"Die Schule der Angst": Gespräch mit Herta Müller, den 14. April 1998

by Beverley Driver Eddy, Herta Müller
Citation
Title:
"Die Schule der Angst": Gespräch mit Herta Müller, den 14. April 1998
Author:
Beverley Driver Eddy, Herta Müller
Year: 
1999
Publication: 
The German Quarterly
Volume: 
72
Issue: 
4
Start Page: 
329
End Page: 
339
Publisher: 
Language: 
English
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ISSN: 
Abstract:

BEVERLEY DRIVER EDDY

Dickinson College

"Die Schule der Angst"-Gesprach mit Herta Miiller, den 14. April 1998

Folgendes Gespriichfandam 14.4.1998 in Carlisle Pennsylvania statt, wo Herta Muller an der Einweihung des Max Kade Centers for the Study ofContemporary German Culture teilnahm. Herta Muller ist Honorary Fellow am Dickinson College. Sie wurde 1953 in Nitzkydorfin Rumiinieti als Teil der banatdeutschen Minderheit geboreno Sie studierte Anglistik und Rumiinistik in Temeswar, und arbeitete zuruichst als Ubersetzerin in einer Maschinenfabrik. Weil sie sich weigerte, fur den Geheimdienst zu arbeiten, verlor sie diese Stellung wie auch ihre niichste Stellung als Deutschlehrerin. Sie schrieb die Erziihlungen, die in der Sammlung Niederungen erschienen sind, schon als sie in der Fabrik arbeitete, hatte aber Schwierigkeiten mit der Zensur, und das Buch wurde erst 1982 in stark modifizierter Form ueriffentlicht. Der urspriingliche Text wurde in den Westen geschmuggelt und 1984 vom Rotbuch Verlag ueriffentlicht. 1987 durfte sie auswandern; heute lebt sie in Berlin.

Von Herta Muller sind folgende Bucher erschienen: Niederungen (Erziihlungen, 1982, 1984), Driickender Tango (Erzahlungen, 1984), Der Menschist ein groBer Fasan aufderWelt (Roman, 1986), BarfiiBiger Februar (Erzahlungen,1987), Reisende auf einemBein(Roman, 1989), DerTeufelsitzt imSpiegel(Essays, 1991), EinewarmeKartoffel ist ein warmes Bett (Essays, 1992), Der Fuchs war damals schon der Jager (Roman, 1992), Der Wachter nimmt seinen Kamm (Collagen, 1992), Herztier (Roman, 1994), Hunger und Seide (Essays, 1996), In der FaIle (Poetik-Vorlesungen,1996), Heute

war ich mir lieber nicht begegnet (Roman, 1997). Sie hat mehrere Auszeichnungen erhalten, darunter den Marieluise-Fleif3erPreis (1990), den Kleist-Preis (1994), den Europtiischeti Literaturpreis "Aristeion" (1995) und im Sommer 1998 den Dublin Literary Prize "Impac" fur The Land of Green Plums (die englische Ubersetzung von Herztier).

Die meisten von Herta Muliers Werken sind eine Auseinandersetzung mit der todlichen Konformitiit des banatschuiiibischeti Dorfes undder grauenvollen Unterdriichung durch die rumiinische Diktatur. Muller verfugt uber eine tauschend einfache, tiefpoetische Sprache. In dem folgenden Gespriich redetsie iiberihren neuestenRoman, Heute war ich mir lieber nicht begegnet. Die Handlung des Romans spielt sich in dem kurzen Zeitraum einer Straf3enbahnfahrt zum Yerhor beim rumanischen Geheimdienst abo Die Wahrnehmungen von dieser Reise werden stiindig von den Gedankengiingeti der jungen Ich-Erziihleriti unterbrochen, die als Riichblendeti mehrere Episoden aus ihrer Kindheit, aus ihren zwei Ehen, und aus friiheren Verhoren wiedergeben. In diesem Gesprticli redetHerta M idler auch tiber ihre Collagen, die aus einzelnen Wortern oder Wortteilen bestehen, die als lyrische Siitze und Gedichte neu zusammengestellt und mit fast surrealistischen Bildteilen oder scherenschnittartigen Bildern illustriert werden. Dabei gibt sie Einblicke in ihre Arbeitsmethoden, Textstrategien, und stilistischen Mittel.

The German Quarterly 72.4 (Fall 1999) 329

BDE:

Ich mochte mich zuerst mit dir uber die Sprachein deinen Werken unterhalten, besonders in deinem neuesten Roman Heute war ich mir Ziebernicht begegnet.i Du hast in deinen theoretischen Schriften-von "Zerlegung" gesprochen-von Menschen, von Gesichtern, von Gegenstanden, Das scheint sehr wichtig zu sein, besonders in deinen neueren Werken.

HM:

Ja, ich glaube, daBin derWahrnehmung das Detail immer eine Rolle spielt, und daB man umso mehr sieht, je mehr man Einzelheitensieht.Alsoich glaubenicht, daB,wenn mandas Ganze aufeinmalansieht,daBman genau sieht. Wenn man das Detail ansieht, sieht man zwar nur einen Tell, aber ich glaube, aus diesem Tell heraus sieht man tiefer, als wenn man das Ganze an der Oberflache sieht.Undichglaube, daBdieWahrnehmung insgesamt sich aus dem Detail zusammensetzt,unddaBverschiedeneDingeimmermitspielen. Wenn ich es mit einer Person zu tun habe, spielt die ganze Umgebungmit. Schon allein von der Umgebung her, wenn ich den gleichen Text, den gleichen Dialog, das gleicheGesprachfiihrenwiirde, wareestrotzdem anders in einem Buro als in einem Park oder in einem Restaurant oder in einem Zugabtell. Ich meine, daB diese Dinge sich immer viel mehr als man vermuten wiirde einmischen in das, was zwischen Personen geschieht.

