch aufsereuropaischen Versionen der Geschichte tiber das "kollektive Cedachtnis" und tiber Mentalitatsunterschiedeim18.Jahrhundertaussagen7).1mHinblickaufdiedeutschsprachige Rezeption der Geschichte -denn urn diese geht es hier -provoziert der neue Blickwinkel grundsatzliche Fragen: Handelt es sich bei der Geschichte von Inkle und Yarico, deren Wirkung tiber die europaische Literatur hinaus in der amerikanischen und der karibischen bis heute anhalt," urn eines der seltenen Beispiele eines Stoffes, anhand dessen die Thematik von Kolonialpolitik und Sklaverei auchinBezug auf Deutschland im 18.Jahrhundert untersucht werden kann710 Oder ist die deutschsprachige Rezeption des Stoffes als Sonderfall zu betrachten, den diese tibergreifende Diskussion uberhaupt nicht tangiert7 Sind die von der neueren Anthologie aufgeworfenen Fragen nachdem"UmgangmitderThematikvonGenderund'Rasse'"!'in der alteren Forschung ubersehen worden, oder wird hier nur alter Wein in neue Theorieschlauche gefullt? Tragen also neue Ansatze aus der Geschlechterforschung und der postkolonialen Theoriebildung dazu bei, einen -scheinbar erschopfend untersuchten _12 Stoff wie Inkle und Yarico neu zu erhellen, oder wird hier umgekehrt modische Theorie auf einen eingangigen literarischen Fall projiziert7

Ein entscheidendes Problem, das beide Anthologien betrifft, ist die Frage nachder Literarizitatder behandeltenTexte. Pricesetztimplizit uberzeitliche Vorstellungen von der Literarizitat und Kanonizitat der von ihm gesammelten Quellen voraus, die es ihm erlauben, die jeweiligen Versionen der Geschichte in literarisch anspruchsvolle und trivial-unterhaltende zu scheiden. BeiFelsensteinwiederumwerdenFragen nachder Literarizitat undAsthetizitat hintangestellt, da es ihm eher auf unbewusste Manifestationen kollektiver Vorstellungen ankommt, die sich in den Fassungen der Geschichte jeweils unterschiedlich manifestieren. Hier zeigen sich zwei extreme Auffassungen: Price setzt seine eigenen Werturteile als uberzeitlichen Mafsstab an; Felsenstein fasst literarisch z. T hoch konventionelle Texte einzelner Autorenpersonlichkeiten als schriftlichen Ausdruck einer oral history auf. 1mersten Fall wird die Kategorie der Literarizitat also eher uber-, im zweiten eher unterbewertet.BeideAnsatze umgehenallerdingsdas Problem, dassLiterarizitateine zeitbedingte, epochenabhangige Kategorie darstellt."

Gattungsgeschichtliche Uberlegungen sollten hier zu grofserer Vorsicht mahnen;14denndieGestaltungdesStoffes vonInkle undYaricowird,wie eingangs erwahnt, auch durch Gattungskonventionen auf entscheidende Weise vorgepragt und bedingt. Diese Problematik soIlim folgenden an der Rezeption des Stoffes in Deutschland und der Schweiz beispielhaft illustriert werden. Die deutschsprachigen Bearbeitungen von Inkle und Yarico (Gellerts, Bodmers, Gessners und Mosers)" sind keine blofsen Verschriftlichungen einer mundlichen Anekdote, sondern Belege dafur, wie derselbe Stoff in verschiedenenKontextenauchdurchForderungender Gattungskonventionen Veranderungen erfahrt. Welche Folgerungen eine Lekture im Sinne neuerer postmoderner Theoriebildung daraus ziehen musste, wird im Anschluss an den Abriss tiber die deutschsprachige Rezeption gezeigt.

Urn die Rezeptionsgeschichte von Inkle und Yarico in Deutschland besser nachvollziehen zu konnen, muss kurz auf die Urversion im Spectator eingegangenwerden."Dort erscheint die Geschichte narnlich in einemaufschlussreichen Kontext. Das Motto des betreffenden "Stucks" ist ein der zweiten satura Juvenals entnommener Hexameter:"Dat veniam corvis, vexa t censura columbas." Jene Satire Juvenals ist eine Kritik an homosexuellen Adligen, die ihre Neigung hinter einer philosophischen Fassade zu verbergen suchen, gleichzeitig aber andere wegen sexueller Fehltritte anzeigen, und die auf eine derart unzulassigeWeise verweiblichten, dass sie sogaran nurFrauenzuganglichen Kulten teilnahmen." Innerhalb dieser angriffigen Ausfuhrungen meldet sich eine gewisse Laronia, eine der angeprangerten Ehebrecherinnen, zu Wort. Sie zeiht jene Manner der Scheinheiligkeit, die ihre Homosexualitat schonreden und gleichzeitig die Frauen als treulos darstellen (JuvenaI36-63). Ehebrecherischen Frauen mache man Vorwurfe, die Manner lasse man gewahren: "Die Sittenwacht verzeiht den Raben, peinigt die Tauben," so ihr im Spectator zitiertes Schlusswort." Die allgemeine Bedeutung des Mottos erhalt durch diesen Kontext eine Prazisierung: Es geht urn die ungerechte BehandlungderFrauen, genauer, urn die Relativierungder Schuld untreuerFrauen. In der zeitgenossischen franzosischen Ausgabe des Spectator ist dem Motto eine freie Ubersetzung beigefugt, die genau diesen Gehalt zum Ausdruck bringt: "La rigueur de Loix [sic!] tombe sur d'innocentes Femmes, & l'on epargne des Scelerats" ["Die Harte des Gesetzes trifft unschuldige Frauen, und Verbrecher werden davon ausgenornmen"]."

Im betreffenden 11. Stuck des Spectator wird nun eine ahnliche Gesprachssituation wie diejenige der Juvenalischen Satire inszeniert. Mr. Spectator, der fiktive Herausgeber des moral weekly, macht einer befreundeten Dame, Arietta, die Aufwartung. Statt auf einen geselligen Cesprachskreis trifft er jedoch lediglich aufeinenAngeber, der Arietta mit anzuglichenAnekdotenuberdieangeblicheTreulosigkeitder Frauenbelastigt.Als Kronunggibt dieser die Geschichte der Witwe von Ephesos zum Besten," die von Steele nichteigensnacherzahltwird-entwederwei!sieals bekanntvorausgesetzt oder fur zu anruchig gehalten wird. An dieser Stelle kontert Arietta mit der GeschichtevonInkleundYarico,diesieaus Richard LigonsAccount ofBarbados aus dem Cedachtnis zitiert und die sie explizit als Cegenstuck zu der Geschichte von der Witwe von Ephesos verstanden haben mochte: als Beispiel namlich fur die Untreue der Manner. Mr. Spectator wird durch Ariettas Erzahlung zu Tranen geruhrt.

Das Motto des Beitrags ist also gleich mehrfach mit dessen Inhalt verknupft: Es geht hier wie dort urn das Problem der Legitimation von unehelichen Beziehungen und urn die Frage der Treue ("constancy in love")." Wie

LaroniainJuvenals Satireverteidigt Arietta in SteelesErzahlungdieEhreder Frauen und bekIagt deren ungerechte Verurteilung." Allerdings scheinen die beiden Ubertretungen, die bei Steele gegeneinander aufgewogen werdendieListderWitwe und InklesVerrat -, nicht ohne weiteres vergleichbarzu sein: Das Vergehen Inkles, seine Geliebte, der er sein Leben verdankt, in die Sklavereizuverkaufen, scheint schwererzuwiegenalsdastreuloseVerhalten derWitwe ("malomortuumimpenderequamvivumoccidere").23Mr.Spectator jedoch ist entschieden der Auffassung, dass die beiden Erzahlungen wie zweigegengleicheStuckezusammengehoren("[Inkleand Yarico] shouldalways beaCounterpartto theEphesian Matron"). 24 Bekanntlich wurde diesem Wunsch in den unzahligen Adaptionen des Stoffes nicht nachgekommen; die Geschichte hat sich vollstandig aus dem Rahmen der Debatte urn mannliche und weibliche Treue gelost undverselbstandigt."

