"Fortunati Wünschhütlein und Glückssäckel" in neuem Gewand: Adelbert von Chamissos Peter Schlemihl

by Annemarie Wambach
Citation
Title:
"Fortunati Wünschhütlein und Glückssäckel" in neuem Gewand: Adelbert von Chamissos Peter Schlemihl
Author:
Annemarie Wambach
Year: 
1994
Publication: 
The German Quarterly
Volume: 
67
Issue: 
2
Start Page: 
173
End Page: 
184
Publisher: 
Language: 
English
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Abstract:

"Fortunati Wünschhütlein und GlückssäckelV
in neuem Gewand:
Adelbert von Chamissos Peter Schlemihl

"Besser Fortunati Wünschhütlein, neu und haltbar wieder restauriert; auch ein Glüchsäckel, wie der seine gewesenn (22).1So versucht der Graue, Peter Schle- mihl mit den Wunderdingen seiner Zau- bertasche zu beeindrucken. Peter Schle- mihl ist auch sofort interessiert und fasziniert:

T'ortunati Glückssäckel,' fiel ich ihm in die Rede, und wie groß meine Angst auch war, hatte er mit dem einen Wort meinen ganzen Sinn gefangen. Ich bekam einen Schwindel, und es flimmertemir wie dop- pelte Dukaten vo;. den Augen. (23)

Diese unerhörte Begebenheit bestimmt die kommenden Ereignisse.

Hier hat Chamisso, der Romantiker, das Thema eines Romans des 16. Jahrhun- derts aufgegrifYen. Für Chamisso, wie ins- gesamtfürdieRomantik, war das 16. Jahrhundert die vertrauteste Epoche der altdeutschen K~ltur.~Fortunatus, vermutlich um 1490 verfaßt und 1509 in Augsburg veröffentlicht, war eines der er- sten sogenanntenVolksbücher, das sich so- fort großer Beliebtheit erfreute. Bereits im

16. Jahrhundert erschienen 20 Auflagen des Fortunatus. Das Werk wurde in viele Sprachen übersetzt und oft als Vorlage zu meist dramatischen Neubearbeitungen verwendet (u.a. von Hans Sachs 1553L3

In diesem als "hystoria" bezeichneten Werk bietet "ain junkfraw gewaltig des glücksn Fortunatus ihre Güter an. Hierbei hat er die Wahl zwischen Weisheit, Reich- tum, Stärke, Gesundheit, Schönheit und langem Leben. Bemerkenswert ist, daß es sich um eine glückbringende Jungfrau handelt, die ihm hilfreich entgegentritt. List ist es, die ihn später zusätzlich in den Besitz eines Hütleins bringt, wodurch es ihm möglich wird, jeden beliebigen Ort zu erreichen. Behandelt wird also das Thema der "bona [oder] mala Fortuna," wobei der Aspekt der Reise stellenweise sehr aus- fuhrlich zur Sprache kommt.4 Die Inten- tion des Romans ist aus~cklich didaktischer Natur, wie nicht zuletzt Vorrede und Nachwort zum Ausdruck bringen. Das Er- zählschema richtet sich nach dem höfi- schen, ritterlichenRomanmit seinendven- tiure-Fahrten.

Gerade dieses Werk scheint auf Cha- misso einen besonderen Reiz ausgeübt zu haben. So schrieb er bereits 1806 ein For- tunatus-Drama, Fortur~ati Glückseckel und TVunschhütlein: Ein Spiel,das aberbis 1895 unveröffentlicht blieb.5 Als unmittel- bare Vorlage diente ihm ein Jahrmarkts- druck des Fortunatus aus dem 18.Jahrh~ndert.~

Im folgenden möchte ich untersuchen, wie Charnisso das Thema dieses beliebten Werkes des frühen 16. Jahrhunderts in sei- nem 1813 entstandenen Werk Peter Schle- mihls zvundersante Geschichte bearbeitet hat. Ein solcher Zusammenhang, der auch die Kontinuität in Chamissos Werken zeigt, wird oft übersehen bzw. nur am Ran- de fe~tgestellt.~Der

Bezug aufFortunatus beschränkt sich dann aufdie (freilich wich- tige) Feststellung, daß der Geldthematik
The German Qi~arter.1~ 173

67.2 (Spring 1994)

in beiden Werken eine besondere Rolle zukommt.$

Ein genauer Vergleich ermöglicht aber einen über diese Feststellung hinausge- henden Zugang zu Chamissos Werk. Es wird deutlich, daß Peter Schlemihl ein un- ter soziologischen und psychologischen Gesichtspunkten abgefaßtes Werk ist. Schlemihlistein denkenderund einsichts- fahiger Mensch, der nicht lediglich auf Ereignisse reagiert. Er erkennt die gesell- schaftlichen Zusammenhänge und reflek- tiert sie bewußt. Infolgedessen wird er schuldig, indem er sich mit einer materia- listischen Gesellschaft identifizieren will, deren Werte ihm im tiefsten Inner- fremd sind. Das Wegwerfen des Geldsäckels so- wie Schlemihls Betätigung als Wissen- schaftler sind daher eine Befreiung, Aus- druck seiner Selbstfmdungund nicht etwa eine Buße oder Strafe.g Die oft in den Vor- dergrund gerückte Frage nach Bedeutung und Funktion des Schattens kann somit nur im Zusammenhang mit der Geldthe- matik und dem bereits geschehenen Ver- lust1° beantwortet werden.ll

Schaut man nun die beiden Werke ge- nauer an, so scheinen sie auf den ersten Blick außer den Zauberdingen, Glückssäk- kel und Wunschhütlein bzw. Siebenmei- lenstiefeln, nichts gemeinsam zu haben. Die "hystorian handelt vom Aufstieg und Fall einer spätmittelalterlichen Bürgerfa- milie, mit Fortunatus' Lebenslauf als Hauptelement. Fortunatus, der Sohn ei- nes verarmten Geschäftsmannes, verdingt sich beim Adel. Fortuna ist ihm hold. Er wird ein angesehener Bürger, heiratet eine Tochter aus verarmtem Adelund lernt die Welt kennen. Kurzum, nach schwieri- gen Anfängen fuhrt er ein glückliches, zufriedenes und erfülltes Leben. Im Gegen- satz dazu steht die Geschichte des etwas unsicheren Peter Schlemihl, der, auch nachdem er das vermeintliche Ziel seiner Wünsche, Reichtum, erlangt hat, nicht sei- nen Platz in der Gesellschaft zufindenver- mag. Erst das einsame Studium der Natur bringt ihm die Erfüllung.

