Arbeit am Mythos: Goethes Iphigenie auf Tauris

by Ulrich Klingmann
Citation
Title:
Arbeit am Mythos: Goethes Iphigenie auf Tauris
Author:
Ulrich Klingmann
Year: 
1995
Publication: 
The German Quarterly
Volume: 
68
Issue: 
1
Start Page: 
19
End Page: 
31
Publisher: 
Language: 
English
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Abstract:

ULRICHKLINGMANN

Uniuersity of Cape Touin

Arbeit am Mythos: Goethes Iphigenie auf Tauris

Und auch die Götter, die der Mensch dweise nennt, Sind lügenhaft, den flücht'gen %=ge- bilden gleich. In mag es göttlich, mag es menschlich sein, Herrscht viel VeniruTung. Euripides-Iphigenie bei den Taurern

Der Fluch des Mythos

Richten wir den Blick auf die blutigen Untaten des 20. Jahrhunderts, so spricht einigesfürdie Ubeneugung, daß das Han- deln der Menschen auch heute noch dem Fluch untersteht, der in Goethes Schau- spielIphigenie auf Tauris mit verhängnis- voller Wirkung auf den Nachkommen des mythischen Tantalus lastet. Gibt oder gab es indessen einen Sinn, in demunser Han- deln als fluchbestimmt gelten kann, und wäre es Goethe gelungen, einen solchen Fluch zu lösen? Das Stück thematisiert das verworrene Sinnen und das blutige Tun der Menschen. Mir will scheinen, daß es in Zeiten revolutionären Wandels und der sie begleitenden ideologischen Umbrüche die Lektxire als kritisches Problemstück mit aktueller Fragestellung nahelegt.

Aktuell an Goethes Behandlung des Tantalidenmythos ist die Auseinanderset- zung mit der mythisch-theistischen Ord- nung als einem problematischen Bewußt- seinssystem. In diesem Kontext sind Bild und Begriff des Fluches von zentraler Bedeutung; denn der Fluch umschreibt das durch ideologische Fremdbestimmung determinierte Handeln und Geschick der jüngsten Vertreter des Tantalidengeschlechts. So klagt Iphigenie gegenüber Arkas in der expositorischen zweiten Sze- ne des ersten Aktes, daß "ein fremder Fluch" schon in "erster Jugend" auf ihrgelastet habe, und gegenüber Thoas offen- bart sie im folgenden AuRritt das ganze Ausmaß der Fremdbestimmung, indem sie alle späteren Greueltaten auf den Fluch Jupiters in illo tempore zurückführt:

.. . doch es schmiedete Der Gott um ihre Stim ein ehern Band. Rat, Mäßigung und Weisheit und Geduld Verbarg er ihrem scheuen, düstern Blick: ZurWut ward ihnen jegliche Begier, Und grenzenlos drangihreWut umher.

(330ff.)'

Diese Verse umschreiben zusammen- fassend die Situation und das Verhalten der Tantaliden. Fur ihr Tun wird dabei in der metaphorischen Umschreibung gei- stig-psychischen Zwanges eine doppelte Erklärung geboten (der Gott "schmiedete" um ihre Stirn ein ehern Band, und er "ver- barg"ihrem Blick Rat, Mäßigung, Weisheit und Geduld): eine Erklärung, die offen- sichtlich nicht wörtlich zu verstehen ist, aber dem Sinn nach für Iphigenie real gilt, insofern die 'Wut" der Tantaliden auf das mythische Wollen des Gottes zurückge- führt.wird und Iphgenies Worten zufolge ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Fremdbestimmung und Handeln besteht.

Das zentrale Anliegen des Stückes und auch ein Grundanliegen der Gegenwart ist die Beendigung des zerstörerischen und leidbringenden Handelns des Geschlechts der Tantaliden, allgemeiner des Menschengeschlechts. Da das Tun der Men-

The Gerrnnn Qr~nrterly 68.1 (Winter '1995) 19

schen in der Goetheschen Darstellung durch den Haß der Götter-"Ach, und sein ganz Geschlecht trug ihren Haß!" (326)bedingt ist, haben wirim Rahmenvon Goe- thes Wirklichkeitsmodell zu fragen, woher die den Menschen psychisch fremdbestim- menden Götter stammen.

Folgen wir der Darstellung Hans Blu- menbergs,Z so ist die Konzeption anthro- pomorpher Götter aufklärerischer Natur. Mythen und ihreGötter sind seit der F&- Zeit menschlicher Bewußtseinsentwick- lung Produkt unseres bildlichen und kon- zeptionellen Verrn~gens.~ Sie stellen in ihrem Ursprung historische Versuche dar, den %rror der Wirklichkeitn4 dumh das Medium des Bewußtseins zu bewdtigen.

Die Inhalte des Mythos sind in dieser Sicht nicht statisch, sondern einer Arbeit am Mythos ausgesetzt-im Vollzug der Bemühungen des menschlichen Bewußt- seins, sich in der Wirklichkeit zurechtzu- finden. Mythen und die in ihnen enthal- tenen geistigen Konfigurationen wurden und werden so weitergedacht, zumalin der mythenkritischen ästhetischen Vennitt- l~ng.~

Dem Prozeß des Um- und Weiterden- kens6 waren auch die anthropomorph konzipierten Götter ausgesetzt, deren Existenz jedoch seit der Aufklärung zu- nehmend in Frage gestellt wurde. Für das menschliche Bewußtsein ist Kausalität eine entscheidende Wahrnehmung. Wenn erkennbar wurde, daß zwischen empiri- schen und mythisch-metaphysischen Da- ten kein Zusammenhang mehr bestand, mußte der Glaube an Götter und deren Einwirkung auf unser Geschick zurück- gehen oder sch~inden.~

In der Tat, es gibt objektiv keine Götter in dem Sinne, daß sie menschliche schicke nachweislich bestimmen würden oder daß die Verpflichtung auf sie zurForderung an alle gemacht werden könnte. Wenn Glaube an Götter alslebendiges Ver- mächtnis des Mythos erhalten geblieben ist, so besteht doch zwischen fniheremund heutigem Glauben ein wichtiger Unter- schied. Dieser liegt wesentlich darin, daß Glaube heute in den westlichen, pluralisti- schen Gesellschaften als persönliches Be- kenntnis verstanden wird. Heutiger Glau- be gilt mit seinen mythischen Inhalten nur für diejenigen, welche sich frei zu ihm be- kennen und auf ihn verpflichten.