DassdieTreulosigkeitderWitwe ausEphesosbeiSteeledurch dieTreulosigkeit Inkles uberboten -und dadurch relativiert -wird, und dass dieser Gegenbeweis einer Frau, Arietta, in den Mund gelegt ist, sollte allerdings nicht vorschnell als Anzeichen einer feministischen Tendenz des Spectator oder der moral weeklies imallgemeinengelesenwerden. KrasseErzahlungen wie die beiden im Spectator gegeneinander ausgespielten werden im Kontext der Wochenschriften in erster Liniedazu genutzt, eine moralische Uberzeugung besonders eindrucksvoll vorzufuhren. Die Extreme solcher Beispielerzahlungen werden jedoch jeweils in der Rahmengeschichte durch vorbildlicheGegenbeispielenivelliertund insrechte Lichtgeruckt. Auchdassetting des betreffenden 11.Stucks des Spectator ist in hohem Ma~e konventionell und wurde vonvielenspaterenWochenschriftengetreuubernommen:Derfiktive Herausgeber besucht einen ihm nahestehenden, vorbildlichen Freundeskreis, in dessen Runde solche Beispielerzahlungen samt einer entsprechenden Moral eingesetzt werden.

Ein mit der Arietta-Erzahlung unmittelbar vergleichbares Stuck findet sichetwa in GottschedsBiedermann (1727-29). Der titelgebende Herausgeber ErnstWahrliebBiederman,"[ejinzufriedenerBurgerinderStadt GOttes,"26 trifft die Gattin seines Freundes Sophroniscus, Euphrosyne, die ihm eine Geschichte zum Thema aulsereheliche Beziehungen und Untreuevortragt, die sie"sehrgeruhret" hat. 27EsistdiebizarreGeschichte -einefranzosischeNovelle-voneinerEhefrau,diesichinAbwesenheitihresMannesmiteinem jungen Freund des Hausesvergnugte." Als der Ehemann von dem Vorfall erfuhr,erstach erdenNebenbuhler undverhangte uberseineFraueinedrakonische Strafe:

[... ] wei! aber ihr Laster viel zu grof war, als daf es durch einen solchen Tod sattsam hatte bestraft werden konnen: Sohabe ich ihr eine andre Strafe auferlegt, die mir schwerer als der Tod selbst zu sein dunket. Ich halte sie in der Kammer verschlossen, darinne sie damals ihre grofste Belustigung geniefsen wollte: und zwar in Gesellschaft dessen, den sie mehr als mich liebete. Ich habe namlich den toten Kerper desselben jungen Edelmanns in einen Schrank gehanget, und sie gleichsam zur Bewahrerin dieser Kostbarkeit bestellet. [a, damit sie ihres Geliebten niemals vergessen mage, so lasse ich ihr auch bei Tische den Schadel dieses Basewichts als ein Trinkgeschirr vorsetzen, damit sie also erstlich denjenigen lebendig vor Augen sehen musse, den sie sich durch ihr Laster zum Todfeinde gemacht: zugleich aber auch denjenigen, dessen Freundschaft sie der meinigen vorgezogen

(Biedermann 12).

DieGeschichtenahm schliefslichdurch dasEingreifendesKonigsvon Frankreich,dervondemVorfallerfahrenhatte, einfriedlichesEnde,unddasEhepaar wurde wieder versohnt. Auf die Prasentation der Beispielgeschichte folgt die obligateBesprechung.Herr BiedermannisterschrockenuberdieGrausamkeit des Ehemanns; Euphrosyne hingegen halt noch argere Bestrafungen fur legitim:

Er [der Ehemann] hatte ihr das Fleisch ihres ermordeten Buhlers stuckweise vorlegen, und sie durch Hunger notigen sollen, dasselbe bis auf den letzten Bissen zu verzehren. Er hatte seine Knochen zu Pulver machen und in ihr tagliches Cetranke mischen sollen, bis sie ein lebendiges Grab ihres unzuchtigen Liebhabers geworden ware. Und wer hatte ihm diesen billigen Eifer mit gutem Grunde verargen konnen( (Biedermann 15)

Biedermann versucht ein zweites Mal vergeblich, die Schuld der Frau zu relativieren,dochEuphrosyne bleibtdabei:dieBestrafungderFrauseidurchaus angemessen gewesen. Die Rollen sind also im Gegensatz zum Spectator-Beitrag vertauscht. Der Mann (Biedermann) verteidigt die Frau gegen ihrenVerfuhrer: dieFrau(Euphrosyne)rechtfertigtdiegrausamen Bestrafungen des Ehemannes. Entscheidend ist, dass auch hier die bizarren Elemente der Beispielerzahlung durch die vorangehende ausfuhrliche Schilderung der in jederHinsicht vorbildlichenEheEuphrosynesmitSophroniscuskonterkariert und ausgeglichen werden (Biedermann 9-11).

Die Geschichte von Inkle und Yarico erschien also ursprunglich eingebettet ineineklassischeCesprachssituationderMoralischenWochenschriften." die Schilderung des Besuchs des Herausgebers bei tugendhaften Freunden. Als Beispielerzahlung erfullte sie innerhalb dieses konventionellen settings eine ganz bestimmte Funktion; sie sollte den Mr. Spectator (und diesen stellvertretendfurdiegesamte Leserschaft)durch Ruhrungbelehren.Auchwenn die Sympathie des Lesers dabei eindeutig auf die betrogene Yarico gelenkt wird, so bleibt doch festzuhalten, dass durch den doppelten Erzahlrahmen-cMr.Spectatorberichtet, wieAriettaihmeineGeschichte,diesiegelesenhatte, erzahlte _30 auch eine erhebliche Distanz zwischen der fiktiven Verfasserschaft einerseits und der Erzahlung mit ihren Charakteren anderseits hergestellt wird. (BeideErzahlungen, die"Witwe vonEphesos"und "Inkleund Yarico," spielen zudem in zeitlicher oder raumlicher Ferne -der romischen Kaiserzeit bzw.derexotischenKaribik-,wasfurzusatzlicheDistanzierung sorgt.)BeiRuckschlussenaufdieAutorintention (Steeles) istdaherVorsicht geboten. Das verwandte Stuck aus dem Biedermann zeigt, dass die moralischeAusdeutungsolcherBeispielerzahlungenim Kreis derfiktivenVerfasserschaft-und hierwareallenfalls nacheinerAutorintentionzufragen-, dass das gebotene [abula docet also dem Verlauf der Geschichte auf unerwartete Weise entgegenlaufen,ihm geradezuwidersprechenkann.

DieGeschichtedesenglischenKaufmannsund derIndianerinnachzuerzahlen und dabei die moralische Deutung ganz dem Leser zu uberlassen, scheint mit dem Dichtungsverstandnis der Fruhaufklarung nicht vereinbar zu seine Diesbelegtdieeinflussreichste deutschsprachige Version, Christian Furchtegott GellertsVerserzahlung "Inkleund Yariko" (1746).31 Gellerthalt sichengandieVorlage Steeles (dieihminderUbertragung LuiseAdelgunde GottschedszurVerfugung stand);" durchdieHerauslosungderGeschichte ausihremKontextunddurchdenWegfall derRahmenhandlungwirdausder Binnen-eineselbstandigeErzahlung. Hatte beiSteeledieRahmenerzahlung dieFunktioneinesKommentarserfullt,wird hierdieMoralderGeschichtedirekt an dieErzahlungangebundenund in einemEpimythionausdrucklichbenannt:

  1. o Inkle! du Barbar, dem keiner gleich gewesen;

  2. o mochtedeinenSchimpf einjederWelttheillesen! Diegrofste Redlichkeit, dieallergrofste Treu Belohnstdu,Bosewicht] nochgarmit Sclaverey? EinMadchen, dasfUrdichihreigen Leben wagte, DasdichdemTadentrifs, undihremYolkentsagte, MitdirdasMeerdurchstrich, und,beyder Glieder Reiz, DasbesteHerz besafs, verhandelst duaus Geiz'? Seystolz! Kein Bosewicht bringtdichum deinenNamen. Niewirdes moglich seyn, deinLasternachzuahmen

(Gellert 72-74).

