"Hoffnung im Überfluß": Über die Erfahrbarkeit einer anderen Welt im Werk Gudrun Pausewangs

by Peter Morris-Keitel
Citation
Title:
"Hoffnung im Überfluß": Über die Erfahrbarkeit einer anderen Welt im Werk Gudrun Pausewangs
Author:
Peter Morris-Keitel
Year: 
1994
Publication: 
The German Quarterly
Volume: 
67
Issue: 
3
Start Page: 
389
End Page: 
399
Publisher: 
Language: 
English
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Abstract:

PETER MORRIS-KEITEL

Bucknell Uniuersity

"Hoffnung im Überfluß? Über die Erfahrbarkeit einer anderen Welt im Werk Gudrun Pausewangs

Bei der Auseinandersetzung mit der deutschen Literatur und Kultur der Ge- genwart befällt viele Kritiker trotz-oder gerade wegen-deren Vielfältigkeit und der damit zwangsläufig verbundenen Un- übersichtlichkeit nicht selten ein leises Unbehagen. Dieses GefUhl verdichtet sich zusehends, je mehr sich jene "neue Intimi- tät" zwischen massenmedialer Kultur und systemkonformer Politik bemerken läßt,l welche im Zusammenhang der jüngsten politischen und sozialen Entwicklungen in Mittel- und Osteuropa deutlich hervorge- treten ist. Doch diese Ereignissewaren kei- nesfalls der Auslöser für die zunehmende Anthropologisierung, Psychologisierung und Individualisierung der Literatur. Viel- mehr ist der erneute 2xodus der Politik" aus der Gegenwartsliteratur ein Phäno- men, das vor rund zwanzig Jahren ein- setzte. Seitdem weichen Romanciers immer häufiger ins Ästhetisierende aus, nicht zuletzt deswegen, weil sie den gegenwärti- gen Zustand der Gesellschaft auf Grund des Zerstömngsgrads von Natur und Poli- tik-wie im Fall von Günter Grass' Roman Die Rättin (1986)-nicht mehr für 'poetisierbar" halten.2 In Bestsellern der letzten beiden Jahrzehnte überwiegen daher nicht selten historisierende, mythisierende, kriminalistische oder auch sexualisierende Elemente: so in Umberto Ecos Der Name derRose (1980), Patrick Süskinds Das Par- fum (1985), Martin Walsers Brandung (1985) oder Elfriede Jelineks Lust (1989), um nur einige Beispiele zu erwähnen. Bei einer Vielzahl von Autorinnen und Autoren ist daher ein mehr oder weniger deutliches Fortwirken jener erzählerischen Eigen- schafien zu bemerken, die man seit den .frühen siebziger Jahren allgemein als Neue Subjektivität be~eichnet.~

Im Rahmen die- ser seit kuizem auch als Spät- oder Post- moderne umschriebenen Ära fällt es man- chem Kritiker leicht, eine Verabschiedung der Literatur von Engagement und Utopie auszumachen, da diese-auf Grund des vorherrschenden pluralistischen Prinzips -keinen "gemeinsamen Nenner" mehr aufweise. Dementsprechend kann man die Vielfätigkeit in den Erzählhaltungen ent- weder als ästhetischen 'Spannungs- und Schwebezustand" begrüßen4 oder der post- modernen Literatur entgegenhalten, daß sie allenfallsdem "Individuum dieFreiheit zu privatbildkräftiger Geschichtserinne- mng wie eine Freiheit zum Kauf schöner Waren" vorspiegle und sich durch das da- mit verbundene Suggerieren eines falschen Gefühls von "Sicherheit" zwanglos in die "Mechanik der Weltw einpasse, wo sie letztendlich nicht mehr "~tört."~

Eine solche Literatur bietet kaum mehr als"unterhaltsame Entfremdung," sucht "Freiheitssphä- ren im Wüstensand abzustecken" und widersteht dem Versuch, im Rahmen der gesellschaftlichen, politischen, sozialen und ökologischen Misere der Menschheit Angemessenes "ausrichtenw zu wollen.6

Doch was kann und soll Literatur heute eigentlich "ausrichten"! Welche "Störun- gen" müßte sie verursachen? Wie könnte Literatur wieder eine sinnvolle, d.h. ge- sellschafhbetont-aufklärerischeFunktion übernehmen? Welche Rolle hätte die deutsche Vergangenheit in dieser Literatur

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einzunehmen? Sind derartige Attribute eigentlich noch wünschenswert, und wie könnte man eine solche Literatur über- haupt einer interessierten Leserschaft na- hebringen? Wo existiert heutzutage eine Leserschaft, die sich durch Literatur zu aktivem, sozialpolitischem Engagement jenseits von persönlichen Interessen auf- rufen ließe? Solche und ähnliche Fragen drängen sich unweigerlich auf, versucht man, der Gegenwartsliteratur andere, inhaltsbetonende Aspekte abzugewinnen. Und doch soll im folgenden der Versuch unternommen werden, einige jener Mög- lichkeiten aufzuzeigen und einige Vor- schläge zu unterbreiten, anhand deren die deutsche Gegenwartsliteratur vielleicht wieder eine richtungweisende und zugleich kritisch-unterhaltende Funktion einnehmen könnte. Belege dafür sollen Werke der Autorin Gudrun Pausewang lie-

fern.