Goethe setzt in seiner Behandlung des Tantalidenmythos in Iphigenie auf 2buri.s neuzeitliches Denken mit der Unterschei- dung zwischen subjektiver und objektiver Gultigkeit als Grundlage seiner Darstel- lung und Analyse an. Unter diesem Blick- winkel unterscheidet der Text zwischen empirischen Vorgängen oder Handlungen und einem mythischen Verständnis, das als Interpretation der empirischen Vor- gänge gekennzeichnet wird. Für den Rezi- pienten des Textes wird durch eine solche Darstellung die Frage und Problematik aufgeworfen, was in dem Wirklichkeitsmo- dell des Textes als empirisch und wörtlich zu bewerten ist und was nicht.

Für den ganzen Text ist kennzeich- nend, daß das aus dem Mythos übernom- mene Geschehen (wie der Umgang des Tantalus mit den Göttern oder die Rettung Iphigenies durch Diana) so dargestellt wird, daß es sich in der Sicht der handeln- den Gestalten zwar in der Vergangenheit real vollzogen hat, ihm auf der Gegen- wartsebene jedoch keine wörtliche Reali- tät zukommt. Mythische Gehalte sind je- weils nur fur das subjektive Bewußtsein der handelnden Gestalten wirksam oder präsent. Goethes Arbeit am Mythos in der Iphigenie ist in diesem Sinne als eine ent- mythologisierendes zu bezeichnen, wenn er fruheres reales Handeln von Göttern nicht auf die Gegenwartsebene übernimmt, sondern es nur als subjektive Wahrnehmung und subjektive Deutung gelten läßt.

Diese den Text kennzeichnende Ent- mythologisierung ist deutlich an der Hei- lung Orests erkennbar. Im Stück ist das Geschehen um Orest mythisch durch den Tantalidenfluch bestimmt, und die my- thisch bedingte Handlung findet ihren

Fortgang darin, daß Orest unter hwei- sung Apolls nach Tauris kommt, um dort dessen Auftrag auszuführen. Im Gegen- satz zu diesen mythischen Handlungsmo- mentenvollzieht sich auf der Gegenwarts- ebene seine Heilung jedoch nun ohne empirische göttliche Einwirkung und entgegen dem Wortlaut von Apolls Verspre- chen, das besagte, der Fluch würde sich dann lösen, wenn er die Schwester nach Griechenland brächte.

Orests Heilung ist als tiefgreifender und sein Innerstes umkehrende# Bewußtseinswandel dargestellt.1° In der ent- scheidenden Auseinandersetzung mit Iphigenie im dritten Akt wird er von ihr"... von dir berührt, / War ich geheilt" (2119f.)-zu dem Punkt geführt, wo er be- reit und fahg ist,sein Bewußtsein neu zu orientieren, indem er sich von dem Wahn löst,ll daß die Götter seinen Tod wollen12 und daß die Schwester unter dem Zwang des Fluches steht,13 ihn zu ermorden. Auf dem Höhepunkt seiner Verzweiflung ver- liert er das Bewußtsein. Als Goethe ihn wieder zu sich kommen und sprechen läßt, glaubt Orest sich in der Todeswelt und sieht in seiner Hadesvision als Ausdruck innerer Umorientierung seine Vorfahren, mit der Ausnahme von Tantalus, friedlich vereint.

Die abschließende Szene ist kurz. Zu Iphigenie und Pylades, die zu ihm treten, spricht Orest noch so, als wären sie hinab- gekommen, um ihn zu Plutos Thron zu be- gleiten. Iphigenie apostrophiert die göttli- chen Geschwister und ruf%Diana auf, den Bruder nicht "in der Finsternis des Wahn- sinns rasenn zu lassen und "von den Ban- den jenes Fluchsn zu lösen. Dann ruR Pylades Orest in die Wirklichkeit zurück. Er fordert ihn auf, Iphigenie und ihn ''kräftig" anzufassen und sein Wort zuvernehmen," worauf sich Orest "geheiltn Iphigenie mit den Worten zuwendet:

Laßmich zumersten Mal mit freiem Her- zen In deinen Armen reine Freude haben!

(1342f.)

In mythischer Sicht ist die Heilung Orests im Sinne von Iphigenies Bitte an Diana als reale Folge mythisch-göttlicher Einwirkung interpretierbar, und Orest greift die mythische Formel des Fluches auch einige Verse weiter auf ("Es löset sich der Fluch ..."). Aber seine Worte sind im Rahmen der im Text vorgenommenen Unterscheidun- gen deutlich als metaphorisch umschrei- bende Wahrnehmung und subjektive Deu- tungder inneren Befreiunggekennzeichnet und implizieren für den Rezipienten (nur Orest hört die Eumeniden) keinen my- thisch-wörtlichen Gehalt:

Es löset sich der Fluch, mir sa6s das

Herz.

Die Eumeniden ziehn, ich höre sie,

Zum Wrus und schlagen hinter sich

Die ehrnen Tore fernabdonnernd zu.

(1358ff.)

Das mythische W~klichkeitsverständnis, das der Tantalidenerzählung zugrunde liegt, setzt Götter voraus, die im Bilde des Menschenalshöhe= Wesen entworfen sind und mit Menschen in menschlicher Weise verkehren, wie an den Wortenvon Thoas zu erkennen ist, als Iphigenie ihm ihre Abkunftbekannt hat:

Nennst du den deinen Ahnhem, den die

Welt

Als einen ehmals Hochbegnadigten

Der Götter kennt? Isfs jener Tantalus,

Den Jupiter zu Rat und Tafel zog,

An dessen alterfahrnen, vielen Sinn

Verknüpfenden Gesprächen Götter selbst,

Wie an Orakelsprüchen, sich ergetzten?

