Betty Paoli, die Lyrikerin als Journalistin

by Karin S. Wozonig
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Title:
Betty Paoli, die Lyrikerin als Journalistin
Author:
Karin S. Wozonig
Year: 
2003
Publication: 
The German Quarterly
Volume: 
76
Issue: 
1
Start Page: 
56
End Page: 
67
Publisher: 
Language: 
English
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Abstract:

KARIN S. WOZONIG

Wien

Betty Paoli, die Lyrikerin als Journalistin

"[...I für die Muse Betty Paoli's hat sich bis jetzt die journalistische BeschäRigung noch von keinem Nachteil erwiesen" (87). Dieser Ausspruch Leopold Komperts aus dem Jahr 1858 drückt eine jener Schwierig- keiten aus, mit denen sich Betty Paoli (Pseudonym für Barbara Elisabeth Glück, 1814-1894) ihre ganze journalistische Karriere hindurch konfrontiert sah. Der populä- ren Verfasserin spätromantischer Bekennt- nislyrik wurde es nicht leicht gemacht, sich in die "Niederungen" des Journalismus zu begeben. Ihren Ruhm begründete Paoli be- reits in den frühen 1830er Jahren-1832 erschien ihr erstes Gedicht mit dem Titel "An die Männer unserer Zeit" in der Wiener Zeit- schrift fir Kunst, Literatu~ Theater und

Mode-und gleich nach der Veröffentlichung der ersten Gedichte umgab sie der Nimbus der geheimnisvollen, hochbegabten Dichte- rin. Aufgmnd ihrer familiären Situation war Paoli dazu gezwungen, ihre Geburtsstadt Wien zu verlassen, um als Gouvernante in Galizien den Lebensunterhalt für sich und ihre Mutter zu verdienen. Ihren Zeitgenos- sen war nur wenig bekannt über die Verfas- serin der offenherzigen Liebes- und Sehn- suchtslynk, den Spekulationen über ihre Person war reichlich Raum gegeben. Das In- formationsmanko in Bezug auf ihre Her- kunft und ihr Leben war der Popularität der Dichterin durchaus zuträglich.

Betty Paolis Gedichte wurden regelmä- ßig sowohl in Almanachen-wie z. B. in Braun von Braunthals Österreichischem Musenalmanach, Immergrün oder in Huldigung den Frauen-alsauch in Zeitschriften für das geistvolle, gebildete Publikum abge- druckt. Paolis Gedichte erregten sehr bald auch die Aufmerksamkeit ihrer Schriftstel- lerkollegen Alfred Meißner, Moritz Hart- mann, Franz Grillparzer und Adalbert Stif- ter. Mit Meißner und Hartmann, die beide aus Böhmen stammten und eine wichtige Rolle im Revolutionsjahr 1848 übernehmen sollten, stand Paoli jahrelang in regem Aus- tausch, wie sich aus der Edition Briefe aus dem Vormärz. Eine Sammlung aus dem Nachlaß Moritz Hartmanns ersehen lässt. In ihren Briefen berichten die Dichter und die Dichterin einander von ihrem Leben in den Städten der Monarchie, Schreibprojekten und Reisen. Franz Grillparzer traf Paoli in denliterarischen Salonsder Stadt, so z. B. bei Elisabeth Gräfin Bagr6ef-Speransky, als de- ren Gesellschafterin Paoli einige Zeit langar- beitete. Es wird-unter anderemvon Helene Bettelheim-Gabillon, der ersten und eifrig- sten Biografin Paolis-kolportiert, Grillpar- Zer hätte Betty Paoli als "ersten Lynker Ös- terreichs" bezeichnet, was sich zwar nicht belegen lässt, dem Ruf der Dichterin aber sehr genützt haben dürfte. Adalbert Stifter war ihr Vorgänger in der Position der Vorle- ser der FUrstin Maria Anna Schwarzenberg und über lange Zeit ein Freund der Dichte- rin. Betty Paoli war fünfundzwanzig Jahre alt und aufgrund ihrer zahlreichen unselbst- ständig publizierten Gedichte und ihrer Rol- le in den Salons als Lynkerin eine Institution im literarischen Leben Wiens, als ihr erster Gedichtband erschien. Diesen Band mit dem Titel Gedichte widmete sie ihrem verehrten Vorbild Nikolaus Lenau.

Paolis Gedichte stehen in der Tradition der Romantik und behandeln vorwiegend die Themen Liebe, Einsamkeit und Todes- sehnsucht; frühere, nicht erhaltene Gedich-

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te sollen religiösen Inhalts gewesen sein. In ihrem Werk fmden sich außerdem zahlreiche Gelegenheitsgedichte, wie z. B. Huldigungen zu Geburts- und Jahrestagen. Gegen politi- sche Dichtung und Tendenzlynk verwahrte sich Paoli ihr ganzes Leben lang, auch in der Zeit des Vormärz. Sie blieb von dem politi- schen Engagement Alfred Meißners, Moritz Hartmanns und anderer Schriftsteller in ihrem Umfeld unbeeinflusst. In der Wahr- nehmung der Zeitgenossen fiel jede journa- listische Betätigung gegen die von Paoli ver- tretene hehre Kunstauffassung und die sa- kralisierte Dichtung stark ab. Für eine Dichterin ebenso wie für einen Dichter war der Journalismus nicht zu rechtfertigen.

Betty Paoli war aufgrund ihrer Integrati- on in den Literaturbetrieb zweifellos ver- traut mit der Diskrepanz zwischen Dichtung und Berufsschreiberei, und sie war sich der zu erwartenden Widerstände wohl bewusst, als sie in den 1840er Jahren als Journalistin zu arbeiten begann. Fürdie Leserinnen ihrer Gedichte konnte es für den journalistischen "Frondienst" (Werner 28) nur eine Ent- schuldigung geben, namlich die finanzielle Notwendigkeit. Tatsächlich wies Betty Paoli in Briefen gelegentlich darauf hin, dass sie sich aus fmanziellen Gründen um Verträge mit Zeitungsredaktionen bem¿ihte, und mit- unter distanzierte sie sich vom Stand der Be- rufsschreiber. Als sie nach einem Streit mit dem Herausgeber Eduard Warrens (1820- 1872, geboren in Hamburg; er verbrachte ei- nige Zeit in Nordamerika und führte seine Zeitungen nach den dort gelernten Prinzi- pien; Warrens war auch Herausgeber der Ös- terreichischen Zeitung) ihre Anstellung bei der Tageszeitung Lloyd verlor, schrieb sie an Adalbert Stifter:

In der ersten Entrüstung über die unver- diente Kränkung war ich so gut wie ent- schlossen, allem journalistischem Trei- ben fortan ferne zu bleiben; ich bedachte nicht, daß ähnliche Entschlüsse nur von Solchen gehalten werden können, die nicht gezwungen sind, sich materiellen Noth- wendigkeiten zu beugen. (Andrassy 614)

Auch ihrem Vertrauten Friedrich Schwar- zenberg gegenüber äußerte Paoli sich ähn- lich: "Wahrlich! wenn ich Hüte und Hau- ben zu fabriciren verstände, sollte mich keine Macht auf Erden dazu bringen, für eine Zeitung auch nur eine Zeile zu schrei- ben" (Aufsätze 89). Helene Bettelheim- Gabillon, die zum engsten Kreis der Schrift- stellerin zählte und sich um die posthume Wiederveröffentlichung einiger Aufsätze Betty Paolis verdient machte, kommen- tiert und relativiert diese Unmutsbekun- dungen: "Nicht zum ersten- und letzten- male verwünschte hier Betty Paoli das, von ihr so redlich und segensvoll geübte, journalistische 'Handwerk'." Und weiter:

"Trotz dieser aufrichtig gemeinten Entrü- stung übte sie ihr 'Handwerk' freudigst aus, wo sie für Dichtwerke und schauspie- lerische Leistungen eintreten konnte, die sie begeisterten" (Aufsätze 88).

Damit spricht Bettelheim-Gabillon eine der großen Leistungen in Paolis journalisti- scher Arbeit an, die Theater- und Literatur- kritik. Auch wenn es deutlich ist, dass sie die kritische, vermittelnde Aufgabe sehr gern ernte, war Paoli prinzipiell mit der Recht- fertigung ihrer journalistischen Tätigkeit bei ihren Zeitgenossen erfolgreich, und ein Zitat belegt, dass auch die Nachwelt noch da- von ausging, Paolis Motivation für Zeitun- gen zu schreiben sei ausschließlich finanziel- ler Art gewesen:

Daß die Dichterin auch sonst als Schrift- stellerin redlich gearbeitet und sich des Lebens Unterhalt durch journalistische Thätigkeit, auch als Kunstberichterstat- terin für die Tagespresse, erworben hat, wird sie in unseren Augen nicht erniedri- gen. Der Tag gehörte der Arbeit, am Abend kehrte die Muse bei ihr ein und beglückte sie mit einem neuen Liede. (Leimbach 4)

Was ihre Freundin Marie von Ebner- Eschenbach berichtet, lässt allerdings da- rauf schließen, dass die Bezahlung in Paolis Fall die meiste Zeit hindurch eine Ausrede war, denn ihr Unterricht in Stilistik und Li- teraturgeschichte sei "glänzend honoriert" worden. Zudem war Paoli verschiedentlich als Gesellschafterin angestellt, was ihr zwar vielfältige soziale Verpflichtungen auferleg- te, zugleich aber auch einen garantierten Le- bensunterhalt bedeutete. In den ersten Jah- ren nach der bürgerlichen Revolution von 1848 befindet sich Betty Paoli einige Zeit lang in einer unsicheren finanziellen Lage, da der Adel andere Sorgen hat, als eine popu- läre Dichterin in der Position einer Gesell- schafterin anzustellen. Aber auch in dieser Zeit zeugen Briefe von der funktionierenden (europaweiten) Unterstützungsmaschinerie der Adelsfamilien und -Salons, in die Paoli über die Generationengrenze hinweg bis zu ihrem Tod eingebunden ist.

Zu dem Zeitpunkt als Leopold Kompert die eingangs zitierte Erleichterungüber ihre künstlerische Integrität formulierte, hatte Paoli bereits hunderte Beiträge für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften geschrie- ben, und in einigen davon definiert sie sich selbst durchaus als Journalistin und "Re- censent." Aber nicht nur die Textmenge ist beachtlich, vor allem Paolis Auseinander- setzung mit den stilistischen und inhaltli- chen Charakteristika der Textsorte lässt da- rauf schließen, dass der Journalismus fürsie weit mehr war als eine Einnahmequelle. Die in der ersten Jahrhunderthälfte entwickelte Theorie des kritischen Essays war ihr aus erster Hand bekannt, denn sie beschäftigte sich mit den maßgebenden Ausführungen des Journalisten Jule Janin (1804-1874, Journalist, Romanautor, Mitglied der Acade- mie franpise) und ließ immer wieder theo- retische Betrachtungen über die Aufgabe des verantwortungsvollen Journalismus, vor allem über die Bedeutung von Kunstver- mittlung, in ihre Zeitungsbeiträge einfiie- Ren.

Wie Johann Hanousek darstellt, bestand vor der Revolution von 1848 in Österreich le- diglich durch die-staatlich kontrollierte- Verbreitung der Augsburger Allgemeinen Zeitung, in der auch österreichische Korre- spondenten publizieren durften, eine gewis- se Vorstellung von Pressefreiheit, im Prinzip gab es aber im biedermeierlichen Österreich

Winter 2003

bis zum Jahr 1848 kein zensurfreies Schrei- ben. Einen der österreichischen Korrespon- denten der Augsburger Allgemeinen lernte Betty Paoli um das Jahr 1842 im Salon von Henriette Wertheimer kennen, deren Ge- sellschafterin sie zu dieser Zeit war: Ludwig August Frankl, Verfasser des Gedichts "Die Universität," das imJahr 1848 auf Flugblät- tern verbreitet zur Hymne der revoltieren- den Studenten wurde. 1847 drückte Paoli in einem Brief an Moritz Hartmann, der sich im Exil befand und imJahrdarauf in die Nationalversammlung gewählt wurde, ihre Gefuhle in Bezug auf die starke Beschränkung bürgerlicher Freiheiten in Wien aus:

Wie elend es hier zugeht, davon machen Sie sich keinen Begriff; es wird von Tag zu Tag schlechter. Und das bei den herrlichs- ten Kräften, bei Mitteln wie es nicht leicht sein dürfte, sie anderwärts vereint zu finden. Sie hielten es hier nicht mehr aus. Es fehlt nur noch, daß man den Ver- kauf von Scheeren und Meßern verbiethe damit die lieben Kinderchen sich ja nicht stechen oder schneiden. (Wittner 425)

Einige österreichische Zeitungsheraus- geber sahen im Vormärz in der Einführung eines Feuilletonteils die Möglichkeit, ihren Beiträgern publizistische Freiheit zu gewäh- ren, ohne mit dem Regime in Konfiikt zu ge- raten. Wie Susanne Brunner in ihrer Diplom- arbeit analysierte, wurde das Feuilleton als Kunstgattung angesehen, die die Aufgabe der Unterhaltung erfüllen sollte und sich stark an den Interessen des Publikums zu orien- tieren hatte. Generell konnten die Tageszei- tungen neben der getreulichen, unkornrnen- tierten Wiedergabe von Verlautbarungen der Regierung und des Hofs vor allem über solche Dinge berichten, die von der Tagespo- litik ablenkten, wozu Theater, Kunstausstel- lungen und Musik zu zählen waren.

Da der Bedarf an politischem Diskurs ge- geben war, er aber nicht im offiziellen Teil der Zeitung gefuhrt werden konntezu- mindest nicht im Sinne von kritischen Kom- mentaren zur Tagespolitik-, erlangte das Feuilleton in der Zeit der Zensur eine beson- dere Bedeutung. Auch wenn sie es aus Man- gel an Gelegenheit noch nicht gleich selbst ausprobieren konnte, so war es Betty Paoli sicher nicht entgangen, welche Möglichkei- ten der Einflussnahme auf die öffentliche Meinung sich durch das Feuilleton ergaben. Es durften im Feuilletonteil der Tageszei- tungen zum Beispiel Theaterrezensionen abgedruckt werden, die-selbstverständlich nur mit einiger Vorsicht-als Vehikel politi- scher Botschaften benutzt werden konnten.

Durch ihre vielfältige Beschäftigung mit dem Theater, als Freundin oder Gast von Schauspielerinnen und Schauspielern eben- so wie durch Übersetzungstätigkeit für das Burgtheater, war Paoli dazu prädestiniert, "Besprechungen" von Stücken zu schreiben. Mit der Theaterkritik war für Paoli die Ver- mittlung ästhetischer und sittlicher Normen untrennbar verbunden. Dass später vor al- lem die Redaktionen liberaler Blätter in ihren Feuilletons auf einer ernsthaften, elitä- ren Kunstvennittlung bestanden, kam Pao- lis journalistischem Ethos entgegen.

Im Jahr 1848 wurde eine Vielzahl an pe- riodischen Druckschriften gegründet, viele der Publikationen waren Organe der politi- schen Propaganda und wurden spätestens imdarauffolgenden Jahr wieder eingestellt. Betty Paoli erkannte sehr schnell, dass mit der TageszeitungPresse ein wichtiges Forum des liberalen Bürgertums entstanden war, und mit ihren Feuilletonbeiträgen in dieser Zei- tung verschaffte auch sie sich Gehör. "Ich er- laubemir Ihnen hier 2 Nummern, der Ihnen wahrscheinlich noch unbekannten 'Presse' zuzusenden; dieses Blatt ist ohne Vergleich das bedeutendste unter den in Wien erschei- nenden und hat sich selbst Stadions Aner- kennung erworben" (Aufsätze 541, schreibt Paoli am 1. August 1848 an Friedrich Schwarzenberg, einen Monat nach dem Er- scheinen der ersten Ausgabe der Zeitung.

Der Gründer der Zeitung Presse, August Zang, hatte einige Jahre in Frankreich ver- bracht und das erfolgreiche Konzept Emile Girardins und seiner Publikation La Presse übernommen. Adam Wandruska stellt die Parallelen dar: Das Feuilleton war in dieser Zeitung durch einen seit den 1820er Jahren angewandten Layout-Trick besonders her- vorgehoben: Es wurde nicht in einer eigenen Beilage oder auf der letzten Seite abge- druckt, sondern von der als objektiv dekla- rierten Berichterstattung durch einen Strich getrennt aufder Titelseite und damit an pro- minenter Stelle publiziert. Abgesehen von der Aufmachung stimmten auch Produktion und Finanzierung der österreichischen Pres- se mit denen von La Presse überein: Sowohl Girardin als auch Zang setzten Schnellpres- se und Stereotypie ein, die neueste Technik der Zeit, die hohe Auflagen erlaubte, und bei- de Blätter wurden teilweise durch Inserate finanziert. In der Redaktion der Presse waren erstmals Berufsjournalisten im modernen

Sinn im Einsatz.

Politisch positionierte August Zang seine Zeitung im bürgerlich-liberalen Lager mit sehr gemäßigten Ansprüchen an die Regie- rung und Platz für legitimistische Äußerun- gen. Der erfolgreiche Gegenpol zur Presse war die von Eduard Warrens geleitete Allge- meine Österreichische Zeitung, die mit ihrer demokratischen, sozialistischen Ausrichtung die im Vormärz weit verbreitete Augs- burger Allgemeine Zeitung vom österreichi- sehen Markt zu verdrängen versuchte. Au- ßerdem bemühte sich derselbe Herausgeber auch darum, den mit Unterstützung aristo- kratischer Geldgeber übernommenen Lloyd politisch zu positionieren, und zwar mit ei- ner der Presse ähnlichen ideologischen Aus- richtung. Zwischen den Herausgebern die- ser beiden Zeitungen, Zang und Warrens, entstand eine jener öffentlich geführten Feh- den, die dazu beitrugen, dass sich das Bild vom skrupellosen, habgierigen Journalisten in der Öffentlichkeit entwickelte, das in der Zeit des Liberalismus zum Topos wurde. Betty Paoli verfasste Beiträge sowohl für die Presse als auch für den Lloyd und späterfür die Allgemeine Österreichische Zeitung. Sie kommentierte die Auseinandersetzungen der Herausgeber so:

Wenn man auch sich selbst rein weiß, ist es doch peinlich, einer Gilde anzugehö- ren, die alles Erforderliche thut, um bei dem Publikum den letzten Rest von Ach- tung einzubüßen. Die skandalöse Pole- mik zwischen Zang und Warrens hat die Journalistik auf Jahre hinaus discreditirt und da sie in ihren Reihen nur sehr weni- ge Persönlichkeiten von unbeflecktem Charakter und wahrhafter Bildung zahlt, so werden diese mit den übrigen in einen Topf geworfen. (Aufsätze 88)

