B. Travens Anfänge: Die "Urfassung" des Totenschiffs

by Frank Nordhausen
Citation
Title:
B. Travens Anfänge: Die "Urfassung" des Totenschiffs
Author:
Frank Nordhausen
Year: 
1992
Publication: 
The German Quarterly
Volume: 
65
Issue: 
3/4
Start Page: 
378
End Page: 
395
Publisher: 
Language: 
English
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Abstract:

B. Travens Anfänge: Die "Urfassung" des lbtenschiffs

B. Traven, der Schriftsteller, der seine Person wie kein anderer hinter Pseudony- menund Decknamenverbarg, ließ sich auch bei der literarischen Produktion nicht in die Karten sehen. Bis zum Jahr 1987 besaß die Literaturwissenschaft von ihm lediglich eine handschriftliche Seite aus der ersten Fassung der Baumwollpflüclze~~,

die Rolf Recknagel 1977 publiziert hatte.l Mittler- weile sind jedoch einige Fundstücke aufge- taucht, die einen Blick in die 'dichterische Werkstatt' des B. Traven ermögli~hen.~

So hat Kar1 S. Guthke im Anhang seiner monumentalen iri-aven-Biographie eine englischsprachige Rohschrift von Teilen des Totenschiffes abgedruckt und damit der Wissenschaft zugänglich gema~ht.~

Es han- delt sich um jene zwei Fra-grnente aus dem Nachlaß des Autors, deren Existenz Reck- nage1 1982 erwähnte und die Jonah Raskin 1980-unterlegt mit spärlichen Zitaten- erstmals ansatzweise inte~~retierte.~

Aus dieser sogenannten "Urfassung"5 des Buches fällt nicht nur ein heller Lichtschein auf die Arbeitsweise des 'Dschungel-Poeten'; es läßt sich damit auch der Nach- weis der (von Traven stets behaupteten) englischen Erst schrift mindestens von Teilen des Totensclziffes führen.

Wann und wo diese Manuskripte ent- standen, konnte bisher nicht ermittelt wer- den. Die Äußerung der Witwe des Autors, Rosa Elena Lujhn, Traven habe die erste Fassung 1923-24 im Londoner Gefängnis ges~hrieben,~

kann ebensowenig überprüft und verifiziert werden wie Recknagels An- deutung, Traven habe das Manuskript eventuell schon vor seiner Flucht in

The German Quarterly

65.3-4 (Summer-Fali1992)

München abgefaßt, als er sich noch Ret Marut nannte.7

Für eine Niederschrift der 'Vrfassung" in Großbritannien sprechen aber ihr aus- schließlich europäischer Handlungsraum und die Tatsache, daß sieo Guthke-in einem sehr britischen Englisch gehalten ist, also keine Amerikanismen (wie spätere Werke Travens) aufweist. Darüber hinaus findet sich in der "Urfassung" lediglich ein winziger Hinweis auf Mexiko, den unver- zichtbaren geographischen Hintergrund so gut wie aller späteren Romane und Erzäh- lungen.8

Mit großer Wahrscheinlichkeit aber war dies der erste Roman, den Traven zu Papier brachte, als er nicht mehr 'Marut"war, auch wenner in einem (unveröffentlichten) Rück- blick auf die entstehungsgeschichtliche Chronologie seiner Romane 1961 behaupte- te, das Totemchiff sei erst der vierte, und wenn man noch ein verlorenes Werk hinzu- zähle, sogar erst der fünfte Romangewesen, den er geschrieben habe.g

In den Manuskripten der 'Vrfassung" sehen wir ihn offenbar bei der entscheiden- den lebensgeschichtlichen Verwandlung. Denn ob nun das Totenschiff in London oder in den ersten Mexiko-Monaten entstand: es stellt im Leben wie im Werk das Bindeglied zwischen dem gescheiterten Revolutionär und dem mexikanischen Vagabunden-Romancier dar. Von allen Texten B. Travens erinnert dieses Buch in Sprachduktus und Aussage am nachhaltigsten an den vorma- ligen Münchener Anarchisten Ret Marut.

Die vierzigseitige "Urfassung" besteht aus zwei Fragmenten unterschiedlicher

hafte 'Wahrheit" von Seegeschichten wird der eigentliche Handlungjfaden aufgenom- men: "It was Cadis [sie]where I was laying at the bea~h.'~~

Die Existenz dieser Einführung weist darauf hin, daß sich Traven, als er die Frag- mente der 'Wrfassung" niederschrieb, über die Vereinigung der beiden Teile-die auch in der fertigen Buchausgabe ein schwerwie- gendes strukturelles Problem darstellt- noch keinesfalls im klaren war. Zusammen- fügen aber wollte er sie gewiß. Schließlich umkreisen sie dieselbe Thematik (Paßlosig- keit und Einwanderungsbeschränkungen) und besitzen die gleiche Hauptfigur. In beiden Fragmenten trägt ein-hier allerdings noch namenloser-amerikanischer Seemann als Ich-Erzähler 'mündlich' seine Erlebnisse vor und redet damit wie in der späteren Buchausgabe aus der doppelten Perspektive als "Akteur und Vermittler."22

Es hat den Anschein, daß der Autor im Verlauf der Niederschrift der beiden Frag- mente mit einem Strukturmodell experi- mentierte, das er bei der Abfassung der Buchausgabe wieder verwarf. Er versuchte offenbar, eine Rahmenerzählung zu etablie- ren.

In Fragment I vorerst nur als Ansatz vor- handen, wächst sich diese Idee in Fragment I1 zu einer textkonstituierenden Konstante aus. Während sich nämlich auf Grund der sparsamen Verwendung verschiedener Anredeformeln in Fragment I erst allmählich schaft, sondern lediglich an einen einzigen "Sir", dem er eventuell für Geld (wie in der eigentlichen Romanhandlung dem ameri- kanischen Schriftsteller Fibby) seine Erleb- nisse darlegt. Er beschränkt sich dabei auf die Formel 'Wo, Si?' oder 'Yes, Sir."

In der 'Wrfassung'' nutzt der Erzähler immer wieder die Gelegenheit, das Publi- kum direkt anzusprechen, besonders in der ersten Hälfte des Fragmentes 11. Er nimmt Einwürfe auf und beantwortet sie, stellt Fragen und räsoniert. Dasverleiht dem Text Leben, wirkt aber in der häufigen Wieder- holung manieriert. Der Autor übermittelt uns diese 'Kommunikation' rein monolo- gisch, ausschließlich als Rede des Erzählers. Nie tritt ein zweiter Sprecher in der Rahmenhandlung auf. Für dieses Verfahren bildet die nachfolgende Textstelle, in der der Seemann nach einer weiteren Mahlzeit ver- langt, ein schönes Beispiel:

When I, busy with my fishing, saw old Yorikke for the first time, I laughed, I laughed as I certainly would laugh when you gentlemen were going to make me believe that my hunger was satisfied in the slightest degree by that supper you were good enough as to invite me for tonight. No, gentlemen, please, don't think of me that I were going to boom you for a second one. No, I am honest. I did not mean to say that my story is ten times more worth than that supper scarcely suf- ficient tomake any impression on a baby. I am a sailor, I am accostumed to a more

der Eindruckeiner Unterhalt~ngve~festigt, hearthy-. No, sir, I resisdwell, of wurse,

ist Fragment I1 von Anfang an als regel- rechtes 'Gespräch' mit einer Zuhörerschaft angelegt.23

Diese 'Unterhaltung' pflegt unser Ma- trose an einem nicht näher bezeichneten Ort, wo auch Essen gereicht wird.24 Das Pu- blikum, das dieser Deckarbeiter und Koh- lenschlepp mit "gentlemen,""Sirs,""No, sir," 'Yes, sir" oder 'Pardon me, sir" anredet, läßt sich nicht genau bestimmen. Zufällige Zu- hörer in einer Hafenkneipe? Gäste einer Wohlfahrtseinrichtung?

Dagegen richtet Gale in BG 26 seinen Vortrag nicht mehr aneine @fiere Zuhörer-

gentlemen, if you force me to,really force me, well, I amnot impolite. I know how to behave myself among gentlemen. Under these circurnstances, forced on me with all your kindness, well, I don't say 'no.' Have it served to me. I will do you the honor. But quick, please, I amvery hungry, was just thinking of that three pounder I threw back tofreed~m.~~

In BG 26 verzichtet Traven auf einen derar- tigen 'Dialog' im Monolog. Auch bezieht sich Gale im Gegensatz zur 'Wrfassung," die den Anschein einer Unterhaltung durchgängig aufrechterhält, im Laufe des Zweiten Bu- ches immer seltener aufseinen Zuhörer, um Travens Werkstatt schließlich im Dritten Buch die 'Kommuni-

kation'völiig einzustellen.