(308ff.)

Die Konzeption der Götter, wie Goethe sie hier anführt, entspricht dem Bewußtsein, daß der Mensch sich Wesen unterworfen weiß, die willkurlich über sein Schicksal be- stimmen können. Im Panenlied heißt es diesbezüglich unmißverstandlich, daß die Götter ihre ewige Herrschaft gebrauchen können, wie es ihnen gefält, und daß sie ihr segnendes Auge von ganzen Geschlechtern abwenden.

Im griechischen Mythos bestrafen die Götter Tantalus, als er ihre Macht in Frage stellt. Tantalus täuschte ihr Vertrauen und setzte ihnen seinen geschlachteten Sohn Pelops vor, um ihre Allwissenheit zu pnifen.14 Im mythischen Bericht iiber die Beziehung zwischen Tantalus und den Göttern wie auch in der Darstellung des Stückes geht es deutlich um Macht.15 Als Tantalus sich in der Deutung Goethes an den Göttern verging, stand er jedoch noch nicht unter dem Fluch Jupiters, so daß sei- ne unbestimmte Tat bzw. seine Taten nicht als Folge des Fluches zu verstehen sind. Erst der Fluch legt das Handeln der Tan- taliden unabänderlich auf Betrug und Mord fest, um dem Macht- und herlegen- heitsanspruch der Götter Ausdruck zuverleihen.16

Der Mythos spiegelt Wrklichkeitsver- hältnisse als Kämpfe um Macht, die sich auch auf die Beziehung zwischen Men- schen und Göttern erstrecken. Wie das Stück insgesamt erkennen läßt, bestand und besteht real kein Fluch und bedarf es seiner auch nicht, um das Verhalten und Handeln der Menschen zu bemnden.

Der Mensch handelt im Sinne des Flu- ches zwanghaft auch ohne ihn, wenn der Standpunkt von Pylades gilt, den er im vierten Akt auf Iphigenie zu übertragen sucht und dem zufolge es die Not .und der Zwang der Umstände sind, die unser Han- deln bestimmen:

Du weigerst dich umsonst; die ehrne

Hand

Der Not gebietet, und ihr ernster Wink

Ist oberstes Gesetz, dem Götter selbst

Sich unterwerfen müssen. Schweigend

herrscht

Des ew'gen Schicksals unberatne

Schwester.

Wassie dir auferlegt, das trage:tu,

Was sie gebeut. (1680f.)

Die mythische Interpretation, die das Handeln des Menschen dem Zwang eines Fluches zuschreibt, stellt meines Erach- tens eine Fehldeutung oder, mit den Wor- ten Iphigenies, ein Mißverständnis dar. Goethe wendet sich gegen diese Deutung und das dahinter stehende mythische Wirklichkeitsverständnis. Er zeigt, daß kein Fluch besteht und daß das Geschick der Menschen nicht durch Götter be- stimmt wird.17 Wenn Götter oder ein Gott nicht bestehen und diese Vorstellung im Glauben einem Wirklichkeitsbild zugrun- de gelegt wird, ergeben sich Widersprüche und Paradoxien,l8 die dem neuzeitlichen Bewußtsein und Denken widersprechen. Im Rahmen des Götterglaubens stellt sich der Mensch in einen ihn fremdbestimmen- den Abhängigkeitshorizont, der in bezug auf die Freiheit, die ihmverfügbar ist und zusteht, Unklarheit schafft und ihn in ei- ner Weise festlegt, die ihm mögliche Selb-

ständigkeit und Freiheit nimmt.

Glaube und Tun

Goethe rückt in seiner kritischen Aus- einandersetzung mit dem mythischen Wirklichkeitsverständnis das Verhdtnis zwischen den Inhalten des Bewußtseins und dem, was tatsächlich getan wird, ins Blickfeld. Der %xt stellt klar, daß kein mythischer Fluch das Handeln der Menschen bestimmt und daß dies, wo es geglaubt wird, eine irrige und schädliche Übelzeu- gung darstellt.

Die entscheidende, durch den Fluch ge- forderte Tat wäre die, daß Iphigenie Orest und Pylades tötet. Diese Notwendigkeit wird jedoch in bezug auf Orest infolge sei- ner Heilung als falsches Bewußtsein er- kennbar, und die Tat wird schließlich ver- mieden; denn es ist von vornherein Iphigenies Absicht, keine Blutschuld auf sich zu ladenuO enthalte vom Blut meine Hände!" (549).Auch Thoas, der den alten Brauch des Menschenopfers wiederauf- nehmen und damit den Fluch vollstrecken könnte, sieht davon ab. Daß die Menschen in einem dem Fluch entgegengesetzten Sinne handeln können, widerlegt ihn.

Die Gültigkeit der Annahme, daß my- thisch konzipierte Mächte sich auf das Handeln der Menschen auswirken, wird so in Goethes Arbeit am Mythos prinzipiell relativiert und gegenüber dem selbständi- gen Handeln entscheidend abgewertet. Das perspektivische Interesse des Textes richtet sich entsprechend aufdas reale Ge- schehen: das Handeln der Personen und die Art und Weise, wie sie ihr persönliches und soziales Geschick bestimmen.

Kennzeichnend für alle Gestalten im mythischen Kontext ist indessen die Be- zugnahme auf Götter. Diese nimmt jeweils unterschiedliche Form an, wobei die Un- terschiede darin zum Ausdruck kommen, wie der einzelne das Bewußtsein von den Göttern mit den Gegebenheitenund Zwän- gen auf der Handlungsebene in Einklang bringt. Der Text pointiert stets die Span- nung und den Gegensatz zwischen my- thisch-ideologischem Diskurs und dem, was real geschieht und getan wird.