Manhat dieseMoralalsuberflussigempfunden,dasiedurchdieGestaltung der Szenen eigentlich schon hinlanglich deutlich geworden sei (Vollhardt, "Kommentar" 241). Die ganze Erzahlung ist nach einem strengen Oppositionsschema aufgebaut, das den Gegensatz zwischen Liebesfahigkeit und Gewinnsuchtaufalleninhaltlichenund formalenEbenenverdeutlicht" und zum Schluss noch einmal unmissverstandlich formuliert ("Treu" -"Sclaverey,""Reiz"-"Ceiz").BeiGellerts"Inkleund Yariko"handeltessichalsourn eine massive Verscharfung und Radikalisierung der Steeleschen Vorlage. Erst hiererhaltdieGeschichte einedeutlichekulturkritischeAusrichtung, erstin dieserVersionwirdgegenInkle,kolonialeEroberungen-unddiechristliche Mission_34ganzeindeutigStellungbezogen."

Bereits Price hat bemerkt, dass Gellert Motive der Geschichte in seinem gleichzeitig entstandenen Roman Leben der Schwedischen Grafinn von G*** (1746) verwendet hat (Album 82-83). Im zweiten Teil des Romans erzahlt die Crafin vom Schicksal ihres verloren geglaubten Mannes, der in sibirische Gefangenschaft geraten war, und erwahnt in diesem Zusammenhang die Geschichte Steeleys, eines englischen Offiziers und Mitgefangenen ihres Gemahls, und dessen "Freundschaft" mit einem kosakischen Madchen." Wahrend die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Verwendungen desselben Stoffes beziehungsweise Motivkomplexes bei Gellert offensichtlich sind;" wurden die Unterschiede der beiden Fassungen bislang nicht beachtet. Die Einbettung der Geschichte in den Gang eines grofseren Erzahlkomplexes im Roman bedingt namlich entscheidende Veranderungen fur die Struktur der Erzahlung. Im Gegensatz zu seiner Behandlung in der zeitlich parallel entstandenen Verserzahlung wird der Motivkomplex im Roman in einen metadiegetischen Rahmen zuruckversetzt, Zum einen erzahlt die Crafin, ahnlich wie in den erwahnten Beispielen aus den Moralischen Wochenschriften, aus zweiter Hand von einer "ruhrenden" Begebenheit, die sich in geographischer Ferne (Sibirien) abgespielt hat;38zum anderen weist der Erzahlrahmen des zweiten Teils des Romans starke Ahnlichkeiten mit der aus den Wochenschriften bekannten Grundsituation des geselligen Cesprachs im Freundeskreis auf.

Wahrend also in Gellerts vetsetzahlung die Gattungskonventionen eine klare Moral einforderten -und Steeles Geschichte dementsprechend auf eine unmissverstandliche Anklage (gegen Kolonialismus und Mission) zugeschurztwurde-,verfolgtderEinsatzvonMotivenaus derselbenGeschichte in GellertsRoman ein anderes Ziel. Dessen zweiterTeildientder ausfuhrlichen Darstellung der tugendhaften Geselligkeit und der Freundschaftsliebe der Crafin und ihrer Hausgesellschaft (in der ihr zuruckgekehrter Gatte mit ihrem zweitenEhemanneintrachtigzusammenlebt). IneinerReihe vonEpisoden wird vorgefuhrt, wie aufsere Schicksalsschlage, privates Ungluck und traumatische Erlebnisse in der Vergangenheit durch stoische Gelassenheit und tugendhafte Philanthropie verkraftet werden konnen, Uberspitzt formuliert: Eshandelt sich gleichsam um eine in Romanform gebrachte Moralische Wochenschrift. Steeleys kurze "Freundschaft" mit der Kosakin wird in diesem Zusammenhang als lassliche Affare in einer extremen Notsituation fur legitim erklart. Die Verbindung mit der Wilden wird allerdings auch nicht alsLiebesbeziehunggeschildert. Siegerat durchdie nachfolgendeDarstellung der vorbildlichen Beziehung Steeleys zu Amalie in den Hintergrund," die in derVermahlungderbeidenim KreisederHausgesellschaftderCrafingipfelt.40

Die Begegnung des Europaers (Englandersl) mit einer Wilden hat also, bedingt durch Gellerts Auffassung der Romanform als einer "moralischen Anstalt,"41 eine volligandere Funktion als in der VerserzahlungdesselbenAutors. Anstelle des Konfliktes zwischen Kaufmannsgeist und reiner Liebe und statt einer affektgeladenen, leidenschaftlichen Liebesbeziehung -die Gefahren einer solchen zeigt die Marianen-Episode auf ganz drastische Weise _42 wird hier aus denselben Motiven lediglich eine momentane kleine Idylle aufgebaut. Entsprechend endet die Episode auch undramatisch mit der Versetzung Steeleys in ein anderes Gefangenenlager.

In flagrantem Gegensatz zu dieser Verwendung des Stoffes steht seine Bearbeitung durch Johann Jakob Bodmer in einer Verserzahlung aus Calliope,43 einer zweibandigen Sammlung freier Nachdichtungen von epischen Stoffen aus der Bibel, der Antike und dem Mittelalter." "Inkel und Yarico" bildet zusammen mit der inhaltlich verwandten Verserzahlung "Monima"45 den Abschluss der Sammlung. Die unter anderem in Plutarchs Viten erzahlte Geschichte von Monime, der ersten Frau des Konig Mithridates, ihrem Aufstieg und Selbstmord, hatte zuvor bereits Gellert in seinen Fabeln undErzdhlungen -der mutrnafslichen Quelle Bodmers _46 bearbeitet, und auch seine, Gellerts,Monime-Bearbeitungwarbereitsin unmittelbarerNahe zurGeschichte von Inkle und Yarico abgedruckt."

Bodmer stufte offenbar das epische Potenzial von Inkle und Yarico so hoch ein, dass er seineBearbeitungdes Stoffes in eine illustre Reihe gewichtigerepischer Stoffe (MonimalParzival, [lias) einruckte." Die Umdeutung des Stoffes von Inkle und Yariko von einer moralisch-kulturpessimistischen Erzahlung zu einer epischen Szene, derenPathos Bodmer offenbar als demjenigen antiker und biblischerStoffegleichrangigerschien, bringt aucheine Verschiebungder Erzahlperspektive mit sich. Bodmer konzentriert seine Verserzahlung ganz auf das Zusammentreffen des "junge[n] wirthschaftliche[n] mann[s]" (377) mitdem"orangenrothmadchen" (373)-dieVorgeschichteInkles wirdubergangen _,49 um den dramatischen Effekt der Trennungsszene zu erhohen und das moralische Versagen Inkles zu betonen. Dabei entfallt jedochder kulturkritische Impetus der Gellertschen Vorlage weitgehend.v Mit dem Wechselins epischeGenregeht auchdieVerwendungdes klassischenepischenVersmafses einher." Der Einsatz des Hexameters, rhetorisch-getragener Redepassagen sowie biblischer Diktion und Metaphorik sind die auffalligsten Mittel, mit denen der Stoffnach den Mafsgaben des religiosen Epos (als des legitimen Nachfahren des Erbauungsbuches) umgestaltet wird. Dies hat Konsequenzen auch fur den Gang der Erzahlung. Durch den intensiven Einsatz epischer Stilmittel, vor allem der epischen Rede, verlagert sich die Erzahlperspektive von der beschreibendenAufsenansicht (bei Gellert) aufdie Innensicht der beiden Protagonisten, die ihre moralischen Einstellungen und Oberzeugungen in wortreichen Reden darstellen.