BDE:

1st das, warum du immer dieses Ineinandergreifen hast von Menschen und ...

HM:

... und Gegenstanden ...

BDE:

wie wenn das Laub eines Baumes Major Albus Ohren grim farbt, oder ...

HM:

Ja, oder bei Paul morgens diese rote Kaffeedose, diese Emailledose. Das Fremdeln hab ichjadort vor Gegenstanden. Also ... ist es im Grunde genommen oft umgekehrt, daB man vor Menschen fremdelt, wenn sie einem auf den ersten Blick nicht gefallen, und daB ich oft vor Gegenstanden fremdle, wenn sie mir aufden ersten Blick gefallen. Weilsiejaaus einemanderenStoff bestehen. Ich fuhle mich dann bedrangt von einem Stoff, der nicht zu mir gehort, der nicht mein eigener ist, der mir auch nicht ahnlich ist. Ein Gegenstand ist ein fremder Stoff, der sich einschleicht unddas Faszinosum entstehtja auch erst durch die Fremdheit. Urn so mehr ich davor fremdle, umso langerbleibtder Kopfdamitbeschaftigt, urn so langer dreht sich, was ich an diesem Gegenstand gesehen habe, im Kopf.

Ich glaube, Gegenstande konnen ... Wie solI ich das sagen? Es ist ja nicht nur eine Sache der Sprache. Sprache ist ja nichts. Sprache an sich gibt es nicht fur mich in der Literatur. Die Sprache muB das transportieren, was ich sagen mochte, und ich muB sie mir zur Hilfe nehmen, urn das, was ich zeigen mochte, tun zu konnen, undvielleicht kommt es daher, daB Gegenstande oder auch Pflanzen sehr suggestiv sind. Sie fassen in einem Wort so viel, eben weil sie nicht zu uns gehoren, Lilli wird zum Beispiel Kirsche genannt. Diese Kirsche auf die Person bezogen sagt viel mehr, als ich durch ich weiB nicht wieviele Satze, die ihr ganzes Geheimnis verlieren wurden, sagen konnte, Deshalb brauche ich dieses eine Wort, denn man stellt sich schon einen gewissen Frauentyp vor, dieses eine Kosewort, das der Geliebte fur sie benutzt. 1m Alltaglichen ist das genau so, ich wurde da auch zwischen Literatur und Alltag uberhaupt nicht unterscheiden. Ich glaube, es ist ja nicht die Eingabe des Schriftstellers, die Metaphern zu benutzen oder das poetische Bild, das finden wir in der Alltagsspracheja uberall, Es geht nur darum, Bilder zu finden, die nicht abgenutzt sind. Es gibt ja so viele und das ist ein Indiz daftir, daB wir als Menschen diese Bilder brauchen, wir kommen ohne diese uns umgebenden Dinge mit hineinzuziehen tiber

haupt nicht aus; es reicht nicht aneinanderzureihen, sondern wir mussen das eine in das andere hineinstecken urn ... ja, urn uns seIber zu helfen beim Anblick der Dingee

BDE:

Du hast oft Bilder, die du einfuhrst, und dann spater kommt das Bild wieder in einem ganz anderen Kontext oder in einer anderen Umgebungvor, Hast du Grundbilder, mit denen du arbeitest? Es scheint mir, daBdu sehroftvonden gleichenkonkreten Sachen redest. VonInsekten, zum Beispiel, oder Nussen ...

HM:

Ich glaube, es gibt bei jedem Menschen ein Grundregister, das sich eingepragt hat, das man sich nicht bewuBt, aber wahrscheinlich durch die gefiihlsmaBige Veranlagung angeeignet hat. Und es ist wahrscheinlich bei jedem Menschen anders. Und dieses Grundregister ist etwas, was wiederkommt. Ich habe dariiber selbst nie nachgedacht. Nur natiirlich, wenn man mich darauf hinweist, sehe ich das sofort. Es hat dochjeder Mensch Dinge, die er mag und Dinge, die er nicht mag, dies ist nicht nur auf der logischen Ebene zu erklaren, Es gibt das Intuitive, das Moment, das wahrscheinlich mehrvom Geflihl-obwohl ich nicht so genau weiB, was das ist-weil ich glaub', das Gefiihl sitzt im Kopf. Ich kann den Verstand und das sogenannte Herz nicht auseinanderdividieren, aber egal wie, es ist so, daB man viele Dinge instinktiv mag und andere nicht mag, und man kann das oft nicht begriinden. Man kann auch nicht begriinden, warum man einenApfellieberiBtals einenPfirsichoder umgekehrt. Das sind Dinge, fur die es keine Erklarung gibt. Das ist wie mit der Literatur, die man liest. Man sagt Geschmack -der sogenannte Geschmack ist etwas Individuelles, was sich aus einer Person heraus nicht erklaren laBt. Man kann, wenn man jemanden gut kennt, seinen Geschmack kennen oder immer besser kennen. Man kann von dem einen auf das andere zielen, und man kann recht behalten, ohne daB das andere schon offen zu Tage getreten ist. Aber erklaren kann man nicht, warum. ... Seltsamerweise geht es einem gar nicht urn die Grunde, Man ist froh, man ist jemandem nahe, wenn man seinen Geschmack kennt.

