"Das hilflose Europa": Eine Aufforderung, die politischen Essays von Robert Musil neu zu lesen

by David R. Midgley
Citation
Title:
"Das hilflose Europa": Eine Aufforderung, die politischen Essays von Robert Musil neu zu lesen
Author:
David R. Midgley
Year: 
1994
Publication: 
The German Quarterly
Volume: 
67
Issue: 
1
Start Page: 
16
End Page: 
26
Publisher: 
Language: 
English
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Abstract:

DAVIDR. MIDGLEY Cambridge University
"Das hilflose Europa":
Eine Aufforderung, die politischen Essays
von Robert Musil neu zulesen1

"Das hilflose Europa": so lautet der Titel eines Aufsatzes, in dem Robert Musil 1922 eine allgemeine Diagnostik der euro- päischen Situation nach dem Ersten Welt- krieg aufzustellen suchte. Mit diesem Essay-und mit anderen thematisch ver- wandten Essays und Notizen-versuchte Musil sich über eine historische Phase Klarheit zu verschaffen, in der politische Systeme zusammenstiuzten, neue Orga- nisationsformen auf nationaler und inter- nationaler Ebene ausprobiert wurden und die Menschen auf diversen Wegen den er- lebten Veränderungen ideologisch gerecht zu werden versuchten. In gewissem Sinne handelt es sich um erste Überlegungen eines literarischen Autors zu politischen und kulturellen Zuständen, die er in sei- nem RomanDer Mann ohne Eigenschaften gründlicher und facettenreicher darstellen wird-so jedenfalls hat die Musil-For- schung im großen ganzen diese Essays der frühen zwanziger Jahre behandelt.2 Aber auch unabhängig von solchen Bezügen zum späteren Roman lohnt es sich, Musils Aufsätze als Beitrag zum Verständnis des politischen Lebens zu lesen. Denn durch ihre scharfsinnigen Analysen von histori- schen Entwicklungen und ihre bohrende Kritik an intellektuellen Fehlreaktionen nach 1918 bieten sie Einblicke in die Grundproblematik einer demokratischen Gesellschaftsordnung, die noch irn letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts lehrreich wirken könnten.

Musils Hauptanliegen in jener ersten Nachkriegszeit war eine Diagnose der gei- stigen Orientierungslosigkeit, die sich da- mals-nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern- in Sektierertum und dem Anklammern an monokausale Denkschemata äußerte. Die herrschende Atmosphäre der Zeit beschreibt er am Anfang von "Das hilflose Europa" so: "Man klagt die Wirtschaft an, die Zivilisation, den Rationalismus, den Nationalismus, man sieht einen Unter- gang, ein Nachlassen der Rasse. Alle Wöl- bungen sind vom Krieg eingedrückt wor- den" (1076X3 Die meisten vorhandenen Ansätze, mit denen die Zeitgenossen erleb- te Weltgeschichte zu begreifen suchten, schienen ihm unzulänglich. Krieg und Revolution hätten keine tiefgreifenden Ände- rungen im menschlichen Denken herbei- geführt: "Das Leben geht doch genau so dahin wie früher, bloß etwas geschwächter und mit etwas Krankenvorsicht; der Krieg wirkte mehr karnevalisch als dionysisch, und die Revolution hat sich parlamentari- siert. Wir waren also vielerlei und haben uns nicht geändert, wir habenvielgesehen und nichts wahrgenommen" (1075f.).

Wie Musil am Ende des Aufcatzes mit Nachdruck betont, forderte die Situation eine erweiterte wissenschafiliche Beschäf- tigung mit menschlichen Verhaltenswei- sen, eine präzisere "Auslegung des Lebens" (1094). Nicht weniger charakteristisch für Musils Einstellung zu den politischen Aus- einandersetzungen der frühen zwanziger Jahre ist jedoch die Art, wie er gleich am Anfang des Aufsatzes die eigenen Ansich- ten relativiert. Das Problematische an sei-
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ner Forderung nach "wissenschaftlicher" Erkenntnis wird bereits im Untertitel des Aufsatzes in ironischer Brechung vonveg- genommen: es handelt sich um eine "Reise vom Hundertsten ins Tausendste."Seinem Aufsatz stellt Musil auch eine Bescheiden- heitsformel voran, bei der die Bescheiden- heit eben mehr als bloß äußerliches Stil- mittel ist. "Ich bin nicht nur überzeugt,"

schreibt er,

daß das, was ich sage, falsch ist, sondern auch das, was man dagegen sagen wird. Trotzdem muß man anfangen, davon zu reden; die Wahrheit liegt bei einem sol- chen Gegenstand nicht in der Mitte, sondern rundherum wie ein Sack, der mit jeder neuen Meinung, die man hinein- stopft, seine Form ändert, aber immer fester wird. (1075)

In diesen Worten kündigen sich zwei Gedanken an, die für Musils Behandlung politischer Fragen grundlegende Bedeu- tunghaben. Erstens bekennt er sich hier zu einem grundsätzlich fallibilistischen Ver- ständnis politischerDiskurse, und zweitens versteht er die im politischen Bereich zu suchende 'Wahrheit" alsetwas fortwährend sich Änderndes, durch subjektive Mei- nungsäußerungen Mitgeprhgtes. In der Art, wie Musil sein Thema angeht, deutet sich also bereits eine methodische Orientie- rung an, deren Implikationen im folgenden vor ihrem historischen Hintergrund näher untersucht werden sollen.