Die wichtigste Gestalt in bezug auf my- thisch-religiöses Denken ist Iphgenie, de- ren Bewußtsein stark durch Gläubigkeit geprägt ist.Schon in der ersten Szene wird jedoch herausgestellt, daß ihre Interessen und die der Göttin bzw. Götter nicht über- einstimmen. Iphigenies Gläubigkeit un- terscheidet sich von der stark mythisch ge- prägten Glaubensform, die imText negiert wird, da die mythische Objektivierung bei ihr durch Entmythologisierung subjekti- viert istund sie auch die fremdbestimmen- den Götter in ihrem Bilde umdeutet.

Der Willenskonflikt zwischen Iphige- nie und der Göttin Diana, mit dem das Stück einsetzt, hat eine reale mythische Grundlage, da Opferung und Rettung Iphigenies als reales Geschehen verstan- den werden. Es ist der "hohe Wille" Dianas, der Iphigenie seit langer Zeit verborgen auf Tauris bewahrt, doch sie dient der Göttin nur mit "stillem Widenvillen," da sie sich mit dem Geschick, das sie nach Tauris verschlagen hat, nicht zufrieden geben will. Insofern der Willenskonflikt dadurch gelöst wird, daß Iphgenie ihre Rettung selbst bewerkstelligt-voraus

setmng ist, daß Orest nicht geopfert wird-, entfällt die Notwendigkeit fiueine erneute rettende Aktion der Göttin ("Und rette mich, die du vom Tod errettet, /Auch von dem Leben hier. . ." [52f.]).Die mythi- sche Dimension, wenn sie erhalten werden soll, wird damit auf den mythischen Dis- kurs eingeschränkt, der die selbständige Rettung alsRettung durch die Göttin bzw. die Götter deutet.

Daß Iphigenie der Göttin eingangs nur mitWiderwillen dient und mit den Göttern rechtet, wobei ihr %n die eigene Deutung ("Ich rechte mit den Göttern nicht; allein ..." [231) widerlegt, leitet sich daher, daß die Götter, wie der Mythos es elzddt, durch ihren Umgang mit den Menschen deren Unglück allererst verursacht haben. Die reale Situation Iphigenies ist auf die Willkhandlung Dianas zurückzuführen. Es wird zwar von Iphigenie berichtet, aber in der Konsequenz für sie nicht weiter be- dacht, daß es die Göttin war, ihre ?Rette- rin," die sie aus Willkür zuvor als Opfer verlangt hatte. Im Bericht Iphigenies ist die WiUkurhandlung neutralisiert zu dem fremden Fluch, der sie in Mykene traf und von den Geliebten trennte. Im Verlauf der subjektivierenden Umdeutung des Ver- gangenen wird die Willkürhandlung der Göttin, die hinter dem Willenskonflikt steht, übergangen. Wenn es im Stück mög- lich wird, daß Iphgenie nach Mykene zurückkehrt und mit einem Teil der Ge- liebten wiedervereinigt wird, dann wird strenggenommen nur der Schaden halb- wegs gutgemacht, den die Götter im Rahmen des mythischen Wirklichkeitsbildes verursacht hatten, als sie den Menschen, der ihnen ihre Macht streitig machte, mit einem Fluch belegten.

Neben der Subjektivierung ist für die Erhaltung von Iphigenies Glaube an die Götter entscheidend, daß sie diese umdeu- tet und ihrem eigenen Bewußtsein anpaßt. Der Forderung von Thoas, das Opfer zu vollziehen, läßt Goethe Iphgenie mit pro- grammatischem Hinweis auf die Bewußt- seinsproblematik des Stückes in diesem Sinne entgegnen:

Der mißversteht die Himmlischen, der sie

Blutgierigwähnt: er dichtet ihnen nur

Die eignen grausamen Begierden an.

(523ff.)

Im gleichen Sinne heißt es:

Dem die Unsterblichen lieben der Men-

schen

Weit verbreitete gute Geschlechter,

Und sie fristen das flüchtige Leben

Gerne dem Sterblichen . . .(554ff)

Das Bild, das Iphigenie in diesen Wor- ten von den Göttern entwirft, ist deren früherem Tun diametralentgegengesetzt und stellt eine aufklärerischefg Korrektur des mythischen Götterbildes dar. Es ist ihreigenes Bild der Götter, um dessen Erhal- tung Iphigenie auf dem Höhepunkt ihrer Gefährdung im letzten Auftritt des vierten Aktes fleht. Ihre mythische Rede objekti- viert die Götter und postuliert ihr Eingrei- fen, doch ihre Apostrophe dient nur der subjektiven Aussprache und Selbstverge- wisserung in bezug auf das Handeln, zu dem sie sich verpflichtet weiß:

So legt die taube Not ein doppelt Laster

Mit eher Hand mir auf: das heilige

Mir anvertraute, viel verehrte Bild

Zu rauben und den Mann zu hintergehn,

Dem ich mein Leben und mein Schicksal

danke.

0 daß in meinem Busen nicht zuletzt

Ein Widerwiüen keime! der Titanen,

Der alten Götter tiefer Haß auf euch,

Olympier, nicht auch die zarte Brust

Mit Geierklauen fasse! Rettet mich,

Und rettet euer Bild in meiner Seele!

(1707ff.)

Iphigenie kann hier subjektiv mit den an- gerufenen Göttern im Einklang stehen, weil sie diese als Spiegelung des inneren Bildes nur um das bittet, was sie selbst zu leisten bereit ist und mit den Forderungen ihres Herzens als einer von den Göttern unab- hängigen 1nstanzZ0 vereinbaren kann. Sie spricht mythisch so, als würden die Götter ihr Bild erhalten, aber sie erhdt sich ihr Bild der Götter selbst, indem sie entspre- chend dem Bild in ihrer Seele handelt.