BDE:

In dem Aufsatz "Wie Erfundenes sich im Ruckblick wahrnimmt" hast du behauptet, das ganze Schreiben sei ein einziger Satz.

HM:

Ja, das ist verbluffend, Ich glaube an sich selbst merkt man es gar nicht so deutlich, aber wenn man Biicher von Autoren liest, die einen deutlich eigenen Stil haben, ich denke jetzt an Thomas Bernhard ... aber es kann auch Fiihmann sein oder es kann auch Uwe Johnson sein oder es kann auch der Jochen Schadlich seine Ich meine, je mehr man liest, urnso mehr findet man sich in diesen Hauch hinein, und konnte einen Satz allein vor sich haben und wiirde erkennen, von wem er ist. Nicht, weiI man ihn schon mal gehort hat, sondern weil man ihn spurt. Ein Celan Gedicht ist wahrscheinlich nie zu verwechseln, auch wenn man dieses Gedicht noch nie gehort hatte, Ich glaube, das ist eine Starke-s-dieser eigene Fingerabdruck im Gesagten, der den Blick wiederspiegelt, aber auch eine Haltung, ein inneres Bild dieses Autors. Wenn man den Autor als Person gut kennt, dann spiegelt sich seine ganze Gestik, sein ganzes Aussehen buchstablich im Text. Und das ist verbluffend, Ich habe den Eindruck, wenn ich schreibe, eigentlich muB ich nur immer an diesen einen Satz ... Nicht ihn wieder schreiben sondern an ihm weitermachen. Da ich den Satz irgendwann angefangen habe, muB ich weitermachen. Und das passiert mir bei Buchern von anderen Autoren genauso. Ich wiirde sogar so weit gehen und sagen, wo das nicht drin ist, dort stimmt etwas nicht. Wo nicht genug von allem aus einem Satz spricht, dort ist der Satz zu schwach und leistet nicht das, was er sollte.

BDE:

Du hast viele Bilder vom Verrutschen oder Umsturzen in deinen Werken. Besonders in diesem letzten Roman, mit dem verrutschten Turmblock oder mit dem Hirn, das vornuber ins Gesicht rutscht.

HM:

Ja, es ist immer wieder das Eine plotzlichetwasganz Anderes,nicht?Weilesumschlagtundkippt. Der Blickfallt aufetwas, und es ist im Auge, und im nachsten Augenblick ist es was anderes. Es bewegt sich in sich, sturzt in eine andere Form.

Ja, es geht mir oft so. Wenn man ein biBchen langer hinsieht, hat man sich schon verrechnet. Das darf nicht Absicht sein, sonst funktioniert's nicht. Aber wenn man es sich verbieten wurde, urn sich zu schonen, funktioniert's auch nicht, bei mir nicht.

Vielleicht kommen diese Paradigmen aus der Schule der Angst. Wenn man so lange Lebensangst hatte, oder Todesangst--es ist ja dasselbe, seltsamerweise--die Angst ist der unheimliche Meister der Wahrnehmung. Wenn manAngste eingeubt hat, weil einem nichts anderes ubrigblieb, weil man damit leben muBte, gehen sie nicht mehr weg. Dann muB Angst nicht standig neu entstehen, urn eine Art von Umgang, von Schlussel zu sein, mit dem man die Dinge erreicht. Ich weiBnicht, ob ich recht habe-aber an mir erklare ich mir das so. Ich glaube, die Angst, die still halt, ist am gefahrlichsten. Sie schadet einem am meisten. Sie richtet Schlimmeres an, als wenn sie sich bewegt. Selbst wenn sie sich in der Wahrnehmungin eine extremere Richtung bewegt als notig ware, ist das immer noch schonender fur einen selbst, als wenn sie stillsteht, lahm ist und nichts tut. Ich hab mich immer darum bemuht, daB die Angst sich bewegt. Auch wenn ich mir dadurch vielleicht noch mehr Angst machen muBte, hat mich das, wenn schon nicht geschont, dann wenigstens beschaftigt, Es passierte etwas, mankann seinen Kopfja nicht einfrieren. Die suchende Fantasie schont, ich hab das oft auch an anderen Leuten gemerkt. Die Leute, die sich geweigert haben, so lange es nicht unbedingt notig war, sich mit Bedrohungen auseinanderzusetzen, diese, soweit es ging, weggeschoben haben, waren in sehr kurzer Zeit fIX und fertig, zerbrochen, kaputt, wenn dann der Moment kam, wo sie drangsaliert wurden. Mit einem Schlagwaren sie zerbrochen, sie haben uberhaupt nichts ausgehalten.

BDE:

Es war also ein Uberlebenssprozess ...