Zwei wichtige Enttäuschungen hatte Musil hinter sich, als er Anfang der zwan- ziger Jahre daran ging, seine Gedanken zur aktuellen Situation Europas zu ordnen. Sie hingen jeweils mit dem Ausbruch und dem Ausgang des Ersten Weltkriegs zusammen. Der junge Sceteller von nicht viel mehr als dreißig Jahren, der sich zu den politischen Diskussionen des Vor- kriegs meldete, stand nocheindeutigunter dem Einfluß der Kulturkritik Nietzsches. Mit einem kurzen Artikel "Politik in Öster- reich," der erstmals im Dezember 1912anonym in der von Franz Blei herausgegebe-

nen Zeitschrift Der lose Vogel erschien und wenige Monate später in Franz Pfemferts Aktion nachgedruckt wurde, trat Musil ostentativ unzeitgemäß hervor, indem er die damals explosiv wirkende Nationalitä- tenfrage bagatellisierte und das vorherr- schende Bild des politischen Helden in Österreich als "die ausgebildete nchnik der Bewußtseinseinschränkung" abtat (992-95).4 Ganz im Sinne der frühen Auf- sätze Nietzsches faßte er dort die Stagna- tion und Unsicherheit, die er in der dama- ligen österreichischen Politik wahrnahm, als Zeichen kultureller Entkräftung auf (994f.). Das "Politische Bekenntnis eines jungen Mannes," das Musil kaum ein Jahr später, im November 1913, in den Weißen Blättern veröffentlichte, zeigt allerdings, wie sehr er schon damals von der wissen- schaftlichen Beschäftigung mit menschli- chen Problemen den Schritt zu einer neuen Epoche erhoffte. Den Ausweg aus jenem Zustand der Ahnungslosigkeit und Ziel- losigkeit, als den er die damalige Gegen- wart empfand, erblickte er in der Anwen- dung einer analytischen Methode, einer "vonirteilslosen Laboratoriumstechnik," auf das Gebiet der Moral (1011). Und im April 1914, in seiner berühmt-berüchtig- ten Rezension von Walter Rathenaus Abhandlung Zur Mechanik der Seele, wies er ausdrücklich auf Nietzsche als das bislang einzige deutsche Vorbild für die Entwick- lung einer Wissenschaft vom Menschen, die seinen eigenen Erwartungen entsprach, hin (1019).5

In seinem "Politischen Bekenntnisn faßt Musil sein Bild der politischen Lage von 1913 so zusammen:

Einstweilen treiben wir Politik, weil wir nichts wissen. . . .Unsre Parteien existie- ren durch die Angst vor der Theorie. Gegen die Idee, fürchtet der Wähler, läßt sich stets eine andere Idee einwenden. Darum schützen sich die Parteien gegenseitig vor den paar alten Ideen, die sie ererbt haben. Sie leben nicht von dem, was sie verspre- chen, sondern davon, die Versprechen der andern zu vereiteln. (1013)

Die Demokratie bejaht Musil hier-weil er in ihr den einzigen Weg erblickt, auf dem "dieZum...erreichbar" sei. Waser damit meint, hängt wieder mit seiner Vorstellung von der Förderung wissenschaftlicher Er- kenntnis zusammen: unter Demokratisie- rungversteht er eine imLaufe von zweihun- dert Jahren stattgefundene Erweiterung der Basis, auf der die wenigen, die Hervor- ragendes leisten sollen, ausgewählt und hochgezüchtet würden. Schließlich sei er selber auf diesem Weg-nämlich als ausgebildeter Ingenieur und Mathematiker- hochgekommen (10 11).

Den Kriegsausbruch 19 14 hat Musil als einen jähen Abbruch der utopischen Er- wartungen erlebt, die er zuvor gehegt hat- te. Der kurze Aufsatz "Europäertum, Krieg, Deutschtum," den er im September 1914 in der Neuen Rundschau veröffentlichte, ist zugleich eine Anerkennung des Krieges als vollendete Tatsache und eine Klage über verlorene Möglichkeiten einer internationalen geistigen Entwicklung. Den heutigen Leser mögen einige Formu- lierungen in diesem Aufsatz wohl wie eine klischeehafte Bejahung des Krieges an- muten6 Es scheint mitunter, als sei Musil von ebenjener Verständnislosigkeit getrof- fen, die für die breite Bevölkerung der deutschsprachigen Welt beim Kriegsaus- bruch charakteristisch war, besonders wenn er auf das Propagandabild eines von feindlichen Kräften umringten deutschen Kulturgebiets anspielt und von einem "phantastischen Ausbruch des Hasses wider uns und Neides ohne unsre Schuld" spricht oder von einer "von allen Rändern dieses Weltteils fiereinbrechenden] Ver- schwörung . . ., in der unsre Ausrottung beschlossen worden war." Der Impuls, "den Stamm zu schützen," wird als etwas Ele- mentares gesehen und mit einprägsamen Worten beschworen; Musil versteigt sich hier sogar zu der Behauptung, die Dich- tung sei "in ihrer Art von dem gleichen kriegerischen und erobernden Geist be- lebt, den wir heute in seiner Urart venvun- dert und beglückt in uns und um uns fühlen" (1020-22).