Es scheint kein Grund zu bestehen, et- was gegen die subjektive Gläubigkeit Iphi- genies einzuwenden. Das Problematische an ihrem theistischen Verständnis wird je- doch erkennbar, wenn bedacht wird, daß andere sich aufdie gleichen Götterberufen und dabei ihre subjektive Auslegung des von der mythischen Überlieferung postu- lierten göttlichen Willens bestätigen, um jedoch ganz andere Konsequenzen daraus zu ziehen.

Orest und Pylades zum Beispiel sind in einer Weise auf Glaubensvorstellungen bezogen, die gegen diese spricht. Vor allem der "am pragmatischen Weltsinn orientier- te"21 Pylades ist dabei kritisch dargestellt; denn er ist bemuht, zwei unvereinbare Größen miteinander zu verbinden.

Pylades verläßt sich auf seine mensch- liche Klugheit und spekuliert irrtümlich, daß Diana sich vom Ufer der Barbaren wegsehne und daß Orest und er als Instru- mente des göttlichen Willens dienen könn- ten. Ihn leitet die irrige Annahme, daß Göt- terworte nicht doppelsinnig und somit berechenbar seien.- Gerade dieser Irrtum ist jedoch verhängnisvoll, da feindliche Handlungen gegen Thoas (Betrug und Ge- walt) im gegebenen Kontext die Fortdauer des Fluches bewirken würden. Pylades' problematische Befangenheit im Mythos beirrt und bedroht Iphigenie in ihrer dem Mythos gegenüber gefundenen Selbstan- digkeit. Bezeichnenderweise schickt Orest ihn am Ende der vorletzten Szene ab ('. . . harret still, welch Ende /Die Götterunsern Taten zubereiten" [2025f.]), so daß er wie Tantalus von der Versöhnung ausgeschlos- sen ist.

Auch Orest bleibt potentiell im Fluch befangen. Er erkennt erst im Nachhinein und gleichsam als technische KonsequenzZ2 den 'Irrtum, den ein Gott / Wie einen Schleier um das Haupt" (2108f.)ihnen legte-im Gegensatz zu Iphigenie, die sich weigerte, dem Fluch Gehör zu geben. Noch in der letzten Szene ist Orest bereit,

ihre Freiheit sowie das Schicksal aller "Fremden," in verfehlter Tapferkeit und noch immer im Sinne des Fluches, vom Ausgang eines bewdneten Einzelkamp- fes abhängig zu machen, woraufwiederum nur Iphigenie zur Besinnung ruft: %aßt die Hand / Vom Schwerte! Denkt an mich und mein Geschickn (2065f.l.

An das Geschick der vom Fluch Betrof- fenen denkt Orest aber gerade nicht, wenn sich ihm abschließend der Göttin Rat nun "schön und herrlich" zeigt, indem sie Iphi- genie in einer heiligen Stille zum Segen des Bruders und der Ihren bewahrt habe. Wie sein eigenes (Wich haben sie zum Schläch- ter auserkoren, / Zum Mörder meiner doch verehrten Mutter . . ." [707f.]), so bleibt auch das blutige Geschick Agamemnons und Klytämnestras unbedacht, und die Göttin steht als Machtausübende und Ver- ursacherin blutiger Greuel in seiner Sicht nur unbescholten da, weil auf diese Weise seine ideologisierende Rechtfertigung durch den Autor verfremdet wird.23

Wenn Orest abschließend eine einseitig mythische Sicht projiziert, in der der Göt- terwille absolut gesetzt ist, so steht dies grundsätzlich im Gegensatz zu der Ein- stellung und dem Handeln von Iphigenie und Thoas. An diesen wird in ihrer ersten Begegnung die Einsicht entwickelt, daß die Beziehung zu Göttern im individuellen Erleben rein subjektiver Natur ist. Unter Druck von Thoas dankt Iphigenie hier den Göttern, daß sie ihr "die Festigkeit gege- ben," das Bündnis mit Thoas nicht einzu- gehen, das sie nicht billigen würden. Hie- rauf folgen für die Problematik eines objektiven Bezugs zu Göttern entschei- dende und gultige Aussagen:

THOAS:Es spricht kein Gott; es spricht dein eignes Herz. IPHIGENIE:

Sie reden nur durch unser Herz zu uns.(493E)

Thoas weist in seiner Entgegnung die eige- ne Uberzeugungen rechtfertigende und die Götter objektivierende Berufung auf Iphi- genie zurück Er sieht den ideologischen Mißbrauch, den diese Berufung beinhaltet; und Iphigenie faßt die subjektive Wesensart von Religion in einer knappen Aussage zu- sammen: Die Gbtter sprechen nurdurchun- ser Herz zu uns, weil ihr Ursprung im Herzen liegt, wenn dieses als Sitz unserer psychischen Natur verstanden wird.

Religiöse Wahrnehmung von Göttern ist ihrem Wesen nach subjektiv und lebt von der Vermittlung und Tradierung reli- giöser Überzeugungen und Bräuche. Auch Thoas ist offensichtlich der Vertreter einer überkommenen religiösen Übung, an der er festhält, bis er zwingende Gründe findet, Änderungen durc-n. Was ihn entgegen dem mythisch verankerten Brauch dazu bringt, die auf die Insel ver- schlagene Iphigenie nicht zu opfern, ist sein persönliches und sehr reales Interesse an Iphigenie als Frau und damit auch Ga- rantin eines Nachkommen. Das reale Interesse setzt sich hier gegenüber dem mythisch verankerten Brauch als ein menschlicheres durch. Als Iphigenie sich jedoch seinen Wünschen nicht fügt, droht er, um sie sich fügsam zu machen, zu den alten Bräuchen zurückzukehren:

Es ziemt sich nicht für uns,den heiligen

Gebrauch mit leicht beweglicher Vernd

Nach unserm Sinn zu deuten und zu

lenken.

Tu deine Pflicht, ich werde meine tun.

(528f.)