Auch in der Form besteht ein großer Unterschied zwischen den beiden Werken. Der epischen Großform des Romans steht die Kurzform der Novelle gegenüber. Der Erzählstil ist ebenfalls recht verschieden. Fortunatus ist eine moralisch wertende di- daktische Erzählung in der dritten Person, wobei der Erzähler immer wieder den Be- richt durch Kommentare unterbricht. For- tunatus ist eben noch ein reiner "Funktionstrager"l2 und kein individueller, problematischer Held. Peter Schlemihl dagegen ist eine Ich-Erzählung, obwohl auch sie stellenweise unterbrochen wird. Hier aber spricht der Ich-Erzähler den Autor direkt an, wodurch die Geschichte den Anstrich einer authentischen Erzählung, ei- nes persönlichen Bekenntnisses erhält. Gleichzeitig konstituiert sich der Held der Erzählung durch diese Kommunikation als eigenständige, reflektierende Persön- lichkeit. Im Gegensatz zu der sehr ernsthaften Abfassung des Fortunatw ist Schlemihls Geschichte mit Humor und Iro- nie erzählt. Man vergleiche etwa: "Ich er- kannte gleich den Mann am Glanze seiner wohlbeleibten Selbstzufriedenheit" (18). Oder: "Er brach das Siegel auf und das Ge- spräch nicht ab, das sich aufden Reichtum lenkten (ebd.). Es ist hier gerade die Ver- bindung von Konkretem und Abstrak- tem,13 die die scharfe Beobachtungsgabe sowie die Ironie des Autors zeigt. Durch diese ironische Erzählweise Chamissos wird die Distanz des Erzählers deutlich, wobei ein moralisierender Unterton aller- dings auch hier nicht zu überhören ist. So wird beispielsweise die Schattenthematik, trotz aller Ironie und Satire, durchaus ernsthaft behandelt.14 Dies wird nicht zuletzt durch die abschließende Mahnung Schlemihls unterstrichen:

Du aber, mein Freund, willst du unter den Menschen leben, so lerne verehren zuvör- derst den Schatten, sodann das Geld. Willst du nur dir und deinem besseren Selbst leben, oh, so brauchst du keinen Rat. (66)

Im Mittelpunkt des Werkes steht eben die Chamisso so wichtige Auseinandersetzung des denkenden, reflektierenden "Selbst" mit der bestehenden Gesellschaft. Gerade die- ser Aspekt kristallisiert sich deutlich aus der ~andlung heraus,15 wobei die ironische Darstellungsweise den Konfiikt noch klarer hervortreten läßt. Aufeine verspielte, geist- volle Art macht die hier angewandte Ironie Probleme bewußt.

Bei allen Unterschieden ist die Ähn- lichkeit der beiden Werke aber doch größer, als man zunächst vermutet. Betrachten wir die Ereignisse genauer:

Peter Schlemihl, der seinen bisherigen Aufenthaltsort verlassen hat, kommt in die Hafenstadt, um dort sein Glück zu ma- chen. Es ist also ein ganz gezielter Auszug. So hält er sich auch nicht lange in der Stadt und in seinem Hotelzimmer auf, sondern geht geradewegs mit seinem Empfehlungsschreiben zum Hause des Herrn John. Das "wimmelnde Volk" und sein Ho- tel-"ich ging in das nächste, geringste Haus" (18)-interessieren ihn nicht. Erst das "große, neue Haus von rot und weißem Marmor" (ebd.) und die Menschen dort fmden seine Aufmerksamkeit. Auf diese Ge- sellschaftsgruppe, mit allem was sie reprä- sentiert, ist sein Interesse gerichtet.

Schaut man nun Fortunatus an, so ha- ben wir einen ähnlichen Vorgang. Der Mit- tellose zieht in die Ferne, um sein Glück zu machen. "Es ist noch vil glüh in diser welt Iich hoffen zu got mir werd sein auch ain tail" (8).16 Seine "Empfehlungen," von denen er sich eine bessere Zukunft erhofft, sind seine Jugend, Stärke und Gesundheit sowie sein höfisches Auftreten: "Gieng ge- gen ym und zoch ab sein pareet und nayget sich gar schon I darbey der graff wo1 mercket das er nit aines pauren sun was" (9). Seine Bildung-er spricht "welschn- und sein Geschick "zu dem kauffen zu re- den" (10) statten ihn mit den nötigen Ei- genschaften aus, beim aufsteigenden Biirgertum Fuß zu fassen und sich in die Welt des sich ständig ausdehnenden Han- dels einzufugen. Fortunatus istalso selbst- sicher, optimistisch und vor allem anpas- sungsfähig. Dieses Geschick und die Anpassungsfähigkeit richten sich aber nur auf die möglichen Vermittler seines Glücks. Im Umgang mit seinen "Standes- genossen" fehlen ihm diese Gaben. Ihm fehlt die Fähigkeit, die gesellschaftlichen Verhältnisse und Zusammenhänge ratio- nal zu erfassen und zu durchschauen. So scheitert er letztenEndes am Hofund auch in der Welt des Handels und Bürgertums. Selbst die Dirne hat nur noch Verachtung fur ihn: "Sy sprach zu ir magt 1'gang bring ym ain pint bierlund laß den eßel sauffen.' das was der danck den er umb sy verdient het"(25).Fortunatus ist völlig naiv im Um- gang mit seinen Mitmenschen. Er steht den Ereignissen staunend gegenüber und hofft auf Glück. Dabei ist er der "Wildnis der Gesellschaft" ebenso hilflos ausgelie- fert wie der "Wildnis der Natur."17 Auch die Natur, der "'arturische" Wald in Brita- nia, spendet keinen Trost, sondern ist lediglich der Ort neuer Bedrängnis.

Aber wie verhdt sich Peter Schlemihl in der Norderstraße? Auch er ist zunächst naiv, staunend, hoffnungsvoll und unter- dig. "[John] empfing mich sehr gut- wie ein Reicher einen armen Teufel, wand- te sich sogar gegen mich, ohne sich von der übrigen Gesellschaft abzuwenden . . ." (18).So stimmt Schlemihl auch begeistert zu, als John feststellt: 'Wer nicht Herr ist einer Million . . . der ist, man verzeihe mir das Wort, ein Schuft" (ebd.). Aber bald schon erkennt Schlemihl die Scheinhaftig- keit der Gesellschaft, die "von leichtsinni- gen Dingen wichtig, von wichtigen öfters leichtsinnig" (19) spricht. Vor allem er- kennt er deren materialistische Ichbezo- genheit. Niemand verzieht eine Miene über die wunderbaren Dinge, die der Graue aus seiner Tasche hervorzaubert. Alles ist ganz selbstverständlich. Von Schlemihl nimmt keiner der Anwesenden Notiz. Er existiert fürsie einfach nicht. Der Versuch Schlemihls, mit einem jungen Mann ins Gespräch zu kommen, scheitert: ". . . wie es schien, eine längere Unterhal- tung mit mir zu vermeiden, wandt' er sich weg und sprach von gleichgiltigen Dingen mit einem anderen" (20). In diesem Au- genblick der völligen Isolation und Hilflo- sigkeitwill Schlemihl die Gesellschaft. ver- lassen. Er hat erkannt, daß er nicht hierhergehört, und fühlt sich verloren und verirrt. Mit diesen Menschen ist keine Kommunikation möglich. Schlemihl ist so- mit einer reflektierenden Einsicht in die gesellschaftlichen Verhältnisse fähig.18

Die Heldenbeider Werke erreichen also einen persönlichen Tiefpunkt. Ihre Hoff- nungen sindkläglich gescheitert, sind zer- schlagen worden.