So einfühlsam Musil die Emotionen je- ner ersten Kriegsmonate wachnift, so deutlich zeichnet sich sein Aufsatz gleich- wohl unter den patriotischen Bekenntnis- sen der Zeitgenossen durch die nüchterne Art aus, auf die er auch die vom Krieg ge- störten Zukunftsideale in Erinnerung bringt. Die Dichtung, die Musil meint und die er "im Innerstenn als einen "Kampf um eine höhere menschliche Artungversteht, ist die gesellschaftlich oppositionelle Lite- ratur der vorangegangenen dreißig Jahre. "Kriegerisch" sei sie im Sinne des "kühnen Zweifels" gewesen (1021). Musil stilisiert sich und seine Generation-wieder rnitunüberhörbarem Anklang an Nietzsche-zu den "vielleicht auf lange hinaus letzten Europäern." Hatte Nietzsche in Menschliches, Allzumenschliches das Vorbild des "guten Europäers" geprägt, der durch die Tat "an der Verschmelzung der Nationen" arbeite,7 so spricht Musil von einem "Ideal des europäischen Menschen," wie es seiner Generation vorgeschwebt habe: ein Ideal, "das über Staat und Volk hinausging und sich durch die gegenwärtigen Lebensfor- menn-einschließlich des Begriffs von Hel- denhaftigkeit-"wenig gebunden fuhlte." Er weist auf den regen Gedankenaustausch zwischen den Nationen hin, der fiir die Vorkriegszeit charakteristisch gewe- sen sei, und schließt seinen Absatz mit der wehmütigen Überlegung: "Geist war die Angelegenheit einer oppositionellen euro- päischen Minderheit und nicht das von dem Willen der Nachfolgenden getragene und mit Dankbarkeit ermunterte Voraus- gehen eines Führers vor seinem eigenen Volke" (1020f.). In das "geistige Tesh- ment,"als das sich dieser Aufsatz von 1914 versteht (1020), ist auch das internationa- le geistige Erbe des Vorkriegs mit einge- schlossen.

Vor diesem Hintergrund ist es nur fol- gerichtig, daß Musil ab 1918 eine politische Position vertrat, die sich im Rahmen der damals gebotenen Möglichkeiten dem Trend zur nationalistischen Engstirnigkeit entgegenstellte und die Pflege der geistigen Kultur auf internationaler Ebe- ne fordern sollte. Für Deutschösterreich bedeutete das nach seiner Meinung zunächst einmal die Eingliederung in die deutsche Sprachgemeinschaft und somit den politischen Anschluß an Deutschland (1035f.). Das war ein Ziel, das nach Kriegs- ende von der republikanischen Regierung, ja von fast allen österreichischen Parteien bis auf die Christsozialen und Monarchi- sten verfolgt wurde-bis dann der An- schluß auf Betreiben der französischen Regierung durch den Vertrag von St. Ger- miiin im Juni 1919 unterbunden wurde.8 Musil, der zum gegebenen Zeitpunkt An- gestellter im Staatsamt des Äußeren war, handelte gewissermaßen staatstreu, als er sich im Frühjahr 1919 mit zwei Aufsätzen für dieses Ziel einsetzteg-aber es waren seine ureigensten Argumente, mit denen er seine Sache verfocht.

Mit dem Titel "Buridans Österreicher" (Der Friede, 14. Februar 1919) spielte Mu- sil auf die Wahl zwischen Donauföderation und Groß-Deutschland an, die sich damals anbot und die in Musils Augen eben keine Wahl war. Für die Idee einer implizit von Deutschland abgewandten Donaufödera- tion, die konservativen Deutschösterrei- chern attraktiv schien, hat er die einpräg- same Formel parat, sie wllrde Österreich in einen "Naturschutzpark für vornehmen Verfalln verwandeln (1032). Die Lebensfa- hgkeit eines Staates will er daran gemes- sen sehen, in welchem Grade er die geistige Kultur fordert, ''Bücher und Bilder sam- melt und zugänglich macht . . ., Schulen und Forschungsstätten aufstellt [und] be- gabten Menschen eine materielle Basis bietet" (1031f.; vgl. 1042). Voraussetzung für eine solche Rolle des Staates sei, wie er in dem längeren Aufsatz "Der Anschluß an Deutschland" (Neue Rundschau, März 1919) ausführte, eine belebte Wirtschaft und eine effiziente Staatsmaschinerie- welche Deutschland aufbieten könne, das von der Doppelrnonarchie übriggebliebene Restösterreich aber nicht (1033,1040). Ge- gen diejenigen, die sich vor einem "Aufge- hen in der deutschen 'Zivilisation'" fürch- teten, wendet er ein, daß die Vorstellung von einer spezifischen 'österreichischen Kultur' eine Fiktion sei, die an nostalgi- sche Erinnerungen an das alte Österreich von vor 1867 gebunden und überdies von den nichtdeutschen Bevölkerungselemen- ten des Habsburger Reichs nie geteilt wor- den sei (1039). Der politische Anschluß be- deutet für Musil nichts Geringeres als "Anschluß an die Welt des Geistes," also ein wesentliches Mittel der geistigen Mo- dernisierung (ebd.). Er sei mithin ein ent- scheidender Schritt auf dem weg zur Über- windung des primitiven, regressiven Verhaltens von Einzelstaaten: "von dem Zustand, den wir das Staatstier nennen durften, zum Menschenstaat" (1036).

Die Friedensverträge von 1919 haben Musil rasch belehrt, daß "die Zukunft," nach der er sich sehnte, auf so billigem Weg nicht zu haben war. Wenn man liest, wie er sich noch im April 1921 bei einem be- freundeten Zeitungsredakteur beklagt, die Friedensverträge hätten "die Geburt einer neuen Welt]" verhindert,1° so mag man darin die Verbitterung eines am Welt- lauf gescheiterten Utopisten sehen. Die Aufsätze, die er zwischen 1921 und 1923 veröffentlichte bzw. skizzierte, zeugen aber von seinem Bemühen, illusorische Hoffnungen fahrenzulassen und einen Sinn für politische Realitäten zu gewin- nen. Die doppelte Enttäuschung von 1914 und 1919 verarbeitet er zunächst unter dem Titel "Die Nation als Ideal und als Wirklichkeit" (Neue Rundschau, Dezem- ber 1921). Sowohl das "berauschende Gefühl" der nationalen Zusammengehörig- keit am Kriegsanfang als auch die erhebende "Idee der Ubernationalität" am Kriegsende, so argumentiert Musil hier, seien mehr als bloße Psychose, Massen- suggestion, Blendwerk gewesen; sie müß- ten beide als erlebte Wirklichkeiten höch- sten Grades ins Auge gefaßt werden. Die Deutschen hätten gemeinsam und mit außerordentlicher Intensität "zwei große, einander entgegengesetzte Illusionen und beider Zusammenbruch" erlebt. Wenn Mu- silbereits am Anfang dieses Aufsatzes zugibt, daß er "aus der unverhohlenen Hilflosigkeit heraus" schreibe, so will er damit die "geistige Erschütterung" offen zum Ausdruck bringen, die sich aus jener dop- pelten Desillusionierung ergeben habe (1059-62). Zur Überwindung dieser Hilflosigkeit schlägt er im folgenden Jahr in "Das hilflose Europa"(Ganymed: Jahrbuch fur cüeKwtst, 1922) eine intensive wissen- schaftliche Beschäftigung mit menschli- chen Verhaltensweisen vor: man brauche eine (allgemeine) Soziologie des Krieges, eine analytische Ergründung des morali- schen Verhaltens (1089-94). Spezifj~che Gedanken zu dieser Aufgabe entwickelt Musil1923 in seinen Entwürfen zu einem großangelegten Aufsatz "Der deutsche Mensch als Symptom," der offenbar eben- falls für Ganymed bestimmt war, aber un- vollendet blieb und erst postum veröffent-