HM:

Wie ein Training, ein Sich Bewegen in der Angst, wie wenn du als Kind gehen lernst. Den Kopfin der Angst bewegen lernen, egal wie es kommt, damit du es aushaltst, Damit du nicht uberrollt wirst. Und damit entsteht der Blick aufs Detail. In meiner Biographie hat das Schreiben, glaub ich, sehr viel mit all diesen Situationen zu tun. Ich glaube, ich hatte nie was geschrieben, wenn ich nicht in die Situationen der Not gekommen ware, weil ich immerwasganz andereswollte.1mGrunde hat das Schreiben mich abgestoBen. Ich hatte diese paar puerile Gymnasialgedichte geschrieben und danach war ich so weit druberhinaus, daBich aufderHochschule uberhaupt nichts mehr damit zu tun haben wollte. Ich glaube, das Schreiben hat mich erwischt, als mir gar nichts anderes mehr ubrigblieb. Und das Schreiben habe ich damals nurangefangen, urn mirseIber zu versichern, daB die Angst laufen lernt. Ich muBte die Tage fur mich nachvollziehbar machen, schwarz auf weiB, wie man so schon sagt, damitdas Leben mir nicht blind abhanden kommt, muBte ich mir seIber beweisen, daB diese Angst laufen lernt.

BDE:

Dieses Sich Bewegen in der Angst scheint fast ein Bild fur die Struktur von deinem neuesten Roman zu seine

HM:

Hmmm. Ja. Naja, und da geht es mir auch immer urn Personen, die es wirklich gegeben hat, die man nicht erkennt, wenn man es nicht weiB, aber wenn man es weiB, erkennt man Splitter. Es war im vorletzten Buch [Herztier] auch so. Weil meine beste Freundinsehrjunggestorbenist, undweil sie mich vorher verraten hat, und weil ich sie verachten muBte und nicht aufhoren konnte, sie zu lieben. Und-das ist vielleicht heute genauso, darum muB ich mir sie immer erfinden. Nicht sie selbst, aber alles urn sie herum. Das mit der Kirsche ist zum Beispielreal, siewurdesogenanntvon ihrem Geliebten. Sie liebte nicht alte Manner, aber sie wurde Kirsche genannt. Solche Winzigkeiten, das macht die Spannung und den Sinn aus, und mit diesen realen Dingen fiktiv zuarbeiten. Wasmanmit dieser Kirsche dann alles machen kann, wo die Frau in der StraBenbahn plotzlich Kirschen illt und daf dann dieser Klatschmohn kirschrot ist, als sie erschossen wird-wie sich dann Sachen verbinden, das ist das Uberraschende, das mir die Kraft gibt, schreibend an sie zu denken. Das Unberechenbare: was kommt dabei heraus? Und sich selbst auch beweisen: was kannst du mit deiner Trauer urn sie anfangen? Wokannst du dieses Reale und dieses Erfundene, wo kannst du das zusammen hintreiben?

BDE:

Dadurch ergibt sich ein wunderbarer Reichtum an Bildern und Personen in dem Roman. Zum Beispiel, die Szene mit der Apothekerin ...

HM:

Die mit den Augen? Diesagt, sie konnen auchdrei haben?Tatsacheist,daBesinden Apotheken Glasaugen aus China gab, in Rumanien. Als es nichts mehr gab, gab es Glasaugen. Die wurden nicht in die Vitrine an der StraBe gelegt sondern in die innere Vitrine, an der Theke. Als Schmuck oder was weiB ich. Ich fand das grausig, nicht? Und wer kauft sich schon ein Glausauge? Ich habe damit sonst nichts erlebt. Es ware langweilig, Reales aufzuschreiben, das real Vorhandene taugt ja gar nicht. Ich kann das hochstens als tragisch-lustige Geschichte erzahlen.

BDE:

Aber es sind viele von diesen tragischlustigen Geschichten in dem letzten Roman. Ich habe an manchen Stellen in dem Buch laut auflachen mussen,

HM:

Ja, auch das mit diesem Schwiegervater, dem Parfiimkommunisten, nicht? Mit den Ameisen in der Suppe und der Silvesterfeier.

BDE:

Genau. Konnte man sagen, daB esjetzt eine neue Leichtigkeit in deinen Werken gibt?

HM:

Ich weif nicht. Es vergeht Zeit, ich habe mich wahrscheinlich schon von vielem frei machen konnen, Und ich kann michjetzt drauf stellen, es stellt sich nicht mehr auf mich drauf.Und das freut mich auch. Da wo sich Witz einschleicht, Sarkasmus, da hab ich gesiegt. Das ist wie Ohrfeigen bekommen haben und irgendwann, wenn auch zu spat und nurin Worten welche austeilen, zuriickschlagen.

BDE:

Die Struktur von dem Roman ist auch nicht so einfach.

HM:

Naja, es gibt eine Jetzt-Ebene mit der StraBenbahnfahrt und eine Ebene der Riickblenden. Und das wechselt eigentlich ziemlich regelmaBig. Aber die Riickblenden sind vielleicht komplizierter. DieJetztzeit lauft aufderSchiene.Aufdiesemeinen Strang in diesem StraBenbahnwagen passieren die Dinge durcheinander. Da war mir auch wichtig, daB in diesem Raum viel Leben spielt, gleichgiiltiges oder tragisches oder lacherliches. Und daB das immer von den zufallig zusammengeratenen Protagonisten, die nichts als Passagiere sind, abhangt, DaB diese eine fest sitzenbleibende Person, es ist nur diese Ich...Person, die in diesem Wagen sitzenbleibt, beobachtend ordnen will, daB aber alles durcheinander gerat. Ich glaube sowieso bewegliche Vehikel insgesamt, ob dasjetztAutos sind oder Zuge oder Busse, Fahrenist wie wenn zweimal ubereinander gelebte Zeit vergehen wurde, das eine die Bewegung im Raum innenunddas anderedie BewegungauBen. Es war fur mich immer gespenstisch, das zweimal ubereinander Gelebte.