Mit ein Grund für die Pressefeindlichkeit der österreichischen Intellektuellen und Schriftsteller lag darin, dass viele von ihnen es als beamtete Bürokraten oder Armeeangehörige nicht nötig hatten oder es sich aus politischen Gründen nicht leisten konnten, füreine Zeitung zu schreiben. Die Pressefrei- heit des Jahres 1848 brachte eine publizisti- sche Flut, aus der nur jene Produkte auf- tauchten und in der nurjene Blätter Bestand haben konnten, die die Interessen einer poli- tischen Gruppe vertraten und im Gegenzug von dieser finanziell unterstützt wurden. Der Umstand, dass bereits vor Ablauf des Jahres 1848 die meisten der bürgerlichen Freiheiten widerrufen wurden und sich die Reaktion deutlich abzuzeichnen begann, er- forderte zusätzlich opportunistisches Tak- tieren von den Herausgebern der Zeitungen und Konzessionenvon den Redakteuren und Gastautoren.

Durch die Vermittlung ihres Freundes Hieronymus Lorm (Pseudonym von Hein- rich Landesmann), seines Zeichens Kritiker bei der Zeitschrift Grenzboten und ab 1850 Redakteur der offiziösen Wiener Zeitung, wurde Betty Paoli zu ihrem ersten Feuilleton für die Presse aufgefordert. Zwischen Ende August und Anfang Oktober des Revolu- tionsjahres schrieb sie vier Beiträge für diese Zeitung. Alle vier Texte sind Kommentare zurpolitischen Situation, und dasssieinBriefform abgefasst sind, unterstützt zusätzlich die Komponente der Subjektivität, die durch die Textsorte Feuilleton gegeben ist. In den vier "Deutschen Briefen" äußert sich Paoli über die gewalttätigen Auseinandersetzun- gen in Wien, deren Zeugin sie wurde, und über den Einmarsch Radetzkys in Mailand. Paolis Haltungist patriotisch und reaktionär, Pasteyrik nennt sie "politisch belastet" (87).

Gleichzeitig sind diese Feuilletons auch Rei- seberichte, denn Paoli hatte Wien verlassen und bereiste Deutschland, wo sie auch einige jener Österreicher zu treffen hofffe, die sich imvormärz dorthinins Exil begeben hatten.

Wie viele andere Mitglieder des Bürger- tums hatte Paoli nicht damit gerechnet, dass die Revolution mit Gewalt und Intervention der Armee einhergehen würde, und sie sah keine Veranlassung, sich mit den Forderun- gen der Arbeiterschaft und der Studenten solidarisch zu erklären. Die letzten fünfJah- re vor der Revolution hatte sie als Gesell- schafterin und Vorleserin der Fürstin Maria Anna Schwarzenberg zugebracht und durch sie zahlreiche Kontakte zu adeligen Familien geknüpft. Schon aus Rücksichtnahme auf ihre adeligen Gönnerinnen konnte Paoli ei- nige Forderungen der Revolution nicht gut- heißen, und wie vielen Intellektuellen der Zeit ging es ihr vor allem um die Presse- und Meinungsfreiheit, die Forderungen des "Vol- kes" unterstützte sie nicht. Paoli hatte kein Vertrauen in die demokratischen Kr&. Dem Fürsten Friedrich Schwarzenberg berichte- te sie von den Problemen bei der Zusammen- setzung des konstituierenden Reichstags:

Man wird am Ende gezwungen sein, jeden einzelnen Deputierten unter militärischer Escorte in die Sitzungen zu schi- cken. Was bei der ganzen Geschichte he- rauskommen wird, läßt sich schon heute mit ziemlicher Gewißheit voraussagen. [...I Fürstin Palffy soll in einigen Tagen hereinkommen, um der Eröffnung des Reichstags beizuwohnen; mir ist für diese Feierlichkeit ein Platz im Journalisten- winke1 versprochen worden. (Aufsätze51)

Im selben Brief kündigt Paoli an, dass sie nach Augsburg fahren würde, um einen fi- xen Vertrag bei der Augsburger Allgemeinen Zeitung zu bekommen, was ihr allerdings erst einige Jahre später gelingt. Für ihre "immer treu geliebte Augsb. Allg. " (Aufsätze 62) verfasste Paoli später einige ihrer besten Buchrezensionen, wie z. B. "Erzählungen. Leopold Kompert und Marie V. Ebner-Eschenbach" im Mai 1875 und "Louise Ackermann" im März 1876. "Erzählungen" wurde von Bettelheim-Gabillon in den Band der Reaktion, und Paoli publizierte weiter- Gesammelte Aufsätze aufgenommen, und der hin in diesen gemäßigten, bürgerlich-libera- Essay über Louise Ackermann findet sich len Blättern bzw. nach Einstellungdes Lloyd wieder in dem von Eva Geber edierten und in der Allgemeinen Österreichischen Zeitung. mit einer ausführlichen Biografie Paolis ver- Im Jahr 1850 beschloss Leopold Kompert, sehenen Buch "Was hat der Geist denn wohl Redakteurdes Lloyd-Feuilletons und Freund gemein mit dem Geschlecht?" (Wien 2001). Paolis seinen Besuchen im Salon Henriette