In dieser scheinbar ausweglosen Situa- tion erscheint Fortunatus nun "ain junk- fraw (gewaltig des glücks)" (45). Diese po- sitive Erscheinung stellt ihn vor die Wahl, sich zwischen "weyßhait / Reichtumb / Stercke / Gesundthait / Schane /und langs leben" (46) zu entscheiden. Konsequent entscheidet sich Fortunatus für Reichtum; denn schließlich ist er um dessentwillen ausgezogen. Er wollte sein Glück machen, und dieses Glück ist identisch mit Geldge- winn. Während Fortunatus mithin dieser positiven Gestalt begegnet, wird Schle- mihl von jenem unheimlichen Mann in Grau angesprochen-einer, bei aller Un- tertänigkeit und trotz servilen Auftretens, furchteinflößenden Person: "[Ich] stand da in der Sonne mit bloßem Haupt wie ange- wurzelt. Ich sah ihn voller Furcht stier an und war wie ein Vogel, den eine Schlange gebannt hat" (21). Auftretend wie ein ge- wöhnlicher Mitbürger, unterbreitet der Graue Schlemihl den Vorschlag, seinen Schatten gegen ein Glückssäckel einzu- tauschen. Hier geht es also um ein Tausch- geschäft, einen Vertragsschluß nach bür- gerlicher Manier. Schlemihl soll etwas von sich selbst abgeben, so wie auch später, wenn der Graue mit dem fertigen Vertrag kommt, den Schlemihl nur "rechts, da un- ten" (42) zu unterschreiben braucht. Es ist gerade diese realistisch-bürgerliche Abfas- sung, die selbst die phantastischen Ereig- nisse nicht als etwas Außernatürliches, sondern lediglich als unerhörte Ereignisse erscheinen läßt. Schlemihl hat die Wahl zwischen allerlei "magischen" Utensilien. Aber auch er trim seine Wahl ohne Zögern.lg Schlemihl entscheidet sich für den soliden, festgenähten Beutel. Nach Abschluß des Handels-der Graue hatte "mit einer bewundernswürdigen Geschicklich- keit" (23) den Schatten vom Grase gelöst- bleibt Schlemihl mit dem Glückssäckel zurück: "besinnungslos." Die Sonne erhellt die Erde zwar rund um ihn her; er selbst scheint sich aber davon abgesondert zu ha- ben. Hier drängt sich nun die Frage auf, warum es bei Fortunatus eine Glücksgöt- tin ist, die in dessen Geschicke eingreift, während die Figur des Grauen eher zwei- felhaft erscheint.

Der zu Beginn des 16. Jahrhunderts verfaßteFortunatus entsteht in einer Blü- tezeit des Burgertums. Durch Zunahme des Handels und Ausweitung der Handels- Wege gelingt es dem Bürgertum, seine Stellung auszubauen. Große Vermögen entstehen mehr oder weniger aus dem Nichts. Das Geld ist also Ausdruck einer neuen ökonomischen und gesellschaftli- chen Situation. Zwar vermag man den Ur- sprung des Geldes genau zu erkennen; aber es ist doch etwas, was man "als Aus- druck von Willkür der Menschen oder der Natur" betrachten kann.20 Es scheint nicht mit rechten Dingen zuzugehen. Frau Fortuna wirkt, wie es ihr beliebt. Durch das Eingreifen einer "höheren Gewalt" wird nun die Entstehung solcher Vermö- gen rationalisiert. Dieser "Rationalisie- rungsprozeß könnte natürlich auch unter einem negativen Aspekt durchgeführt werden.

ImFortunatus wird erkennbar, daß die alten Normen und Werte der feudalisti- schen Gesellschaft nicht mehr ihre volle Gdtigkeit haben und kritisch dargestellt werden. Man denke hier, um nur ein Bei- spiel zu nennen, an das Verhältnis des Königs von England zu seinen Vasallen. Ei- ner seiner Edelleute verschwindet mit wertvollen Edelsteinen. Der König rea- giert wie folgt:

'Gond bald in seyn hauß unnd ob er die klainat hynweg hab.' wann dem kü- nig viel in seinen syn Er m6cht mit den klainaten hynweg sein. wie wo1 er yn für ainen biderman hielt 1noch dannocht ge- dacht er das psse g6t hett yn zu ainem Mßwicht gemacht. (33)

Was der Autor nur lakonisch kommentiert: ''Darbey man wo1 merckt 1wenn es an das &t geet 1das alle liebe auß ist" (33).Das so wichtige mittelalterliche Prinzip der triuwe ist also schon ers~hüttert.~'

Schaut man im Vergleich dazu den Aufstieg des Fortunatus an,so wirkt dessen Beschreibung durchaus wohlmeinend. Selbst eine so zweifelhafte Sache wie der Raub des "wünschh6tlein" wird nicht verurteilt oder auch nurgetadelt.

Das aufstrebende Bürgertum hat zwar noch keine eigenständige Position erreicht, aber insgesamt ist seine Zukunfts- perspektive zu dieser Zeit durchaus posi- tiv, und so stellt sie der Autor auch dar. Darum ist es hier eine "Glücksgöttinn statt des Teufels, die eingreift. So ist denn auch der "seckeln sehr praktisch und dem Han- delsreisenden dienlich, da er immer die ge- rade notwendige Währung produziert. In- folgedessen scheint es nur konsequent, daß Fortunatus keine Gegenleistung fur den Erhalt des "seckels" erbringen muß. Er muß lediglich das Versprechen abgeben, anjedemJahrestagdes"Wunders"ein"0pfer" zu bringen, d.h. eine gute Tat zu tun, indem er einem jungen Paar zu einem bes- seren und gesicherteren Start verhilft. Auch hier wird das Wirken eines guten Geistes erkennbar, der-und das ist wich- tig-mit praktischer Lebensklugheit aus- gestattet ist. Das Geld wird zukunftsträch- tig angelegt.

Wie hat man nun aber den "Verkauf"

des Schattens zu bewerten? Was hat es mit

dem Schatten auf sich? Dieses wesenlose

Ding, das Schlemihl "gleichsam mit einer

gewissen edlen Verachtung, ohne selbst

darauf zu merken, von sichn wirf't (22):welchen Wert kann es schon haben? Seine Existenz erscheint als völlig nebensäch- lich, ja eigentlich als überflüssig.