Die Erhohung der Figuren zu tragischen Helden und ihre formalen Konsequenzen-epischesVersmafs,pathetischeRede,religiose Metaphorik-sind der Schlichtheit der Ursprungsversion abtraglich (Steeles Arietta hatte noch einen Tatsachenbericht wiedergeben wollenl), Ein weiteres, entscheidendes Moment der Fassung Steeles (und Gellerts) -und ein notorischer Knack

punkt indenTextinterpretationen_52istdieTatsache,dassInkleund Yarico sichbeiihrerBegegnunganfangsnicht mit Wortenverstandigenkonnen und erstallmahlicheinegemeinsameSpracheentwickeln."DiesesMoment wird beiGellertdurchdiekonsequenteAufsenperspektive unddensparsamenEinsatz von direkter Rede adaquat umgesetzt. Bei Bodmer hingegen kann es kaum glaubwurdig wirken, wenn die beiden Liebenden -obwohl sie sich auchhiernur mit "gebehrden" und "minen"zuverstandigenvermogen_54 vonAnfangan in getragenenRedenkommunizieren. In diesem Konfliktzwischen inhaltlicher und sprachlicher Gestaltung, der postulierten naturlichnaiven Humanitat Yaricos und ihrer elaborierten direkten Rede, mag ein Grund far dieeinhelligeAbwertung derBodmerschenFassungsowohlinder zeitgenossischenRezeption (Mendelssohn)55wieinderForschung(Price) liegen (vgl. Album 85-86).

BodmerbeendetseineFassungmit einemEpilog, andenzweiweitere Versionen(vonGessnerundMoser)in Prosa anknupfen;"diebeidedieGeschichte zu einem happy end fuhren.

Alsoerzahltdiegeschichtein dichter,57u.schweigt u.bedenktnicht,

Dafs er uns traurigda stehn Ui~t, diebrust mit abscheu erfullet,

Durft'ichdazuwasdichten, sodichtet'ichdieses: Derkaufer

PurchteteGott, er erbarmtesichtiberdiearme verstofsne,

Hieltsiewie seine tochter, undgabsienachetlichentagen

Ihremvaterundyolkundihrengespielinnen wieder;

Diese fluchen von ihrergeschichte gekranket dem weissen,

Derdasschandlichsteherzin seinemeingeweid fuhrer.

Abersiefluchet ihmnicht,sieliebtihnauchuntreu,und

wunschet

Ihmnur ein menschliches herz,undwunscht sichselbst ihmzur

sclavinn (Bodmer 379).

In einer "Zweyter Theil"58 (1756) genannten Fortsetzung von Bodmers epischer Szene erzahlt Salomon Gessner von "Yarikon's Rettung und Inkelns Reue" (261) undfuhrt dieGeschichteeinemversohnlichenSchluss zu.Auch Inkle, und nicht nur die edle Wilde, ist bei ihm von naturlicher Moralitat gepragt:

SosehrkanndieCute keinHerzverlassen, dassnicht einRuckfallderTugend, keinSchauerderReue,machtigihn [Inkle] fasse; dassnicht seineFahigkeitgut zu seyn,durchdasUnkraut derLeidenschaften,inseinemBusenmachtighinaufbebe (261).

Eine neue Handlungsfigur wird eingefuhrt, der Befehlshaber auf Barbados. DieserverhangttiberInkle,nachdemervondessenTat gehort hat, funfJahre Sklavenarbeit. Inklenimmt dieStrafewiderstandslosan,wirft dasdurchden

VerkaufYaricosgewonnene GeldwegundwirdvonqualenderReuegeplagt. In einer langen Rede gesteht und beklagt er vor den Mitsklaven seine Untat. Nacheinem [ahrkauftihn Yaricolosundkehrt-mitihremKind -zuihm zuruck:

Ach!Yariko,ach!Geliebte-undduerschrickestnicht,michzusehen,dubist's, diemichloskauft?Achtwiekannst dumichsolieben,mich,derdieentsetzlichsteUntreuandir begieng! mich,derdeinesAndenkensnichtwerthist,esware denn, dass du mit Abscheu mich anblicktest. Achl lnkel, sprach das Madchen, steh'auf,meinGeliebter! lassmichnichtIangerdeineUmarmungenmissen,und dein Kind den vaterlichen Kusst (272)

Gessners Umwandlung des fulminanten Lehrstucks (naturliche Cute versus ubersteigerten Kaufmannsgeist) in eine pastorale Szene ist oberflachlich betrachtet eine blofse tranenselige Sentimentalisierung des Stoffes. Entsprechend wird seine Fassung nur selten bei kritischen Lekturen der Geschichte herangezogen -und wenn, dann mit schroffer Ablehnung." Gessners Verortung der Geschichte in den Kontext seiner Idyl/en so11 jedoch nicht dazu dienen,lediglichein sentimentalesTableauzu zeichnen. Hierwird vielmehr ein Beispiel von humaner Natur und vollendeter Tugendhaftigkeit vor dem Hintergrund eines paradiesischen Naturzustandes entworfen, auf dass die zerstorerischen Folgender Kulturentwicklung umso deutlicher sichtbar wurden. In diesemKontext gewinntgerade dieGessnersche,scheinbar belang-und harmlose Fassung an kulturkritischer Brisanz.

1m dritten Band seiner Gesammelten moralischen und politischen Schriiten (1763) bietet derPolitikerundPublizistFriedrichCarlvonMoser (1723-1798) schliefslich eine kaum bekannte "dritte Fortsetzung" der Geschichte an.60 Die Fassung der Geschichte mit tragischem Ende hinterlasse beim Leser "einen verachtlichenGedanken tiberdasganze Geschlecht zuruck, ausdessenMitte dieses Ungeheuer [Inkle] aufgetreten ist" (Moser 494). Der ausgleichende Schlussdes"sanfte[n] Dichter[s]" Gessner,dieZeichnung von YaricosCrofsmut, sei hingegen eine verdiente Hommage an das weibliche Geschlecht:

Yariko erscheint in der ganzen Grosse und Glanz [sicl] eines zartlichen Herzens

und ihr Siegist zugleichderTriumphihresganzenGeschlechts.

Herr Gepner hat sich damit die schonste und verdienteste Anempfehlung ge

macht, dasLobseinesHerzenswurde ineinerGesellschaft vonDamesvollEin

sicht und Geschmack besungen, sie wurden ihm, wo er gegenwartig gewesen

ware, den Cranz selbst gewunden haben (494-95).

Der Befehlshaber auf Barbados (bei Moser: Reval) beobachtet geruhrt die Versohnung zwischen Inkle und Yarico, "di~ Wunder der schonen Natur" (497), und beschliefst, Inkle nicht nur die Freiheit zu schenken, sondern ihm auch seine "verlohrenen Schatze wieder einzusetzen" (497).61 Nach einem

letzten heftigen Reueanfall Inkles besteigen die beiden ein Schiff nach England. DorterfahrtInkle,dasserwiederindenBesitzseinerzuvorkonfiszierten Cuter gesetzt wurde -und fallt sogleich in seinen alten "Kaufrnannsgeist" zuruck:

SchonuberdenkterbeysichdieSummen,dieerzum VergnugenderYariko, zum Losegeld der Vergebung verwenden wolle, schon berechnet er bey sich die VerhaltnisseihresDanksgegendie Gro&en seinerUntreue,obsichetwa einsgegen dasandereinsGleichgewicht steIlenlasse (500).

Die Strafe folgt auf dem Fu~: Ein heftiger Seesturm zieht auf und bringt das Schiff in Gefahr. Inkle kommt bei diesem Ungluck endgultig zur Besinnung, entsagt seinem "Celdgeiz" und zeigt endlich "ein Herz, wurdig ein Muster zu seyn mannlicher Zartlichkeit" (501).