BDE:

Du hast in dem BuchDer Teufel sitzt im Spiegel viel von dem Ausgelassenen gesprochen....

HM:

Ich glaube, das Auslassen ist ein Mittel, ohne das man uberhaupt nichts erinnern kann. Es ist nicht eine Tugend, sondern es isteine Notwendigkeit. Und es istvielleicht entscheidend, was man auslafit, und was man erwahnt, Wenn du erzahlen willst, muBt duja dich tiber das Auslassen genauso entscheiden wie uber das Erwahnen, Das Erlebte flieBt. Das Erlebte hat seine GleichmaBigkeit und seinen FluB und es entscheidet ja nicht, was fur dich wiedergebbar wird und was du nicht registrierst. Schon beim Erleben registriert man nicht alles. Was du fur nicht so wichtig haltst, oderwas du meinst, es kann mitverstanden werden durch das, das laBt du weg. Es gibt keine andere Moglichkeit. Beim Schreiben ist es genauso. Ich glaube, daBder Text das aber mittragen muB, also daB das Ausgelassene trotzdem in diesem Text drin bleiben muB, es muB genau so stark bleiben wie das, was man gesagt hat im Text.

BDE:

In "Wie Wahrnehmung sich erfindet" hast du geschrieben, daB du Menschen zurucknachNitzkydorfgenommenhast, und alle, die das BuchNiederungen gelesen haben, haben gesagt, das Dorf sahe gar nicht so aus, wie sie es sich vorgestellt hatten, die StraBen waren zu breit, das Dorf ware zu symmetrisch und zu "gewohnlich." Ich hatte ein ahnliches Gefuhl, als ich Fotos von dem Dorfsah. In deinen Schriften findet man, trotz allem Schrecken, wunderbare Bilder von Menschen und Ritualien, vom Bauernleben und von den verschiedenen Generationen, und dieser Reichtum schafft doch ein halbwegs romantisches Bild von dem Dorf.

HM:

Na, es ist vielleicht auch ein Schreckli... cheres. Weil der Schrecken im Text sitzt, und der Schrecken ist ein Gefiihl, kein Dorf. Der Schrecken ist keine Architektur, und er ist keine Fauna und keine Flora, also, er ist nicht in sich selbst, sondern er entsteht im Kopf, der von den Dingen urn... geben ist.

BDE:

Aber dazu kommt auch das folkloristische-Spriiche, Lieder, Aberglauben. Da ist sehr viel Schrecken drin, aber als ich Niederungen gelesen habe, hat das dorfliche Bild mich auch angezogen. Es hat mich abgeschreckt, aber zur gleichen Zeit angezogen.

HM:

Na, es wird bei mir genauso sein, HaBLiebe wahrscheinlich. Ich meine, es ist ein Stuck Leben und in der Kindheit passiert ja sehr viel, Bei jedem Menschen werden dann Dinge angelegt, die im Kopf nisten, die man sich nicht aussucht, die kommen aus dem Elternhaus und aus der in einem Dorf'so uberschaubaren und zunahen Umgebung. Der weiteste Punkt des Dorfes ist immer noch ein naher Punkt der Umgebung, wenn man das auf eine Stadt projiziert, weiI es Anonymitat so gut wie gar nicht gibt. Wer zwanzig StraBen weiter wohnt, ist immer noch naher als der Nachbar in einem Wohnblock in der Stadt, den man nicht kennt. Wo es iiberhaupt keine Anonymitat gibt, ist die tiickische KontrolIe liickenlos. Die deutsche Minderheit aus Rumanien hat in ihrer Angst als Minderheit in einer Phobie gegen alles andere AuBere gelebt. In Angst, daf ihre Identitat verIoren geht, daB sich etwas verandert, daBetwas anderes hineinkommt. Das wurde absurd, daBdie drei hundertJahre lang, seit sie als Kolonisten in diese Orte kamen, alles immer wie ein Bundel Wegzehrung weitertransportiert und nichts anderes zugelassen haben. Von der Kleidung bis zum Essen, Volkslieder, Gebrauche und Alltag. Eine Mumifizierung mitten in jedem einzelnen Leben.

BDE:

Das Kind sieht das anders als die ublichen Dorfleute ...

HM:

Diese Ich-Person, das Kind in den Niederungen ist selbstverstandlicheine kiinstliche Person, weil ich das Buch auch erst schreiben konnte, als ich aus dem Dorf drauBen war, als ich eine Alternative dazu hatte. Wenn du keine Alternative hast, dann steckst du drin, und wer sollst du sein? Du wirst nur das, was rundherum vorgegebenist, weiIdu dortgarkeineWahl hast. Die Wahl, das nicht zu werden, das uberhaupt zu beurteilen, hast du ja erst, wenn du es verlassen kannst, es von auBen ansiehst. Das Kind, das in diesem Buch ist, kann nur eine kunstliche Person seine Es ist das Erwachsene drin. Alles, was in mich kam, nachdem ich aus dem Dorf drauBen war, hab ich in dieses Kind hineinprojeziert. Es gab natiirlich Situationen, wo ich als Kind iiberfordert war, Weinen, Angst, vieles, was nicht geheuer war, aber ich hatte dafur gar keine Begriffe, ich hatte dafur keine Sprache, ich hatte dagegen keine Mittel und keine Moglichkeiten, Es war dumpf im Kopf, aber ich hatte nicht gewuBt, was und warum, seinerzeit.