Nachdem sich SchlemiWvon der ersten Überraschung erholt hat, eilt er, seinen Beutel gut festhaltend, weg. Wie wir bereits gesehen haben, wird sein Wunsch nach Reichtum durch zwei Faktoren bestimmt. Da ist einmal das Verlangen nach materieller Sicherheit; da ist aber gleichzeitig auch das Verlangen nach ZU- sammengehörigkeit und Kommunikation. Gerade das Fehlen einer solchen Kommu- nikation war es doch, was ihn letztlich dazu veranlaßte, Johns Gesellschaft zu verlassen. Nun muß er feststellen, daß sich sein Problem noch vergrößert hat. Er wird offen von der Gesellschaft ausgeschlossen. Dabei nutzt es ihm auch nichts, daß er sein im Überfluß vorhandenes Geld "mit vollen Händen unter sien wirft. Er kann sich nur noch einsam in eine vorbeifahrende Kut- sche flüchten:22

Es mußte schon die Ahnung in mir aufsteigen: daß, um so viel das Gold auf Er- den Verdienst und nigend überwiegt, um so viel der Schatten höher als selbst das Gold geschätzt werde; und wie ich Wer den Reichtum meinem Gewissen aufgeop- fert,hatteich jetzt den Schatten fürbloßes Gold hingegeben; was konnte, was sollte auf Erden aus mir werden! (24)

Hier wird der BewußtwerClungsprozeß Schlemihls erkennbar. Es dämmert ihm, daß er um des Goldes willen einen Teil sei- ner Persönlichkeit aufgegeben hat. Er hat seine Identität verloren.23 Früher ließ er sich durch sein Gewissen leiten, jetzt aber hat er sich von Geld korrumpieren lassen. Er versucht, sich mit einer Gesellschaft zu identifizieren, deren Formen und Werte ihm im tiefsten Innern fremd sind. Spon- tan hatte Schlemihl das Oberflächliche und Scheinhafte des Herrn John und seiner Gesellschaft erkannt. Trotzdem stimmte er Johns Bemerkung über den Besitz einer Million bereitwilligst zu, nur um sich mit diesem auf eine Stufe zu stel

len. Folgerichtig läßt er sich dann auf den Handel des Grauen ein. Insofern liegt hier ein Verschulden Schlemihls vor, als er be- reit ist, seine Prinzipien und inneren Ein- stellungen über Bord zu werfen.24 Solange Denken und Handeln einer Person mitein- ander übereinstimmen, stellen Mensch und Schatten eine Einheit dar. Kommt es zu einer schuldhaften Diskrepanz zwi- schen diesen Polen, so verliert der Mensch seine Identität, seinen Schatten. Rückgän- gig machen läßt sich dieses Verschulden nicht mehr, und insofern kann der Schat- ten nicht zurückgewonnen werden. So wirft denn auch der Bankrotteur, der in seinem Ruin offensichtlich das Scheinhaf- te seines bisherigen Verhaltens erkannt hat, nur noch einen recht blassen Schat- ten, während der skrupellose Bursche Schlemihls, mit dem treffenden Namen Rascal, einen wunderschönen Schatten

wirft.

Damit zeigt sich erneut, daß wir in Schlemihl einen kritischen, reflektieren- den Menschen vor uns haben, während Fortunatus den Reichtum in allen Erschei- nungsformen akzeptiert und niemals in Frage stellt. Schlemihl selbst beurteilt den Schattenverlust als Verlust seiner Identi- tät. Interessant ist nun die Reaktionseiner Umwelt auf diesen Verlust. Erstaunt stellt man fest, daß Geld nicht alles erkaufen kann. Die "öffentliche Meinung" akzeptiert den Schattenverlust nicht. So hält der treue Bendel nur aus Mitleid, nicht wegen des Reichtums, zu Schlemihl. Selbst die schöne Fanny, die die Zauberkünste des Grauen ganz selbstverständlich hinnimmt, stellt das Fehlen des Schattens mit Entsetzen fest. Für Schlemihls Mitmen- schen ist der Schatten das äußere Zeichen "bürgerlicher S~lidität."~~

Die Gesellschaft kann über vieles hinwegsehen, nicht aber über den Verzicht auf den äußeren Schein. Mit dem märchenhaften Symbol des Schattens deckt Chamisso somit die Scheinhaftigkeit der Gesellschaft des be- ginnenden 19. Jahrhunderts auf. Diese Gesellschaft definiert bestimmte Verhal- tensnormen und fordert, daß sie, wie ober- flächlich sie auch sein mögen, eingehalten werden, und nach ihnen wird dann die bür- gerliche Solidität bemessen. Wichtig ist dabei die Erkenntnis, daß der Schatten- verlust "zwei Seitenn hat. Offensichtlich beurteilen Schlemihl bzw. die Gesellschaft dieses Phänomen recht vers~hieden.~~

Gerade diese Diskrepanz in der Beurteilung deckt die zwischen beiden bestehende Kluft, die ja letzten Endes Ursache für Schlemihls Krise ist, auf. Es ist eben der Konflikt des denkenden, reflektierenden "Selbstn mit der sich auf Äußerlichkeiten konzentrierenden Gesellschaft, der die Handlung auslöst und ~orantreibt.2~

Für beide Helden besteht nun das Problem, sich in ihre neue Situation in der Gesellschaft einzufügen. Fortunatus gerät auch jetzt wieder in Konflikt, weil er ge- sellschaftliche Zusammenhänge nicht zu durchschauen vermag. So versucht er beispielsweise, einen "waldgraffenn zu übertreffen, indem er diesem Pferde vor der Nase wegschnappt (50). Natürlich bringt ein solches Auftreten Fortunatus in Schwierigkeiten. Er kann einfach seine Mitmenschen und vor allem die Gesell- schaftsstruktur nicht verstehen, was ihn zu der Aussage veranlaßt:

0 ich armer / do ich die wal het under den sechs gaben / warumb erwelt ich nit weiß- hait f"ur reichtumb / so w& ich yetzund in der grossen angst und not nit. (51)

Immer wieder kommt er in Situationen, in denen er seine Wahl bereut und bedauert, nicht die Weisheit gewählt zu haben. Weiß- hait" bedeutet aber für ihn nur eine Eigen- schaft, sich aus gefhlichen Situationen zu retten (77). Vor allem ist sie irn Gegensatz zum Reichtum eine Eigenschaft, die man nicht verlieren kann (70). Weißhaitn ist so- mit nur ein anderes Mittel zum selben Ziel: Reichtum. Fortunatus geht es nicht um Weisheit, die ihm Welterkenntnis bringen soll, sondern um praktische Lebensklug- heit. Der Autor folgt hier der Schwanktra-

dition, indem er den BegnfF "weißhaitn im Sinne von List, Schlauheit, %dicheitn verwendet. Es istalso zujederzeit das Geld, das für Fortunatus die höchste Bedeutung hat. In Gewissenskonflikte gerät er nicht. Aber schließlich lernt er die Spielregeln der Gesekhaft. Wie Schlemihl mit Bendel, so hat auchFortunatus einen treuenHelferbei diesem Lernprozeß, nMch Lüpoldus. Vor allem erkennt Fortunatus, daß Geld der ge- sellschafilichenRealisierungbedarfund In- tegration in die Gesellschaft voraussetzt.28

Die Herkunft seines Geldes muß kalkulier- bar werden.