DerHErrdesMeeressaheundharte sie[,] undderWeltein BeyspielzulassengeseegneterZartlichkeit,geboteerdenSturrnen,YnklebehielteYariko und seine Schatze,sielandeten nachwenigenTagenam patriotischenUferund vonihnen stammen noch aIle Ynklemit weichenHerzen bi& aufdenheutigenTag(502).

Eine eigenwillige Kontamination: Die bisherigen Versionen und ihre Hauptthemen -Steeles gender-Thematik, Gellerts Merkantilismus-Kritik und Gessners empfindsame Idylle -werden in einer kurzen Szene stretto noch einmal zusammengefuhrt.

Der kurze Abriss hat gezeigt, wie die Geschichte von Inkle und Yarico in Deutschland im 18. Jahrhundert auf mannigfache Weise weiterverarbeitet wurde. Die ursprunglich in eine Cesprachsszene einer moralisierenden Wochenschrift gebettete Erzahlung (Steele) wurde in einer Fabel gegen den Kolonialismus verwendet (Gellert), in einen lehrhaften Roman eingebaut (Gellert), als epische Szene gestaltet (Bodmer) oder in empfindsam-religiosen Prosastucken weitererzahlt (Gessner, Moser). Entsprechend tragt die edle Wilde je nach Fassungvollig unterschiedliche Ziige: Sie erscheint einmal als naiv-gutmutige Betrogene in einer Diskussion urn (weibliche) Untreue, als Opfer des Kolonialismus, als tragische Heldin, schlielslich als empfindsamgrofsmutigeFigur.Diese Rezeptionsgeschichte-anhandder sich im Ubrigen beispielhaft die Entwicklung der Empfindsamkeit in Deutschland skizzieren Iiefse-zeigt zunachst einmal die erstaunliche Wandlungsfahigkeit der Urfabel, die sich offenbar in ganz unterschiedlichen Kontexten verwenden lasst. Auffallend bei allen Fassungen ist die moralische Ausrichtung, die Anwendung der Geschichte als lehrhafte Fabel-dies gilt auch noch fur die letzte, Mosersche Version, die sich mit dem Schema von Tugendlohn und Lasterstrafeeines bewahrtenMustersdererzahlendenLiteraturder Zeitbedient.Esist, angesichts der Heterogenitat der Varianten, bei diskursanalytisehen Interpretationen bzw. Lekturen des Stoffes nun entscheidend, ob etwa von der Yarieo Steeles oder derjenigen Gessners oder Mosers die Rede ist. Die scheinbare Selbstverstandlichkeit, hier genau zu differenzieren erhalt genau dann Brisanz, wenn, wie es in neueren Interpretationen geschieht, die Entstehung des die Kolonialpolitik naturalisierenden Yarico-Mythos aus der heterogenen und widerspruchlichen Uberlieferung heraus erklart wird.

Sabine Schulting etwa betrachtet Yarico (zusammen mit den "wilden Frauen" Malinche und Pocahontas) als Projektionsfigur in einem ubergreifenden "Machtdiskurs.s? als mythische Figur, die dazu instrumentalisiert worden sei, komplexe Entwicklungen der Kulturbegegnung zu einer Geschichte zu naturalisieren und zu harmonisieren. Die vergessenen Geschichten hinter den (beschonigenden) literarischen Versionen auszumachen, den Mythos zu "denaturalisieren," ist die programmatische Zielsetzung ihrer Lekturen. Urn bei unserem Beispiel zu bleiben: Abzugrenzen sind Schulting zufolge die "bekannten bzw. tradierten Geschichten" tiber Yarico-die literarisch-stilisiertenLiebesgeschichtenalso-vonden "verschuttetenVersionen," den"widerspruchlichen und vieldeutigen Interpretationen und Literarisierungen von [...]Yarico"(163).Schultingsstetsanregende "Lektureder Frauenfiguren" bezieht sich im folgenden vornehmlich auf Steeles Erzahlung sowie auf deren Quellen, die Reiseberichte Ligons und anderer. Steeles respektive Ligons Versionen lassen sich aber nicht etwa der genannten "offiziellen" beziehungsweiseder "verschutteten"Version der Geschichte zuordnen. Esgeht vielmehr urn das Freilegen einer beiden Versionen unterliegenden Tiefenstruktur: der Instrumentalisierung der Frau -hier Yaricos-als eines Tauschobjektes, einer Vermittlerin zwischen den Kulturen und eines Modellbeispieles der Kolonisierung. Ein und dieselben Texte sind also schriftliche Dokumentationen gleich beider Diskurse. Ligons und Steeles Erzahlungen uber Yarico inaugurierten zum einen den Mythos einer edlen Wilden (die "offizielle" Version) und stiinden gleichzeitig beispielhaft fur die Instrumentalisierung der Frau im Zuge der Kolonialpolitik (die "verschutte" Tiefenstruktur).

Die Methode, mit denendiese beidenEbenenvoneinandergelost und analysiert werden, ist trotz allen diskursanalytischen Vorsatzen diejenige einer (weit ausgreifenden)Textinterpretation. Allerdings -und dies ist das entscheidende und heikle Problem -ist die Etablierung der beiden Diskurse nicht das Resultat, sondern vielmehr bereits der Ausgangspunkt der Interpretation. Mit anderen Worten: Bei der Lekture der Texte Steeles und Ligons gegen den StrichbleibtesvonAnfangan ganzlich demErmessender Interpretinuberlassen, zu entscheiden, welche Textteile dem "offiziellen" und welche dem "vetschutteten" Diskurs zuzuordnen sind. Die Erzahlung im Spectator etwa liest Schulting folgenderrnafsen:

Die Figur der Yarico dient [... ] als Beispiel fur absolute Wahrhaftigkeit, fur weibliche Treue, die sie mit ihrem Korper bezeugt und fur die sie schliefslich mit dem Kerper bezahlen mufs. Ihre (Hin-) Gabe ist die Voraussetzung dafur, da~ ihre Geschichte in einen Text verwandelt werden kann. Aus ihrem Kerper und ihrer Fahigkeit zu biologischer Produktion geht die Geschichte, die textuelle Produktion Ariettas hervor. Wahrend Yarico fur ihre Verausgabung aber nicht entschadigt wird, wird Ariettas Gabe -die Geschichte -angemessen vergolten. Der Rahmenerzahler [Mr. Spectator] bedankt sich mit einer korperlichen Veraufserung [Tranen] [... ].

[... ] Durch sie [die Tranen] konnen "Luge" und "Falschgeld" als Folgen des merkantilistischen Wirtschaftsprinzips ebenso uberwunden werden wie die geschlechtliche Semantisierung von Text-gegenuber Korperprodukten, Dies wird aber nur realisiert urn den Preis der Aneignung der indigenen Frau und ihrer Ausloschung im Text (193).

Als originelle Auslegung des Spectator-Beitrags -ein merkantilistisehes Prinzip organisiere aueh die Textstruktur _63 im Sinne poststrukturalistiseher Theoriebildung (Greenblatt) ist gegen diese Interpretation niehts einzuwenden.>' Wiehtig ist aber der grofsere argumentative Zusammenhang: Steeles Gesehiehte steht Schulting zufolge [aexemplariseh fur das Verfahren europaischer Autoren, die "indigene Frau" zu instrumentalisieren. Die Figur der Yarico, wie sie hier behandelt wird, erhalt dabei aufkerordentlich sehillernde luge: Einerseits ist sie ein hybrides allegorisches Konstrukt, ein Mythos, der die Eroberung der Neuen Welt symbolisiert -und als soleher ein Produkt versehiedener, genau benennbarer literariseher Quellentexte ("Sie [die tradierten Liebesgeschiehten] verwandeln die indigenen Frauen [... ] in Mythen").65 Andererseitsist sieeineliterariseheFigur,eine blofseTextfunktion,die nuraufder Grundlage eben dieses allegorischen Konstruktes interpretierbar ist ("[Yarieo wird] als stabilisierende Prasenz des europaischen Textes angeeignet").66 Die Trennung der "offiziellen" von der "verschutteten" Version bleibt daher nebulas, da einzig festgehalten werden kann, dass anhand und auf Kosten der (historisehen, literarisehen oder mythologisehen?) Yarieo "Diskurse verhandelt" wurden,