Die Verfasserin zahlreicher Romane, Erzählungen, Bilder-, Jugend- und Kinderbücher-dies sei vorausgeschicktwurde bislang von der Germanistik kaum beachtet. Selbst in dem von Heinz Ludwig Arnold herausgegebenen Kritischen Lexikon der deutschsprachigen Gegenwarts- literatur (KLG)findet sich bislang kein Eintrag über sie.7 Dies ist um so erstaun- licher, als Pausewangs Werke bereits in den sechziger Jahren in Tageszeitungen wie der FAZ in Vorabdrucken veröffent- licht, seit 1977 mit einer Anzahl von Lite- raturpreisen ausgezeichnet und bislang in mindestens elf Sprachen übersetzt wurden. Darüber hinaus haben ihre Bücher als Vorlagen für Fernsehfilm- und Thea- terproduktionen gedient, und eine Reihe von Schulen in der Bundesrepublik be- nutzten ihren Roman Die letzten Kinder von Schewenborn (1983) gar als Grundlage fiir Projekttage. Trotz dieses literarischen Erfolgs waren es in der Mehrzahl Pädago- gen, die sich bisher mit dem Werk Pause- wangs und seiner Aussage auseinanderge- setzt haben. Dies überrascht kaum, da sich ihre erfolgreichsten und zugleich umstrit- tensten Bücher in erster Linie an ein jün- geres Lesepublikum wenden und daher von pädagogischen Zielsetzungen geleitet werden, ohne jedoch im Sinne einer an- spruchsvollen Jugendliteratur auf poli- tische und soziale Themenstellungen zu veni~hten.~Hinzu kommt ferner, daß Pausewang viele Jahre als Lehrerin-zunächst in Südamerikaund seit 1973 in der Bundesrepublik-tätig war. Hier sollen in- des weniger die formalen als die inhaltlichen Aspekte ihrer Romaneund Erzählun- gen in den Vordergrund gerückt werden, zumal viele ihrer Bücher-wie Pausewang weiß-von "mindestens ebenso vielen Er- wachsenen wie Kindern bzw. Jugendli- chen" gelesen erden.^ Im Gegensatz zur Klassifizierung ihrer Werke als Kinder-, Jugend- und Erwachsenenromane durch die verschiedenen Verlage richtet sich die Autorin in den meisten Fällen nämlichkei- neswegs an eine bestimmte Alters- oder Bildungsschicht; sie versucht vielmehr, ihre Leserschaft mit Themen wie der zu- nehmenden Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen und mit den Proble- men der "Dritten Welt" und der deutschen Vergangenheit aufiurütteln und zum Handeln zu bewegen. Mit dieser Haltung hofft sie, "unserer Zukunft wieder eine Chance zu geben," wie sie 1984 in ihrer programmatischen Rede bei der Verlei- hung des Gustav-Heinemann-Friedenspreises erklärte.1° Pausewangs Erzählun- gen und Romane sind meist so konzipiert, da13 sich Lösungen nur in der gemein- schaftlichen Haltung aller Beteiligten fin-den lassen, wobei Altersunterschiede und nationale Identitäten kaum eine Rolle spielen. Allerdings sind es nicht selten Kinder und Jugendliche, die bestimmte Aspekte dergegenwärtigen Gesellschaft in Frage stellen und auf Veränderungen drängen, indem sie aufmachbare Alterna- tiven hinweisen.

Auf Grund ihrer durch persönliche Eindrücke gewonnenen Erfahrung begann Pausewang ihre schrifhtellerische Lauf- bahn mit der Auseinandersetzung mit den

sozialen und politischen Problemen Süd- amerikas. Bereits ihre frühen Romane wie Rio Amargo (1959), Der Weg nach 'Ibngay (1965), Plaza Fortuna (1966), Boliuiani- sche Hochzeit (1968) und GuadeZupe (1970) zeichnen sich durch tiefgehende Einsichten in die gesellschaftlichen Strukturen Chiles, Venezuelas und Kolumbiens aus: jener Länder, in denen Gudrun Pausewang zwi- schen 1956 und 1972-mit Unterbrechungen-lebte und arbeitete. Und zwar greift sie in diesen Romanen, wie auch in den Jugendbüchern Und dann kommt Emdio (1974), DieNot derFarndie Caldem (1977), Aufeinem langen Weg(1978) und Der Streik der Dienstmädchen (1979), jene Themen auf, von denen die Mehrzahl der dortigen Bevölkerung täglich betroffen ist: nämlich Armut, Arbeitslosigkeit, Ausbeutung und Unterdrückung. Diese Werke reihen sich in ihrem Engagement für die sogenannte Dritte Welt in jene liberalen Traditionen ein, denen sich im gleichen Zeitraum auch so bekannte Schriftsteller wie Peter Weis und Komponisten wie Hans Werner Hen- ze in ihren Werken zuwandten. Neben faszinierenden und ausführlichen Land- schaftsbeschreibungen spiegeln diese Ro- mane ferner in steigendem Maße die Konzepte der Befreiungstheologie wider, die seit Mitte der sechziger Jahre in Latein- amerika immer mehr an Bedeutung ge- winnt. Bei der Zweiten Generalversamm- lung lateinamerikanischer Bischöfe, die 1968 in der kolumbianischen Stadt Mede- llfn stattfand, wurden die Ergebnisse des Zweiten Vatikanischen Konzils auf die historische, politische und kulturelle Situa- tion des südamerikanischen Kontinents übertragen und damit die theoretische Grundlage für das, was heute als Befreiungstheologie bekannt ist, geschaffen. Diese liberale theologische Richtung, die von einer vehementen Kritik an der be- herrschenden Stellung des europäischen Katholizismus in Südamerika bestimmt wird, zielt darauf ab, das soziale und po- litische Bewußtsein unterprivilegierter Menschen zu wecken. Sie hofft, ein gesell-

schaftliches Engagement zu provozieren, das freilich mit älteren religiösen Einstel- lungen kaum noch Gemeinsamkeiten auf- weist. Demzufolge versteht sich dieBefreiungstheologie-schon auf Grund der un- terschiedlichen historischen, sozialen, kulturellen und politischen Beschaffenheit der einzelnen Länder Südamerikas-ein- deutig als religiös-politische Bewegung und nicht als systematische The~logie.~~