Der gesellschaftliche Aufstieg in die Welt des Adels ist ihm mangels "Standes- zugehörigkeit" versagt. So läßt er sich als reicher Kaufmann in Famagusta nieder. Um sich den dortigen Klerus zu verpflich- ten, baut er eine Kirche und Häuser für Propst und Kapläne. Es handelt sich nicht um eine christliche Tat, sondern um den kalkulierten Schachzug eines Geschäfts- manns. Der letzte Akt seiner Integration ist in Fortunatus' Verbindung mit dem Adel zu sehen. Er heiratet eine Grafen- tochter (90ff.). Fortunatus' Reichtum und "dessen herrenmäßige repräsentative Ver- wendung" sowie Fortunatus' Reiseerfah- rungen qualifuieren ihn in den Augen des Königs zu dieser Heirat.29 Durch diesen vom König geforderten Vorgang wird si- chergestellt, daß sich der reiche Kaufmann nicht gegen den Adel wendet. In kluger Einsicht akzeptiert Fortunatus die eta- blierten Machtverhältnisse. Äußerlich er- kennbar wird das an den zwei Hochzeits- feiern. Zunächst findet eine Feier fur den Adel statt, wobei auch dessen Geschmack durch Veranstaltung von Turnieren Rech- nung getragen wird. Dieser vierzehntägi- gen Feier schließt sich eine zweite, achttä- gige für die Bürger der Stadt an. Fortunatus fügt sich somit harmonisch in die existierende Gesellschaftsstruktur ein.

Schlemihl ist in sehenversuchen nicht so glücklich. Auch er erkennt, daß die Her- kunft des Geldes kalkulierbar sein muß und der gesellschaftlichen Realisierung

bedarf. Infolgedessen läßt er sich nach sei- ner Flucht "auf der anderen Seite des Ge- birges" als Graf Peter nieder und hält dort Hof. Diese Schlemihl zunächst aufgedrängte Rolle ist durchaus nach seinem Geschmack. Er schreckt nicht einmal da- vor zurück, einzelne, die mit ihm um Ansehen konkurrieren, zu ruinieren: "Ich habe in dieser Gegend viele Taugenichtse und Müßiggänger gemacht'' (35). Wie es scheint, hat sich alles zum Besten gewen- det. Die Gesellschaft akzeptiert ihn, und der Kommunikationsverlust ist überwun- den. Aber Schlemihl spielt eben nur eine Rolle, ist nicht er selbst: "Ich sollte dort in dem Bade eine heroische Rolle tragieren" (31). Insofern muß sein Vorhaben schei- tern, sich als illusorisch erweisen.30 Das "Schicksal" holt ihn ein, und er muß zuse- hen, wie Mina von ihren Eltern an Rascal "verkauft" wird. Er könnte die Ereignisse nur abwenden, wenn er dem Grauen durch "rechtsgultigen Vertrag" seine Seele über-

eignete.

Hier wiederholt sich also die Situation in Johns Garten. Der biedere Graue, "ein armer Teufel," bietet Schlemihl etwas an, worauf sich dessen ganzes Sehnen richtet. Als Gegenleistung verlangt er auch jetzt wieder etwas, was einen solchen unmittel- baren Gebrauchswert nicht hat. Erneut wird damit die Dialektik der Ereignisse deutlich. Plötzlich ist der Schatten zu et- was Leibhaftigem geworden, während die Seele ein unnützes Anhängsel darstellt.31 Schlemihl aber hat seine Lektion gelernt. Er lehnt den Tausch ab. Wenn er sich sei- nerzeit noch von dem Auftreten des Herrn John beeindrucken Ließ, so ist es nunmehr gerade der Hinweis aufdiesen, der ihn end- giiltig von einem Vertragsschluß abhält und ihn veranlaßt, den Beutel in den Abgrund zu werfen.32 An dieser Stelle zeigt sich abermals, wie Charnisso das Dämoni- sche in seinem Werk einsetzt. Er benutzt es, um auf die Schwächen der Menschen, ihre Verführbarkeit hinzuweisen. Der Schatten ist gleichsam ein novellistisches Symbol, das die äußeren Ereignisse und

die innere Entwicklung des Helden in sich vereinigt.33

Schlemihl wehrt den Grauen und des- sen Angebot im Namen Gottes ab. Stellt dies ein Bekenntnis zum Christentum dar? Chamisso erkennt zwar die Existenz Gottes an, indem er die Existenz einer See- le anerkennt; insgesamt ist sein Werk aber kein religiös geprägtes.34 So strebt Schle- mihldenn auch nach irdischer Zufrieden- heit und irdischer Vollendung. Ähnlich verhält es sich mit Fortunatus: die Insti- tution Kirche wird von ihm zwar aner- kannt, von einer christlichen Lebensfuh- rung und Weltsicht ist aber nichts zu spüren.

Jetzt, nachdem Schlemihl sich zu sich selbst bekennt, versucht er nicht mehr, ein anderer zu sein, ist er zum ersten Male zufrieden und ausgeglichen. Demnach ist er zu guter Letzt doch kein unglücklicher Mensch, wie sein Name zunächst vermu- ten ließ. Selbst den Verlust der Liebe ver- mag Schlemihl zu verschmerzen. Liebe ist hier nicht mehr, wie auch schon bei Fortu- natus, eine allbewegende Macht. Schle- mihl stört lediglich die Tatsache, daß er sich bei diesem Verlust nicht vodsfrei fiihlen kann. Was zunächst wie Resigna- tion, wie ein Rückzug ins Private anmutet, ist für ihn eine Befrei~ng.~~

Er versucht nicht mehr, sich der Gesellschaft anzupas- sen. Er hat seinen eigenen Weg gefunden und widmet sich der Erforschung der Na- tur, die ihm dank der Siebenmeilenstiefel zugänglich wird.

Ist hierin die romantische Sehnsucht nach der Ferne zu sehen? Man könnte mei- nen, hier ein von der Romantik geprägtes Naturgefühl zu entdecken, das auch dem Gemeinen einen hohen Sinn verleiht. Schließlich widmet Schlemihl sich nicht dem Studium des Spektakulären, sondern er sammelt und erforscht alle Details. Gleichwohl erweist er sich aber als ein Mensch, der Natur nicht gefühlsmäßig er- fahren, sondern verstandesmäßig erfas- sen will. Seine ausführlichen Manuskripte möchte er der Berliner Universität über- lassen. Daraus spricht kein romantischer, sondern ein aufklärerischer Geist.