Einen der "Deutschen Briefe" in der Wertheimers, eine Beilage zu dieser Zeitung Presse adressierte Betty Paoli an Hierony- zu schaffen, die sich später zu einem eigen- mus Lorm, den vierten und letzten an Adal-ständigen "Volksblatt" entwickeln sollte. bert Stifter. In diesem Feuilleton vom 4. Ok-Kompert war mit seinem Roman Aus dem tober 1848 geht es um die Bedeutung der Ghetto fir die Judenemanzipation eingetre- Kunst in der Zeit des politischen Umbruchs, ten und wollte nun mit dieser neuen Zeitung und mit einiger Klarsicht rechnet sich Paoli volkserzieherisch tätig werden. Helene Bet- darin der "alten Zeit" zu, in der Autonomie telheim-Gabillon stellt Komperts Absicht die Prämisse des künstlerischen Schaffens und Betty Paolis Beteiligung an dem Projekt darstellte. Die Dichtung von der Politik zu in ihrem Aufsatz "Sozialpolitische Gedantrennen,dasist ihr wichtigundmit Pathos be- ken Betty Paolis" dar. Komperts Ziel war es, schwört Paoli die "Religion Kunst" zu einer "die von den Ausschreitungen der Revoluti- Zeit, in der ausschließlich politische Dichtung on verrohten Massen zu veredeln, sowie ei- ein Publikum zu finden scheint. Paoli beru- nen frischen Luftzug in die Verdumpfung hiet sich und ihre Leserinnen und Leser: der Reaktion strömen zu lassen, und er such-

te gleichgestimmt mutige, selbstlose Mitar-

So trüb die Aussichten für die nächste Zu-

beiter für seine Unternehmung" (Bettel-

kunft auch scheinen mögen, so lebendig

heim-Gabillon 71).

ist doch in meinem Gemüth die Zuver-

In einem Brief, in dem Betty Paoli diese

sicht auf den endlichen Sieg des Göttli-

chen, ja es macht mich lächeln, wenn ich Idee Komperts mit Überschwang begrußt

die Pessimisten höre, die allen Ernstes und implizit ihre Mitarbeit zusagt, findet glauben, es sei nun mit der Kunst vorüber sich ihr Misstrauen gegenüber der Demo- und vorbei. Als wenn ein urewiges Be- kratie und vor allem gegenüber dem "Volk." dürfnis und eine urewige Kraft der Die Aufgabe der Volksbildung bekommt aus Menschheit vertilgt werden könnten! [...Ider bürgerlichen Perspektive, der nicht nur

So lassen Sie uns vertrauensvoll die neue

Paoli, sondern die meisten Intellektuellen

Zeit begrüßen und an eine herrliche Zu-

und Schriftsteller der Zeit verhaftet waren

kunft der Kunst glauben, wenn wir auch

und die zu ihrer geringen Unterstützung der

noch nicht absehen, auf welche Weise sie

Revolution geführt hatte, durchaus die Qua-

sich gestalten wird. (2)

lität des Selbstschutzes. Der ganze Brief er-

Schon 1843 hatte der politisch engagierte scheint wie ein Beitrag, der einem biirger- Moritz Hartmann kritisiert: "Betti Paoli ge- lich-liberalem Publikum das noch nicht ge- hört zu einer Clique der reinen Ästhetik, po- schaffene Volksblatt schmackhaft machen litische Poesie ist den Leuten ein Gräuel" soll. Alles Beharren Paolis auf der Notwen- (Wittner 207). Tatsächlich gibt es einige Ge-digkeit "das Volk zu lieben" kann nicht da- dichte Paolis mit politischen Bezügen, aber von ablenken, dass die Revolution und die keine Tendenzdichtung. Die Argumente des dabei demonstrierte Macht der Masse der vierten "Deutschen Briefs" wiederholte Pao- Schriftstellerin äußerst suspekt waren. Ein li in einem Feuilleton für den Lloydam 2. Fe- Teil dieses Briefs an Kompert skizziert je- bruar 1849. doch die Grundzüge der ideologischen Posi-

Sowohl die Presse als auch der Lloyd tion, die Betty Paoli in ihren späteren Feuil- überstanden die Sanktionen in den Jahren letons zur sogenannten Frauenfrage zum Ausdruck bringen wird.

Jedes Bestreben, den neuen Einrichtun- gen eine andre als eine demokratische Ba- sis zu geben, wäre eitel und erfolglos, wie einst der Versuch, den niedergebrannten Tempel von Jerusalem wieder aufzubau- en: die Steine, die man tagsüber auf ein- ander gethürmt hatte, wichen bei Nacht wieder aus ihren Fugen. Je unvermeidli- cher aber die Demokratie ist, um so wich- tiger ist es auch, dafür zu sorgen, daß sie nicht zerstörend über uns hereinbreche; es handelt sich darum, ihr die Wege zu be- reiten. Dieß kann auf keine Weise siche- rer geschehen als durch Hebung des intel- lectuellen und moralischen Zustandes der untern Klassen. [...I Uns scheint das Volk zu Höherem bestimmt als einer Bettler- horde gleich auf Staatskosten gefüttert zu werden. Nicht im Geltendmachen er- träumter Ansprüche, sondern in getreuer Pflichterfüllung liegt der Adel, die Wür-

de, die Größe des Menschen; wer für ihn sorgen will wie für ein unmündiges Kind, der erniedrigt ihn, sein Wohlthäter ist nur, wer ihn innerlich fördert. Wird seine Einsicht erweitert, sein Wille geregelt, sein Gemüth gebildet, dann wird sich, man mag dessen versichert sein, auch sein ma- terieller Zustand heben, wie Salomon werden ihm mit der Gabe der Weisheit zu- gleich auch alle andern Güter zu Theil werden. (Hock 180)

Komperts Plan wurde nie realisiert, was nicht weiter verwunderlich ist. Helene Bet- telheim-Gabillon kommentiert das so:

Es ist selbstverständlich, daß ein Volks- blatt, welches einen so hohen Stand- punkt, wie Betty Paoli ihn dafür ins Auge faßte, einnehmen sollte, und das keiner einzelnen Partei angehören durfte, nicht zu Stande kam und daß keine Zeit unge- eigneter war, als die damalige, derlei Wahrheiten, wie sie hier ausgesprochen sind, zu vernehmen und zu verarbeiten.

(76)

In den Jahren nach der bürgerlichen Re- volution konnte Betty Paoli keine weiteren politischen Feuilletons veröffentlichen, aber auf dem Gebiet der Kritik konnte sie wieder Fuß fassen. Nach längeren Verhandlungen, die durch diverse Querelen in den Wiener Zeitungsredaktionen verzögert wurden, schloss Paoli im Jahr 1853 mit Eduard War- rens einen Vertrag und übernahm das Kunstreferat des Lloyd.