Esfragt sieh, ob ein soleher hermeneutiseher Zirkel aueh auf andere Quellentexte,aufdieweiteren-inhaltliehzumTeilvolligkontraren-Versionen in dieser Form anwendbar ware. Denn wie kann mit Sieherheit entsehieden werden, welehe Textelemente sieh als dureh literarisehe Traditionen, Gattungskonventionen oder Stromungen gepragte bestimmen, und welehe sieh als Indiziender genanntenTiefenstruktur, des"Maehtdiskurses" der europaisehen Kolonisierung, lesen lassen -vor allem, wenn eine Diskursgesehiehte, keine blofse Textinterpretation geleistet werden sell? Die Fragen stellen sieh umso dringlieher in denjenigen Fallen der Rezeption des Stoffes von Inkle und Yarieo, wo -im Unterschied zu den englisehspraehigen Versionen Steeles

undLigons-keineunmittelbareVerbindungzwischendenAutoren,ihrem Herkunftsland und kolonialpolitischen Aktivitaten gegeben ist.? Beider Erforschung dieser (spateren) Beispiele ware also eine grofsere Objektivierung erwunscht, dieaufverschiedenenEbenenerfolgenmusste,Einediskursorientierte UntersuchungnachdenPrinzipienFoucaultsoderGreenblattssollte davonausgehenkonnen, dassdiebetreffendenQuellenzuvorgrundlichinihremhistorischenKontexterforschtworden sind.68 Diesbetrifft ganzgrundsatzlich zunachst ihren art innerhalb der Gattungsgeschichte; dann ihren Kontext innerhalb der Literaturgeschichte (fur Deutschland also etwa ihre StellunginnerhalbderEntwicklungderEmpfindsamkeit);schliefslich dieGeschichte ihrer Rezeption von der zeitgenossischen Wertung bis zu neueren Textinterpretationen. Fur Deutschland hiefse dies, dass die dortige UmformungeinermoralischenBeispielgeschichte zu eineranklagerischen Fabelgegenden Kolonialismus und weiter zu einerschaferlichen IdyllebeiGessner eher auf dem Hintergrund der deutschen Entwicklung der Empfindsamkeit und derbeginnendenRousseau-Rezeption alsaufdemjenigeneinesKolonialdiskurseszu sehenware.Damit sollderpostkolonialenTheoriebildungkeineswegs ihr Recht abgesprochen werden; das historische Material birgt jedochauchdann uberraschendeundspannendeFunde,wenn esnurgenau, und nicht gewaltsamgegendenStrichgelesen wird.

Notes

1The Spectator, ed. Donald Bond (Oxford: Oxford UP, 1965) 1:47-51 (No. 11,Tuesday, March 13,1711). ZurVerbreitung: Elisabeth Frenzel, Stoffe der Weltliteratur (Stuttgart: Kroner,1992) 357-60.

2 L[awrence] M[arsden] Price, Quodgenus hoc hominum? Inkleand Yarico Album (Berkeley: U of California P, 1937).

3 "one of the nearly flawless masterpieces of literature" (Price,A/bum2).

4 Vgl. im Schlusskapitel "In Memoriam" (135-38): "Since his [Richard Ligon's] time, or rather since the time of Steele, many poets and dramatists have erected for Yarico monuments in prose and verse, but their stones serve today not to perpetuate the memory of the real [I] Yarico but to document the taste of the builders" (Price,Album 135).

5 Frank Felsenstein (ed.), English Trader, IndianMaid:RepresentingGender, Race,and Slavery intheNew World. Anlnkleand Yarico Reader (Baltimore: Johns Hopkins, 1999). Die Anthologie enthalt neben zahlreichen englischen Versionen des Stoffes auch Auszuge aus zwei wichtigen Quellentexten, Jean Mocquets Voyages enAfriquel Indes orientales etoccidentales (1617) und Richard Ligons True andExact History oftheIslandofBarbados (1657), ferner amerikanische, franzosische und karibische Fassungen.

6 Felsenstein, English Trader 3. 7 "Inkle and Yarico not only is intertextual, it is also intergeneric, permitting us to move with ease from travel discourse through such forms as periodical essay, heroic

epistle,comicopera,pantomime,ballad,andpopularanecdote.Asanarrativethat survivesastext,itreplicatesanimportantfactualfictionofcommunalmemorythat belongedinitsdayasmuch tooralastowrittenculture"(Felsenstein, English Trader 43).

8 Felsenstein, English Trader, hintere Umschlagseite. Einzelne Thesen des Herausgebersscheinenangelehntan:Martin Wechselblatt,"Genderand RaceinYarico's Epistlesto Inkle:Voicingthe Feminine/Slave," Studies inEighteenth-Century Culture 19 (1989): 197-223.

9Ygl.etwaden(u.a.aufSteelesVersionfufsenden) RomanderkaribischenAutorin BerylGilroy: Inkle andYarico. Being the narrative ofThomas Inkle, Concerning hisshipwreck andlongsojournamongtheCaribs, hismarriagetoYarico, aCaribwomanandhislifeon theislandofBarbados (Leeds: PeepalTree, 1996). Dazu: Arnd Beise, "The Narrative ... I cannot tell. Beryl Gilroy uberschreibt die Geschichte von Inkle und Yarico," Raume der Hybriditiit: postkoloniale Konzepte in Theorie und Literatur, hg. Christof Hamann und CorneliaSieberunter Mitarbeit vonPetraGunther (Hildesheim: Olms,2002) 213-35.

10 Felsensteins Anthologie enthalt immerhin Salomon Gessners Version der Geschichte (148-52, in engl. Ubers.).

11 "handling of issues of gender and race" (Felsenstein, English Trader 43).

12Ygl. dazu: Ernst Beutler, "Inkle und Yarico," Essays umGoethe (Zurich:Artemis, 1980) 735-41; Peter Putz, "Die Herrschaft des Kalkuls, Form-und Sozialanalyse von

Gellerts'Inkle und Yarico'," Wissen ausErfahrungen. Festschrift Herman Meyer, hg.Alexander von Bormann (Tubingen: Niemeyer, 1976) 107-21. Zur Figur des/der edlen WildeningrofseremKontextvgl.Gunther Bien, "ZumThema desNaturstandsim17. und 18.Jahrhundert," Archiv fiir Begriffsgeschichte 15 (1971): 275-98; Urs Bitterli, "Der Eingeborene im Weltbild der Aufklarungszeit,"Archiv fiir Kulturgeschichte 53 (1971): 249-63; Werner Krauss, "Der Mythos vom 'bon sauvage'," Zur Anthropologie des 18. ]ahrhunderts, hg. Hans Kortum und Christa Gohrisch (Munchen: Ullstein, 1979) 32-47; Hans M.Wolff,"Cermanlsche'EdleWilde',"in: Worte undWerte. Festschrift Bruno Markwardt, hg. Gustav Erdmann und Alfons (Berlin: de Gruyter, 1961) 477-82. Eine konzise Zusammenfassung der (deutschsprachigen) Forschung bietet FriedrichVollhardt, "Kornmentar,"Deutsche Erziihlungen des18.]ahrhunderts. Von Gottsched bisGoethe, hg. u. komm. von Heide Hollmer, Christine Lubkoll u. a. (Munchen: dtv, 1988)

233-43.

13 Crundsatzlich zum hier skizzierten Problem s. Wolfgang Profs, "Historlsche Methodik und philologischer Kommentar," Vom Umgang mit Literatur und Literaturgeschichte: Positionen undPerspektiven nach der "Theoriedebatte," hg.Lutz Danneberg und Fritz Vollhardt (Stuttgart: Metzler, 1992) 269-91.