Derart transformiert Traven seine Rahmenhandlung 1926in eine Art 'Schwebezu- stand.' Gale erzählt einem offenbar privile- gierten Herrn seine Erlebnisse, wechselt jedoch im Gange seines Vortrags scheinbar aus der (nicht wie in der 'Urfassung" ein- deutig explizierbaren) Kommunikationssi- tuation in die Erzählebene, die Binnen- handlung hinüber. Für die Leser entsteht daraus ein-wohl beabsichtigtes-Verständnis-und Interpretationsproblem: erzählt Gale überhaupt einem konkreten Jemand seine Geschichte oder ist seine ganze Darbietung nur das Produkt seines zwischen Traum, Phantasmen und Wachen schwankenden Bewußtseins als Treibgut auf hoher See? Nur so entfaltet der offene Schluß, der in einer Rahmenerzählung nicht nur wegen der Ich-Form des Romans kaum möglich wäre, seine Wirkung.

Solche Überlegungen werden'havenge- leitet haben, als er die Konzeption des 11. Fragments fallenließ. Er fand zu einer je- denfalls nicht in Einzelstücke zerrissenen, linearen Verknüpfung des Vagabunden'- und des "rotenschifF'-Teiles. Grundsätzlich blieb aber der Charakter einer mündlichen Darbietung erhalten.

Doch die Revision der "Urfassung" bewirkt noch mehr. 'haven erreicht damit, daß sich die Erzählung, besonders im Zweiten und Dritten Buch, nicht zu 'kaba- rettistisch' färbt. Paßt die kauzige, teils selbst groteske Art Gales auch ideal zum Vagabunden'-Teil und zu den ersten Kapi- teln des "IbtenschifY-Teiles, so doch nicht zu der ernsten und dramatischen Stimmung der Kesselraum-Hölle. Der drollige Ton kennzeichnet jedoch die Publikumsansprachen des Erzählers in der 'Urfassung" durchgehend;26 insofern wirkt die neue Konzeption der Rahmenerzählung in BG 26 adäquater. Ebenso vermindert sich nun der Eindruck, hier flunkere ein Matrose 'freivon der Leber weg.'

'Ibn und Stil der publizierten Totenschiff-Ausgabe formen sich aus einem Gemenge von Marutiri.avenscher Diktion und der englisch verfaßten Urschrift. Deutlich wird dies besonders an Sätzen oder Satzteilen, die wörtlich oder relativ wörtlich aus der "Urfassung" übertragen wurden. So artikuliert der Erzähler, als er Spanien auf der 'Yorikke" verläßt, folgenden, in beiden Fas- sungen gleichlautenden Gedanken:

Thinking of England, of her fogs, of her nasty colds, of her hunting the aliens, of the stupid ever-smile of her arch-prince, and, at the same time, thinking of this 6.ee country, this sunny land, these wonderful pople, all that that I had to leave behind me, made me dead-sick.

Wenn ich an England denke mit seinem ewigen Nebel, seiner ewigen naßkalten Witterung, seiner Fremdenhetzerei, sei- nes [sie]ewig stupid lächelnden Kronprin- zen, dem die Maske angefroren ist, und es vergleiche mit diesem freien, sonnigen Lande und seinen freundlichen Bewoh- nern und mir nun vorstelle, daß ich alles dies zurücklassen soll, so ist mir aber doch in der Tat zum Sterben zumute.27

Insbesondere Dialogsequenzenwurden zum Teil (fast) wortgetreu in den gedruckten Text übernommen. Hier ein Beispiel aus der Textpassage, in der Gale auf der 'Yorikke" anmustert:

What's the pay?' I inquired.
'English money,' the answer came.
'How about the food?'
Tlenty food.'
I was cornered. Not a crack remained
Open. I had no excuse for taking back my
Yes'.

Ich schoß die letzte Frage, die möglich
war: Was wird gezahlt?'
'Englisch Geld!
Wle ist das Essen?'
'Reichlich.'

Nun war ich umzingelt. Nicht eine

schmale Ritze blieb offen. Es gab für mein Gewissen auch nicht eine einzige Ent- schuldigung, mein

28

men.

Oftmals hat Traven allerdings zu wört- lich oder falsch übersetzt-aus Unachtsamkeit, Eile oder, wie Guthke vermutet, wegen der "Sprachsymbiose, die jeder Aus- landsdeutsche kennt, ob er ihr verfällt oder nicht.'Qg Zahllose Anglizismen in Syntax, Metaphorik und allgemeinem Wortbestand können so direkt aus der 'Wrfassung" abge- leitet werden; ein Beispiel:

There were four wardrobes in the quarter. If it not had been for rags und heaps of odd rubbish you might have called them empty, useless and in your way annoying you at every move you tried within the quarter.

Da waren vier Kleiderspinde in diesem Quartier. Wäre es nicht der verrotteten Lumpen und alten Säclze wegen gewesen,

die darin hingen, so hätte man die Spinde leer nennen können. Acht Mann lagen in diesem Quartier, aber es waren nur vier Spinde drin. Vier Spinde zuviel, denn wenn man nichts zum Reinhängen hat, braucht man auch kein ~~ind.~'

Guthke hat in seiner ersten kurzen Analyse der "Urfassung" bereits einige Belegstellen gesammelt, die sich

. . . zweifelsfrei als Über~etzun~sfehler oder -flüchtigkeit nachweisen nassen], etwa: 'Der ganze Rahmen' des Schiffes (Seite 92)-'frame' im Original, 'anzeich- nen' (Seite 105) statt anmustern-'sign on' im Original, 'rotblütiger amerikanischer Junge' (Seite 14)-'red blood[ed] Arnerican boy,' der 'einfachste Weg, um mich los zu werden' (Seite 22)-'the quickest way to dispose of me' usw. 31

Zuweilen übernimmt Traven englische Wör- ter aus der Vorlage direkt in die deutsche Erstausgabe. Einige übersetzt er: ''in die Stokehold, in den ~esselraum",~~

'"zum Forecastle, zum ~uartier'~~

oder "Black gang. Schwarze ~ande'~

usw. Wenn dem Autor der korrekte deutsche Ausdruck nicht einfällt,entstehendieAnglizismen,die seine sprache so unverwechselbar gestalten und

wesentlich zum "I\raven-Touch' der Werke beitragen. Dieser Prozeß kann anhandder 'Urfassung"ab origineverfolgt erden."^ So wird aus""ashfalY-"-'A~chfall,''~~

aus "winch" -'~~ntsche'~~

usw.: es sind ureigene Wort- schöpfungen B. Travens.

Allerdings durchsetzen die Anglizismen nicht nur direkt von der 'Urfassung" ab- hängige Passagen in BG 26, sondern im Prinzip den gesamten Romantext. Die fol- gende Stelle etwa besitzt keine Parallele in den handschriftlichen Fragmenten (obwohl sie in ihrem Kontext aufdem Gerüst der "Urfassung" beruht):

'Dann ist es ganz in Ordnung,' sagte nun der Skipper. Wenn Sie Heizer meinten, so hätten Sie das ausdrücklich sagen müs- sen, dann hätte Mr. Dils Ihnen schon gesagt, daß wir keinen Heizer zu kurz sind' [englisch:to be short 0ß.38

Dasselbe gilt wohl für die fremdartig klin- gende Konstruktion: 'Und als die Glocke ausrief 39 (vermutlich abgeleitet von to call out). Ohne jeden Bezug auf Textabschnitte der 'Urfassung" stehen Anglizismen wie etwa: 'Wo werden Sie denn verlangt? Was haben Sie denn ausgefressen?'A0 (gemeint ist: "'gesucht"; englisch: tobe wanted);'Kurt, ein Junge von ~emel'*l (englisch: fivm); 'Boot eins war klar. . ..Dann stand es bei und wartete'A2 (englisch: tostand by)usw.

Diese 'freischwebenden' Anglizismen stützen Guthkes Theorie von der "Sprach- symbiose," der Marutpaven seit seiner Flucht aus Deutschland ausgesetzt gewe- sen sei.43 Das Problem der Anglizismen stellt sich in fast allen Erzählungen Tra- vens; im Falle des Totenschiffes ist es nun erstmals möglich, sie teilweise bis zu einem schriftlich fixierten Ursprung zurückzu- verfolgen.

Der rote Faden

Traven hat zwar aus der 'Urfassung" einiges mehr oder weniger wörtlich über- setzt. In der Regel aber erweiterte und ver- änderte er den 'Urtext9-seine Arbeitsgrundlage, sein 'Gerüst.' Soweit die Frag- mente ihre Entsprechungen in BG 26 besitzen, ist die Handlung in der "Urfassung" in der Regel vorgebildet:

I walked the streete, looked at the show windows and looked at the pople passing by Fine girls they were, indeed. Some did not pay any attention to me, but others did. These were the finest tobe Sure. Then I came to a beautiful house, the facade of which was ali gilded. Thedoors were wide Open, saying 'Come in, friend, just for a while, take a seat, be easy and forget your worries!