Thoas schwankt, anders als die rebellische Iphgenie, noch zwischen Tradition und Evolution des Glaubens. Daß die menschli- chere Pr& auf Tauris durch den Druck des realen Interesses entsteht und nicht vom Glauben hergeleitet wird, daßvielmehr der Glaube das Handeln heteronom fest- legt, deutet auf die Wichtigkeit der Arbeit am Mythos, insofern das ideologische Sy- stem gegenüber den sozialen Erfordernis- sen in Rückstand geraten ist und der Anpassung bedarf.

Das Interesse des Anderen

Iphigenie gelingt es, ihren sehnlichen Wunsch nach Rückkehr zu verwirklichen und somit das ihr angetane Geschick zu wenden. Goethe hat sie als beispielhafte Figur konzipiert, deren Handeln im Gegensatz zu dem steht, was als Handlungs- norm gilt. Sie handelt beispielhaft im Interesse anderer, widersetzt sich den Bräuchen einer ganzen Gemeinschaft, um anderen zu ihrem Recht zu verhelfen, und besitzt die Fahigkeit, andere von der Rich- tigkeit ihres Standpunktes und Tuns zu überzeugen und deren Handeln in ihrem Sinne zu beeinflussen.

Ganz gegensätzlich motiviert ist Pyla- des. In seiner Sicht ist das bewußte Han- deln unter dem Zwang der Umstände auf die kurzsichtige Förderung der eigenen In- teressen auf Kosten anderer gerichtet. Wenn er im Stück sein Credo als einzelner vorträgt, so ist es auf Tauris in einem ge- sellschaftlichen System vergegenwärtigt, das zu seiner Absicherung alles Fremde abwehrt. Geleitet von ihrer Erfahrung, widersetzt Iphigenie sich jedoch entschie- den diesem durch Tradition legitimierten Verständnis, das sich an festgelegten und etablierten Bräuchen orientiert. Solche Bräuche vergegenwärtigen die Vergan- genheit und den Status quo. Sie sind im Bewußtsein der Angehörigen einer Ge- meinschaft fest verankert und werden als ideologisch fixierte Vorschriften auf die Nachkommen übertragen.

Die Erfahrung, die Iphigenie geprägt hat, istihre Fremderfahrung. Sie wird aus dem Zusammenhang ihrer Familie geris- sen und von ihr getrennt. Dieses ihr Bewußtsein prägende Erlebnis ist für die Gegenwart und das 20. Jahrhundert all- gemein eine grundlegende Erfahrung der Vertreibung und des Exils. Iphigenie als Exilantin hat ein schmerzliches Schicksal erlitten, das sie für sich hätte vermeiden wollen und das sie auch anderen nicht wünscht. Einen gewaltsamen Tod, den sie für sich im letzten Augenblick vermieden sah, will sie anderen nicht zufügen.

Aus diesem Grunde suspendiert sie den Opferbrauch, obwohler durch den Kult der Diana geheiligt ist. Das Stück betont, daß sie mit ihrem menschlichen Verhalten auf die Gemeinschaft in Tauris segensreich wirkte. Wenn das barbarische Menschen- opfer deshalb in der Vergangenheit alsnotwendig und sinnvoll erachtet wurde, um die Gemeinschaft nicht zu gefährdenF4 dann hat diese Grausamkeit im Verlauf der Zeit ihre Berechtigung verloren.

Was auf Tauris als Grausamkeit an Menschen im sozialen Kontext praktiziert wird, wird an der Familiengeschichte der Tantaliden an individuellen Gestalten ver- gegenwärtigt. Mit ihrer Weigerung und Verneinung widerlegt Iphigenie die im so- zialen wie individuellen Bewußtsein ver- ankerte Notwendigkeit, daß der Fremde bzw. der Nächste in der Verfolgung der ei- genen Interessen als Feind sterben muß. Diese Notwendigkeit ist kein Fluch, son- dern nur einem verderblichen Fluch ver- gleichbar. Sie ist in der Perspektive des Stückesunmenschlich; denn sie beruht auf einer Fehleinschätzung der eigenen umfassenderen Interessen und ist Aus- druck eines dem Menschen nicht gerecht werdenden Wrklichkeitsverständnisses. Durch Iphigenie wird dieses ersetzt und ein neues Handeln postuliert.

Wenn Goethe an Thoas demonstriert, daß das neu geforderte Handeln auch in der Praxis verwirklicht werden kann, dann sind die Bedingungen, unter denen Thoas handelt, entscheidend. Denn er ist ja nicht wie Iphigenie durch die Erfahrung des Exils geprägt. Als Fürst gehört er zu den Herrschenden, deren Handeln durch die Notwendigkeit motiviert ist, Macht zu erhalten und zu stärken. An ihm muß sich zeigen, ob der Starke dazu bereit ist, das Recht des schwachen Fremden auf Selbst- bestimmung anzuerkennen. Dies tut Tho- as: er vernimmt die Stimme der Mensch- lichkeit, wie er sie ja schon bei der Ankunft Iphigenies vernommen hat, als er sich dazu verband, sie ziehen zu lassen, sollte sich die Möglichkeit einer Rückkehr in die Heimat ergeben. Iphigenie weiß, daß Tho- as die Macht hat, sie mit Gewalt vom Altar in sein Bett zu ziehen (vgl. 195f.), aber sie vertraut ihm als Mensch, der sich ans Recht und damit ihr Recht hält. Was Thoas tut, ist beispielhaft. Er handelt im Gegensatz zur Handlungsmaxime von F'ylades und widerlegt diese prinzipiell:

Auch sind wir nicht bestellt, uns selbst zu

richten;

Zu wandeln und auf seinen Weg zu sehen,

Ist eines Menschen erste, nächste Pflicht:

Denn selten schätzt er recht, was er getan,

Und was er tut, weiß er fast nie zu

schätzen.

(1660ff.)