14Ygl. KarlKonradPolheim, "Cattungsproblematik," Handbuch der deutschen Erzahlung (Dusseldorf: Bagel, 1981) 9-16. 15Auf die deutschsprachigen dramatischen Bearbeitungen des Stoffes (etwa durch Gottlieb Konrad Pfeffel oder Johann Heinrich Faber) wird hier nicht eingegangen. 16ygl.Anm.1u.S. ZuErzahlkonventionenim Spectator: Donald Kay, Short Fiction in "The Spectator" (s.L: U of Alabama P, 1975). 17[uvenal: "Zweite Satire,"Satiren, lat.-dt., hg.u.ubers,JoachimAdamietz (Munchen: Artemis und Winkler, 1993) 22-35.

18 "de nobis post haec tristis sententia fertur? / dat veniam corvis, vexat censura columbas['Nachalldemwird uberunseinstrengerRichtspruchgefallt?/ DieSittenwacht verzeihtdenRaben,peinigtdieTauben']" (ebd.26-27).

19 Le Spectateur, ou Ie Socrate moderne [...], 1er tome, 2nde ed. (Amsterdam: David Mortier, 1716)58.

20InderklassischenFassungbeiPetrontrauerteineWitwe aus Ephesoshungernd in einer Katakombe bei ihrem verstorbenen Mann. Ein in der Nahe Wache stehender Soldat, der gehangte Verbrecher bewachen muss, trostet sie und gewinnt schliefslich ihre Liebe. Inzwischen wird einer der Leichname vom Galgen gestohlen. Da dem PostendieTodesstrafedroht, erteilt ihmdieWitwe denRat,die Leiche ihresMannes alsErsatzaufzuhangen (Petronius,Satvrica. Schelmenszenen, lat.-dt. von KonradMuller

u.WilhelmEhlers[Munchen:Artemis und Winkler,1995]240-49). ZurVerbreitung des Stoffes im 17. und 18. [hdt.: Frenzel, Stoffe der Weltliteratur 834--37.

21 Spectator 1: 48.

22Ubertragt mandasMottoaufdiebeidenProtagonisten,erhalteseinezusatzliche PointedurchdieTatsache, dassderbose"Rabe"Inkleweifser, diegute "Taube"Yarico dunkler Hautfarbe ist. 23Petron, Satvricon 112,7-8 (246-47)[TchwilllieberdenToten darangebenalsden Lebendigenumbringen"].

24 Spectator 1: 51.

25 DassdieGeschichtederWitwevonEphesosinDeutschland indererstenHalfte des 18. Jahrhunderts vor Lessing kaum je aufgegriffen wurde, hangt mit dem als au~erst skandalos empfundenen Inhalt dieser "sybaritischen Fabel" zusammen, die sichGottsched zufolgeeinerMoralisierungverweigere (J.C.Gottsched, Versuch einer Critischen Dichtkunst [1751] [Darmstadt:Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1982)] 445-46).Vgl.FlorianGelzer: "'Man setzesichnurandieStellederMatrone! Manwird nichts Unnaturliches finden'. Zur Rezeption derWitwe von Ephesus im 20. [ahrhundert," Germanistik in der Schweiz 2 (2003): 25-42.

26 DerBiedermann, Faksimileder Originalausgabe1727-29, hg.WolfgangMartens (Stuttgart: Metzler, 1975) 3. Die Selbstbeschreibung E. W. Biedermanns und die Zeichnung Sophroniskus',desGattenEuphrosynes,erinnern starkandieBeitragedes Mr.Spectator uberseinenFreundSirRogerdeCoverley,einenalterenLandedelmann.

27 Die Geschichte ist erzahlt im dritten und vierten Blatt (15. und 22. Mai 1722; Biedermann 9-12,13-16). Ebenfallsabgedruckt in: Deutsche Erzahlunge« 7-17 (Komm. 219-26).

28 Sie erscheint u. a. als 32. Novelle am vierten Tag in Marguerite de Navarres Heptameron [1542-49] (Paris: Flammarion, 1982)295-300. 29 Kay, Short Fiction, unterscheidet vier Haupttypen der Erzahlungim Spectator: Charakterportrat, Fabel, allegorische Traumvision und orientalische Erzahlung,

30 Eine ahnlich komplexe metadiegetische Erzahlsituation entsteht, wenn sich Biedermann im obigen Stuck daran erinnert, wie ihm Euphrosyne eine Geschichte erzahlte, in der jemand von einer Begebenheit berichtet hatte.

31 Christian Purchtegott Gellert: "Inkle und Yanko," Fabeln und Erzdhlungen, hg. UlrikeBardt u. BerndWitte (= Cesammelte Schriften 1)(Berlin: deGruyter, 2000)70-74 (zu ihrer Verbreitung: Price, Album 163-64). An die Gegengeschichteder Witwe von Ephesos erinnert Gellerts hintergrundige Erzahlung DieWitwe (ebd. 229-32).

32 DerZuschauer, Aus dem Englischen libersetzt, 1. Theil (Leipzig: Breitkopf, 1739) 49-54. Eslassensichz.T.wortlicheAnklangeandieUbersetzung vonLuiseAdelgunde Gottsched feststellen: "Liebe zum Gewinnste" (51f.; Gellert: "Liebe zum Gewinnst," 70); "deutlicher Begriffvon Gewinnst und Verlust" (52; Gellert: "deutliche]r] Begriff von Vortheil und Verlust,"70); "als eben ein indianisches Magdchen aus einem Gebuschehinter ihm hervorsprang" (52;Gellert:"EinwildesMadchen springt ausdem Cebusch hervor," 71) etc.

33 Vgl. dazu Putz, "Herrschaft" 110-11. 34Gellert,"InkleundYariko," 70: "Ihn [Inkle] locktdasreicheLand,daswirdurchs Schwerdt bekehrt, / Das wir das Christenthum und unsern Geiz gelehrt."

35 Bei Steele ist es der vom Vater eingeflosste "love of gain," der Inkles -nicht prinzipiellverurteilten-Kaufmannsgeist pervertiert.Vgl.Wechselblatt,"Cenderand Race" 197-201.

36 Christian Purchtegott Gellert,Leben der Schwedischen Grafi'nn von G***,in Roman, Briefsteller, hg.BerndWitte u.a. (= Gesammelte Schriften IV) (Berlin: de Gruyter, 1989) 3-96;die Episode62-63.

37Vgl. dieBeschreibungderKosakin(USie beweist,dafsesauch unterdemwildesten Volkenochedleund empfindlicheHerzengiebt" [62]), dieersteBegegnungmit Steeley ("Sie spieltmit seinenschwarzen Haarlocken"[ebd.]), dasErstaunen uberseinAu&eres (63), ihr aufopfernder Einsatz fur den Fremden (ebd.).

38 "Ich will das ubrige so erzahlen, wie er [der Gatte] mirs mundlich erzahlet hat" (Gellert,Leben 61).

39 Vgl. die Erzahlung Amalies: Gellert, Leben 77--86.

40Gellert,Leben 86:"Dief wardieGeschichtevonAmaliensundSteeleysLiebe./ Die beiden ersten Tage verstrichen uns unter lauter Erzahlungen, und der dritte war der Vermahlungstag." 41 Eckhardt Meyer-Krentler,DerandereRoman.Gellerts"SchwedischeGrafin ll :Vonder auflelarerischen Propaganda gegen den 'Roman' zur empfindsamen Erlebnisdichtung (Gop

pingen: Kummerle, 1974).

42 Gellert, Leben 24-32: Mariane und Carlson heiraten einander aus Leidenschaft, ohnezuwissen,dasssieGeschwistersind.AlsderInzestentdeckt wird,zieht Carlson in den Krieg. Er wird von Dormund, Marianes zweitem Mann, vergiftet: Mariane begehtSelbstmord.Steeleyhingegenempfindet erst nacheinigerUberwindungZuneigung zu derFremden:"DaSteeleydasvortrefflicheHerz seinerSchonenwahrgenommen:sohat ersichaIleMuhegegeben,siezubilden,undihreedlenEmpfindungenvon denrauhenEindruckenihrerErziehungzureinigen.Siehat, durchdieLiebeermuntert, im kurzen seine Meynungen und seine Sitten angenommen und so viel Verstand bekommen, daf er sich keine Gewalt mehr hat anthun durfen, ihr gewogen zu seyn"

(63).