Es war eine lange schöne Sommerdämmerung. Ich schlurkste zufrieden mit der Welt durch die Straßen und konnte mir nicht denken, daß irgendjemand auf der Welt sei, dem diese Welt nicht gefallen möchte. Ich sah mir die Schaufenster an, denen ich begegnete. Hübsche Mädels, verdammt nochmal, alles, was recht ist. Manche freilich beachteten mich gar nicht; die aber, die mich anlachten, waren gerade die hübschesten. Und wie nett sie lachen konnten! Dann kam ich zu einem Hause, dessen Front schon vergoldet war. Es sah so lustig aus, das ganze Haus und die Vergoldung. Die Türen waren weit of- fen und sagten: 'Komm nur rein, Freund, just fureine kleine Weile, setz' dich, mach dir's bequem und vergiß deine ~orgen.'~~

Aus ein paar Zeilen entwickelt der Autor nicht selten Überlegungen, die inder Druck- fassung mehrere Absätze oder gar Seiten füllen und oftmals noch durch assoziative Verknüpfungen inhaltlich erweitert wer- den. Aus kurzen atmosphärischen Ein- drücken, aus Zustandsbeschreibungen und aus knappen, auch politischen Reflexionen entstehen ausführliche Darstellungen mit Beispielen, rhetorischenFragen, Antworten und (in der Regel politischen) Kommenta- ren. So wird etwa aus der prosaischen Aussage: "Yorikke had no electric lights. There was only a weak little kerosene lamp of which the chimney was broken," in BG 26 eine seitenlange Historie dieser Lampe mit ironischen Akzenten.45 Ähnliches läßt sich über die Beschreibung der Bullaugen, der Mannschaftsquartiere, der sanitären Ein- richtungen, der "Schreckenskammer" et~. sagen.

Sehr oft nimmt der Autor kurze Gedan- ken der "Urfassung" zum Anlaß für ausge- dehnte politisch-sozialkritische Reflexio- nen. Im folgenden Beispiel gelangt Traven aus einer Schilderung von Arbeitsgeräuschen zu Überlegungen über den kapita- listischen Mythos vom selfmudeman:

Well, as long as this noise was going on I did not leave the quarter. It is not good to go near a place where you may [bei called on tolend a hand to a job that is not exact- ly yours. Now, I belonged tothe black gang and I was no longer a deck hand. Wether they could fi up their job on the uppr deck or not that was not my affair.

Solange ich das Rasseln und Komman- dieren hörte, verließ ich das Quartier nicht. Wo gearbeitet wird, da soll man nicht nahe gehen. Denn steht man erst einmal in der Nähe, dann kann leicht etwas für einen dabei abfallen: 'He, langen Sie doch da rasch mal zu! Ich denke ja gar nicht daran. Wozu denn? Ich kriege es ja nicht bezahlt. Da hängen sie in jedes Bureau und in jeden Fabriksaal ein Pla- kat mit der Aufforderung: 'Do more!' oder "ru mehr!' Die Erklärung wird einem ko- stenfrei gegeben auf einem Handzettel, der einem auf den Arbeitsplatz gelegt wird: 'Tb mehr! Denn wenn du heute mehr tust, als man von dir fordert, wenn du heute mehr arbeitest, als WOG

du bezahlt wirst, dann wird man dir auch eines Tages das bezahlen, was du mehr tust!

Mich hat noch nie jemand damit fangen können, darum bin ich ja auch nicht Generaldirektor der Pacific Railway and Steamship Co. Inc. geworden. Wsw.; es folgt noch eine ganze Druckseite derar- tiger Uberlegungen.]46

Hier wird deutlich, daß die Erweiterungen TravensText nicht nur Farbeverleihen oder ihn präzisieren, sondern daß sie ihn auch akzentuieren. ORgeschieht sogar eine deut- liche inhaltliche Umwertung.

So hat Traven-wohl im Zusammen- hang mit der veränderten Kommunika- tionssituation-seinem Erzähler, dessen Rolle als Antiheld und dessen Funktion als reflektierende Instanz er übernahm, in BG 26nicht nur einenNamen, sondern auch ein neues Gesicht verliehen.47 Gale wirkt ins- gesamt weniger proletarischderb.* Seine Persönlichkeit wird differenzierter gestal- tet. Politisch ist er wesentlich bewußter ge- worden. Wenn auch weit davon entfernt, einen klassenkämpferischen, theoretisch und praktisch als "Bolsche" auftretenden Arbeiter zu verkörpern, weiß er über Kom- munisten, Revolutionen, über die Verhält- nisse innerhalb der Arbeiterklasse etc. nun recht gut Bescheid. Der Erzähler in der 'Ur- fassung" muß sich dagegen von Beithold (dem späteren Stanislaw) noch folgendes sagen lassen:

He [Berthold] was a Bolsche and he told me once we had done a good bit to make him and hundred thousands of his fellow countryrnen such. He tried several times to convert me, yet soon he gave it up, saying: You are not fit for you are lacl<ing theproper foundations.

Es scheint, als habe Traven mit der Kor- rektur des psychologischen und politischen Profils seines Protagonisten der erstaunli- chen Tatsache, daß dieser "einfache ameri- kanische De~karbeiter"~~

zuweilen in Refle- xionen seitenlang wie ein linker europä- ischer Intellektueller redet, Plausibilität verleihen wollen. Das ist nicht gelungen; im Gegenteil. Während in der 'Urfassung" die politischen Räsonnements mit der Charak- teristik der Figur noch vereinbar erschei- nen, weil sie selten, kurz und wenig ausge- feilt sind, so wirken sie in ihrer differenzier- ten und facettenreichen Form in BG 26 inkongruent. Sie erscheinen als Eingrifl'e des Autors (was sie auch sind): zwei Seelen wohnen in der Brust des Erzählers Gale.

Eine Möglichkeit, das Problem zu lösen, hätte in der Trennung von Erzähler und Hauptfigur bestanden. Aber B. Traven wollte wahrscheinlich die unmittelbar iden- tifizierende Wirkung der Ich-Form nicht aufgeben-oder konnte auf sie wegen der autobiographischen Färbung des Romans nicht verzichten.

Auch die Figur des Berthold-Stanislaw, die Traven einmal als die "größere Per- sönlichkeit" des Romans be~eichnete,~~ bleibt zwar in der "Urfassung" politisch weitgehend profillos. Doch ist seine Rolle als "starker und bewußter Pr~letarieS'~~

mit der pauschalen Kennzeichnung als Bolsche- wist, aber auch mit der Schilderung als Helfer und Freund des Erzählers ("Bert- hold, that fine ~hap"~~)

bereits vorgedacht.

Auch die "Urfassung" enthält einige politisch-sozialkritische Kommentare, in denen inhaltlich wie sprachlich typische Züge Marut~Travens aufscheinen. Da ste- hen beispielsweise Ausdrücke wie "High- Priest9'und "Vice-Pope,"um Staatsdiener zu bezeichnen, und Spanien wird "the freest country on earth" genannt-typisches Ziegelbrenner-V~kabular.~~

Motive wie die un- bändige, sich aufbäumende Lebenslust, der trotzige Mut des Unterdrückten und die Geste des Empörers sind aus Maruts wie aus Travens Werk wohlbekannt.

Wichtige Wesenszüge der politischen Philosophie Ret Maruts begegnenuns in der 'Urfassung": so aufder einen Seite beißende Kritik an Polizei, Bürokratie, an der moder- nen Zivilisation und an verbreiteten menschlichen Vorurteilen; auf der anderen hingegen Lobpreis der Freiheit und des Lebens ohne offizielle Papiere. Wie aus dem Ziegelbrenner entlehnt klingen einzelne Sätze, in denen B. Traven Fortschritt als einen Prozeß des Bewußtseins definiert, die geringe geistige Selbständigkeit der Men- schen geißelt und ihre Versicherungsmen- talität'attackiert. Auch stirnerianische Vor- stellungen, wie sie für viele von Maruts Texten kennzeichnend sind, finden sich, etwa die Überzeugung, daß Herrschaft und Unterdrückung primär Akte des Bewußt- seins seien:

As I had drilled my mind never to falter
where any other man can stay or work,

Traven 385

proving bearable or makable what seemed not so at the first sight, I pulled myself together and went about my job. I am con- vinced, however, that such desire toprove apt to do what any other man did before has made more serfs and slaves than

55

herues .. .

Das Beispiel zeigt zugleich: Wie im späteren Werk dringen politisch-weltanschauliche Kommentare des Erzählers / Autors in den Text der Fragmente ein; ein typisches Stil- merkmal Travens. Damit bestätigt die in- haltliche Überprüfung der 'Urfassung," was Guthke bereits anhand eines Handschrif- tenvergleichs erkannte: daß nämlich hier tatsächlich ein echtes MarutITraven- Manuskript vorliegt und nicht etwa die Auf- zeichnung eines-gemäß der Theorie un-

politischen-"~rlebnisträgers.'~

Andererseits sind wichtige politische Anliegen des Verfassers in der "Urfassung" nicht zu finden. Verglichenmit dem Rohma- nuskript, erweist sich BG 26 als ungleich bissiger und schärfer. Der Autor nutzt nun jede Gelegenheit zur politischen Bewer- tung, zum kritischen Kommentar oder zur ironischen und sarkastischen Zuspitzung, wobei die Mehrzahl dieser Anmerkungen kein 'Gerüst' in den zwei Nachlaßfragmen- ten besitzt.