BDE:

Aber vielleicht ist es eben diese Spannung zwischen der mitgebrachten Identitat der deutschen Minderheit mit ihren Brauchen und Volksliedern, und dem, was die Ich-Person erlebt-dieser schrecklichen Seite von dem Deutschtum, die das Dorf so "ungewohnlich" macht ...

HM:

Es gibt Volkslieder, die gar keine sind. Die habe ich erfunden, gegen die dumpfen Volkslieder, die es gibt, die in den Buchern auch drin sind.

BDE:

Du hast Volkslieder erfunden?

HM:

'~a, der Baum hat ein Laub/ und ein Wasser der Tee/ das Geld ein Papier/ und das Herz einen falschrum gefallenen Schnee"-das habe ich erfunden, das ist kein Volkslied. Folklore, weiI du das Wort gebracht hast,-Volkslieder-fiir mich ist der Gedanke unheimlich, daB Menschen vor dreihundert Jahren mit einem Repertoire in eine Gegend kamen, und dieses Repertoire nichts verIoren und nichts dazugekriegt hat. Ein Leben in einer Konserve. Aber die Zeiten haben sich standig geandert. Da war der Nationalsozialismus, dann war Stalinismus. Die waren plotzlich in einem sozialistischen Land. Wenn drei hundert Jahre lang bei einer Beerdigung immer die gleiche Melodie von den Dorfmusikanten gespielt wird, und die Todesursache--Krieg, Gefangnis, Nierensteine oder Suizid-keine Rolle spielt, dann wird die Abwesenheit einer Gemeinschaft von sich selbst so trostlos, daB sie mich in Schrecken versetzt.

BDE:

Obwohl das eigentlich als Trost gedacht ist.

HM:

Ja,ja.

BDE:

Die Kontinuitat des Lebens ...

HM:

Es wird vielleicht auch eine sein, fur die indiesesRitual Eingestiegenen, diegarnicht heraus wollen. Aber wenn du mal raus bist, und du kommst und siehst das von auBen, wird es grotesk. Ich muBte immer vergleichen mit der rumanischen Folklore, die so unglaublich schone Lieder hat, die so poetisch und wahrhaftig sind. Es gibt Lieder uber Alkoholismus, die verlassene Braut oder den verlassenen Mann oder uber Armut, tiber Diebstahl, uberhaupt tiber alles, was dem Einzelnen passiert, gibt es Lieder. Die Minderheitsdeutschen haben nichts. Die haben in ihrem eigenen Leben nie etwas gefunden, was sie fur wert gehalten hatten, es zu besingen oder beklagen. Sie haben immer Fantasie gemieden und wurden gefiihlstot, Sie wurden deportiert in die Sowjetunion nach 45, zur Zwangsarbeit, die haben den Tod dort gesehen, viele sind an Hunger und Kalte gestorben. Aber die Uberlebenden haben dazu keine Lieder. Warum? Was haben da die Juden oder die Zigeuner fur Folklore, was haben die aus ihrer Existenz gemacht? Die Minderheitsdeutschen haben sich das nicht getraut. Bei den Rumanen entstehen Lieder aus dem taglichen Leben. Auch bei dieser sogenannten Revolution 1989 in Bucharest wurden aufder StraBe undanOrtundStelleLieder erfunden, und die sind verletzend schon. Aber dazu braucht man eine Disposition, urn das zuzulassen. Die Minderheitsdeutschen haben sich das verboten. Sie haben sich ihren inneren Zustand nicht erlaubt.

BDE:

In der letzten Zeit machst du immer mehr Collagen, wo du mit ausgeschnittenen Bildern und Wortern arbeitest.f Sind Bilder und Texte eine Art Vorarbeit fur deine langeren Werke? Hast Du den Einstieg zu dem letzten Roman durch diese Collagegedichte gefunden?

HM:

Nein, obwohl viele Satze schon da waren. "Heute ware ich mir lieber nicht begegnet",4 der Buchtitel, ist ein Satz aus einer Collage, die habe ich bestimmt zwei Jahre vorher gemacht. So auch der Satz: "mit einer Nase schmal wie eine Tabakblute". Auch: "Wer beim ersten Verhor die Nerven verliert, dem ist schnell was passiert. Mir ging siifllich die Zunge durchs Hirn".5 Die Satze kamen in den Roman: "Warum die Nerven verlieren, wir fangen jetzt an" und: "Lilli mit der Tabakblutennase" yore Irgendwann hat es sich im Roman herausgestellt, daB ich das brauche. Ich hatte den Satz "Heute ware ich mir lieber nicht begegnet" irgendwo im Manuskript, dann habe ich ihn als Titel genommen und auf den Satz im Text verzichtet, damit man ihn nicht lokalisiert auf eine Situation, damit er den ganzen Text tragt,