43Johann JakobBodmer:"Inkel [!] und Yarico," Calliope von Bodmern (Zurich: Orell Gessner,1767)2:373-79. DieseVersionweicht voneinerseparaterschienenenfruheren (von Gessner aufgenommenen) Fassung (1756) an einigen Stellen ab; am Auffallendsten sind die beiden hinzugefugten Eingangsverse (ebd. 373).

441mzweiten Calliope-Band sind u, a. folgendeepischeDichtungen versamme1t: Die geraubte Helena (1-19), eine Nachdichtung des Parcival (33-85), eine llias-Adaption (157-306)sowie eine Nibelungenlied-Bearbeitung DieRache der Schwester (307-72).

45Ebd.381-86. Auch Monima beweint ihre "[... ] unglukseligenreize/ Die ihr, statt einesgatten, statteineszartlichenfreundes,/ Einenherrengegeben,derkoniglichuber sieherrschte;/ Diesieineinensclavischenkerker,dasSerral,geworfen" (383).

46 Die Version des Spectator war Bodmer auch bekannt (Price, Album 83-84).

47 Gellert: "Monime," in: Fabeln undErzdhlungen 112-13.

48 Zur Aufwertung der simplen Geschichte zu einem einer epischen Bearbeitung wurdigen SujetmogenauchAssoziationenmit klassischenMustern beigetragenhaben.AlsklassischesVorbildderTrennungsszeneInklesvonYaricokonnte dieabrupte Beendung des Verhaltnisses zwischen den beiden Liebenden in der (u. a. bei Vergil erzahlten) GeschichtevonDidoundAeneasgedienthaben,einemStoff,deruberdies zahlreiche auffallige Gemeinsamkeiten mit Inkle und Yarico aufweist (Schiffbruch, unehelichesVerhaltnis mit einerFremden,Hohlenszene,gewaltsameTrennung etc.). DiesenVerbindungenzumDido-Mythos,insbesonderezuderaufTertullian zuruckgehenden Tradition, die den Verrat Aeneas' betont, ware gesondert nachzugehen.

49EineAndeutung findetsichallenfallsindenbeidenZusatzversen (s.Anm.43).

50Im Gegenteil: "Diesesschiffwar mit menschen fur kauffmannsguter befrachtet, / Leuten,dievon dem kopfezum fu~ ganzschwarzsind,dienase/ Plattgedruket,soda~sieniemandbedaurt,undmanzweifelt,/ Obinderrussigenwohnungaucheineseele sich findet" (ebd., 376-77).

51EineoriginellearithmetischeDeutung desvonGellertbenutzten Versmafses, des Alexandriners, findet sich in Putz, "Herrschaft" 116-19. 52Z.B.Wechselblatt,"Genderand Race" 198-99und passim;Felsenstein,English Trader 3;Schulting,"WildeFrauen"190;Beise, "Narrative,"passim.

53Spectator 1:51:"Inthis manner didthe Lovers passaway theirTime, tillthey had learn'daLanguageoftheirown [...]."Gellert,"Inkleund Yariko" 71:"Die Liebe flo~tdemPaarbaldeineMundartein./ SieunterredensichdurchselbsterfundneTone./ Kurz, er versteht sein Kind, und ihn versteht die Schone."

54"Alsosagtsiemitminen,dieihreredenerhohen,/ Undihmerklaren,wiewolerdie tone zum erstenmal horte" (375).

55 Moses Mendelssohn: "Betrachtungen uber das Erhabene und das Naive in den schonen Wissenschaften," Schriften zurPhilosophie undAsthetik, bearb. von Fritz Bamberger (=Cesammelte Schriften 1) (Stuttgart, BadCannstatt: Frommann, 1971),191218, hier 203-04: "Alslnkle im Begriff war, seine Retterinn Yariko, die ihn so zartlich liebt, seinem unmenschlichen Geldgeize aufzuopfern, la~t sie der Dichter [Gellert] flehen:/ Mich,dieichschwangerbin,mich!fahrt siefortzuklagen./ DiewahreNatur redet hier aus der unglucklichenYariko. Diesesmich! enthalt die bittersten Vorwurfe, und zugleich die beweglichsten Vorstellungen, die sie ihm machen konnte. Wir erinnern uns einst von dieserGellertschen ErzahlungeinevermeinteVerbesserung, inHexametern, gelesen zu haben. Unter andern schien dem ungenannten Verbesserer [Bodmer] dieseRededer Yariko zukurz, underlegteihr [...]einesehrlangeRedevon Tugend, Dankbarkeit, Menschenliebe, Bestrafung der Sunde u. d. g. in den Mund; kurz, er la~t sie alles sagen, was sie Gellert hat empfinden lassen, und vielleicht auch das, was sie, nach ihrem Charakter, nicht hat empfinden konnen."

56Gessnerzitiert sogarwortlichausBodmersVersion:SalomonGessner: "Z:weyter Theil," Schriften (Zurich:Gessner, 1801) 3:243-72(wiederabgedrucktin Deutsche Erzdhlungen 48-51) 263.

57 Fassung 1756: "mein Autor."

58 Gessner, "Zweyter Theil." Die betreffende Sammlung ("VermischteGedichte," 227-72)enthalt aufserdemdieTexte "DervesteVorsatz,""AnChloen,""Morgenlied," "Lied eines Schweitzers an sein bewaffnetes Madchen," "An den Wasserfall." Vgl. P[aul] Usteri:"[Cessners] InkelundYariko," Archiv fur dasStudium der neueren Sprachen

undLiteraturen 122(1909):358-68(mit Abdruck derfranzosischenUbersetzungHeinrich Meisters von 1790). 59 Felsenstein, English Trader 149: "ridiculously oversentimental effusions;" Price, Album 88-91.

60 Friedrich Carl von Moser, "Inkle und Yariko, Dritte Fortsetzung" [1762], in Gesammelte moralische undpolitische Schriften (Frankfurt a. M.: Gebhard, 1763) 3:493

502. Weshalb Moser seinen Schluss als "dritte" und nicht -plausibler -als "zweite" Fortsetzung bezeichnet (nach der ersten, Gessnerschen), ist nicht klar. Vgl. Price,Album 92: IIWe can but agree with the contributor B. [Thomas Abbt] in the Briefe die neueste literatur betreffend [Nr. 279, 1764], who described the continuation as 'sehr schlecht geraten'.n

61 Dass Inkle bereits grofsen Gewinn gemacht haben solI, geht aus den bisherigen

Versionen nicht hervor. 62 Schulting, Wilde Frauen 7-18;155-233;Wechselblatt,"Cenderand Race"200-01. 63 Die Beobachtung ist nicht neu: ahnlich Wechselblatt, "Gender and Race"198

201.

64 Freilich verbirgt sich hinter "diskursorientierten Lekturen" nicht selten ein Methodeneklektizismus statt einer Diskursanalyse im engeren Foucaultschen Sinn. Bei Schulting stehen z. B. philologische, psychoanalytische, linguistische Lesarten neben allgemein ideengeschichtlichen und historischen Aussagen.

65 Schulting, Wilde Frauen 163.

66 Ebd. 193.

67 Richard Steele hatte selbst eine Zuckerrohr-Plantage auf Barbados geerbt. Vgl. Rae Blanchard: "Richard Steele's West Indian Plantation," Modern Philology 39 (1942): 281-85;James Alsop: "Richard Steele in Barbados: Further Evidence," Eighteenth-CenturyLife 6/1 (1981): 21-28.

68 In dieser Hinsicht mustergultig: Arnd Beises Untersuchung von Gilroys Roman Inkle and Yarico (vgl. Anm. 9) auf dem Hintergrund postkolonialer Theorie (Homi Bhabha, Gayatri Spivak).

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