Diese eindrucksvolle 'Politisierung' durchdringt und überlagert auch die Ober- flächenhandlung. So werden zum Beispiel aus der kurzen Konsul-Episode in der Roh- fassung zwei Konsulatsbesuche Gales und etliche weitere in den eingefügten Erzäh- lungen der traurigen Erlebnisse von Stanis- law, Kurt und Paul. Das ist offenkundige Absicht: Traven will nicht vordringlich hart- herzige Individuen vorführen, sondern das hinter den Charaktermasken stehende bürokratisch-inhumane System anklagen.57 Das liest sich in der 'Urfassung" noch anders. Insofern darf Travens Erklärung in Sachen Totenschiff, er habe eigentlich nur "eine gute und unterhaltsame Geschich- te"% schreiben wollen, durchaus wörtlich genommen werden.

Der Autor hat die allgemeinmenschli- chen, humanitären und sozialkritischen Äußerungen der "Urfassung" in BG 26 zu radikalen, also die Wurzel der Dinge packenden Reflexionen umgeformt. So verzichtet er in BG 26 weitgehend auf er- läuternde anthropologistische Versatzstücke. Auch die folgende schwärmerische Utopie hat er beispielsweise nicht in sein Buch übernommen:

. . . I arn nobody, an outcast, barred from my country forever, at least, till the countries cease to be penetentiaries; till passports and imrnigration restrictions are abolished in the name of genuine freedom, in the name of true citizenship of the world; till all human beings are given the earth as their rightful inheritance after the eternal will of the allmighty cre- ator.59

An anderen Stellen versucht Traven, solche metaphysisch angehauchten, romantisie- renden Gedanken der 'Urfassung" durch eine konkret-aufklärerische Argumentation zu ersetzen.

Macht Traven in der 'Urfassung" für die elende Lage (nicht nur) der Seeleute vor allem seine Intimfeinde Polizei, Konsuln, Gesetzgeber, Bürokraten und geldgierige Unternehmer (Schiffceigentümer) verant- wortlich sowie die umfassende Herrschaft des Geldes,60 so nimmt der Erzähler in BG 26 eine solche Kritik an den Symptomen und Handlangern in der Regel zum Anlaß, die Megamaschine 'Zivilisation" anzukla- gen, die Traven normalerweise mit dem Kapitalismus gleichsetzt. Seine Mißbilligung der Prohibition oder der schlech- ten Behandlungvon Matrosen wandelt sich in BG 26 zur linksradikalen Grundsatzkri- tik am Staat, seinen Bütteln und seinen In- strumenten, den Gesetzen.61

Nur an einer einzigen Stelle der "Urfas- sung" rückt auch der Kapitalismus als das verantwortliche ökonomische System ins Bild-pathetisch, aber auch etwas unver- mittelt. Es handelt sich um einen Vergleich der Totensclziff-Arbeiter mit den römischen

Gladiatoren: '' We, oh Caesar Augustus Capitalismus, are ready to die for the holy sake of insurance!' $82Die glelche Passage stellt in BG 26 den organisch eingefügten Höhepunkt der Anheuerung Gales auf der 'Yorikke" dar und ist mit einem Vergleich antiker und moderner Gladiatoren um ein Vielfaches erweitert worden; sie bildet hier im Gegensatz zur'Urfassung"dendie Szene

zusammenfassenden und kommentieren- den Abschluß. In der "Urfassung" steht sie als Einzelgedanke noch ohne rechte Anbin- dung an die ablaufende (Dialog-)Hand- lung-ein Gedankenblitz Travens, aber ein authentischer Vorbote der neuen 'politi- schen' Konzeption der Buchausgabe.

In der ganzen 'Urfassung" hat Traven nicht einenAngriffaufden Staat, das'Biest" oder den "Götzen" formuliert, den er in BG 26 als das größte Hindernis auf dem Weg in eine befreite Gesellschaft begreift:63

Der Mensch muß Moral haben, der Staat kennt keine Moral. Er mordet, wenn er es figut befindet, er stiehlt, wenn er es für gut befindet; er raubt die Kinder von den Müttern, wenn er es für gut befindet; er zerbricht die Ehen, wenn er es Für gut be- findet. Er tut, was er will?

Das ist um so auffallender, als auch Ret Maruts letzte veröffentlichte Texte im Ziegelbrenner immer wieder um sein Ver- hältnis zum Staat kreisen. Warum fehlt die Auseinandersetzung mit Kapitalismus, Im- perialismus und Staat? Wollte der Autor seinen proletarischen Erzähler zunächst nicht mit einem dezidiert politischen Be- wußtsein ausstatten? Oder hat er daraufver- zichtet, weil der 'politische Überbau' beim Entwurf des Romans zunächst keine her- ausragende Rolle spielte?

Übernommen und ausgeweitet wurde dagegen ein halbwegs politischer Textab- schnitt, der Travens Gesellschaftsutopie konkretisiert. Es handelt sich um die Schilderung Spaniens. Das Land der Sonne und Freiheit, das dem Erzähler eine Ruhe- pause aufseiner Odyssee gönnt, wird in der 'Urfassung" sogar wörtlich als Paradies bezei~hnet.~ß

Dadie Handlungder deutschenErstaus- gabe im Jahre 1926 angesiedelt ist,66 rückt das Loblied auf die politischen und sozialen Verhältnisse Spaniens fatalerweise in die Nähe einer politischen Apologie der Militär- diktatur Primo de Riveras, was in der Sekundärliteratur bereits kritisch vermerkt worden ist.67 Die "Urfassung" spielt dagegen in einer nicht genau festgelegten Zeit kurz nach dem Ersten Weltkrieg, als in Spanien noch das bürgerlich-demokra- tische Kabinett Garcia Prieto regierte.

Möglich, daß Traven nicht bewußt war, welche inhaltlichen Implikationen die Fest- legung der Romanzeit auf 1926 in bezug auf die spanische Utopie hätte zeitigen müssen; schließlich befand er sich mittlerweile in Mexiko. Soviel wird aber deutlich, daß er die Episode ursprünglich nicht in einem identi- fizierbaren totalitären Regime angesiedelt hatte; es war auch sicherlich nie seine Absicht, eine Diktatur zu beweihräuchern.

Im Widerspruch dazu steht allerdings jene wenig aufklärerisch-freiheitliche Sequenz der deutschen Erstausgabe, inder ein Passant unwidersprochen gutheißt, daß Kommunisten in Barcelonas Gefängnis ge- foltert werden.@ Eine solche Passage (die im Grunde auch das angebliche Paradies gründlich diskreditiert) existiert in der 'Ur- fassung" nicht. Das Bild von Spanien, das die Fragmente kurz und prägnant vermit- teln, enthält im Gegenteil nur positive Infor- mationen:

The Spaniards are so nice pople that one simply cannot leave them. Next to some wuntries in Latin Arnerica whence a higoh police official of ours wuld not take home new ideas as to how to tease pople and to bring down individual liberty more and further, Suain is, to be sure, the freest

.

country on earth as regards.to individ- uals60

Der letzte Satz präzisiert zugleich in deut- lichen Worten das wichtigste politische Ziel des Stirnerianers Ret Marut: individuelle Freiheit (in einem Umfeld ohne polizeilich- staatliche Aufsicht). Im Gegensatz zu BG 26

Traven 387

vermittelt die "Urfassung" also einen Eindruck vom "Paradies Spanien," der einigermaßen widerspruchsfrei ist, auch wenn Behauptungen wie die folgende mit der historischen Realität nur wenig zu tun haben: "Anarchists, that we strong hearted pople are so very much afraid of, are highly respected persons in Spain. Therefore they do no harm in that c~untry."~~

Eine solche Aussage fehlt in BG 26. Die Begriffe 'Anarchisten' und 'Anarchismus' finden überhaupt nur an einer Stelle in BG 26 Erwähnung und spielen in allen fol- genden Editionen der Traven-Werke mit einer Ausnahme keine Rolle mehc71 Der Gebrauch der Begriffe individual liberty und anarchists unterstreicht aber die Be- deutung der 'Urfassung" als literarisches Bindeglied zwischen Ret Marut und B. Traven.

Labyrinth: Spiel mit
Schein und Sein

Traven hat seinen Urtext nicht nur pli- tisiert; er hat auch versucht, ihn reali- stischer anzulegen. Das Dilemma der "Ur- fassung" ist ihr Erzähler, der seine eigenen Darlegungen relativiert, indem er ständig beteuert, selbstverständlich-'? am not a liar'qfltrage er eine 'tvahre Geschichte" vor:

.. .I have to go on with what happened to me, as I, you have already noted this, am the principle Person in this-in this-. No, gentlemen, excuse me, there you're all

In BG 26 hat der Autor nun das labyrin- thische Spiel mit 'Wahrheit" und 'Züge" oder "Dichtung," damit die Unterminierung der behaupteten Authentizität im Prinzip beibehalten. Dies beherrscht aber die Er- zählhaltungnicht imselbenMaße und wirkt daher geschickter und subtiler. Denn der versteckte Hinweis setzt an die Stelle 'Münchhausens' den leisen, nagenden Zweifel, dessen Funktion ganz im Sinne des Travenschen Erzählgestus darin besteht, nicht alles unbesehen zu glauben, was einem vorgesetzt wird, ohne daraufhin den Wahrheitsgehalt' der Gesamterzählung in Zweifel zu ziehen.75

Nicht nur in einer veränderten Erzähl- haltung schlägt sich die Hinwendung zu ei- ner stärker realistischen Gesamtkonzep- tion nieder. Sie findet ihren Ausdruck ebenso in einem neuen Umgang mit dem zentralen Motiv des Buches, der Darstel- lung der "Yorikke."