Ungefähr siebzig Buch-, Theater- und Ausstellungsrezensionen im Jahrgang 1853 und achtunddreißig im Jahr darauf waren das beachtliche publizistische Resultat die- ses fixen Engagements. Viele dieser Artikel sind lediglich tagesaktuelle Beiträge, die Kunstwerke behandeln, die längst vergessen sind. Trotzdem sind diese Texte von gleich- bleibend hohem stilistischem Niveau. Ihren Essay über den letzten Auftritt der berühm- ten Schauspielerin Sophie Schröder auf der Bühne des Burgtheaters sah Betty Paoli selbstfür eine posthume Publikation vor. Es entsprach ihren Prinzipien, auch bei quanti- tativ großer Textproduktion die Qualität halten zu wollen, was ihr durchwegs gelang. Auch die kurzen Rezensionen sind durch- setzt mit selbstreflexiven Passagen, in denen Paoli sich bemühte, ihren Leserinnen und Lesern die angewendeten Wertmaßstäbe und Bewertungskriterien zu erläutern. Es sei nicht nötig, dass man ihr unbesehen glau- be, verkündet Paoli in einer Vielzahl ihrer Kritiken, und nach diesem Motto lieferte sie ausführlich~manchmalermüdend detail- lierte-Beschreibungen der Gegenstände der Betrachtung und vor allem Begnindun- gen ihrer Werturteile.

Wenn auch die politischen Gegebenhei- ten gleich wieder den Schwung aus der jour- nalistischen Entwicklung nahmen und die Zensur nach 1849 beinahe ebenso strengwar wie im Vormärz, war im Revolutionsjahr 1848 doch ein bedeutender Schritt gemacht worden, und die liberale Presse entwickelte sich von dort an weiter. Neben dem bürgerli- chen Selbstbewusstsein und dem Recht auf Meinungsäußerung trugen vor allem die wirtschaftlichen Umbrüche zur Entstehung der Feuilletonistik in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts bei. Kunst und Kommerz gingen eine Symbiose ein, die in der Gründerzeitund auch nach dem Bör- senkrach von 187% kulturelle Leben dominierte und in Kar1Kraus einen wortge- waltigen Kritiker fand. Hubert Lengauer formuliert:

Das Feuilleton der Tagespresse in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat- te in seinen besten Vertretern versucht, die Sache des Geistes, der Poesie, der sen- siblen Individualität gegen Macht, Politik und Geschäft in die Hand zu nehmen; daß dieses Ansinnen weitgehend gescheitert ist, kann man nicht allein dem Feuilleton anlasten. (77)

Auch Betty Paoli schrieb Feuilletons ge- gen die Kommerzialisierung der Kunst und die Vermarktung und Verwirtschaftlichung des Lebens überhaupt sowie gegen die "Os- tentation," eines der Hauptmerkmale der Zeit. Ihre journalistischen Prinzipien ent- sprachen dabei jenen des französischen Schriftstellers Jules Janin, den sie bei einem Frankreichaufenthalt in den 50er Jahren durch dieVermittlung Friedrich Schwarzen- bergs kennengelernt hatte und der mit sei- nen Essays die Richtlinien für eine liberale Kultur- und Gesellschaftskritik vorgab. Wie er beanspruchte Paoli für sich die Weihe des Expertentums, das es in den Dienst der Bil- dung und Erziehung des Publikums zu stel- len galt. In einem Feuilleton für die Neue Freie Presse, erschienen am 13. Juni 1867, das dem Thema "Geselligkeit" gewidmet ist, schreibt Paoli:

Es ist einerseits der maßlose Luxus, der überall wo er sich breitmacht, die geisti- gen Bedürfnisse erstickt, andererseits der wachsende Hang zum bequemen Sichge- henlassen, der in jeder durch die gute Le- bensart gebotenen Berücksichtigung An- derer ein Attentat gegen die Freiheit des Individuums erblickt. Beide sind die noth- wendigen Resultate des Materialismus, der mehr und mehr bewußte oder unbewußte Jünger findet. [...I Es fällt mir auch gar nicht ein, eine Strafpredigt über den ma- terialistischen Charakter unserer Zeit zu halten. [...] Ein übertriebener Luxus und die Ostentation, die seine unzertrennli- che Begleiterin ist, lassen keine wahre Ge- selligkeit aufkommen. [...I Niemand sagt sich mehr, daß ein Salon den wahren Glanz durch die Menschen erhält, die ihn besuchen, nicht durch die darin aufgesta- pelten Kostbarkeiten, nicht durch die da- rin paradirenden Toiletten. (1)

Es war eine konservative, elitäre, kriti- sche Haltung, die hier ihren Ausdruck fand, das Feuilleton sollte in gewisser Weise den geistvollen Austausch in den bürgerlichen Salons ersetzen, in denen fernab jeder existentiellen Bedrohung über Politik und Ethik, Kunst und Wissenschaft gesprochen werden konnte.

Nicht nur das literarische Feuilleton und die Gesellschaftskritik wurden in der zwei- ten JahrhunderthälRe gepflegt, sondern auch die Besprechung von Biografien und wissen- schaftlichen Werken sowie Reiseberichte ge- hörten in den Feuilletonteil der liberalen Presse. Was die Gesellschaftskritik anlangt, sah Betty Paoli in Delphine de Girardin ihr Vorbild. Sie hatte in den vierziger Jahren in La Presse, der Zeitung ihres Mannes Emile Girardin, unter Verwendung eines männli- chen Pseudonyms über Umgangsformen und Fragen der Sittlichkeit geschrieben. Im Feuilleton "Unsere Manieren" für die Neue Freie Presse vom 17. April 1869 zollt ihr Paoli Anerkennung:

Unter den geistsprühenden Feuilletons, die Delphine V. Girardin während der Vierziger Jahre in der Pariser Presse er- scheinen ließ, befindet sich eines mit der Ueberschrift: "L'homme le plus malheur- eux qui soit au monde." [...I Der ganze Aufsatz, dessen glänzender Witz einen sehr ernsten Hintergrund hat, wäre wo1 eine Uebertragung werth. Wie die meis- ten feuilletonistischen Arbeiten dieser höchst bedeutenden Frau ist er ein wich- tiger Beitrag zur Sittengeschichte unse- res Jahrhunderts. (1)

Der ideale Ort für die konservative, elitä- re Kunstkritik und die kritischen Beobach- tungen über die bürgerliche Gesellschaft war die 1864 gegründete Neue Freie Presse. Zwei Redakteure der Presse bauten dieses Konkurrenzblatt auf, und die Neue Freie Presse überflügelte die alte Presse sehr bald. Für die Feuilletonisten der Neuen Freien Presse gab es überdurchschnittlich hohe Ho- norare, und im Laufe der Zeit versammelten sich dort alle österreichischen Schriftsteller von Rang und Namen. Die Tendenz der Neuen Freien Pressewar großdeutsch, franko- phil, antiklerikal und kapitalistisch, und sie wurde sehr schnell zur wichtigsten deutsch- sprachigen Tageszeitung überhaupt. Die Morgen- und die Abendausgabe hatte jeweils ein eigenes Feuilleton-in der Tradition der Presse auf der ersten Seite unter dem Strich.