licht wurde.

Wie sieht es nun mit den politischen Grundpositionen aus, die Musil in seinen Arbeiten der frühen zwanziger Jahre ab- steckte? Die Nation sollte alc Wirklichkeit anerkannt werden; aber wie sollte sie ver- standen werden? Mit mehreren Mitteln zieht Musil gegen die Vorstellung der Na- tion als Verkörperung eines überindividu- ellen Volkswillens-in der er einen "Ideen- rest aus derzeit des Obrigkeitsstaats" sieht (1067)-zu Felde. Ein spezifischer Bezugs- punkt für diesen Aspekt seiner Argumen- tation läßt sich in "Die Nation als Ideal und als Wirklichkeit'' festmachen. Thomas Mann hatte in seinen 1918veröffentlichten Betrachtungen eines Unpolitischen die De- mokratie als etwas Undeutsches darge- stellt und für den Obrigkeitsstaat als eine dem deutschen Nationalcharakter ange- messene politische Form plädiert. (Be- kanntlich hat sich Mann erst im Laufe der frühen zwanziger Jahre mit dem Parla- mentarismus als Regierungsform abgefun- den.) An einer Stelle, wo er gegen das allgemeine Wahlrecht argumentiert, zitiert Mann folgende Worte des radikalkonserva- tiven Denkers Paul de Lagarde:

Das Volk spricht gar nicht, wann die ein- zelnen Individuen sprechen, aus denen das Volk besteht. Das Volk spricht nur dann, wann die Volkheit in den Individu- en zuWorte kommt: das heißt, wann das Bewußtsein der allen Einzelnen gemein- samen Grund- und Stammnatur wach und sich über ihr Verhältnis zu großen Tatsachen der Geschichte klar wird.''

Musil bezieht sich in seinem Aufsatz aus- drücklich auf solche Gedanken Lagardes und hält ihnen das Argument entgegen, daß eine Urabstimmung "nicht allein die Stim- me der Befi-agten aus[drückt], sondern auch die des dazu aufgebotenen Apparats, und so sind alle Äußerungen eines Volks nicht nures selbst, sondern sind mitbestimmt von seinen Apparaten der Bureaukratie, der Gesetze, der Zeitungen, der wirtschali- chen und ungezählter anderer Einrichtun- gen bis in die scheinbar individuellsten und doch teilweise abhängigen Leistungen der Literatur hinein." Ein Volk, so schließt er, "ist die Summe der Einzelnen plus ihr Organisation." Letztere sei es, die dem ein- zelnen Staatsbürger als etwas Äußerliches, weitgehend Selbständiges begegne; als solche sei sie "genügend bekannt," aber "un- geniigend durchschaut" (1062f.).12

Als besonders besorgniserregend be- trachtet Musil das "ideologische Gewand," in dem diese äußerliche Organisation in der mentlichkeit auftrete: nämlich als Gleichsetzung von Nation mit Rasse. Dem grundsätzlichen und im damals grassie- renden Antisemitismus häufigen Irrtum, der individuelle Leistungen einer rassen- spezifischen Grundeigenschaft zuschreibt, hält er entgegen, daß die genetische Wei- terreichung von Eigenschaften eben nur zwischen Individuen in ihrer Besonderheit und Vielfalt vor sich gehe: nicht die Rasse bestimme die Individuen, sondern "die In- dividuen bilden die Rasse" (1064). Wenn die Deutschen 1914 ihre Stammeszugehö- rigkeit als eine gleichsam mystische Ver- bundenheit erlebt hätten, so argumentiert er jetzt, dann diirfe man "annehmen, daß die Mystik dieses Erlebnisses darin be- steht, daß es so selten &uns eine Realität ist." Gerade die Deutschen müßten auf Grund ihrer historischen Erfahrung im- stande sein, "die wahre Zusammenset- zung" der Vorstellung "Nation" zu erken- nen (1070).