Wohl am deutlichsten zeichnen sich sol- che Konzepte in Pausewangs Romanen Der Weg nach Tbngay (1965), Die Not der Familie Caldera (1977),Auf einem langen Weg (1978), Der Streik der Dienstmädchen (1979), Die Freiheit des Ramon Acosta (1981) und Pepe Amado (1986) ab. Was diese Werke bestimmt, ist die herbe Kritik an den jahrhundertelangen Praktiken der katholischen Kirche in Südamerika, die den arbeitslosen und unterprivilegierten Massen zwar ständig eine "bessere" Zu- kunR verspricht, tatsächlich jedoch der kleinen Schicht von Großgrundbesitzern, Industriellen und Politikern in die Hände spielt. Um im Sinne der Befreiungstheolo- gie für die Veränderung der sozialen und politischen Wmklichkeit eintreten zu kön- nen, fehlt es in Pausewangs Romanen kei- neswegs an utopischen Hoffnungen-ine Eigenschaft, die auch die Befreiungstheologie auszeichnet.12 Entscheidend fürden Erfolg dieser Hoffnungen sind jeweils po- litischer Aktivismus und solidarisches Handeln. Daß der Aktivismus der Ro- manfiguren in der Mehrzahl trotzdem scheitert, bedeutet allerdings nicht das Scheitern der Hoffnung, sondern verweist in einem realistischen Sinn auf die Situa- tion Südamerikas, wo gesellschaftliche Veränderungen stets mit lang anhalten- den, zähen und von Rückschlägen beglei- teten Auseinandersetzungen verbunden sind.

Nach ihrer Rückkehr in die Bundes- republi. am Anfang der siebziger Jahre begann sich Pausewang-sensibilisiert durch den weltweiten Studentenprotest, die Lektüre von Arbeiten amerikanischer Untergrundkämpfer und der Werke Brechts sowie durch die wachsende Be- drohung der Menschheit durch die militärische Aufrllstung, wie sie in einem Inter- view sagte13-mehr und mehr mit der deutschen Vergangenheit und Gegenwart auseinandenusetzen, ohne jedoch auf südamerikanische Themenstellungen und die Konzepte der Befreiungstheologie gänzlich zu verzichten. Ferner trat für sie wie fixviele Deutsche und Europäer die "ökologische Frage immer mehr in denvor- dergrund des Zeitgeschehens."14 Hinzu kam der sogenannte Natodoppelbeschluß vom November 1979, der Pausewang in ihrer pazifistischen Grundhaltung, die sie bereits in dem Roman Guadelupe (1970) zum Ausdruck gebracht hatte, noch be-

stärkte.

Es ist daher nicht verwunderlich, daß der Wunsch nach Frieden und Abrüstung, wie er auch im Zusammenhang der Frie- densbewegung am Ende der siebziger und zu Beginn der achtziger Jahre vorherrschte, in Pausewangs Werk einen immer größeren Raum einnimmt. Und zwar ver- arbeitete sie die Thematik sowohl aus ei- ner historischen wie auch aus der aktuel- len Situation heraus. So verwies sie in dem Band Frieden kommt nicht von allein (1982), dessen "Geschichten um Frieden und Freundschaft"-wie der Untertitel lautet-in einer preisghnstigen Auswahl 1985 noch einmal mit dem Titel Friedens-Geschichten veröffentlicht wurden, zumeist auf die Erfahrung der von Deutschland ausgegangenen Weltkriege. Demgegenüber wandte sie sich mit dem "Roman aus der Friedensbewegung" Et-was läßt sich doch bewirken (1984) und der dokumentarischen Enählung Ki-euzweg fir die Schöpfung (1990) gegenwärtigen Bemühungen zu, indem sie den friedferti- gen Aktivismus besorgter Bevölkerungs- schichten in ausführlicher Form darstell- te. In dem Roman Etwas läßt sich doch bewirken wird das Engagement der Be- wohner der osthessischen Stadt Schlitz sowie einer Anzahl von Friedensgruppen

gegen den Bau eines amerikanischen Truppenübungsplatzes geschildert. Die Menschen setzen sich hier gegen die öko- logischen Folgen zur Wehr, welche der Truppenübungsplatz für die gesamte Region hätte: nämlich dieAbholzung riesiger Waldbestände, die pausenlose Lärmbelä- stigung durch startende und landende Flugzeuge sowie die damit verbundene Luftverschmutzung. Gudrun Pausewang, die ander Protestaktion beteiligt war, ver- bindet in diesem Roman faktenreiches Material mit einer gefühlvollen Darstel- lung privater Konflikte zwischen einer aktivistisch gesinnten jüngeren Genera- tion und einer zur Passivität neigenden ä1teren, wobei auch die historischen Hinter- gründe dieses Verhaltens ausführlich behandelt werden. Daß der Bau des Trup- penübungsplatzes schließlich verhindert werden kann, macht deutlich, daß sich ge- sellschaftliche Veränderungen nur durch gemeinschaftliches Auftreten verwirkli- chen lassen, wobei-nach dem Motto des Buchs %einer ist machtlos"~1bstSpötter und Zweifler von den Ergebnissen be- eindruckt sind. Allerdings läßt die Autorin auf Grund dieses Erfolgs keineswegs das Gefiuil aufkommen, als seien alle Probleme bereits zufriedenstellend gelöst. Viel- mehr handelt es sich eindeutig um eine literarisch-psychologische Unterstützung der Friedenskämpfer und Umweltschüt- zer im Sinne der auch von Petra Kelly geforderten '%ündnisse an der Basis," um dadiirch den "Anstoß zu radikalen gesell- schaftlichen und wirtschaftlichen Verän- derungen auf der ganzen Welt [zu] ge- ben."l5