In der ausladenden Einführung des Fragmentes I1 beschreibt der Erzähler sie als mystischen Wanderer auf den Meeren, als eine Art Ahasver der See, fast als aben- teuernden "Fliegenden Holländer":

There [in Lloyds Schiffsregister], my old Yorikke was in: Rebuilt in the Year of our Lord 1675,no datas previously obtainable. . . . She was the very ship despite all her being rebuilt more and again. Certainly, sirs, in the begin she was a wooden ship built from cedar may be, for in these olden times there were no iron ships. But, what in all the world's narne has that to do with her being the very ship, the fivethousand years or more old Yorikke? . . . She had

mistaken, not yarn, no in this true ~tory.~~ changed her skin ten times or even twenty

Den gängigen Autoren von Seegeschichten wirft er vor, nur "sunday afternoon ships," nicht aber die Realität auf See geschildert zu haben (explizit gegen Joseph Conrad gerich-

Gerade hinter der betonten Wahr- heitsbeglaubigung steckt aber bekanntlich oft ein augenzwinkernder Aufschneider; das 'Münchhausen-Syndrom' soll Zweifeln zuvorkommen und weckt sie doch erst rich- tig.

times but her memory told her that she was the very boat built shortly &r Abel was slain by his wretched br~ther.'~

Die 'Yorikke" erscheint hier als ein "ver- rücktes," verdammtes Schiff, mit einem sol- chen Berg von Schuld auf dem Buckel, daß nicht einmal in der Hölle angemessene Sühne fir sie möglich sei. Traven versucht, einen regelrechten Mythos um das Schiffzu entwerfen, wie im Märchen.

QUARTERLY
Summer-Fali 1992

Die in BG 26 gefundene Lösung ist kon- gruenter: Traven, indem er nun den "Hol- länder" der "Urfassung," dieses irrlich- ternde ''mad ship," in ein modernes 'Toten- schiff" verwandelt, hat es zu einem realistischen Objekt werden lassen, das historisch begründet werden kann.77 Schuld am elenden Leben der Seeleute ist inder Neufassungnicht mehr inerster Linie die sündige 'Yorikke," schuld sind nun die Staaten, die um ihrer jeweiligen Herr- schaftsinteressen willen den Ersten Welt- krieg führten. Und schuld ist darüber hinaus das Prinzip des Staates.

Paradoxerweise glückt es Traven mit der Ideedes'TotenschifTes,"die"Yorikke"glaubwürdig in den Schleier ungenannter Myste- rien zu hüllen. Dies gelingt, weil der Autor die mystischen Qualitäten des Schiffes nurmehr andeutet und es so der Phantasie der Leser überläßt, sich eine eigene Vorstel- lung zu bilden. Er umgeht zum Beispiel in der Buchausgabe ein detailliertes Hoch- rechnen des zweifellos bedeutenden Alters der "Yorikke" und vermeidet geschickt das 'Ausflaggen' des

Auch ihre Nationalität hielt sie streng

geheim, offenbar war ihr Paß nicht ganz in

Ordnung. Jedenfalls war die Nationali-

tätsflagge, die auf dem Flaggenstock am

Stern auswehte, so bleich, daß sie fürjede

Farbe aufnahmefähig war. Außerdem war

die Flagge ganz ausgefranst, als ob sie in

allen Seeschlachten der letzten vier-

tausend Jahre den kämpfenden Flotten

vorangeweht hätte?'

Erst durch das nach beiden Seiten offene 'Konzept TotenschifT,' das mythische und realistische Ebene kongenial verbindet, kann die "Yorikke" zur Allegorie des Kapi- talismus werden. Die Idee des 'Totenschif- fes" erst ermöglicht auch den Aufbau jenes Schattenreiches der 'Toten" und die damit verknüpften Gedankenverbindungen; allein in dem Begriff schwingt ja schon eine ganze Assoziationskette möglicher Mysterien mit.

Immerhin deuten zwei Stellen der "ür- fassung" die spätere Konzeption an. So spricht Berthold mit Bezug aufdie 'Yorikke'' von "Coffins" (BG 26: "Lei~henwagen"),8~ und in dem bereits angeführten Vergleich mit den römischen Gladiatoren ist vom Sterben 'Tor the holy sake of insurance" die Rede.*l Der Gedanke an Schiffe, die zum Zwecke des Versicherungsbetruges versenkt werden, ist vorhanden, aber noch nicht zum Konzept gereift.

Biographische Bezüge

Hinweise auf Deutschland hat Marutl Traven in der "Urfassung" sichtlich zurück- gehalten, während er sie in BG 26 geradezu genüßlich ausbreitet. Man denke nur an die Wortspiele mit ''Königsberger Klops" und "S~dfalen."~~

Der Erzähler gibt sich in der "Urfassung" während seines Spanienauf- enthaltes noch nicht als Deutscher aus. Er vermeidet überhaupt Anspielungen auf die Deutschen und kommt nur kurz auf sie zu sprechen. So heißt es nach einem sarkasti- schen Satz, der allgemein nationale Vorur- teile attackiert, über den Leidensgenossen Berthold:

He was a genuine comrade of a sort that are not met with every day. Tho he was one of these bloodthirsty beasts who were to come over to our country to drag our sweet little babies out of their craddles and from the lap of their terrified mothers for no other purpose as to smash them against the wall for simply having a little fun. Yes, gentlemen, he was a German,not the only one aboard oldyorikke. Astome they were the most interesting fellows, having all the defects and all the superiorities of their unic nation. 83

Aus diesen Sätzen, die in BG 26 keine Entsprechung besitzen, spricht eine le- bensgeschichtlich fundierte Bewunderung der Deutschen-vielleicht die Ursache, dd3 der Autor seiner wichtigsten Nebenfigur zunächst diese Nationalität verlieh. Indem er ihn in BG 26 durch einen Deutsch-Polen ersetzte, wollte er vielleicht die Aufmerk- samkeit nicht zu deutlich auf die Spur verschwundener deutscher Revolutionäre

Traven 389

lenken; möglicherweise wurde er auch durch den mysteriösen Otto Feige und dessen Lebensgeschichte dazu angeregt.84

Im übrigen stimmt die politische Bewer- tung der Zustände im Nachkriegseuropa in beiden Fassungen überein, wenn man be- rücksichtigt, daß die 'Wrfassung'' diese nur an wenigen Stellen kommentiert und ihre Wertungen meist nicht die ausgeprägte li- bertäre Färbung von BG 26 aufweisen.

Auch das Amerikabild der Buchausgabe gestaltet der Autor ähnlich bereits in der 'Wrfassung." Der ErzählerJAutor will sich als echter "red blood[ed] American boy" und Kenner amerikanischer Zustände in Szene setzen. Dieser Versuch, in BG 26 noch weit häufiger und aufdringlicher, mißlingt. Denn angesichts der 'Wrfassung" verfestigt sich der Eindruck, daß Traven sein Amerikabild aus zweiter Hand bezog-ob er eine sicher 'typisch'gemeinte Unterhaltung des ameri- kanischen Touristenpärchens Fibby und Flory wiedergibt,@' ob er mit dem Gemein- platz vom hygienebesessenen Amerikaner aufwartet86 oder ob ihm zu "New Orleans" stereotyp nur "sunny" und 'Jackson Square'' einfallen.87

Dazu gehört ebenso das von Traven in diesem Zusammenhang lebenslang betrie- bene namedropping, mit dem er sicher seine intime Kenntnis der USA unter Beweis stellen wollte, das aber angelesen und unecht wirkt. Auch dieses 'Stilelement' ist in der 'Wrfassung" vorgebildet, wie der fol- gende Abschnitt aus dem ersten hand- schriftlichen Fragment belegt:

But if it should happen, as it did to me, that you cannot show a passprt, that you have no bulky checkbook, no address of your own at Fifth Avenue, and no country house near Palm Beach, the Vice-pope will laugh right at your face when you tell him you are American and you want him to do a bit for you. He will never believe you a Single word. . . .You may be, on your fa- thers side, a right descendant of George Washington, and on your mothers side, that of General Grant, yet you are not an American in fi-ont of this dead letter incar- nate.88