Man sieht, wie Musil mit BegrifTsana- lysen die Argumente des nationalistischen Lagers zu untergraben sucht. Man müsse die Rasse als von Individuen gebildet, die Gesellschaft als Apparat, das kollektive Erlebnis als etwas Zusammengesetztes begreifen. In den jeweils spezifischen so- zialen Beziehungen, den "Sonderinteres- sen," die die Menschen-als Kapitalisten, Proletarier, Bauern, Geistige- 'Uber alle Grenzen wegverbänden, sieht er viel st&- kere Determinanten persönlicher Eigen- schaften als irgendwelche nationalen At- tribute. Sein ursprüngliches Ideal der geistigen Fortcchrittlichkeit lebt zwar noch fort; ihm wird aber hier die nunmehr bescheidenere Rolle zugewiesen, "an der Verstärkung des an [Nation und Staat] sich vorbei Entwickelnden zu arbeiten und den Gedanken an ihre Überholtheit zu wecken und wach zu erhaltenn (1074). In diesem Zusammenhang überrascht es nicht, daß sich der Gründer der Paneuro- pa-Bewegung, Richard Coudenhove-Ka- lergi, an Musil als einen begeisterten Mit- streiter erinnerte.13

Ein weiteres hervorstechendes Merk- mal zeitgenössischen Denkens nahm sich Musil 1921 vor, indem er eine kritische Besprechungvon Oswald Spenglers IJn.ter- gang des Abendlandes, dessen erster Band seit 1918 starken Absatz gefunden hatte, unter dem vielsagenden Titel "Geist und Erfahrung: Anmerkungen für Leser, wel- che dem Untergang des Abendlandes ent- ronnen sind" im Neuen Merkur erscheinen ließ. Es geht ihm darum, die grundsätzli- chen Schwächen an Spenglers historischer Erkenntnismethode freizulegen. Gleich im ersten Kapitel seines Werks hatte Spengler

ein Modell historischer Interpretation ent- wickelt, in dem bestimmte Momente des mathematischen Denkens als Ausdruck des Grundcharakters einzelner Epochen der menschlichen Kultur dargestellt wurden. AufGrund der eigenen Ausbildung als Mathematiker fallt es Musil nicht schwer, die begriffliche Verwirrung nachzuweisen, die Spengler dort stiftet, indem er (mathe- matische, wissenschaftliche) Denkmetho- den als Stilerscheinungen auffaßt (1045).14 Schon im Laufe seiner Uberlegungen zum Anschluß Österreichs an Deutschland hat- te Musil eine grundsätzliche Unterschei- dung zwischen der "geistigen Kultur" als einem lebendigen, dynamisch sich fortent- wickelnden Prozeß und den "Lebensfor- men," in denen sie sozusagen ihre histori- schen Blüten trägt, getroffen (1041). Die- selbe Unterscheidung hat für seine Spengler-Kritik grundlegende Bedeutung. Auch wenn er eine biologische Betrachtung der Entwicklung von Kulturen nicht von vornherein verwirft, trennt Musil diesen Aspekt um so schärfer von der geistigen Entwicklung, die eben nicht "in einer ein- heitlichen Linie" verlaufe, sondern sich aus der Durchkreuzung der verschiedensten Anregungen ergebe (1055f.). Wo Spengler "Zivilisation" als eine Verfallserscheinung versteht, definiert Musil sie als "den dfis gewordenen Kulturzustand" und fuhrt sie in erster Linie auf Bevölkerungswachstum zurück (1057). Aus schlichten Analogien zu kulturellen Entwicklungen dervergangen- heit sei deshalb kein fruchtbares Verständ- nis der Gegenwartzugewinnen-"Epoche,"

notiertMusileinmal1923, ist ein besonders "hilfloser Hilfsbegnfl" (1366).

In Spengler sieht er offenbar einen stark ausgeprägten Fall der zeittypischen Neigung zu voreiligen Synthesen. Auch in "Das hilflose Europa" findet man polemische Seitenhiebe gegen eine "histo- rische Betrachtungsweise, welche das Ge- schehen in aufeinanderfolgende Epochen zerlegt und dann so tut, als entspräche jeder ein bestimmter historischer Typus Mensch (1079).Solche Bemerkungen ha-

ben dort die Funktion, eindringlich daran zu erinnern, daß jeder Versuch, Geschichte in verständliche Kategorien zufassen, eine nachträgliche Konstruktion, eine Abstra- hierung der lebendigen Wirklichkeit be- deutet: "Die berühmte historische Distanz besteht darin, daß von hundert Tatsachen fünfundneunzig verlorengegangen sind, weshalb sich die verbliebenen ordnen las- sen, wie man willn (1076). Wenn es an dieser Stelle scheinen könnte, alsob Musil alle Geschichtsschreibung frivolerweise abtue, so zeigen spätere Abschnitte des Aufsatzes, daß er wieder einen spezifi- schen Aspekt der deutschen intellektuel- len Tradition im Auge hat. Wie die Philo- sophie im Laufe des 19. Jahrhunderts immer pragmatischere Züge angenommen habe, so führter aus, habe die Geschichte "deren Aufgabe der Lebensauslegung im Nebenamt übernehmen müssen" (1083); im Chaos des praktischen Wissens habe man sich daran gewöhnt, von der Ge- schichte "Sinngebung" zu erwarten (1086). Wenn sich Musil bei seiner Darstellung der Art, wie man Weltgeschichte erlebe, mit- unter banaler bis abstruser Beispiele be- dient, so will er damit nur die Vorstellung von irgendeiner Gesetzlichkeit oder gar vom Walten einer höheren Vernunft" in der Geschichte ins Lächerliche ziehen (1077f.). Die Menschen machen ihre Ge-

schichte ja selber.