Eine ähnliche Absicht steht hinter der Enählung Ki-euzweg für die Schöpfung. Hierwird vom rund 1000 Kilometer langen Marsch jener 6000 Friedensvertreter berichtet, die von März bis Mai 1988 ein fünf Meter großes Holzkreuz von der geplan- ten atomaren Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf in Bayern bis zum geplanten Atommidl-Lager Gorleben in Niedersach- sen trugen. Das Buch ist so angelegt, daß dem linksseitigen "Bericht über die Situa- tion des Kreuzwegs" jeweils die rechtssei- tige "Legende, die man sich vielleicht in tausend Jahren von ihm erzählen wird," gegenübergestellt wird. Pausewang setzt sich hier kritisch mit dem im Namen fal- scher Religionsvorstellungen envirtschaf- teten Komplex von "Macht, Profit und Komfort" der Industrieländer auseinan- der, während in den "Ländern der Dritten Welt" Menschen noch immer ums"nackte Überleben ringen."16 Der Kreuzweg ist so- mit keine religiöse Veranstaltung im her- kömmlichen Sinne, sondern eine auf den Konzepten der Befreiungstheologie auf- bauende Kundgebung, welche die Men- schen auf das Vernichtungspotential von Kernkraftwerken und -waffen hinweisen und zum friedfertigen Widerstand gegen die dahinterstehende Rüstungs-und Energiepolitik anleiten will. Durch die Gegenüberstellung von "Bericht" und "Legende" wird auf literarische Weise doku- mentarisches Material mit der histori- schen Bedeutung des Marschs und seiner Auswirkungen verbunden. Dabei geht es eindeutig nicht um die Verbreitung von Methoden der südamerikanischen Tupa- maros, wie sie die RAF in der Bundes- republik anwendete, sondern um das Auf- zeigen jener Mechanismen, die in der Verbindung von Technologie und Macht zur rigorosen Ausbeutung der "Dritten Welt" durch die "Verschwendungsgesell- schaft" der "Ersten Welt" führen.17

Mit ähnlichen Argumenten versuchten lateinamerikanische Bischöfe bereits zu Beginn der achtziger Jahre auf die Politik der Bundesregierung einzuwirken, indem sie im Rahmen der Befreiungstheologie die Abhängigkeitsverhältnisse schonungslos bloßstellten und damit gleichzeitig auf das utopische Potential der Bewegung hinwie- sen.18 Daher könne es kein Argument sein, die Friedensbewegung einfach als "kommunistisch" zu verunglimpfen, wie der linksliberale Bischof Camara schrieb;lg es gehe vielmehr darum, den drohenden Kon- flikt zwischen der reichen und mächtigen 2rsten Welt" und der verarmten und ab- hängigen "Dritten Welt" abzuwenden. Obwohl die offizielle Politik der Bundesregie- rung-allein schon auf Grund der vielfäl- tigen innenpolitischen Spannungen-von derartigen Forderungen unberührt blieb, ist die langfristige Wirkung dieser Schrif

ten dennoch nicht zu unterschätzen. Denn die ganze Tragweite dieser Haltung zeigt sich noch heute, wo es auf Grund der sich ständig zuspitzenden Probleme mehr denn je darum geht, die "Einheit des Seelisch- Emotionalen und des Politisch-Rationa- len" zu schaffen und die Götzen des Weich-sein-Wollens" sowie eines falsch ver- standenen Gefühls der "Sicherheit" zu ver

ab~chieden.2~

Die zerstörerischen Auswirkungen ei- nes ungebremsten ökonomischen Wachs- tums wurden einer breiten Öffentlichkeit in der Bundesrepublikerstmals im Zusammenhang der Ölkrisevon 197W4 bewußt, in deren Folge nicht nur Schulen aus Kostengründen geschlossen blieben, son- dern auch sonntägliche Fahrverbote und umfangreicheGeschwindigkeitsbeschränkungen verordnet wurden. Theoretisch untermauert wurde diese Entwicklung durch die vom Club of Rome in Auftrag gegebene Studie Die Grenzen des Wachstums(1972), die sich in der Bundesrepu- blik schnell zu einem dauerhaften Best- seller entwickelte und in ihrer Wirkung durch die amerikanische Studie Global 2000 (1980) noch ergänzt und verstärkt wurde. In der Zwischenzeit war es in der Bundesrepublik, wie auch in zahlreichen anderen Ländern, zur Herausbildung ei- ner alternativen, ökologisch-fi-iedensbetonten Bewegung gekommen, die sowohl ehemalige Linke und K-Gruppen-Anhän- ger als auch Spontis und Anarchisten sowie Feministinnen, Kriegsgegner und Konservative vereinte. Zumeist jüngere, aber auch viele ältere Menschen lenkten die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit gezielt auf die zunehmende La- und Was- serverschmutzung, das Waldsterben, die Nachrüstung, die Überbe~ölkerun~

sowie die allgemeine Verschlechterung der Um- welt- und Lebensbedingungen. Infolge- dessen avancierte das Thema Natur auch in der Literatur mehr und mehr zu einer "politischen Kategorie.*l

Pausewangs Auseinandersetzung mit der Zerstörung der Natur läßt sich anhand ihres Romans Aufstieg und Untergang der Insel Delfina (1973) geradezu paradigma- tisch nachvollziehen. Und zwar geht es hier um die Zerstörung einer karibischen Insel, die-ausgelöst durch ein Erdbe- ben-im 13. Jahrhundert aus dem Meer auftaucht, lange Zeit unentdeckt bleibt und erst im Zuge der wirtschaftlich-libera- listischen Auswirkungen der Französi- schen Revolution bevölkert, 'Gerwirtschaf- tetn und ökologisch zerstört wird. Nach ihrer endgultigen Vernichtung durch den europäischen und nordamerikanischen Tourismus der sechziger Jahre versinkt die Insel ebenso plötzlich im Meer, wie sie knapp 700 Jahre zuvor aufgetaucht war. Die religiös anmutenden Elemente des Werkes sind in diesem Zusammenhang eindeutig als eine Entmystifizierung der christlichen Mythologie zu begreifen, so daß sich der Aufstieg und Untergang der Insel Delfina-trotz des sprachlichen Wit- zesund der humorvollen Erzählweise4 ein äußerst beklemmender Roman ent- puppt, der jene Doomsday-Stimmungzum Ausdruck bringt, wie sie seinerzeit auf Grund der Erkenntnis eines möglichen Endes der menschlichen Existenz in allen hochindustrialisierten Ländern zu bemer- ken war. Noch intensiver schildert Gudrun Pausewang die ökonomische und ökologi- sche Ausnutzung der "Dritten Welt7'in dem Roman Kinderbesuch (1984), in dem das egoistische Wohlstandsdenken der Deut- schen in aller Schärfe entlarvt wird. Inbeiden Werken wird somit deutlich, daß esvor allem der wirtschaftende Mensch ist, der sich in diesen Ländern als "gefahrlichster und unerbittlicher Plünderef erwiesen hat.22