Pylades' Standpunkt ist der des immer naheliegenden Selbstinteresses. Er hat völlig recht, wenn er feststellt, daß wir nicht bestellt sind, uns selbst zu richten. Wir sind von niemandem bestellt und des- halb auch nicht für Untaten verflucht. Aber die Konsequenzen von Untaten wirken wie ein Fluch, und wir sind fahig,uns für sie zu richten und sie vorsätzlich zu vermeiden. Dies ist dem Menschen mög- lich auf Grund von Erfahrung und Ein- sicht. Im Sinne von Iphigenie und entspre- chend im Interesse der Opfer von Willkür und Gewalt zu handeln, Recht zu etablieren und zu wahren: das definiert im Stück die Menschlichkeit,für die Iphigenie steht.25

Thoas' Beispielhaftigkeit liegt darin, daß er fähig ist,die "Stimme der Wahrheit und Menschlichkeit" nicht nur zu vernehmen, sondern auch dort zu praktizieren, wo gefordert wird, daß er das eigene Inter- esse z~rückstellt.~~Daß er bereit ist, menschlich zu handeln, ist dabei in einem entscheidenden Sinne an dem Begriff 'Wahrheit' festgemacht und setzt diesen voraus. Wahrheit wird hier an einem dop- pelten Recht konkretisiert. Thoas erkennt einmal die Legitimität der Interessen Iphi- genies an und zum anderen ebenso, daß er nicht betrogen und übervorteilt werden soll. Wahrheit ist im Kontext des Stückes auf der Handlungsebene der entscheiden- de Begriff, der sozialem Handeln zugrunde liegt, da mit ihm eine objektive Kategorie als Maßstab zur Rechtsbestimmung, Ver- ständigung und Wertung gesetzt wird.

Der Begriff 'Wahrheit' wird schon bei der Heilung Orests als zentrale, auf die Lebenswelt bezogene Kategorie und ent- scheidende Voraussetzung eingefiihrt, denn die Heilung setzt mit seinem Be- kenntnis und seiner Forderung nach wech- selseitiger Wahrheiti. ..zwischen uns 1 Sei Wahrheit" (1080f.)-ein. Erst wo Orest sich radikal der Wahrheit stellt, wird eine Bewußtseinsänderung möglich und kann der Schwindel ihm von der Stirn genom- men werden,27 der ihn zum Muttermord verpflichtete und den ihm drohenden Bru- dermord als Gewißheit erfahren läßt.

Die praxisbezogene Bedeutung der Kategorie 'Wahrheit' wird dann ebenso im Kontext des Geschehens im fünften Akt herausgestellt; denn Iphigenies spätes Be- kenntnis des Anschlags auf Thoas stellt eine entscheidende Voraussetzung fiu^die Lösung des Konflikts dar, da nur so sich verhindern läßt, daß dieser durch Gewalt und notwendigerweise mit einer blutigen Niederlage der Griechen entschieden wird-was alle Hoffnung auf Rückkehr vernichtet hatte. Die Rettung liegt einzig bei der Gegeninstanz zur Gewalt, der Wahrheit, für die Iphigenie sich zwar auf die Götter berufen, die aber nur sie einset- zen kann:

. . . Auf und ab

Steigt in der Brust ein kühnes Un-

ternehmen:

Ich werde großem Vonirurfnicht entgehn

Noch schwerem Übel, wenn es mir

mißlingt;

Allein euch leg ich's auf die Kniee!Wenn

Ihrwahrhaft seid, wie ihr gepriesen wer-

det;

So zeigt's durch euern Beistand und ver-

herrlicht

Durch mich die Wahrheit!-Ja, vernimm,

oKönig.. .

(1912K)

Nachdem Iphigenie den geplanten An- schlag gestanden hat, besteht die weitere Handlung im funhn Akt in der Suspendie- rung von Gewalt und anschließend in der Verifizierung von Wahrheit. Durch öffentli- che Überprüfung wird sichergestellt, daß in der Tat kein Betrug stattfindet. Die Ver- ständigung zwischen den kämpfenden Par- teien mündet schließlich in Thoas' Venicht. Dieser liegt als Handlung auf der Gegen- wartsebene nur bei Thoas, der sich auch nicht auf die Göttin oder Götter bed, um ihnzu begrunden-im Gegensatz zu Orest, der zwar seinen Irrtum erkennt, aber fiir den sich daraus in bezug auf sein Wrklich- keitsbild keine Konsequenzen ergeben.

Thoas und Iphigenie sind die beispiel- haften Figuren. Durch sie werden grund- sätzliche Prinzipien fur eine anzustreben- de, auf Recht gegründete soziale Ordnung proji~iert.~~

Für diese steht am Schluß die "edle Tat" von Thoas als Verzicht, das freundliche Gastrecht, das zwischen bei- den Völkern eingesetzt ist, und darüber hinaus ein grundsätzliches Interesse am Wohlergehen des anderen als Ausdruck der "alten Freundschaft."

Das Stück ist alspositive Projektion zu verstehen.29 Es lehrt, daß Recht Verzicht fordert, wenn es angewandt werden soll. Wahrheit wird erst da verherrlicht, wo Menschlichkeit praktiziert und die Inter- essen des Schwächeren wahrgenommen werden. Eine verbesserte und humanere Praxis ist in der Sicht des Stückes nur so herbeizufiihren, daß Handeln in seinen Voraussetzungen und Konsequenzen ver- standen wird und die dahinterstehenden ideologischen Ansprüche an der Wahrheit von Praxis gemessen werden.

Dies ist entscheidend. Es sind der machtgeschützte und interessegeleitete Mythos, die theoretischen Systeme und Ideologien, die Recht einschränken und inhumane Praxis legitimieren. Sinnvolle Arbeit am Mythos bedeutet, daß ideologische Systeme an Praxis gemessen werden und Handeln, das sich nicht als legitim oder gultig ausweisen kann, auch abgewiesen wird. Falsch und zerstörerisch ist in der Sicht des Stückes das kurzsichtige Inter- esse, das bedenkenlos das Recht von Men- schen auf Leben und Selbstbestimmung rnißachtet und die eigenen tödlichen Inter- essenbedenkenlosüber dieses Recht stellt.