So arbeitet Musil am Abbau idealisti- scher Denkweisen. In "Die Nation alsIdeal und alsWirklichkeit" gilt ihm zum Beispiel der Antisemitismus als "typischer Fall jenes regressiven Ideenbedürfnisses, das jeden Gedanken auf ältere, ewige, fur erhaben geltende zurückbezieht statt ihn auszudenken; kurzeben das, was hierzu- lande für Idealismus gilt" (1065). Als Gegenthese zu solchen Denkgewohnheiten fXihrt er in "Das hilflose Europa" die Vor- stellung einer kontinuierlichen menschli- chen Grundsubstanz ein, die sich nur verschiedentlich nach äußerlichen Bedin- gungen bilde und manifestiere. Die Erfah- rungen des Weltkriegs hätten doch gezeigt,

wie "bildsam" der Mensch sei: "Dieses We- sen ist ebensoleicht fh der Menschen- fresserei wie der Kritik der reinen Ver- nunft." Gegen den Spenglerschen Gedan- ken eines quasi organischen Ablaufs im Leben der Kulturen wendet Musilein, man müsse "das Entscheidende und Treibende" bei solchen historischen Entwicklungen "mehr, als es gewöhnlich geschieht, an der Peripherie suchen, bei den Umständen, beim 'Ans-Ruder-Kommen' bestimmter Menschen- oder Anlagengmppen." Es gel- te, die "ungesetzliche Notwendigkeit" im Zusammenspiel menschlicher Regungen zu erkennen, "wo eins dasandere gibt, nicht zufällig,aber doch in der durchreichenden Aneinanderkettung von keinem Gesetz beherrscht" (1080f.). Systematisch werden dieselben Gedanken in den Entwürfen zu "Der deutsche Mensch als Symptom" aus- gearbeitet, wo sie zu einem Theorem der Gestaltlosigkeit" geordnet sind. Hier ver- wirR Musil gleichermaßen Rassen- wie Mi- lieutheorieals"aus dem gleichen Bedürfnis unzulässiger Vereinfachung erwachsen." Menschliche Handlungen würden weder von innen noch von außen schlechtweg de- terminiert, aber der Mensch existiere "nur in den Formen, die ihm von außen geliefert werden," und historische Wandlungspro- zesse kämen nur infolge der "ungesetzli- chen Coinzidenz vieler Tatsachen" zustan- de (1368-71).

Was Musil in 'Das hilflose Europa" vor allem anprangert, ist das Unvermögen sei- ner Zeitgenossen, sich intellektuell auf eine so verstandene Wirklichkeit umzu- stellen:

Die Tatsachen der Vergangenheit, die Tat- sachen der EinzelwissenschaRen, die Tat- sachen des Lebens überdecken uns ungeordnet. . . . Alles, was zum Geist ge- hört, befindet sich daher heute in größter Unordnung. Der Geist der Tatsachen und der Zahlen wird bekämpft-traditionell und kaum mehr der Gründe bewußt-, ohne daß man ihm mehr als die Negation entgegensetzt. Denn wenn man verkün- det-und wer verkündete nicht etwas da

von?!-, unsrer Zeit fehle die Synthese oder die Kultur oder die Religiosität oder die Gemeinschaft, so ist das kaum mehr als ein Lob der 'guten alten Zeit,' da niemand zu sagen vermöchte, wie eine Kultur oder eine Religion oder eine Gemeinschaft heute aussehen müßten, Ws sie die Laboratorien und F'lugmaschi- nen und den Mammutsgesellschaftckörper wirklich in ihre Synthese aufnehmen und nicht bloß als überwunden vorausset- zen wollten. Man verlangt damit bloß, daß sich die Gegenwart selbst aufgeben soll. (1087)

Zum Verständnis des sozialen Lebens seien keine deduktiven Systeme mehr, sondern vor dem ein rigoroser Empirismus erfor- derlich.

Deshalb betont Musil auch die prakti- sche Orientierung des Kaufmanns und des Berufspolitikers als positives Gegenbei- spiel. Denn der Kapitalismus 'hat als seelische Grundlage das nur mit den Tatsa- chen Rechnen, das nur auf sich selbst Verlassen, den G*, das Arbeiten in festem Stein, die Selbständigkeit des so dastehenden Menschen" (1085). Musil stellt dabei allerdings in Rechnung, daß Politik wie Marktwirtschaft unablässig auf die schlechtesten Fahgkeiten des Menschen als die verläßlichsten speku- liere. Der Kapitalismus sei im Grunde "nichts als eine geordnete Ichsucht"; er ma- che Geld zum Maß aller Dinge und verur- sache, daß das menschliche Tun "kein Maß mehr in sich" trage. Ebenweil er aber auf die verläßlichsten Eigenschaften der Menschen baue, sei er auch "die kräftigste und elastischeste Organisationsform, wel- che die Menschen bisher erreicht habenn (1387; vgl. 1086). Auch die für industrialisierte Gesellschaften zunehmend charak- teristische Abstraktion und Spezialisie- rung nimmt Musil als einen irreversiblen Prozeß hin (1087).15 Unumgänglich werde innerhalb der modernen Gesellschaft der Berufzum wichtigsten Mittel sozialer Bin- dung (1362).

Musil plädiert also unumwunden, so

ließe sich sagen, für eine Anpassung an die Forderungen der bürgerlich-liberalen Ge- sellschaft.16 Durch Flucht zu einer neuen 'Xirche" -als die er 1923 den Kommunk- mus bezeichnet (1355)-sei keine Abhilfe geschaffen. Es handelt sich aber bei ihm um Anpassung in einem durchaus aktiven, kritisch aufmerksamen Sinne. In seiner Analyse der modernen Gesellschaft geht Musil nämlich über ein bloßes Akzeptieren des Pluralismus hinaus und denkt auch über das Verhalten von Gruppen und Or- ganisationen innerhalb des Staates kri- tisch nach. In "Die Nation als Ideal und als Wirklichkeitn weist er nicht nur darauf hin, daß jeder Ausdruck des Volkswillens "von seinen Apparaten der Bureaukratie [mitbestimmt]" sei; er analysiert auch die anatomische Gliederung des Staates, des- sen Teile wieder in untergeordnete Orga- nisationen zerfallen, und stellt am Ende fest: "Demokratie ist nicht Herrschaft des Demos, sondern seiner Teilorganisatio- nenn (1067). Musils ganze Argumenta- tionsweise in diesem Aufsatz ist von vorn- herein von solchen Einsichten in die Zusammensetzung moderner Gesellschaf- tengeprägt.17 Schon im ersten Absatz deu- tet er an, daß die Wahrheit über ein solches Gebilde wie denNationalstaat nicht alsein Ganzes zu haben ist; über die Wechselwir- kung der Teilorganisationen seien nur %ilantwortenn zu erwarten. Um so nöti- ger ist es nach Musil, daß man "nicht in fertiger Überzeugung von der Sache spricht," daß man die eigene 'Wilfiosigkeit" nicht verhehlt (1059).