DieCollagen sind, ohnedaBichesweiB, offensichtlich immer eine Vorarbeit. Auch eine Ubung, das an der Sprache Dranbleiben, denn manbraucht soviel Genauigkeit. Die Worte der Collagen mussen einem gar nicht einfallen, sie liegen alle gleichzeitig aufdem Tisch. Es ist eine andere Entscheidung, aus dem Vorhandenen zu nehmen, als wenn man Worter aus dem Kopf schreibt. Es ist alles gleichzeitig da, man schiebt sie mit der Hand hin und her: So willst du esjetzt haben. Ich nehme das eine Wort heraus und tue ein anderes hinein, dieses Ersetzen ist was anderes, als wenn du es geschrieben hast und es dann korrigierst. Und ich habe die Collage oft zwei drei Tage so auf dem Tisch liegen, kann mich nicht entscheiden, und denke immer: "Vielleicht mach ich es doch anders". Es passiert mir seht oft, daB ich nach sechs, sieben Veranderungen zum Allerersten zuriickkomme, und dann sage: "So, jetzt ist gut". Man mul3auch aufhoren konnen. Es ist wahrscheinlich genauso schlimm, wenn man nicht aufhoren kann, wie wenn man zu fruh aufhort,

BDE:

Wie ordnest du die ausgeschnitten Wortern auf deinen Arbeitstisch?

HM:

Ich habe sie so grob geordnet, also Substantive, Verben, Adjektive-und da hab ich dann noch die kleinen, das Beiwerk, also Pronomen, Numeralien, Adverbien, und Konjunktionen und Artikel. Das liegt alles beisammen.

BDE:

Wie suchst du die Worter aus, die du ausschneidest? Denn die Auswahl von Wortern ist auch eine Phase der Arbeit

HM:

Nach Praferenzen des Augenblicks, wie am Anfangdieses Gesprachs gesagt, es gibt Worter die mich fangen, die ich ausschneide-and andere, die ich iibergehe mit den Augen, die nichts von mir wollen.

BDE:

Wahlst Du einige Worter auch nach GroBe oder Farben aus?

HM:

Nein, das spielt iiberhaupt keine Rolle, wichtigist nur das Wort, der Sinn. Und oft, wenn ich ein Wort brauche, dann weiBich, ich hab das aufdem Tisch. Und es passiert mir sehr oft, ich finde es nicht, suche eine halbe Stunde und finde es nicht. Und wenn ich es nicht finde, dann schnipsele ich es mir zusammen aus verschiedenen Wortteilen aus dem Spiegel. Und wenn ich es aufgeklebt habe, finde ich es am nachsten Tag auf dem Tisch. Das ist verriickt, nicht? Eine typische Situation, man sucht etwas und es ist nicht da, so passiert es auch mit Schuhen und mit anderen Gegenstanden.

Im Grunde wiederspiegelt das Suchen und Nichtfinden der Worter sehr viel Alltag, weiI die ausgeschnittenen Worter Gegenstande werden.

Und manchmal bin ich sie satt, habe den Eindruck, ich habe sie ausgeweidet, sie machen mich mude, Manche liegen Monate auf dem Tisch und ich kann sie nicht gebrauchen. Sie werden alter als ich. Dann werfe ich sie alle weg und fange von vorne an, Worter auszuschneiden.

BDE:

In den Collagen arbeitest du mit Bild und Wort. Wie passen die beiden zusammen, oder sollen sie eigentlich nicht zueinanderpassen, sollten sie eher eineSpanung schaffen zwischen Bild und Text?

HM:

Sowohl als auch. Es gibt Collagen, wo das Bild den Text spiegelt, und es gibt Bilder, wo die Relation iiberhaupt nicht sichtbar wird. Ich weiB nicht warum. Es laBt sich ja nicht alles bebildern, vielleicht das meiste laBt sich nicht bebildern, und wenn man bebildert, dann ist es nur eine Winzigkeit aus dem Ganzen, und nicht das Gesamte. Und ich konnte es gar nicht ertragen, daB sich das Ganze nochmal als Bild wiederholt. Es entsteht eine Art von Ambition, wahrend ich das mache. Wenn ich eine Fliege mit der Schere ausschneide, bin ichfroh, daBicheine Fliegeausgeschnitten habe, schondarum, weil ich gar nicht zeichnen oder malen kann. Es ist, glaube ich, eine Kompensation dafur, daB ich immer so gerne Zeichnen konnen wollte, schon als Kind. Es gibt nichts, was ich so gerne gekonnt hatte als Zeichnen. Mit allem, was ich nicht kann-ich kann das meiste nicht-habeich mich abgefunden, ziemlich schnell, ohne mir viele Gedanken daruber zu machen. DaB ich nicht rechnen kann, nicht schwimmen, nicht links von rechts unterscheiden-das war mir egal. Geargerthatmich, daBichnichtzeichnen kann. Und es argert mich bis heute.