Auch aktuelle Bezüge vermindern die klischeehafte Darstellung 'amerikanischer Charakterzüge' kaum. Die politische Fär- bungdes Amerikabildes manifestiert sich in beiden Fassungen vor allem im Zorn auf die amerikanischen Bürokraten und auf die restriktive amerikanische Gesetzgebung. Traven verurteilt das politische System der USA, das er von Korruption, Geldgier, Bürokratismus, staatlicher Gewalt und pu- ritanischem Pharisäertum beherrscht sieht, in der 'Vrfassung" jedoch nur an wenigen Stellen, dazu lediglich implizit (etwa in der Schilderung der Konsuln), zaghaft und stets mit allgemeinmenschlicher ~ielrichtun~.~~

Die zahlreichen Anspielungen auf Gales amerikanische Abkunft und ganz allgemein auf die USA in der 'Wrfassung" (und noch weit stärker in BG 26) weisen darauf hin, daß Traven schon einige Zeit, bevor er seine "offizielle" Biographie etablierte, an dem

Selbstbild'waschechterAmerikaner'bastel-

te. Im Gegenzug hat er bestimmte Passa- gen, die eventuell autobiographische Hintergründe besitzen, nicht in die Buch- fassung übern~mmen.~~

Gestrichen wur- den die leicht groteske, aber doch genaue Beschreibung des Britischen Museums in Londongl und der Hinweis des Erzählers, er habe in Cadiz auf der 'Yorikke" angeheu- ert.92

Es fehlt auch jene inzwischen berühmte kryptische Sequenz, die Jonah Raskin aus- zugsweise schon 1980 veröffentlichte und die zu vielfältigen Spekulationen geführt hat:

That's the civilization which is responsible
for turning real men into the average. Our
democratic age does not like exceptions,
nor outsiders fmm the general rule. There-
fore we are so terrible poor of great men.
Great men always have some secret as to
their personality, always have something
to hide as to their past. Not necessary that
this secret has to be a murder or a holdup.
Nevertheless, it is his secret that gives a
great man that shade of mystery which is
essential for his power over the average.
The States would never have been made
by these irnrnigrants we See in our times

when the meak are seleded and the bold are barred. The weaklings have always good police rewrds and fine passports. And it is the weaklings and the cowards that make the criminals of the big cities. A strong heart knows how to struggle and he likes to struggle for his life?'

Über den rund der ~treichun~

läßt sich nur mutmaßen. Es ist möglich, daß Traven-ab- gesehen von biographischen Gründen-den Text nicht in die Buchfassung integriert hat, weil dieser seiner (in den früheren wie späteren Werken verbreiteten) Weltan- schauung widersprach. Daß "civilization" und "our democratic age'ialso der Kapi- talismus, eventuell der Staat?-die Menschen nivellieren und zu einer grauen, gesichtslosen Masse werden lassen, ent- spricht zwar unbedingt MarutITravens Gedankengängen. Dem setzte er im Zie- gelbrenner und später sein stirnerianisches Konzept der Eigenständigkeit und Selbst- bestimmung aller Individuen entgegen.

Inseinem wohl kaum ironischen Loblied auf die "great men9'und ihre "pwer over the average" herrscht jedoch nicht das libertäre Prinzip des Antiautoritarismus, sondern eine elitär-arrogante, ganz'unproletarische' Haltung. Dazu treten Sätze, die ein für einen Anarchisten merkwürdig verdrehtes Bild von Stärke, Schwäche und Verbrechen offenbaren und in dem Anklänge von sozia- lem Darwinismus und einem unreflektier- ten Verbrecherbildg4 mitschwingen, die wir von Traven eigentlich nicht gewöhnt sind- auch wenn man berücksichtigt, daß nicht der Autor, sondern ein Seemann redet.

Neben biographisch interpretierbaren Passagen hat Traven in der Buchausgabe vor allem solche Sequenzen gestrichen, in denen der Erzähler mit dem Publikum kommuniziert und in denen Alter und "Seele" der 'Yorikke" geschildert werden. Dazu kommen zehn knappe politische Reflexionen, einige kurze anthropologisieren- de und sentimentale Stellen sowie ein paar kleinere Handlungsschnipsel.

Detailrealismus?

Schließlich geben die Veränderungen, die die "Urfassung" auf ihrem Weg in den Buchhandel erfuhr, noch einige Argumente gegen die Auffassung an die Hand, B. Travens Roman Das Totenschiff sei eine ge- treue, fast naturalistische Nach- bzw. Ab- Zeichnung der Wirklichkeit. Tatsächlich gilt für dieses Buch ebenso oder mehr, was Inge Kutt über die Varianten des Schatzes der Sierra Madreg5 und Peter Küpfer über die Unterschiede der Zeitungs- und der Buch- fassung der BaumwollpfZücker ermittelten:

Ein genauer Vergleich der Fassungen zeigt nämlich, daß an verschiedenen Stellen, wo von Orts- und Maßangaben die Rede ist, diese so weit divergieren, daß man schwerlich an einen realen Bericht- erstatter denken kann.ge

So werden aus "Constantinople or Alex- andria"-"asiatische und südamerikanische ~äfen";'~

der Erzähler war 1aut'ZTrfassung" in früheren Zeiten als "gravedigger at Caracas in Venezuela'' beschäftigt, laut BG 26 aber als 'Totengräbergehilfe in Guayaquil in ~cuador.'~~

In der Mannschaftsunter- kunft der 'Yorikke" wohnen in dem Rohtext vier Seeleute, in BG 26 nur mehr drei ~eemänner.~~

Über die "Yorikke" heißt es in der "Urfassung," sie sei Bertholds "s&h mad Carleeney;" in BG 26 wird sie als Stanislaws drittes Totenschiff bezeichnet; und über die Anzahl der Feuer im Kesselraum sagt der Erzähler: 'There were eight fiirnaces there to be served . . ."-"Neun Feuer mußten von dem Heizer bedient werden."loO

Die Reihe der Beispiele kann anhand von inhaltlichen Divergenzen und solchen des Handlungsablaufs beliebig erweitert werden. Ob nun aus einem Konsulatsbesuch in Rotterdam zwei solche Besuche werden und dabei die ursprünglichen Rotterdamer Geschehnisse nach Paris verlegt sind oder ob es in der 'Wrfassung" heißt, niemand auf der 'Yorikke" habe korrekte Ausweispapie- re, und dies sei dem Skipper bekannt,

Traven 391

während in BG 26 das Gegenteil behauptet Wirdlol-es ergibt eich der eindeutige Be- fund, daß Traven mit seinem Roman Das Totenschiff keineswegs eine Wirklichkeits- getreue Abschildemng eventueller eigener Erlebnisse liefert.

Ergebnis

Der Vergleich der 'Wrfassung" und der deutschen Erstausgabe des Totenschiffes zeigt, daß Traven bei der Formung des Werkes nicht von Anfang aneine klare Kon- zeption besaß. In der 'Urfassung" experi- mentierte er mit einer Rahmenerzählung, die er in ihrer ursprünglichen Gestalt nicht in die Buchfassungübertrug. Episoden, die noch unverbunden nebeneinander standen, fügte er nun mit einigem Geschick zusam- men.

Die ''Urfassung" stellt einen auf wesent- liche Abläufe und Gedanken beschränkten Entwurf dar, den der Autor anschließend übersetzte, bearbeitete, ausformulierte und mit zahlreichen Kommentaren versah. Sie war eine Art Handlungsgerüst, das Traven nur unwesentlich mit zusätzlichen Episo- den erweiterte, aber sprachlich und inhalt- lich, und zwar qualitativ wie quantitativ er- gänzte.Insbesondere fügte er eine Fülle plitischer Bezüge und Reflexionen ein, mit denen er dem Roman eine Radikalität und sozialkritische Signifikanz verlieh, wie sie die "Urfassung" nur manchmal von ferne ahnen läßt. Die Manuskript-Fra-amente stellen ein work in Progress dar, einen Entwicklungsschritt, aus dem der fertige Roman herauswuchs. Erst die Entdeckung der inhaltlichen Potenzen ließ das Werk mehr als die interessante Abenteuerge- schichte der 'Urfassung," nämlich große soziale und zivilisationskritische Literatur werden: eine Anklage und Parabel der bü- rokratisch-absurden kapitalistischen Gesellschaft. Nichts illustriert dies besser als die Tatsache, daß der Autor erst in der Druckfassung für seinen Erzähler einen Namen und für seine 'Yorikke" die symbol- trächtige Metapher des ''Totenschiffes" fand.

Der Vergleich der beiden Fassungen ergibt schließlich, daß B. Traven keines- wegs, wie oft behauptet, ein 'naturmäßiger' Schreiber war, den die literarische Gestalt seiner Werke kaum kümmerte. Um diesen Text hat er ganz im Gegenteil gerungen und ihn bewußt geformt.

Anmerkungen

l~eckna~el,31977 15.

2~ie Tkaven-Autographen, die die Berliner Galerie Bassenge 1990 für 90,000 DM versteigerte, sollen der Literaturwissenschaft zur Verfügung ge- stellt werden; vgl. Frankfurter Rundschau 29.11. 1990. Der Verlag Ullstein/Langen-Müller plant, sie in Buchfoim zu veröffentlichen.

3~uthke,Trauen 658-91.

4~~1.