Wohl das meiste Aufsehen verursach- ten Pausewangs Romane Die letzten Kin- der von Schewenborn (1983) und Die Wolke (1987), die sich mit der Bedrohung durch atomare Vernichtungspotentiale ausein- andersetzen und damit auf die Pervertie- rung technologischer und historischer Entwicklungen verweisen.23 So berichtet jener von den unmittelbaren Auswirkun- gen eines atomaren Kriegs in Mitteleuro- pa, während dieser-als Reaktion auf den Super-GAU in Tkchernobyl im April 1986-von einem Super-GAU im Kernkraftwerk Grafenrheinfeld am Main und dessen Folgen handelt. Ähnlichwie~nton- Andreas Guhas Ende: lbgebuch aus dem Dritten Weltkrieg (1983, Christa Wolfs Störfall und dievon Wolfgang Ehmke her- ausgegebenen Bquerel-Geschichten (beide 1987) warnt auch Gudmn Pausewang vor der Illusion einer friedlichen Nutzung der Kernenergie. Solche Werke, die inzwischen allgemein als r(atastr0phenliteratur" bezeichnet werden,24 sind eindeutig alsDystopien zubewertenF5 die jedoch ge- rade durch das betont realistische und sachliche Aufieigen der negativen Auswir- kungen dieser Katastrophen auf die Notwendigkeit des Umdenkens abzielen. In beiden Romanen griff Pausewang die Be- sorgnisse sowohl derjenigen Bürgerinnen und Bürger auf, welche seit Mitte der sieb- zigerJahre aktivgegendenBauvon AKWs und Atommülldeponien protestiert hat- ten, als auch die der jüngsten Friedensbe- wegung, welche sich zu Beginn der achtzi- ger Jahre gegen die Stationiemng von immer mehr amerikanischen Nuklearwaffen und strategischen Abwehrsystemen auf dem Gebiet der Bundesrepublik laut-

stark zur Wehr setzte.

Die Aktualität beider Werke liegt auf der Hand. Zum einen sind sie literarische Mahnmale "wider das Verdrängen und Verharmlosenn nuklearer Gefahren,26 gegen das Pausewang mit ihrer entschlosse- nen Haltung ankämpft. Zum anderen zei- gen die Reaktionen der Tagespresse auf diese Romane sowie das Verhalten der politischen Führungsschicht dazuF7 daß die Öffentlichkeit einer derartigen Aufklärungsarbeit dringend bedarf. Als angebliche "Schwächen beider Bücher wird gelegentlich das Fehlen eines 'Mindestmaßes an leicht verständlicher Basisinformation über Atomenergien ausgelegt, so daß die Lektüre beinahe zwangsläufig zu einer "diffUsen, von Angst geprägten Abwehr- haltung gegen Atomkraftwerken führe.28 Daß es in der Bundesrepublik tatsächlich zu 'akuter Unruhe," massiven Angstge- fühlen und depressiven Reaktionen ge- kommen ist, die zeitweilig ein geradezu "epidemisches Ausmaßn angenommen ha- ben, wie Psychologen und Therapeuten immer wieder fe~tstellen,~~

ist wohl eher auf die Erfahrungen der Katastrophen im amerikanischen Three Mile Island bei Harrisburg (1979) und im russischen Tschernobyl (1986) zurückzufihmn als auf Pausewangs Romane. Darüber hinaus bleiben ihre faktenreichen Schilderungen allein schon deshalb unverändert relevant, weil die deutsche Energieindustrie- offenbar ermutigt durch andere, nicht we- niger bedrohliche Epidemien, Kriege und Umweltkatastrophen, welche die Reaktor- zwischenf'älle mittlerweile aus den Schlag- zeilen verdrängt haben-in den letzten Jahren in beinahe allen deutschen Tages- zeitungenund Wochenschriften mit betont subtilen Werbekampagnen erneut für die angebliche Sicherheit der Kernenergie

Auf den ersten Blick harmloser, gleich- wohl ebenso aktuell und kritisch ist Pau- sewangs Roman Rosinkawiese (1980) und sind ihre Kurzgeschichtensammlungen Die Prinzessin springt ins Heu (1982) und Es ist doch allesgrün. . . (1991). Bei diesen Werken handelt es sich im besten Sinne um 'TJmweltgeschichten nicht nur fürKinder," wie der Untertitelvon Es istdoch alles grün . . . bereits besagt. In Rosinkawiese, das in Zusammenarbeit mit Pausewangs Mutter Elfriede entstand und auf deren persönlichen Erfahrungen beruht, beschäftigt sich die Autorin mit dem alterna- tiven Landleben in den zwanziger Jahren. Ausgehend von den ökologischen Konzep- ten der bürgerlichen Jugendbewegung, dem Wandervogel, die bereits vor dem Ersten Weltkrieg entwickelt worden wa- ren,31 wird in Rosinkawiese von der Sied- lungsbewegung und deren Zielen berich- tet, denen sich nach 1918 zahlreiche Gruppen, Organisationen und Einzelper- sonen verschrieben, um sich wegen der Verstädterung und der zunehmenden Un- durchschaubarkeit des täglichen Lebens in bewußter Abwendung von der Konsum- gesellschaft aufs Land zurück~uziehen.~2 Im Mittelpunkt des Romans steht die har- te, entbehrungsreiche Existenz der Sied- ler, die jedoch nach dem Motto small is beautiful für alle Beteiligten ein erfülltes und vor allem im Einklang mit der Natur stehendes Leben bietet. Pausewang ver- säumt es dabei keineswegs, auf die politi- sche Naivität jener Siedler einzugehen, die sich nach 1933 den Nazis zuwandten, da sie in deren Blut und Boden-Ideologie die Erfüllung ihrer Träume zu erkennen glaubten.