Auch Fortunatus entscheidet sich, auf Reisen zu gehen. Seine Motivation ist je- doch eine andere. Bei ihm ist es Unbeha- gen an dem erzwungenen Müßiggang. Er möchte die andere Hälfte der Welt kennen- lernen:

Fortunatus sprach / 'ich zeüch nitt auß umb wollust I wolleben / noch umb &t zu gewinnen. ich hab das halb tayl der welt gesehen. so will ich das ander tayl auch besehen.' (99)

Das "Besehen" der Welt ist Selbstzweck, wo- bei es gerade der Reichtum ist, der Fortu- natus die Reisen ermöglicht. Die Darstel- lung des Erzählers ist auch hier durchweg positiv. Die Reisebeschreibungen sind in ei- ner Reihenstruktur aufgebaut, in der vor allem das Exotische und die Kostbarkeiten betont werden, die Fortunatus besichtigt. Eine solchermaßen aufgebaute Reisebeschreibung ist im Zusammenhang mit dem Zeitalter der großen Entdeckungenund des zunehmenden Fernhandels zu sehen. Herr- liche, ja wunderbare Reiseberichte solcher Entdecker-, Handels- und auch Pilgerfahr- ten bringen das Exotische immer näher. Nachdem Fortunatus "das ander tayl" der Welt gesehen hat, führt er ein ruhiges und zufriedenes Leben in Famagusta.

Beide Werke enden somit für die Hel- den harmonisch, wobei Harmonie jedoch für jeden etwas völlig anderes bedeutet. Trotzdem ähneln sich die Heldensehr. Bei- de sind bürgerliche, bescheidene, mittel- mäßige Menschen, die ihr persönliches Glück erlangen wollen, was ihnen auch nach Überwindung etlicher Schwierigkei- ten gelingt.

Beide Werke sind primär aus soziologi- schen Gesichtspunkten zu verstehen. Sie spiegeln bzw. kritisieren die Gedanken- welt der Zeit, deren Einstellung zum Reichtum, deren Gesellschaftsstruktur und auch deren Ideale. So führt Fortunatus das Leben eines guten, reichen und vor

allem vernünftigen Mannes. Er ist abwägend, maßvoll und akzeptiert die Gesell- schaftsbedingungen des beginnenden 16. Jahrhunderts. Es ist eine sehr rational, sehr pragmatisch bestimmte Weltsicht, die hier zum Ausdruckkommt. Fortunatus hat keine Ideale, die mit der gesellschaft- lichen "Realität" in Konflikt geraten könn- ten. Seine 2ntwicklung" ist ein ständiger Anpassungsprozeß. Gerade durch diese völlige Anpassung an die bestehende Ge- sellschaftsordnung erreicht er das größt- mögliche Glück. Die wichtigste Vorausset- zung der Zufriedenheit ist Besitz, ist Reichtum. Daneben ist selbst die Liebe nur von untergeordneter Bedeutung. Die Ehe erweist sich ebenfalls als völlig rationale Angelegenheit, die auf der Macht des Gel- des basiert. Tausend Dukaten in den Schoß der Gräfin und ein Schloß als Morgengabe überzeugen sie, ihre Zustimmung zur Hochzeit zu geben. Die Macht des Geldes ist allgegenwärtig. Daher würde der König auch nicht den reichsten Bürger der Stadt wegen des Diebstahls des Hütleins an den Sultan ausliefern. Die Darstellung des Reichtums bleibt durchweg positiv. Das gilt auch fürdie Beschreibung des Bürger- tums, solange dieses nicht mit den herr-

schenden Ständestrukturen in Konflikt gerät. Verständlich ist eine solche Be- schreibung in einer Stadt wie Augsburg. Dort wuchs die Zahl der großen Vermögen zwischen 1467 und 1540 von 39 auf 278, und die Summe dieser Vermögen stieg auf mehr als das Zwanzigfache.36 So ist denn auch die Schlußmoral nicht etwa eine Ablehnung des Reichtums, sondern ein Ap- pell an die Vernunft über den rechten Um- gang mit Reichtum. Fortunatus ist ein ernster didaktischer Roman. Gesellschaftskritik wird nur angedeutet. Die Grundtendenz des Werkes ist affiativ. Vor allem wird die Macht des Geldes un- eingeschränkt bejaht.

Peter Schlentihls wundersante Geschichte zeigt eine andere Darstellungs- weise. Chamissos Werk beinhaltet offene Kritik an der auf Reichtum fWerten Ge- sellschaft, die er mit ironischer Distanz beschreibt. Bei dieser sozialkritischen Be- schreibung bedient sich Chamisso roman- tischer Mittel. Da ist zunächst der Traum

(z.B. der Blick in ein paradiesisch schat- tenloses Reich [57]).Hier wird zwar ein Ideal- oder Wunschbild gezeigt; Schlemihl flüchtet sich aber nicht in den Traum. Die- ser schafft keine neue Realität; er ist kein Idealbild, das aufErden verwirklicht wer- den soll. Statt dessen haben wir einen rea- listischen Gebrauch des Traums vor uns. Durch den Kontrast des Traumzustands zur Wirklichkeit der Erzahlung wird die Realität konkreter. Schlemihl versucht nicht, die Wrklichkeit zu ändern oder in eine andere zu flüchten.

Auch sein Leben als Forscher ist keine Flucht aus der Welt. Schlemihl hat seine wahre Identität gefunden; er wird eins mit sich und der Welt. Sein Leben als Forscher ist romantisch insofern, als er dem Gemei- nen einen hohen Sinn verleiht. Dies tut er aber nicht in einem pantheistischen Sinne. Esist keine mystische Religiosität, die sein Handeln bestimmt. In Schlemihl zeigt sich eine neue geistige Haltung der Natur ge- genüber. Gott und Natur werden getrennt gesehen, und es herrscht die Einsicht, daß kein wirkliches Erfassen der Welt möglich ist.Man kann lediglich die Erscheinungen betrachten und genießen. Also nur durch Beobachtung kann die Natur bewußt ge- macht werden. Hier zeigen sich bereits die Anfange der positivistischen Forschung. Das Zeitalter Alexander von Humboldts kündigt sich an. Auch dienen Schlemihls Forschungsreisen-anders als diejenigen Fortunatusl-nicht lediglich seiner Selbst- verwirklichung, sondern er handelt zugleich im Dienste der Menschheit, wenn er seine Forschungsergebnisse der Berliner Universität zur Verfügung stellen will. Abermals haben wir hier einen Übergang zum Realism~s.~~

"Der Mensch hält sich an das Existierende und bleibt in den Grenzen der Anschauung der Objektivi- tät."38

Weiterhin benutzt Chamisso bei seiner

Bearbeitung des Fortunatus-Stoffes ver- schiedene zusätzliche Märchenmittel wie Vogelnest, Zaubertasche und Bremspan- toffeln. Aber auch diese Utensilien werden zu realistischen Zwecken umgeformt. Die Bremspantoffeln sind eine Satire auf die "bürgerlichen" Filzpantoffeln. Die diesen entsprechende Gedankenwelt ist in der Tat ein Hemmschuh für jegliche Art von Fernweh, Entdecker- und Forscherdrang.