BDE:

Ich habe den Eindruck, daf in den ersten Collagen, die du gemacht hast, das heiBt die, die in Der Teufel sitzt im Spiegel gedruckt worden sind, daf das Bild zuerst da war und dann kam der Text spater dazu. Dort fiillt das Bild oft die ganze Karte aus, und der Text besteht nur aus einem Satz oder einem Satzgefuge, J etzt aber scheinen Bild und Text gleich zu seine

HM:

Das hat sich so ergeben, weil ich am Anfang das nur als Spiel gemacht habe. Wenn ich einen Satz hatte, das ging oft urn irgendetwas, was ein bifchen irritierte, hat mich das zufrieden gestellt. Ich wollte nicht mehr. Ich hatte dann wahrscheinlich mit dem Collegenmachen aufhoren mussen, Das habe ich nicht getan, weil ich viel Freude daran gehabt habe. So haben sich die Collagen wahrscheinlich notgedrungen verandert, Sie wurden auch immer mehr fur mich zum literarischen Handwerk. Ich stell mich auf die Probe ob ich es schaffe, ob ich es noch kann. Ich konnte nie ein Gedicht schreiben, mich hinsetzen, mit der HandundmitdemStift.Aber aufdieseArt undWeise,wennich diese gedrucktenWorter ausgeschnitten auf dem Tisch liegen habe, fliegen sie zusammen und werden eine Geschichte. Sie lassen mich drauBen und ich bin dock drin, ich kann gar nicht erklaren warum. Da sieht man noch mehr, als wenn manaufs Papierschreibt, wie sehr alles dem Zufall gehorcht. Sicher weif man, was man will, aber im Augenblick wenn mans tut, wird es Zufall. Man konnte Angst kriegen, wenn man sich daruber Rechenschaft gibt, wieviel an diesem Zufall liegt. Und wenn dieser Zufall gluckt, dann ist man zufrieden, tastet es nicht mehr an, obwohl man weiB, daB dieser Zufall einen Tag spater oder urn eine andere Uhrzeit anders gewesen ware. Aber es ist im mtmdlichen Gesprach ja auch so, glaube ich. Mit allem, was wir tun ist es so, das konnte und miiBte einen eigentlich verriickt machen.

In den Zeitspannen, wo ich nichts schreibe, nicht an einem Manuskript sitze, sind Collagen fur mich eine Beschaftigung, mit Wortern zu arbeiten, eine Moglichkeit zu testen, mit Wortern, die von wo anders herausgenommen sind. Was laBt sich mit dem Wort machen, auBerhalb des Textes, aus dem das Wort herkommt? Wofuhrt das Wort mich hin? Genauso wie beim Schreiben sonst, habe ich ein Wort, und von dem ausgehend entstehen alle anderen Satze, die das Wort umgeben und unberechenbar sind.

BDE:

Und die Bilder? Entstehen die wahrend des Dichtens, wahrend des Zusammenlegens von Wortern oder erst danach?

HM:

Sie entstehen meistens danach. Fruher, da hast du schon recht, hatte ich manchmal Lust, Bilder zu machen. Da habe ich zehn Bilder gemacht und nach ihnen habe ich mir meine Textchen gemacht. Ich habe geschaut, welches Bild nehme ich dafur, Ich habe oft den Eindruck, daB die Sprache im Grunde nicht reicht, daB sie alleinstehend durftig ist. Wenn man an Filme denkt, wo es Bild und Ton und Text gibt, ein Medium, das die Moglichkeit hat, mit allem gleichzeitig zu hantieren.

Ich reime auch in der letzten Zeit. Es ist diese Leichtigkeit. In der Prosa bin ich noch nie so weit weggekommen, es lahmen mich die Beschadigungen und der Schrecken. Aber hier kann ich raus davon. Es ist ein ganz anderes Feld, da kann ich auBerhalb davon, ja fast auBerhalb meiner Beschadigungen, meiner ganzen mitgebrachten Person, in diesen Collagen turnen. Durch einen kurzen Text geht man ganz anders als durch einen langen. Man hat nicht so viel zu schleppen, man hat das Uberschaubare und bewegt sich anders, man geht anders hinein und anders heraus. Es driickt nicht so. Mit einem Roman schleppe ich monatelang an der gleichen Sache. Man hangt an diesem Faden und muB immer von diesem Faden aus weiter, und das Ganze im Blick behalten. Es ist fast wie ein Spiel, wenn ich so kurze Sachen mache. Ich kann mich anstrengen und ausruhen in einem. Ich kann mich bei den kurzen Sachen zumindest von den langen ausruhen.

Notes

1Herta Muller, Heute war ich mir lieber nicht begegnet (Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1997).

2Herta Muller, Der Teufel sitzt im Spiegel. Wie Wahrnehmung sich erfindet (Berlin: Rotbuch Verlag, 1991).

3Zum Beispiel in Der Teufel sitzt im Spiegel und in Der Wachter nimmt seinen Kamm. Yom Weggehen und Ausscheren (Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1993 ). Die Autorin hat vor, in

nachster Zeit eine neue Reihe von Collagegedichten zu ver6ffentlichen.

4heut ware ich mir lieber nicht begegnet mit einer Nase schmal wie eine Tabakblute einer Kehle nerves wie Zwirn in einer Nahmaschine ich brauch mich nicht zu furchten mit meinen Fingerknocheln spielt eine griine Fliege damit mich Gott behute

5das mude Kleid war aus Holz das lustige war aus Blech das langste war aus Sagespanen die Nadel war stolz sowieso reimt es auf Pech daher muf ich es erwahnen wer beim ersten Verhor die Nerven verliert dem ist gleich was passiert mir ging suBlich die Zunge durchs Hirn da nahte Mutter ein friihes aus Zwirn

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