Die Kurzgeschichten in den Werken Die Prinzessin springt ins Heu und Es ist doch alles grün . . . sind in ihrer Anlage weniger historisch motiviert, beruhen je- doch auf vergleichbaren ökologischen Ein- sichten. Und zwar geht es dabei sowohlum die Probleme der zerstörerischen Anbau- weise in der Landwirtschaft, der rück- sichtslosen Ausbeutung von Tieren und Rohstoffen, der totalen Auto- und Über- flußgesellschaft, des sauren Regens, des Abholzens riesiger Waldbestände, der Öl- pest und der Luftverschmutzung als auch um das Problem der weltweiten Überbevölkerung. Ähnlich wie die populären Märchen Das Zauberbuch (1987) von Hans Kruppa sowie die von Heinz Körner her- ausgegebenen Sammlungen Die Farben der Wirklichkeit (1983) und WwvielFarben hat die Sehnsucht (1986) wendet sich auch Pausewang an ein Lesepublikum, dem sie durch eine einfache und überzeugende, aber keineswegs naive Darstellung der Umweltproblematik klarmachen will, daß es sich an der Gestaltung seiner Zukunft aktiv beteiligen müsse. Mit dieser Litera- tur, der im Gegensatz zu vielen anderen im Verlauf der achtziger Jahre erschienenen Titeln kein "spirituelles Naturver- ständnis" zugrunde will Pausewang die junge Generation-wie sie sagt -bewußt provozieren und zu einem Le- bensstil anleiten, der sich nicht in die Kritiklosigkeit der Konsumgesellschaft er- gibt. Es geht ihr um die Vermittlung eines einfachen, altruistischen und auf ökologi- schen Einsichten basierenden Lebens, bei dem es aufeine lebendige Phantasie eben- so ankommt wie aufmusische Interessen, humanistische Leistungen und das Wohl der Gemein~chaft."~~

Einflüsse auf diese Denkweise lassen sich dabei bis zu den zahlreichen Reformbewegungen und Fort- schrittskritikern um 1900 nuiickverfolgen, wo neben radikalen Sozialisten und Anarchisten auch wertkonservative Hei- mat- und Naturschützer auf Alternativen zu Verstädterung und Industrialisierung aufmerksam machten.35 Wie die Vertreter einer ÖkologischenPolitik fordert also auch Pausewang ihre Leserschaft zu einem "Umbau der Industriegesellschaft" af16 indem sie statt aufdie Steigerungderwirt- schaftlichen Expansionsrate auf jene durch eine Vielzahl von Träumen evozierte "Hoffnung im Uberfluß" die im Zei- chen der Gleichheit und Brüderlichkeit mit der uns umgebenden Natur steht. Die Autorin beruft sich dabei im wesentlichen aufdie Vorstellungen des Urchristentums, die sich ihrer Meinung nach heutzutage in erster Linie in Verbindung mit den Kon- zepten der Befreiungstheologie verwirkli- chen lassen.38 Ihre Werke sind daher nicht zum Umfeld der literarischen 'neuen Re- ligiosität" zu sondern bemühen sich um eine Parteinahme "zugunsten der Unterprivilegierten, der Besitzlosen und Au~gebeuteten."~~Mit dieser Haltung möchte Pausewang die Voraussetzung für eine lebenswerte Zukunftschaffen, wobei sie der Abwendung "vom Haben, hin zum Sein" und der Abwendung "vom Ich, hin zum Wir" wesentliche Bedeutung bei- mißt41-eine Forderung, welche die gegenwärtige ökologische Bewegung mit ihren Vorläuferngemeinsam hat.42 IhreHinwendung zur jüngeren Generation mit Problemen, die uns alle in zunehmendem Maßebetreffen,will somit zu einem natur- gemäßen, langfristigen Denken und Han- deln anregen. Mit Rache1 Carson, die be- reits 1962 in ihrem Buch Silent Spring erkannte, daß der wirtschaftende Mensch das ''Gleichgewicht der Natur" und damit seine eigene Lebensgmndlage immer mehr gefährdet,43 fordert auch Pause- wang ein Ökologie- und sozialbetontes Bewußtsein, wodurch sich die zerstörerischen, ja selbstmörderischen Auswirkun- gen der wissenschaftlich-technologisch ausgerichteten Konsum- und Industriege- sellschaft überwinden ließen.

Überschaut man abschließend die the- matische Vielfältigkeit irn Werk Pause- wangs, so Iäßt sich dieses durchaus dem kulturellen Bereich jener "Augenöffnef zurechnen, welche die Leserschaft klarerkennen lassen, "was an unserer Gesell- schaft schlecht und womöglich veränder- bar ist."44 Ein wesentlicher Grund hierfulr ist zweifelsohne, daß sich die Autorin nicht scheut, jene politischen, sozialen und öko- logischen Zusammenhänge aufzuzeigen, die der "Möglichkeit eines friedlichen Zu- sammenlebens zwischen einer noch immer verarmenden Mehrheit und einer reichen Minderheit" im Weg stehen.45 Im Gegen- satz zu den subjektiv-unverbindlich er- scheinenden Vorstellungen der Tostmo- derne" bemüht sich Pausewang um eine übembjektive und zugleich kritische Hal- tung, ohne dabei jedoch parteipolitisch auhtreten. Vielmehr sollen sich Leserin- nen und Leser durch das "ästhetische Arrangement" und die gesellschaftspolitische Relevanz der Erzählungen und Romane zum Handeln aufgerufen fühle~~.~~

Daher entwickelt Pausewang auch keine gesamtgesellschaRlichen Entwürfe oder Gegenwelten, wie dies noch Ernest Callenbach in seinem in der Bundesrepu- blik beliebten Roman Ecotopia (1975)tat; sie appelliert vielmehr an die Hoffnungen, Wünsche und Sehnsüchte einer breiten Bevölkerungsschicht mit aktuellen und bedrückenden Themen, die über eine Befriedigung persönlicher Bedürfnisse weit hinausgehen. In diesem Sinne wirkt die Geradlinigkeit ihr Werke wesentlich überzeugender als beispielsweise Johannes Mario Simmels Bestseller Im

Frühling singt zum letztenmal die Lerche

(1990), der zwar ebenfalls faktenreiches Hintergrundmaterial über die zahlreichen Umweltskandale der achtziger Jahre verdeitet, die erweckten Hoffnungen jedoch durch die Verlagerung der Problematik ins Private schlußendlich wieder enttäuscht.