Die dämonische Figur des Grauen, die über Zaubertasche und Vogelnest verfügt, greift in die Ereignisse ein. Das hat aber nicht zur Folge, daß sich der Mensch vor der Wirklichkeit fürchtet wie etwa Tiecks Märchenhelden, die sich letzten Endes selbst zerstören. Es geht auch nicht dar- um, die Grenzen der Wirklichkeit und des menschlichen Geistes abzustecken, wie etwa in Hoffmanns Goldnem npf. Bei Chamisso befindet sich das Phantastische nicht in den Menschen selbst, sondern steht ihnen gegenüber. Es geht ihm vor allem um die Bewältigung der Wirklich- keit, wohingegen Hoffmanns Dichtung eine ist, in der die Wirklichkeit nicht ge- meistert wird. Auch Chamisso benutzt zwar die Technik der grotesk-realistischen Darstellung. Das Realistische dient aber nicht dazu, das Phantastische zu steigern, sondern läßt es lediglich als unerhörtes Er- eignis erscheinen. Die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Wundergeschehen sind verwischt. Man denke an den Schatten, der allein spazierengeht. Schlemihl fmdet dies zunächst sehr erstaunlich, bis er die Ursache erkennt: "Nun ward mir auch das ganze Ereignis sehr natürlich erklärbar"

(46).

Das Phantastische liegt nicht in Schle- mihl selbst. Es bleibt außerhalb seines Wesens. Bei Chamisso dient das Dämoni- sche mithin dazu, die Verhältnisse und zwischenmenschlichen Beziehungen dä- monisch zu betrachten. Es ist die Wechsel- beziehung zwischen Menschen und Gesell- schaftsgruppen, der alle Bedeutung zukommt. Die Verfuhrerrolle des Grauen ist deshalb so entscheidend, weil dadurch die Schwächen der Menschen und deren Verführbarkeit deutlich werden. Ein sol- cher Gebrauch des Dämonischen und Wunderbaren gibt einer realistischen Darstellung mehr Raum. Märchenmittel wer- den unmärchenhaft angewendet. Selbst der Graue ist entdämonisiert, ist verbür- gerlicht. In diesem Sinne entfernt sich Chamisso von der Romantik. Im selben Maße aber, in dem er sich von der Roman- tik entfernt, nähert er sich der realisti- schen Fortunatus-Darstellung.

Zusammenfassend darf man demnach feststellen, daß sich beide Werke weitge- hend in realistischer Weise mit soziologi- schen Problemen ihrer Zeit auseinander- setzen. Im Gegensatz zu Fortunatus beschreibt Chamisso zwar einen innerlich zerrissenen Helden und ist damit nochvon der romantischen Erzahlweise beeinflußt; in Gehalt und Struktu aber weist seine Darstellung bereits auf den bürgerlichen Realismus des 19.Jahrhundertsvora~s.~~ Trotz der Unterschiedlichkeit in der Dar- stellungsweise sind die Grundzüge beider Werke einander überraschend ähnlich, wobei gerade ihr Kontrast entscheidend zum Verständnis von Peter Schlemihls wundersamer Geschichte beiträgt.
Anmerkungen

'Adelbert von Chamisso, "Peter Schlemihls wundersame Geschichte," Sämtliche Werke, Bd. I (München: Wuikler, 1975). Alle folgenden Chamisso-Zitate beziehen sich auf diese Aus- gabe.

2Hans Joachim Kreutzer, Der Mythos vom Volksbuch(Stuttgart: Metzler, 1977) 54. 3MarjattaWis, "Zumdeutschen Fortunatus," Neuphilologische Mitteilungen 63 (1962): 7ff. 4Xenja von ErtzdorfT, Romune und Novellen des 15. und IG. Jahrhunderts in Deutschland

(Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesell-

schaft, 1989) 135.

5Kreutzer 58 und 169.

6Ernst Ferdinand Koßmann, "Die Quelle von Chamissos Fortunat," Euphorion 9 (1902): 341-46.

7Dörte Brockhagen, "Adelbert von Chamis- so,"Literatur in der sozialen Bewegung, hg. AlbertoMartino (Tübingen: Niemeyer, 1977) 399; Winfried Freund, Artelbert von Chamissos 'Pe- terSchlemih1,'Geld und Geist:Ein bürgerlicher Bewußtseinsspiegel. Entstehung, Struktur, Re- zeption, Didaktik (Paderborn: Schöningh, 1980) 19; Marko Pavlyshyn, 'Gold, Guild and Scholarship: Adelbert von Chamisso's Peter Schlemihl,"German Quarterly 55 (1982): 56.

8Freund 45 und Pavlyshyn 5658 schießen in ihren Schlußfolgerungen dann allerdings übers Ziel hinaus, indem sie behaupten, ScMe mihl sei ein Verschulden vorzuwerfen, da er sein Geld ohne persönliche Arbeit und Anstren- gung erworben habe. Vgl. auch Ralph Flores, The Lost Shadow of Peter Schlemihl," Cerman Quarterly 47 (1974): 577f Hiergegen ist einzu- wenden, daß nirgends in Chamissos Werk(oder imFortunatus)eine solcheVermutung gestützt wird. Nirgendwo wird auf einen notwendigen Zusammenhang nvischen Vermögen und Arbeit hingewiesen.

gSchlemihl fallt eine bewußte Entschei- dung, wenn er den Geldsäcke1 in den Abgrund wirft. Dies gegen Benno von Wiese, Thamisso: Peter Schlemihl," Die deutsche Novelle von Goe- the bis Kafia (Düsseldoxf Bagel, 1956) I: 112;

S.U. Anm. 32. 1°HermannJ.Weigand, "Peter Schlemihl,"

Surueys und Soundings in European Literature

(Princeton: Princeton UP, 1966) 210: We must take the shadow 'forwhatitis worth.'Itisworth nothing in practical terms, but its absence makes Peter a marked man."

llEine biographische Interpretitionwie die von Josef Nadler, Die Berliner Romantik 1800- 6814: Ein Beitrag zur gemeini)ölkischen Frage. Renaissance, Romantik, Restauration (Berlin: Reiss, 1920) 115-25, läßt sich nach einer Text- analyse nicht aufrechterhalten. Ebensowenig kann der Schatten als Eigenphänomen be- trachtet werden; vgl. etwa Ernst Loeb, "Symbol und Wrklichkeit des Schattens in Chamissos 'Peter Schlemihl'," Germanisch-Romanische Monatsschrift, N.F. 15 (1965): 402, wo der Schatten als Phänomen erscheint, das "alle aussprechbare-und unaussprechliche-Wahr- heit M eigenen Bilde birgt."