Zwar ist eine genaue Gattungszuord- nung bei den beiden Textsorten schwierig, aber es lassen sich die Beiträge Betty Paolis für die Neue Freie Presse der Definition Haas' folgend eher als Essays denn als Feuil- letons beschreiben: die in die Tiefe gehende Behandlung einer Frage ohne den Anspruch, eine vollständige Antwort geben zu können; die Darstellung eines Sachverhalts mit eini- ger Deutlichkeit, Klarheit und Struktur; der Verzicht auf spektakuläre sprachliche Effek- te wie sie im Feuilleton üblich sind und der identitätsstiftende Duktus-alles Merkmale des Essays und typisch für Paolis Arbeiten für dieNeue Freie Presse. Die Beitrzige "Eine Zeitfrage," "Ein Wort Pombals," "Über weib- liche Erziehung'' und "Wissen ist Macht," die in den 1860er und 70er Jahren in der Neuen Freien Presse erschienen und durchwegs der so genannten Frauenfrage gewidmet sind, wurden in der aktuellsten Edition von Wer- ken Betty Paolis, dem von Eva Geber heraus- gegebenen Buch "Was hat der Geist denn wohl gemein mit dem Geschlecht?" wieder zugänglich gemacht.

Die sowohl in Paolis gesellschafts- und literaturkritische Essays als auch in ihre Reiseberichte einfließenden politischen Be- trachtungen sindmitunter von vehementem Pessimismus geprhgt, was zumindest bei ei- nem ihrer Kollegen auf Unverständnis stieß: Daniel Spitzer, der als "Wiener Spazier- gänger" berühmt gewordene Feuilletonist, schreibt am 13. Mai 1866 spöttisch: "Es ist schmerzlich, wenn man eine Kassandra ist, und für die Betti Paoli gehalten wird'' (138).

Tatsächlich ist es eine der Gattung Essay inhärente Eigenschaft, dass sich der Autor oder die Autorin darin auf traditionelle Kulturwerte beruft, die er oder sie mit dem Pub- likum teilt und die sozusagen als gemein- same ideologische Basis von Schreiber und Leser fungiert. Dementsprechend ist die Be- drohung dieser Werte und die Warnung vor ihrem Verlust ein wichtige&meinschaft stiftendesThema.

Im Feuilleton der liberalen Tagespresse -und besonders bei Daniel Spitzer, der seine für die Presse und die Neue Freie Presse geschriebenen Feuilletons "Wiener Spazier- gänge" 1869 in Buchform veröffentlichte- war neben diesem instrumentalisierten Wert- konservatismus die Anspielung, dasAperp, die nur vom gebildeten, bürgerlichen Leser verstanden wurde, ein wichtiges Element, mit dem der Autor die Leser für sich gewin- nen konnte. Paolis Beiträge waren anders gestaltet als die Spitzers, sie setzte das Mittel der Ironie äußerst sparsam ein, verzichtete weitgehend auf "gefällige" Formulierungen und verwendete kaum das Mittel der satiri- schen Darstellung.

Paoli war die erste Feuilletonistin der Neuen Freien Presse-und ist fiirsehr lange Zeit die einzige geblieben. Noch amEnde des neunzehnten Jahrhunderts war die Diskus- sion darüber, ob Frauen den Beruf der Jour- nalistin ausüben dürften, nicht beendet. Betty Paoli war in ihrer Karriere als Journa- listin mit drei deutlich erkennbaren Hinder- nissen konfrontiert: Die Berufsschreiberei wurde als Gegensatz zur Poesie und als ehrenrührig, weil dem individuellen Genie nicht entsprechend, aufgefasst; der Journa- listenberuf hatte geringes Ansehen, einer- seits aufgrund obrigkeitshörigen Verhaltens vieler seiner Vertreter, andererseits aufgrund häufiger hanzieller Streitigkeiten und pro- vozierter Skandale; und außerdem hatte Paoli mit dem Schreib- und Redeverbot für Frauen an öffentlichem Ort zu kämpfen.

Es gab irn neunzehnten Jahrhundert eine klar definierte Auswahl an "weiblichen" Be- rufen, wobei der einzig wahre weibliche Be- ruf jener der Ehefrau und Mutter war; öffentliche Wortmeldungen hatten sich im Sinne bürgerlichen Wohlverhaltens tun- lichst auf diese "weibliche Sphäre" zu be- schränken. So kommt es, dass es zur Zeit, als Paolis journalistische Karriere begann, zum Beispiel in Bäuerles Theaterzeitungna- mentlich gezeichnete Artikel von Frauen gibt, ohne dass die Zeitgenossen auf die Idee gekommen wären, die Schreiberinnenals Journalistinnen zu bezeichnen. Vor allem in der so genannten Modepresse war es üblich und erwünscht, dass sich Frauen-Angehö- rige des "moralischen Geschlechtsv-mit einigem sittlichen Ernst zu ihren ureigensten Themen-Haushaltsführung, Kindererziehung, Handarbeit, Sittsamkeit-äußerten, selbstverständlichinForm von unbezahltem Dienst an der Menschheit.

In vielen ihrer Essays forderte Betty Pao- li, dass der Staat die Grundlage für die Er- werbstätigkeit von unversorgten Frauen schaffen sollte, dass durch Mädchenbildung und die Öffnung des Arbeitsmarktes der Abhängigkeit der Frauen von der Versorgungs- ehe ein Ende gemacht würde. Ihre diesbe- züglichen Forderungen standen in einer Ar- gumentationslinie mit ihren Ausführungen zur Volksbildung, ihr Vertrauen in die erfolg- reiche Emanzipation durch Bildung und Be- ruf war unerschütterlich. An keiner Stelle forderte Paoli allerdings politische Rechte für Frauen ein.