Darüber hinaus vermittelt Gudrun Pausewang stets auch das Bedurfnis nach einer regionalen Verbundenheit, die sich stark an die populäre Maxime des "Global denken, lokal handeln" anlehnt. Diese Thematik tritt besonders in den Romanen Etwas läßt sich doch bewirken (1984),Fern von der Rosinkawiese (1989), Geliebte Rosinkawiese (1990) und Rotwengel-Saga (1993) hervor, die sich durchweg mit der sozialen Verantwortung des Menschen für lokale Eigenwerte oder mit dem Verlust der "Heimat" auseinandersetzen, ähnlich wie dies auch Edgar Reitz mit der Fern- sehserie gleichen Titels (1984) versuchte. Im Gegensatz zu den Politikern, die das Wort "Heimat" meist zu propagandistischen Zwecken im Munde führen, erhofft sich Pausewang von einem sozialbetonten Umgang mit den Werten der "Heimatw eine konkrete Möglichkeit zur Umwandlung der gegenwärtigen marktwirtschfich orientierten Gesellschaftsordnung in eine naturbewußt-ökologische im Sinne Ernst Blochs, der bereits in seinem Buch Freiheit und Ordnung: Abriß der Sozialutopien

(1946) die Rückkehr des Menschen zur "Heimat" als wesentliche Voraussetzung zu einer Wiederversöhnung mit der Natur empfohlen

Daß sich Gudrun Pausewang mit der Mehrzahl ihrer Bücher an eine jüngere Lesegeneration wendet, ist eindeutig als

Reaktion auf die "fortgesetzte Beschwich- tigung" durch die führenden Schichten und die daraus resultierende "neue Gleich- gultigkeit" zu bewerten.48 Gerade der auf- klärerisch-utopische Charakter ihr pro- vozierenden Bücher sollte auch Skeptiker und Zyniker von der Notwendigkeit einer solchen Literatur übelzeugen. Mit der Hervorhebung jugendlicher Charaktere, die gelegentlich sogar eine Art Vorbildstellung einnehmen, sollen nämlich gerade jene Eigenschaften besonders betont wer- den, die in einem profib und konkurrenz- orientierten Wirtschaftssystem nur all- zuleicht unterdrückt werden. Und zwar geht es dabei zum einen um das Heraus- stellen der sozialen Lenifahigkeit als einer Grundeigenschaft des Menschen; zum an- dern wird jugendlichen Leserinnen und Lesern-und nicht nur diesen-die Mög- lichkeit zur Formung eines sozialen Gewissens geboten, auf Grund dessen sich wünschenswerte Attribute wie Aufbauen- des, Positives, Liebenswertes, Besseres und Schöneres erst verwirklichen ließen. Diese Absichten laufen zweifellos darauf hinaus, der nächsten Generation einen realistischen Weg in die ZukunR zu weisen, der nicht lluiger auf einer passiven Konsumhaltung und dem zwangsläufig damit verbundenen Raubbau an der Natur beruht, sondern aktives Sich-Einmischen und den Entwurf von gesellschaftlichen Alternativen voraussetzt.

Anmerkungen

'Jürgen Habermas, Die nachholende Revo- lution (lhnkfurt: Suhrkamp, 1990)9fE

%hristianeLamparter,Der Exodus der Po- litik aus der bundesrepublikanischen Gegen- wartsliteratur (FrarMwkLang, 1992) 176.

Wgl. Helmut Kreuzer,Weue Subjektivität: Zur Literatur der siebziger Jahre in der Bundesrepublik," Deutsche Gegenwartsliteratur, hg.Mahd Durzak (Stuttgart:Reclarn, 1981) 77-106.

4Paul Michael Lützeler, Tinleitung: Von da Spätmoderne zur Postmoderne,"Spätmo

h e und Postdrne: Beiträge zur deutschen Gegenwartsliteratur,hg. Paul Michael Lützeler (Frankfurt:Fischer, 1991) 11-22; hier 14,20.

5Klaus Briegleb, Weiterschreiben! Wege zu einer deutschen literarischen 'Postmoderne?," Gegenwartsliteratur seit 1968, hg. Maus Briegleb und Sigrid Weigel (München: Hanser, 1992) 340-81; hier 381.

6Hans Mayer, Das Geschehen und das Schweigen: Aspekte der Literatur (Frankfurt:

Suhrkamp, 1969) 125.

vgl. aber &ihn der Kinder- und Jugend- literatur,hg. Klaus Doderer (Weinheim: Beltz, 1982) 9 sowie Geschichte der deutschen Kinder- und Jugendliteratur, hg. Reiner Wild (Stutt- gart:Metzler, 1990) passim.

Wgl. Gundel Mattenklott, "Aufstand, AU-tag, Anderswelten: Zur erzählenden Kinder- und Jugendliteratur in den siebziger Jahren," Literatur der siebziger Jahre, hg. Gert Mattenklott und Gerhard Pickerodt (Berlin: Argument, 1985) 11347.

gGabriele Runge, "Gehh.tx?n zu verheimli- chen, erlöst nicht von Ängsten': Interview mit Gudrun Pausewang," Über Gudrun Pause- wang,hg. Gabriele Runge (Ravensburg: Maier, 1991) 15-25; hier 18.

lOGudrun Pausewang, "Lernziel: Fried- fertigkeit-Kinder und Erwachsene müssen sich gemeinsam engagieren. Rede zurVerleihung des Gustav-Heinernann-Friedenspreises," Über Gudrun Pausewang 16-31; hier 30f.

llVgl. Hans Schöpfer,Lateinamrikanische Befreiungstheologie (Stuttgart: Kohlhammer, 1979).