12Vgl. Clemens Eugowski, Die Form &r Zn- dividualität im Roman (Rpr. Fr-ankfiu-t: Suhr- kamp, 1976) passim.

13Max-tin Swales, "Mundane Magic: Some Observations on Chamisso's 'Peter Schlemihl'," Forum for Modern Language Studies 12 (1976):

252.

14Dies gegen Stuart Atkins, "Peter Schle mihl in Relation to the Popular Novel of the Romantic Period," The Germanic Review 21 (1946): 207; Gero von Wilpert, Der verlorene Schatten: Variationen eines literarischen Mo- tivs (Stuttgart: Kröner, 1978) 4249; Alice A. Kuzniar, "'Spurlos . . . verschwunden': 'Peter Schlemihl' und sein Schatten," Aurora 45 (1985): 192.

15Das "bessere Selbst" unterscheidet sich von dem "Ichninsofern, als es seinen Prinzipien treu bleibt und sie nicht zugunstenvordergrün- diger Vorteile aufgibt. Es liegt hier keine "undefinierte DifTerenz zwischen den beiden Ter- mini"(so Kuzniar 202) vor.

16Fortunatus.Hg. Hans-Gert Roloff (Stutt- gart: Reclam, 1981). Alle Fortunatus-Zitate beziehen sich auf diese Ausgabe.

17Dieter Röth, "Dargestellte Wirklichkeit im frühneuhochdeutschen Prosamman: Die Natur und ihre VerwendungM epischen Gefu- ge" (Diss: Göttirigen, 1959) 222.

lsSchlemihl läßt sich gerade nicht einfach treiben, sondern fallt bewußte Entscheidun- gen. Die "Narrationnwird in keiner Weise durch Schlemihls Willenlosigkeit motiviert, wie Kuz- niar 198 behauptet; vgl. auch Pavlyshyn 59. Abzulehnen sind ferner Behauptungen wie die von Swales 252: "But the full implications of this [the behavior of the society] are something to which Peter is largely blind"; von Flores 575: "Schlemihl fails to discern what he sees"; von Franz Schulz in "Die erzähierische Funktion des Motivs vom verlorenen Schatten in Cha- missos 'Peter Schlemihl'," German Quarterly 45 (1972): 435: "Ihm fehlt zu Beginn der Erzäh- lung noch die Einsicht in die Hohlheit der Ge- sellschaft." Es ist gerade diese Einsicht, die ihn vetdaßt, die Gesellschaft zu verlassen.

lgEbendiese Verlockung bringt die eigentli- che Handlung in Gang. Der Verlust des Schat- teils ist bereits eine Konsequenz. Dies gegen Kuzniar 191.

2'Walter Raitz, Fortunatus (München: Fink,1984) 25.

21Ebd. 19.

22Die bereits bestehende Isolierung Schle

mihls wird durch die Ereignisse verstärkt. Er war nie Teil der Gemeinschaft. Insofern muß Gilles Meinung, die unmittelbare Folge des Schattenverlustes für Schlemihl seien der Kommunikationsverlust und die gesellschaftli- che Isolierung, abgelehnt werden. Vgl. Klaus F. Giiie, "Der Schatten des Peter Schlemihl," Der Deutschuntenicht 40 (1987): 76.

*Er verliert sie nicht erst rückwirkend da- durch, da4 er nach dem Schattenverlust eine Rolle spielen muß; so aber Loeb 405.

24S.o. Anm. 8. Schlemihls Schuld liegt auch nicht in "the inability to cherish the simple," wie Swales 262 meint. Gegen Loebs Vergehen, das eben darin besteht, daß er das Licht ohne Schatten und damit das Leben zu einem Preis kaufen will, zu dem es nicht feil ist" (403), muß man einwenden, daß der Text einen solchenzu- sammenhang nicht stützt. Gilles Behauptung: "Schlemihls Irrtum,moralisch zur Schuld ver- innerlicht, [besteht] nur darin, die Glücksfor- derung des abstrakten Individuums, das zu Be- ginn der bürgerlichen Epoche als Subjekt der Praxis auftritt, für sich konkretisieren zu wol- len" (82), übersieht, daß es hier nicht nur um Schlemihls verständlichen Wunsch nach materiellem Wohlstand geht, sondern auch und vor allem darum, um welchen Preis (Aufgabe sei- ner Prinzipien) er sich diesen Wunsch zu erfül- len sucht.

25Von Wiese 110.

26Swales 250.

27Auch hier läßt die bei der Darstellung benutzte Ironie die Gegensätze in einem um so krasseren Licht erscheinen.

28Vgl. Raitz 28.

2Von ErtzdorfT 137.

30Geld ermöglicht eben nur dann "gesell- schaftliche Stabilität," wenn bei dessen Erwerb kein Identitätsverlust stattfindet. Anders Kuz- niar 195: "Paradoxerweise ermöglichen sowohl Gold als auch der Sckztten gesellschaftliche Stabilität."

31Swales 260.

32Es ist keine unbewußte Ablehnung des Grauen. Dies gegen Swales 261; Pavlyshyn 59; heb 406; Kuzniar 198. Ebensowenig liegt ein Ausweichen vor dem Konflikt vor; dies gegen von Wiese 112. Schlemihl fallt eine bewußte Entscheidung.

33Gerade diese Funktion des Schattens ist es, die ihnder ironischen Beurteilung entzieht.

34Dies gegen Weigand 208: "Peter Schle- mihl is a parable on the central Christian theme summed up in the words of Jesus: Tor what shall it profit a man, if he shall gain the whole world, and lose his own soul' (Mark 8: 36)."

35Das Ende als Buße für den CÜheren "ma- teriellen Eigennutz" und Dienst an der Ge- meinschaft zu beurteilen wird der Geschichte nicht gerecht; so aber Freund 49. Die Betäti- gung Schlemihls ist positives Zeichen seiner Selbstverwirkiichung, die nur unter anderem Auswirkungen auf die Gemeinschaft hat. senschaft wird hier noch nicht in ihrer sozialen Funktion gesehen. Es ist eine positive, persön- liche Entwicklung, die Chamisso in der für ihn typischen humorvollen Weise darstellt. Dies gegen Pavlyshyn 60: "Schlemihl .. . retains no more stature at the end of the tale thana comic figure."

3Qaitz 94.

37Z~vergleichbaren Ergebnissen kommt Gisela Menza, Adelbert von Chamissos 'Reise um die Welt mit der Romanzofischen Entdek- kungs-Expedition in den Jahren 1815-1818' (Frankfurt: Lang, 1978).

38Ulri~hvon Baumgartner, Adelbert von Chamissos Peter Schlemihl (Leipzig: Huber, 1944) 99.

39;Verner Feudel, Adelbert von Chamisso (Leipzig: Reclam, 1971) 85.

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