Insbesondereim Bereich der normierten Erziehung entstanden in Paolis Aufsätzen utopische Entwürfe, die in deutlichem Ge- gensatz zu der von ihren männlichen Kolle- gen propagierten Mädchenerziehung stan- den. Ihre Kritik an der Mädchenbildung in Österreich verknüpfte Paoli einerseits mit dem Blick über die Grenzen und den Hinweis auf bereits realisierte Ausbildungsmo- delle in anderen Ländern, andererseits ent- warf sie positive Zukunftsvisionen auch für Österreich, sich der zu erwartenden Wider- stände wohl bewusst. So schreibt sie in ihrem Essay "Ueber weibliche Erziehung," erschienen in der Neuen Freien Presse vom 4. Juni 1869 und wieder abgedruckt in "Was hat der Geist denn wohl gemein mit dem Ge- schlecht?":

Der französische Unterrichtsminister Duruy hat vor einiger Zeit die Errichtung von Gymnasien für die weibliche Jugend in Vorschlag gebracht. Wie begreiflich, stieß dieses Project auf den erbittertsten Widerstand seitens der clericalen Partei. Ich weiß nicht anzugeben, ob es dennoch zur Ausführung gelangt ist, zweifle aber keinen Augenblick, daß es schließlich durchdringen wird. (1)

Und Paoli belässt es nicht bei den vagen Wünschen, sondern präsentiert an selber Stelle ihre ganz konkrete Vorstellung von der Zukunft der Mädchenbildung:

Die Lehrgegenstände dürften ungefähr dieselben sein, wie an den Knaben-Gym- nasien, nur müßte auf den Unterricht in den Naturwissenschaften und der Welt-, vor allem der Culturgeschichte das Hauptgewicht gelegt und die Mathematik vornehmlich als geistiges Kräftigungs- mittel betrieben werden. Die classischen Sprachen sollten kein obligater Gegen- stand sein, sondern nur die sich eigens zu diesem Cursus Meldenden Unterricht in ihnen erhalten, wie denn überhaupt jeder Zwang, jede Pedanterie sorgfältig zu ver- meiden wäre. (2)

Den Vorschlägen liefert Paoli eine auch dem bürgerlichen Leser einleuchtende und unverdächtige Erklärung nach:

Die Gründung eines Gymnasiums für Mädchen, die nach wissenschaftlicher Bildung verlangen, wäre eine sehr heilsa- me Sache. [...I Auf diese Weise könnten die jungen Mädchen sich gerade in den Jahren, die am gedankenlosesten verzet- telt werden, eine Masse nutzbringender Kentnisse erwerben, und jenen, die geis- tig begabt, aber unbemittelt, ihre Exis- tenz auf Arbeit gründen müssen, wäre die Möglichkeit geboten, sich zu tüchtigen Lehrerinnen auszubilden, während das Gouvernantenwesen, wie es jetzt besteht, ein wahrer Krebsschaden der modernen Erziehung ist. (2)

Dass der Journalismus für Betty Paoli Jahrzehnte hindurch eine wichtige Er- werbsquelle sein konnte, liegt darin begrün- det, dass sie unverheiratet blieb. Als Ehefrau hätte Paoli keine Verträge mit den Zeitungs- und Zeitschriftenredaktionen abschließen können, es wäre von ihr erwartet worden, dass sie kein Honorar beansprucht, und falls sie es doch getan hätte, so wäre das Geld selbstverständlich ihrem Ehemann zuge- standen. Nicole Arnaud-Duc hat eindrück- lich belegt, dass unverheiratete Frauen in den Rechtssystemen des neunzehntenJahrhunderts eine unbequeme Zwischenposition einnahmen. In den meisten Ländern Euro- pas wurden sie mit ihrer Volljährigkeit zu Rechtssubjekten, die nicht nur Rechte hat- ten-so wie verheiratete Frauen auch-, sondern auch das Recht auf Ausübung ihrer Rechte, was Ehefrauen üblicherweise nur bei Abwesenheit oder geistiger Umnachtung ihrer Ehemänner zugestanden wurde. Zu- gleich entsprach es der Naturrechtsauffas- sung, dass Frauen nicht imstande seien, sich um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern und dass die öffentliche Sphäre gene- rell kein Ort fur Frauen sei. Nicht juristische Konstruktionen, die explizit zum Ausschluss der Frauen aus dem öffentlichen Leben führten, machten es ledigen Frauen schwer, für sich selbst zu sorgen, sondern der Umstand, dass Frauen ohne Männer (Väter, Ehemän- ner, Söhne) in den Gesetzen des neunzehn- ten Jahrhunderts nicht vorgesehen waren. Bei dem oft äußerst mühsamen Versuch, aus ihrer juristisch undefinierten Position her- aus Handlungsfreiheit zu gewinnen, waren ledige Frauen zudem noch mit dem aus ih- rem Familienstand resultierenden Mangel an sozialer Anerkennung konfrontiert.

Auch wenn es nicht ihrer Überzeugung entsprochen haben sollte, war es für Betty Paoli unbedingt nötig, affirmativ Bezug auf die traditionelle, bürgerliche Rollenvertei- lung zwischen den Geschlechtern zu neh- men, wollte sie ihre Texte an so prominenter Stelle wie dem Leibblatt des liberalen Bür- gertums, in der Neuen Freien Presse, publi- zieren. Es findet sich in Paolis Aufsätzen kein Plädoyer für den Umsturz der herrschenden Ordnung, sondern eine Abfolge subtiler Stra- tegien, mit denen sie auf Ungerechtigkeiten und Diskriminierungen hinweist und Abhil- fe fordert. In ihren Essays bemühte Paoli eine Taktik, die für jene Leser, die sich Frau- en nicht anders vorstellen konnten, als in der Rolle untergeordneter, intellektuell minder- bemittelter Wesen, harmlose Interpretatio- nen zuließ. Dieselbe Taktik führt dazu, dass auf den zweiten Blick und bei Bedenken der Konsequenzen und Implikationen ihrer Argumente das durchaus revolutionäre Poten- zial der Forderungen zutage kommt. Ein System aus gesellschaftlicher und familiärer Eingliederung und diffizilen diskursiven Ma- növern sicherte Paoli die gesellschaftliche Anerkennung, die es ihr erlaubte, unbehel- ligt ihrem Beruf nachzugehen.

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