In ebendiesem Sinne ist in jener Be- scheidenheitsformel am Anfang von "Das hilflose Europa" ein methodischer Ansatz zu sehen: wer so einsetzt, verkündet un- mißverständlich seinen Verzicht auf "fer- tige Überzeugungen" und unverrückbare Wahrheitsansprüche. Im Laufe seiner Darlegungen weist Musil auch ausdrück- lich auf die Gefahr hin, daß einzelne Teil- organisationen des Staates Totalitätsan- sprüche erheben können:

. . . die politischen Parteien der Landwirte und der Handarbeiter haben verschiedene Philosophien; es gibt vielleicht hundert Verlage in Deutschland mit einem gefühl- haft mehr oder weniger fest organisierten Leserkreis; der Klerus hat sein Netz, aber auch die Steinerianer haben ihre Millio- nen, und die Universitäten ihre Geltung: ich habe in der Tat einmal in einem Ge- werkschaftsblatt der Kellner etwas von der Weltanschauung der Gasthausgehil- fen gelesen, die immer hochgehalten wer- den müsse. (1088)

Es geht Musil in seinen Essays nicht nur darum, Nationalismus, Rassismus, Historismus mit rassistischem Einschlag zu be- kämpfen. Jene politische Einstellung, die sowohl der deutschen als auch der öster- reichischen Republik der zwanziger Jahre zumVerhängnis werden sollte,identifiziert er hier-1922-als "einen aufs äußerste ge- triebenen Grüppchenkollektivismus,"den man bis in die kleinste '"Ibilorganisationn der Gesellschaft hinein am Werk beobach- ten könne. "Geistige Arbeit" sei nötig, damit solche Kollektivorientierungen nicht zu starren Gegensätzen gerännen: man solle es sich zum Ziel machen, am Abbau von Entweder-Oder-Fragestellungen zu arbeiten und "die Gegensätze in Reihen von Übergängen aufzulösenn (ebd.).

Was an Musils politischen Stellung- nahmen der frühen zwanziger Jahre im- mer noch Respekt erheischen sollte, istvor allem sein Verständnis für den prozeßhaf- ten Charakter der Einstellung, die zur Förderung des demokratischen Verhal- tens erforderlich ist. Auch wenn er sich in späteren Jahren aus jeder direkten Be- schaigung mit aktuellen politischen Fra- gen zurückzieht, so lassen sich die Auswir- kungen solcher Grundeinsichten noch bis in die späten Kapitel des Mann ohne Eigenschaften verfolgen.18 Es handelt sich um eine Einstellung, die sich von der Illu- sion nicht verblenden läßt, es könne inner- halb einer demokratischen Politik jemals Endergebnisse oder gar letzte Wahrheiten geben. Die dort zu suchenden Wahrheiten müssen jeweils in ihrer Eigenschaft alsetwas Zusammengesetztes und Veränderli- ches erkannt werden. Gerade die Kom- plexität einer aus '"leilantworten" sich fortwährend umbildenden politischen Wirklichkeit eröffnet Ausblicke für konstruktive Weiterarbeit. Eine seiner we- sentlichsten Einsichten in den gesellschaftlichen Prozeß formulierte Musil 1923 so: "Ich will zeigen, daß gerade die Vielspältigkeit eine Zukunftseigenschaft ist" (1361).
Anmerkungen

lErweiterte Fassung eines Vortrags auf dem AATG-Kongreß, Baden-Baden 1992.

2Die erste eindringliche Studie, die die Es- says erklärtermaßen als "gleichrangig" neben dem Erzählwerk behandelte, war Hartmut Böhmes sozialtheoretische Abhandlung Ammie und Entfkemdung: Literatursoziologische Untersuchungen zu den Essays Robert Musils und seinem Roman %er Mann ohne Eigen- schaften" (Kronberg Scriptor, 1974); Böhmes Darstellung tendiert jedoch insgesamt dazu, Musils Denken auf eine liberalistische Ideolo- gie zu reduzieren, die sich "aus dem Wissen- schaftcpositivismus des 19. Jahrhunderts . . . zwangsläufig ergeben" müsse (286). Josef Strutz, Politik und Literatur in Musils "Mann ohne Eigenschaften" (Meisenheim: Hain, 1981) stellt die subtilen Bezüge zwischen dem schein- bar unpolitischen dritten Band des Mann ohne Eigenschaften und der politischen Krise von 1932133 klar und wirft dabei manches Seiten- licht auf die Bedeutung der Essays. Unter neueren Publikationen sei besonders Guntram Vogt, "Robert Musil: Politik als Methode,"

Kunst, Wissenschaft und Politik von Rokrt Mu- sil bis Ingeborg Bachmann. Hg. Josef Stnitz (München:Fink, 1986) 146-64 hervorgehoben, weil hier Musils Überlegungen zum Verhältnis zwischen Gegenstand und Methode der Unter- suchung klar reflektiert werden. Musils politi- sche Haltung-insbesondere M Hinblick auf die Situation Österreichsvor und nach dem Er- sten Weltkrieg4eschreibt Annette Daigger, "Musils politische Haltung in seinen frühen Es- says," Robert Musil: Essayismus und Ironie. Hg. Gudrun Brokoph-Mauch (Bern [etc.]:

Francke, 1992) 75-89. Spezifische Bezüge zu zeitgenössischen politischen Denkern sind neuerdings Gegenstand von zwei Einzeldar- stellungen geworden: Hans Dieter Zirnmer- mann, r)ie zwei Bäume der Erkenntnis: Ratio- nalität und Intuition bei Robert Musil und Max Weber," Sprache im technischen Zeitalter 28 (1990): 4148; F'rank Maier-Solgk, "Musil und die problematische Politik: Zum Verhältnis von Literaturund Politik bei Robert Musil, insbe- sondere zu seiner Auseinandersetzung mit Carl Schmitt," Orbis litterarum 46 (1991): 340-

63. Zur allgemeinen Charakteristik der Essays vgl. August Obermayer, "Robert Musil als Jour- nalist und Essayist," Jahrbuch für Internatio- nale Germnistik 8 (1976): 3446.