12Antonio Fragoso, "Brüderliche Zusammenarbeit: Chancen einer interkontinentalen Ökumene der Bekiung," Befreiungstheologie als Herausforderung: Anstöße-Anfragen- Anklagen der lateinamerikanischen Theologie der Befreiung an Kirche und Gesellschaft hier- zulande, hg. Horst Goldstein (Düsseldorf: Pab mos, 1981) 32-38; hier 38.

13Jörn Stückrath, "'Vielleicht braucht die Jugend heute eine Literatur, die sie provoziert . . .':Gespräch mit der Erzählerin Gudrun Pau- sewang,"Diskussion Deutsch 109 (1989): 543.

14Ebd.

15Petra K. Kelly, "Global denken-lokal handeln! Wir brauchen Bündnisse an der Ba- sis! Rede vor der Australischen Conservation Foundation (19881," Mit dem Herzen denken: Dxte fur eine glaubwürdige Politik (München: Beck, 1990) 2943;hier 43.

1GGudrun Pausewang, Kreuzweg für die Schöpfung (Baden-Baden: Signal,1990) 6; zu dieser Thematikvgl. auch Pausewangs "Erzählung gegen den Krieg," Wetten, daß Goethe den Wahnsinn verböte (Ravensburg: Maier, 1992).

17H61der Cfimara, Von Puebia bis Bremen: ZurBedeutung der Dritten Lateinamm- sehen Bischofikonfemnz für Kirche und Gesell- sch& in der Ersten Welt," Befiiungstheologie als Herausforderung 39-49; hier 46.

'Wgl. Fragoso.

l%&mara 41.

-ges Casalis, Voraussetzungen und

Elemente einer europäischen Bebiungstheo- logie," Bibel und Befreiung: Beiträge einer nichtidealistischen Bibeilektüre, hg. Tübinger Theologische Fachscminitiativen (Fribourg: Edition Exodus, 1985) 13463;hier 144, 147,

150.

21Helmut Heinze, "Natur im politisch-literarischen Zeitgespräch: Einige Tendenzen in der Naturdiskussion der 80er Jahre," Pluralismus und PmtmOdenUsmus: Zur Literatur- und Kulturgeschichte der achtziger Jahre, hg.Helmut Kreuzer (Frankfiirt:Lang, 21991) 26-45, hier 27.

=Abd W. Crosby, Ecolqjml Imperialism: TheBiological Expansion of Europe, 900-1900, (Cambridge: Cambridge UP, 1986) 273 (übersetzt als Die 1;2üchte des weißen Mannes: Öb logischer Imperialismus 900-1900 [Frankfurt: Campus, 19911).

wgl. Andrem Siekmann, 'Die Pervertie rung des Literarischen als Ausdruck perver- tierter Geschichte: Zu Gudrun Pausewangs Erzählung Die letzten Kinder von Schewenbont," Der Deutschunterricht 40.5 (1989): 12-22.

Wolker Lilienthai, 'Irrlichter aus dem Dunkel der ZukunR: Zur neueren deutschen Katastmphenliieratur," Pluralismus und Post- mOdenXsmus 190-224, hier 190.

25Vgl. Jost Hennand, Grüne Utopien in Deutschland. Zur Geschichte des ökologischen Bewußtseins (Frankfurt:Fischer, 1991) 166f.

26Vgl. Malte Dahrendorf, Wider das Verdrängen und Verharmlosen: Gudrun Pause wangs Atomkatastrophenbücher,"Über Gud- run Pausewang 56-61.

2wgl. Margarete Voll, 'Stöfle: Der Streit um die Verleihung des Jugendliteraturpreises," ebd. 6671; Stückrath 544.

28Lilienthal 206.

WorsbEberhard Richter, uAngst,Apathie und Neues Denken," Nach 15chernobyl:Rq~rt wieder das Vergessen?Hg. HansJürgen Wirth (Frankfurt:Ficcher, 1989) 1830; hier 18.

Vgl. DieZeit (23. Oktober 1992): 10; (23. April 1993): 22; Der Spiegel 32 (3. August 1992): 201; 25 (21. Juni 1993): 194; Focus 25 (21. Juni 1993): 27.

31Vgl. Peter Morris-Keitel, Literatur der deutschen Jugendbewegung: Bürgerliche Ökologiekonzepte von 1900 bis 1918 (Frankfurt: Lang,1994).

32Z~rii~k,

o Mensch, zzlr Mutter Erde:Land- kommunen in Deutschland 1890-1933, hg. Uirich Linse (München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1983).

33Heinze 37.

34Stückrath 646.

35Vgl. dazuallgemeinMit den Bäumen ster-

ben die Menschen: Zur Kulturgeschichte der Ökologie, hg. Jost Hermand (Köln:Böhlau, 1993); WoIfgang R. Krabbe,Gesellschaftsveränderung durch Lebensreform (Göttingen: Van- denhoeck und Ruprecht, 1974).

36Vgl. Joschka Fischer, Der Uinbauder Zn- dustriegesellschaft: Plädoyer wider die herr- schende Umweltlüge (Frankfurt: Eichhorn,

1989).

37Pausewang,Über ~&n pausewang 31.

3~Stückrath646.

3wgl. Joan Bleicher, "Die Wiederkehr der Religion in der deutschsprachigen Gegen- wartsliteratur," Pluralismus und Postmoder- nismus 80-104.

'%tückrath 646.

41Ebd.

42Vgl. hierzu allgemein Hermand, Grüne Utopien in Deutschland.

mchel Carson, Der stumme Frühling, übersetzt von Margaret Auer (München: Beck, 1990)248.

44Iring Fetscher, Was ist eine Utopie? Oder:ZurVerwechselung utopischer Ideale mit geschichtsphilcmphischenLegitimationsideologien,"Hat diepolitische Utopie eine Zukunft? Hg. Richard Saage (Darmstadt: Wissenschafb liche Buchgeseilschafk, 1992) 68-62; hier 62.

6Ebd.

46Siekmann 12.

47Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung. Ge samtausgabe Bd. 5 (Frankfurt: Suhrkamp, 1959) 709. Lilienthal204.

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