Recknagel 41982 334; Raskin 109-16. 5~er

Terminus "Wifassung," mit dem Guthke die im Traven-Nachlaß befindliche Rohschrift des Romans treffend bezeichnet, wird hier beibehalten.

C'Vgl. Guthke, Trauen 116, 239. Dies vermutet auch Raskin 109. Er beg~det seine Auffassung mit den Passagen der "U~fasgung," die sich explizit auf England beziehen.

7~gl.Recknagel 41982 349, Anrn. 292.

8~anfindet in der "Uifassung" des Romans (Fragment I) eine unscheinbare Anspielung auf 'Me- xikanisches,' die in der Buchausgabe getilgt wurde: Traven erwähnt in seiner Betrachtung über Pa- piermache-Menschen, diese fürden Krieg abgerichte- ten, denkunfähigen Leute "willnever turn C.O!s nor Merican tourists" (Guthke, nauen 664; Hervorhe- bung von mir).

Q~ufsatzTravens zur Neuveröffentlichung der Baumwollpflücker im Rowohlt-Verlag 1961; vgl. Teil- abdi-uck des Textes aus dem Nachlaß bei Guthke, Trauen 345.

1°1m folgenden bezeichnet BG 26. Wenn hier von

der "LJifassung" die Rede ist, so wird natürlich stets

auf den Abdruck bei Guthke Bezug genommen.

Guthke, Dauen 658, charakterisiert 'ikavens

Fragmente sowie seine eigene Editionstätigkeit fol-

gendermaßen: "Nur in den seltensten Fällen wurde

für diesen Erstabdruck im Interesse der Lesbarkeit

der Zeichensetzung nachgeholfen und bei ebenso ein-

deutigen wie nichtssagenden, nämlich rein 'mechani-

schen' Verschreibungen auch orthographisch gebes-

seit (zum Beispiel 'they' statt 'the'), ohne daß die Eigenart von Travens Englisch angetastet wurde." Die Manuskripte sind beidseitig beschrieben.

Drei Forscher haben die "Uifassung" bisher gesehen: Recknagel, Raskin und Guthke. Raskin (109-16) bringt eine kurze InterpretationundG (Geheimnis 64-66) eine erste Sprachanalyse mit besonderer Berücksichtigung der im Text enthaltenen Germanismen sowie der Abhängigkeit der Anglizis- men in BG 26 von der "Urfassung."

Die von Raskin zitierten (wenigen) Zeilen stimmen nicht ganz genau mit den von Guthke zi- tierten überein. So heißt es zum Beispiel bei Raskin

(110) über Berthold, den Kameraden des Enähiers: "He was a Bolshevik," wahrend Guthke (Daven688) die entsprechende Manuskriptzeile mit "He was a Bolsche" wiedergibt. Die Unterschiede sind ge- ringfügig und ohne inhaltliche Bedeutung.

ll~eiGuthke, Daven 658-65.
1 2 ~ ~

26 10-35.
13~uthke,'lFaven664.
14B~

26 48-58.

15Bei Guthke, Dauen 666-91.

lGzum Beispiel gibt es Entsp~echungen zu den

Seiten 167,202,218,229 (BG26); hinzu kommen eine Reihe sehr vager Bezüge und inhaltlich identischer bzw. ähnlicher Wiederholungen.

17~eiden Teilen der 'W~fassung" ohne identifi- zierbare Entsprechungen handelt es sich um eineinhalb bis zwei Druckseiten (bei Guthke); große in- haltliche Bedeutung hat dabei wohl nur eine Sequenz;

s. U.: 'That's the civilization . . !' Interferenzen zwi- schen den beiden Fragmenten kommen auch nur in einem einzigen Fallvor: Der Erzähler spricht in Frag- ment I1 von "sea storieqJJ an die nur "youngsters" glaubten, nicht aber "we old fishes" ("Urfassung" bei Guthke-künftig abgekünt UF-Guthke-668, Z. 22- 26). Diese Stelle entspricht wohl BG 26,10-11, paßt also in einen Kontext, der von Fragment I abhängig ist.

18~uthke,'lFaven658.
lgGuthke, Geheimnis 65.
20Guthke, %ven 109.
21~~-~uthke

669.
22~ämmert72.
23~~-~uthke

664, Z. 1-3,664, Z. 9.
24~~1.

UF-Guthke 671, Z. 3443,672, Z. 1-2. 25~~-Guthke Eine

671, Z. 3443, 672, Z. 1-2.

Entsprechung in BG 26 existiert nur zu der Aussage

des Erzählers, er habe beim ersten Anblick der

'Yorikke" mächtig lachen müssen; vgl. BG 26 96.

28Auch wenn der Autor sie während der Schilde-

rung der Vorgänge im Kesselraum reduziert.

27~~-~uthke

675, Z. 1-4; BG 26 105. 28~~-~~thke BG 26 106. Als

674, Z. 29-34;

weitere Beispiele können unter anderem angeführt werden: die Gespräche des Enählers mit dem Polizi- stenin Antwerpen (UF-Guthke660-61; BG 26 17-18) und mit dem Kohienschlepp der "crearnwatch," d.h., der angenehmsten Wache an Bord (vgl. UF-Guthke 681, Z. 41-43 U. 682, Z. 1-9; BG 26 130) sowie viele Abschnitte aus den Dialogen bei der Kontaktaufnah- me mit der 'Yorikke" (vgl. UF-Guthke 673-75; BG 26 102-06) und der Auseinandersetzung mit dem zweiten Ingenieur, fehlende Seifen und Bünsten be- tdend(vg1. U!?-Guthke683,Z.8-27;BG2613&37).

29~uthke,Geheimnis66.

30~~-~uthke

676, Z. 36-38; BG 26 116. (Hervor- hebungen von mir).

31~uthke,Geheimnis65-66. Als weitere Beispie- le wären zu nennen: "da soll man nicht nahe gehen" (BG 26 122; UF-Guthke 679, Z. 7-8: "itisnot good to go near a place"); "kungehaltenes Fnihstuck" (BG 26 34; UF-Guthke 665, Z. 24-25: "short cut breakfast"); "der Kohlenzieher . . . ist gekrüppelt" (BG 26 132; UF-Guthke 681, Z. 27: "the coalpass, he iscrippled"); "da war keine Handapotheke an Bord" (BG 26 144; UF-Guthke 685, Z. 21-22: "there was no bandage or anything for a little aid").

36~a

solche Anglizismen auch in anderen Traven- Werken vorkommen, liegt die Vermutung nahe, daJ3 nicht nur das Ibtenschiff auf eine englische "Urfas- sung" zu-iickgeht. 3G~.~.

UF-Guthke 689, Z. 21; BG 26 160. 37~.~.

UF-Guthke 684, Z. 30; BG 26 142. 38~~

26 125 (Hervorhebung von mir). Derselbe Anglizismus erscheint auch aufs. 29, ebenfalls ohne an eine Steiie aus der "Urfassung" anzuschließen. 3Q~~

26 144 (Hervorhebung von mir); derselbe Anglizismus erscheint noch einmal auf der gleichen Seite, auch hier ohne Entsprechung in der 'Wrfas- sung":"Die Glocke rief aus . . ." 40~~

26 181 (Hervorhebung von mir); derselbe Anglizismus erscheint noch einmal auf der deichen Seite: ". . . auf meinem SchS haben sie unter der Mannschaft einen Raubmörder verhaftet, der in Buenos Aiivs verlangt wird!' 41~~

26 202 (Hervorhebung von mir). 42~~

26 241 (Hervorhebung von mir).

43~umProblem der Anglizismen bei Traven vgl. ausführlich Guthke, Geheimnis37-83, sowie Guthke, 'Who Wrote" und Guthke, "Another Man."

44~F-Guthke660, Z. 8-12; BG 26 13.

45~~-~uthke

676, Z. 16-17; BG 26 114-15. 4G~~-~uthke

679, Z. 7-10; BG 26 122. 47~ndereFiguren gewinnen in der ''Urfassug"

noch kein Profd, sondern bleiben bloße Schemen, dar- toward temptations.

unter interessanteiweise ein "Stanislaw" (UF-Guthke 682, Z. 34). 48~.~.

muß er bei der Aussprache historischer Orte nicht mehr stottern; vgl. UF-Guthke 667, Z. 15: ". . . how do you spell thatfunny name? at Ac-Actium?"

49~~-~uthke

688, Z. 12-15 (Hervorhebung von mir).Zu diesem Text existiert keine Entsp~=chung in BG 26. Mir scheint in demZitat eine leiseSelbstironie 'ilavens mitzuschwingen.

5 026 10. ~ ~

51~,efTl,avens an Ei-nst Preczangvom 7.5.1927; vgl. Guthke, Daven 393-94. 52~bd. 53~~-~uthke

690.

54~erZiegelbrenner war der Titel der paz5- stisch-anarchistischen Zeitschrift, die Fkt Marut von 1917 bis 1921, zunächst in München und ab 1919 im Untergrund herausgab.