3Die in Klammern eingefügten Seitenzah- len beziehen sich durchweg auf Robert Musil, Gesammelte Werke, hg. AdolfFris6 (Reinbek bei Xamburg: Rowohlt, 1978), Bd. 11.

4Man vergleiche etwa Musils Charakteri- sierung des Nationalismus als etwas Hohles und Scheinhahs mit Nietzsches Ausführun- gen zum "Künstlichen Nationalismus" in Menschliches, AZlzumenschliches, 4 475; Fried- rich Nietzsche, Sämtliche Werke, hg. Giorgio Colli und Mazzino Montinari (München und Berlin: DWIde Gruyter, 1988) 2: 309.

5Zw Bedeutung Nietzsches fur den jungen Musil vgl. ferner Ingo Seidler, "Das Nietzsche- bild Robert Musils," Nietzsche und die deutsche Literatur. Bd. 2: Forschungsergebnisse, hg. Bruno Hillebrand (München und Tübingen: DW/Niemeyer, 1978) 160-84, bes. 170ff.; Aido Venturelli, Robert Musil und das Projekt der Moderne (Frankfurt am Maitx Lang, 1988) 27-

82.

6Auch Strutz, Politik und Literatur, der ansonsten Musils Stellungnahmen zu politischen Situationen mit sorgfältiger Differenzierung darstellt, vermag MAufsatz Turopäertum, Krieg, Deutschtum" nichts anderes als einen 'psychotischen Fall" zu sehen (130).

7Es handelt sich um die Aphorismen I: 475 und 11: 2,87; Nietzsche,Sämtliche Werke 2: 309, 592f.

8Vgl. F. L. Carsten, The First Austrian Republic 1918-1938(Aldershot: Gower, 1986) 5- 8, 5843.

Wgl. Kar1 Corino, Robert Musil: Leben und Werk in Bildern und Bxten (Reinbek bei Ham- burg: Rowohlt, 1988) 265.

1°Robert Musil, Briefe, hg. Adolf Fris6 und Murray G. Hall (Reinbek bei Hamburg: Ro- wohlt, 1981) I: 227 (Brief an Arne Laurin, den Chehdakteur derPrager Presse, vom 23.April 1921).

llZitiert bei Thomas Mann, Betrachtungen eines Unpolitischen (Berlin: S. Fischer 1918)

261.

'2Strutz hat daraufhingewiesen, daß Musil für seine Kritik an Thomas Mannwichtige Im- pulse aus dem Austromarxismus von Max Ad- ler empfangen hat; vgl. Josef Strutz, "Gesell- schaftspolitische Implikationen bei Musil: Zum Begriff des Eigentums im Mann ohne Eigen- schaften und imNachlaß," Robert Musil: Unter- suchungen, hg.Uwe Baur und Elisabeth Ca- stex (Königstein: Athenäum, 1980) 67-84; vgl. auch Strutz, Politik und Literatur 58.

lqgl. Corino 275.

14Zu Musils Spengler-Kritik vgl. Jacques Bouveresse, "Robert Musil oder der Anti- Spengler," Beiträge zur Musil-Kritik, hg. Gudrun Brokoph-Mauch (Bern: Lang, 1983) 161-80; Primus-Heinz Kucher, "Die Auseinan- dersetzung mit Spenglers Untergang des Abendlandes bei R. Musil und 0.Neurath: Kri- tik des Irrationalismus," Robert Musil-Litera- tur, Philosophie und Psychologie, hg. Josef Strutz und Johann Strutz (München: Fink, 1984) 12442.

151n Musils Einstellung zur modernen Ge- sellschaft sind offensichtliche Parallelen zu den Gedanken Max Webers zu erkennen; vgl. Dag- mar Barnouw, Weimar Intellectuals und the Threat of Modernity (Bloomington: Indiana UP, 1988) 84f.; Zimmermann, "Die zwei Bäume der Erkenntnis" 41-48.

16Vgl. dazu Böhme.

171rref"ührend ist deshalb die Darstellung dieses Aspekts bei Stephan Reinhardt, "Jahre ohne Synthese: Anmerkungen zu den Essays Robert Musils," W+ Kritik 21/22 (1968): 34- 39, weil er die Teilorganisationen unvermittelt mit totalitären Herrschaftsansprüchen assozi- iert und die Haltung des Einzelmenschen ihnen gegenüber pauschal als resignativ bezeich- net.

18Auf dieser Linie hat Vogt schon weiterge- arbeitet. In einem meren Artikel zeigt Vogt auch, daß Musils scheinbar ambivalentes Ver- hältnis zur Demokratie als Regierungsform im Hinblick auf die Konsolidierung der national- sozialistischen Herrschaft wiederum mit dem prozeßhaften Charakter seines Denkens und

somit mit einem die Verwirklichung von Demo- Verhältnis zur Demokratie,"Exilforschung 2 kratie fordernden Moment zusammenhängt; (1984):31038. Guntram Vogt, "Robert Musils ambivalentes

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