55~~-~~thke

687, Z. 11-15. Vgl. BG26 149: "Na- türlich kann ich hier arbeiten. Da arbeiten ja auch andere. Das sehe ich ja mit eigenen Augen. Was ein andrer kann, das kann ich auch. Der Nachahrnungstrieb des Menschen macht Helden und macht Sklaven. Wenn der nicht an den Peitschenhie- ben stirbt, dann weide ich sie wohl auch überleben können." Über die Beziehung B. 'A.avens zu Max Stirner vgl. Machinek U. Fischer.

56~iesogenannte "Erlebnisträger-Theorie," die heute nur noch von dem Traven-Forscher Michael Baumann vertreten wird, hält die Werke B. Travens n1l.das Gemeinschaftsp1dukt eines amerikanischen "Erlebnisträgers" und des nach Mexiko gefluchteten deutschen Revolutionärs Fkt Maiut. Ma~ut habe die Erlebnisse jenes Abenteurers als Stoffgrundlage seiner Bücher ve~wendet, literarisch ausgeschmückt und mit politischen Reflexionen angereichert. Vgl. Baumann; dagegen Guthke, 'Who Wrote" (Antwort auf Baumann); vgl. auch Guthke, Geheimnis.

57~ieswar B. Travens erklärte Absicht; vgl. Traven, 'Mein Roman."

5811aven, "'Mein Roman" 60.

59~~-~uthke

680, Z. 3-7.
Go~.~.

UF-Guthke 664, Z. 5-9.

61~ankönnte das anvielen Beispielen aufzeigen, etwa an der folgenden Sequenz, wo der Erzähler in der ''Urfassung" nicht über eine Kritik an der Prohi- bition hinausgeht, während er sich in BG 26 als liber- tärer Kopf generell gegen die staatlichen Gesetze wendet, die nicht mit der menschlichen Natur verein- bar seien:

On from this moment I do not realize very

much in particular, stili, I do not blarne that he

fellow but prohibition which makes us weak

IchtadelenichtjenenhundlichenBurschen,

wohl aber die Prohibition, die uns so schwach ge-

genüber Veiichungen macht. Gesetze machen

iinrner schwach, weil es einemin der Natur liegt,

Gesetzezu übertreten, die andregemacht haben.

(UF-Guthke 660, Z. 18-19; BG 26 14).

62~~-~~thke

679, Z. 42-43.
63~s

gibt lediglich einen Hinweis aufdie6%etch- edconditions we have to liveunder" (UF-Guthke 681,

Z. 3-8) und einen allgemein gehaltenen Angri£Fauf die

"Zivilisation"; vgl. UF-Guthke 678, Z. 35-36. 6 4 26 210. ~

~
66~~-~~thke

683, Z. 38: 'What was the good of thinking of sunny Spain? Paradise lost."

6 6 26 32. ~
~

67~gl.Küpfer 196-97.

6 8 ~ ~

26 86. Nochniemandem ist aufgefallen, daß sich Tkaven sogar innerhalb der Spanien-Episoden in bezug auf die politischen Ziele der Kommunisten widerspricht; denn zwei Seiten vorher schreibt er über eine große Demonstration gegen die Meldepflicht, also die staatliche Bevormundung, die zu bezwecken er in der Folter-Episode den Kommunisten vonnifi: "Die Demonstration, an der die ganze Bevöikerung teilnahm, wo ehrsame Bürger sich nicht fürchteten, hinter den Flaggen der Kommunisten und Anar- chisten zu gehen.. .,war ein Protest gegen die Polizei, die versuchte, nach preußischem Muster eine Art Meldepflicht der Bewohner einzuführen" (BG 26 84).

6g~~-~uthke

689, Z. 21-25.

70~~-~uthke669, Z. 27-29. Eine ähnliche Sequenz existiert auch in BG 26 84. Zwar wurden die spanischen Anarchisten von Bauein und Arbeiteln durchaus bewundert und respektiert, aber natürlich nicht vom Bihgertum und den oberen Klassen. Daß sie keinen Schaden angerichtet hätten, ist reines Wunschdenken oder ideologisch gefärbte Interpreta- tion des Autors; vgl. etwa Enzensberger 1972.

71~~

26 S. 84. Soweit ich sehe, bilden überhaupt nur die sogenannte"amerikanischeOriginalausgabe" des Totenschiffesvon 1934 (NewYork:AlfredA. Knopo und natürlich ihre deutsche Übersetzung von 1937 hiervon eine Ausnahme.

72~.~.

UF-Guthke 667, Z. 11-12; 669, Z. 16-17; 678, Z. 18. 73~~-~uthke672, Z. 17-20. Diese Sequenz besitzt keine Entsplechung in BG 26.

74~gl.UF-Guthke 678, Z. 8-9; Traven schreibt "Konrad" (vgl. BG 26 121; dort jedoch keine Enväh- nung Joseph Conrads).

75~aßdieses Konzept aufgegangen ist, hat die Fkzeption des Totenschiffes unter Beweis gestellt. Im übrigen ist das Spiel mit Dichtung und Wahrheit ein

Gnindrnotiv 'Tkavenq das in vielen seiner Werke zum nagen kommt. 76~~-~uthke (vgl. BG

668, Z. 6-7,12-15,36-38 26 230).

77Nur beim ersten Anblick hält sich Gale an den Sprachgebrauch der 'Urfa-g>' und bemerkt, daß die 'Yorikke" ein Schiff sei, an "deren geistiger Gesundheit [man]mit Recht zweifeln mußte" (BG 26 95); überall mnst übersetzt er "mad ship" stets mit 'mten- schiff!'

'8~ermutlich aus Gründen der permanent pro- klamierten Realitätsnähe läßt Traven die 'Yorikke" der "Urfassung" unter norwegischer Flagge, mit Hei- mathafen Bergen, segeln. UF-Guthke 672, Z. 14-15; keine Entsprechung in BG 26. Hier können auch bio- graphische Gründe hineinspielen, denn 1924 heuerte Ret Marut nachgewiesenermaßen als Heizer auf einem norwegischen Dampfer in London an, wurle aber kunvor dem Auslaufen des Schiffes wieder von der Heuerliste gestrichen; vg1. Wyatt 194-96.

7g~~

26 93. In BG 37 hat Travendiesegelungene ibnzeption durch Rückkehr nri.Darstellung der 'Ur- faasung" mit einer detaillierten Auflistung der Schiffsgeschichte seit den Babyloniern wieder ge- schwächt; vgl. BG 37 9696,116.

80~~-~uthke

686, Z. 29; BG 26 146.
81~~-~uthke

679, Z. 42-43.

82~päter, als Traven die Ret Maiut-Vergangen- heit einzuholen schien, tilgte er viele Hinweise auf Deutschland in seinen Büchern, so auch in den späteren Totenschiff-Ausgaben wie der ersten amerika- nischen Ausgabe von 1934.

83~~-~uthke

688, Z. 6-12.

84~uthke, Dauen 826, Anm. 9, bilngt Bert. hold/Stanislaw vermutungsweise mit OttoFeige, dem spurlos verschwundenen Sohn eines Ziegelbrenners aus Schwiebus in Verbindung, als den sich Marut 1923 gegeniiber der englischen Polizeibehörde ausgab.

85~~-~uthke

664, Z. 42-43 U. 665, Z. 1-18; BG 26 32-33. 86~~-~~thke

683, Z. 5-7; BG 26 135.

87~iesesMotiv ist in der "Urfas-g" noch nicht entwickelt; von New Orleans ist lediglich am Beginn des ersten Fragmentes zweimal die Rede (UF-Guthke 658, Z. 1,660, Z. 30).

88~~-~uthke

664, Z. 17-20.

89~gl. dagegen BG 26 84: "Verdächtig ist jedes Land, wo soviel von Freiheit geredet wird,die angeb- lich innerhalb seiner Grenzen zu finden sei. Und wenn ich bei einer Einfahrt in den Hafen einesgroßen Landes eine Riesenstatue der Freiheit sehe, so braucht mir niemand zu enählen, was hinter der Statue los ist.Wo man so laut schreien muß: Ww sind

ein Volk von freien Menschen! da will man nur die

Tatsache verdecken, daß die Freiheit vor die Hunde

gegangen ist . . !' *Nichtsdestoweniger enthält das Zbtenschiffm viele biographische Bezüge wie wohl keinanderes der 'Tkaven-Werke.

gl~~-~uthke

667, Z. 2543,668, Z. 1-2.
92~~-~uthke

669, Z. 21.
Q3~~-~uthke

678, Z. 35-43, 679, Z. 1-2; vgl.

Raskin 114; Recknage1 41982 334. 94~iesistum somerkwürdiger, als Marutbven Stirnerianer war und Stirner den 'Verbrechern' ja nicht ganz ohne Verständnis gegenüberstand.

95~~1.

~~tt.
=~ü~fer

155.
g7~~-~uthke

673, Z. 22; BG 26 101.
%JF-~uthke674, Z. 7; BG 26 103.
%UF-~uthke676, Z. 11; BG 26 112.
loOUF-~uthke

688, Z. 17; BG 26 152. lolUF-~uthke 679, Z. 38-39; BG 26 125-26.

Zitierte Werke

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