Das Stück zeigt ferner, daß eine Anrufung von Göttern diese objektiv nicht zum Handeln bringen kann. Die Menschen ha- ben sich Götter geschaffen, die sie auch noch heute begleiten. Diese sind jedoch dem menschlichen Bewußtsein entsprun- gen und können deshalb menschlichen In- teressen dienstbar gemacht werden. Da sich angerufene Götter nicht vernehmlich äußern können, hängt alles davon ab, durch welche und durch wessen Taten sie sprechen. Wer im Sinne des Stückes Segen fürTaten erhalten soll, muß folglich selbst segensreich handeln, um des Segens teil- haftig zu werden, den Iphigenie mit ihrem letzten Wunsch Thoas zuspricht:

0 geben dir die Götter deiner Taten Und deiner Milde wohlverdienten Lohn! (2166E)

Anmerkungen

lDie Textzitate beziehen sich auf Bd. 5 der Hamburger Ausgabe von Cmthes Werken in 14 Bänden, 9., neubearbeitete Aufiage 1981.

2Hans Blumenberg, Arbeit um Mythos (Frankfurt/M.,41986).

Vgl. ebd. 294: "Sosicher es ist, daß Mythen erfunden worden sind, obwohl wir keinen Er- finder und keinen Augenblick der Erfindung kennen, wird doch diese Unkenntnis zumIndiz dafür, daß sie zum Bestand des Uralten gehö- ren müssen und alles, was wir kennen, schon in die Rezeption eingegangener Mythos ist."

4Vgl. ebd. 9: "Er bedeutet, daß der Mensch die Bedingungen seiner Existenz annähernd nicht in der Hand hatte und, was wichtiger ist, schlechthin nicht in seiner Hand glaubte. Er mag sich früher oder später diesen Sachverhalt der Übermä~hti~keit des jeweils Anderen durch die Annahme von Übermächten gedeu- tet haben."

5Eberhard Jüngel weist auf die von Blu-

menberg übergangene Differenz zwischen my- thenkritischer und mythischer Mythenrezep- tion. Die mythische Rezeption eines Mythos ge- höre zurArbeit des Mythos imUnterschiedzur mythologisierenden Arbeit am Mythos im Sin-ne von Poetisierung und Literarisierung bzw. Ä~thetisierun~.

Das Nachlassen der mythi- schen Valenz eines Mythos verändere dessen Funktion. Vgl. Jüngel, "Die Wahrheit des My- thos und die Notwendigkeit der Entmythologi- sierung," Hölderlin-tJahrbuch 27 (1990-1991): 32-60; hier 34f.

6Vgl. Blumenberg 295: "Grenzbegnff der Arbeit am Mythos wäre, diesen ans Ende zu bringen, die äußerste Verformung zu wagen, die die genuine Figur gerade noch oder fast nicht mehr erkennen läßt."

7Vgl. die Spiegel-Umfrage Was glauben die Deutschen," Spiegel 25 (15. Juni 1992): 44: Was nach der Aufklärung ein Problem für wenige war, ist ein Problem für viele geworden: Glauben und ~ernunft in Übereinstimmung zu bringen."-mit den Schäden und Leiden in dieser Welt ist für die meisten der Glaube an einen Allmächtigen nicht mehr zu vereinbaren."

*ZU den verschiedenen Bedeutungen des Begriffs 'Entmythologisierung' vgl. Jüngel44f.

wgl. 1170f.: Wer bist du, deren Stimme mir entsetzlich / Das Innerste in seinen Tiefen wendet?"

1°In vielen Deutungen wird Orests Schuld betont, die dem %xt zufolge im Vorgang der Beilung,' der die Befreiung vom Fluch ein- schließt, keine entscheidende Rolle spielt und meines Erachtens als objektiver Faktor nicht zu betonen ist, wenn Orest prinzipiell fluchb dingt gehandelt hat, insofern die G6tter ihn zum "Schlächter" seiner Mutter "auserkoren" hatten (707f.). Vgl. Heinz Gustav Schmiz, Kntische Gewaltenteilung. Mythenrezeption der Klassik im Spannungsfeld von Antike, Christentum. und Aufilärung: Goethes Iphigenie

1988)

72: "Eine völlig schlüssige Ausdeutung der Hei- lung ist von noch keinem Interpreten geleistet worden . . ."-Wesentlich korrekt scheint mir die Deutung von Erika Fischer-Lichte, der zu- folge die Heilung "sich mit der Wiederherstel- lung authentischer zwischenmenschlicher Beziehungen zwischen den ktaliden" vollzieht. Vgl. Fischer-Lichte, %bleme der Rezeption klassischer Werke-am Beispiel von Goethes

(-.,und Hölderlins Hyperion

Iphigenie," Deutsche Literatur zur Zeit der KZmsik, hg. K. 0.Conrady (Stuttgart, 1977) 114-40; hier 129.-Daß Orest durch sein Lei- den oder seine lbdesbereitschaft die Schuld des Mutte~lnordes sühnt, wird im Text nicht aus- gesprochen. Keineswegs bildet auch dieser Sicht entsprechend die Hadesvision "den höch- sten Grad der Selbstpeinigung Orests"; vgl. Dieter Borchmeyer, Tphigenie auf'lburis," In- terpretationen: Goethes Dramen, hg. Walter Hinderer (Stuttgart, 1992) 149f. Borchmeyer steht hier in der Nachfolge Raschs, der von dem Postulat ausgeht, daßOrest "unmöglich geheilt werden" kann, "ehe seine Schuld, die Ursache seiner Krankheit, nicht gesühnt und aufgeho- ben ist"; vgl. Wolfdietrich Rasch, Goethes Iphi- genie auf Tauris als Drama der Autonomie (München, 1979) 123.

llVgl. 1215: "0 nehmt den Wahn ihm von dem starren Auge . . ."

l2Vg1. 1230ff.: ".. . und ich danke, Götter, / Daß ihr mich ohne Kinder auszurotten / Beschlossen habt."

Wgl. 1248f.: "Die liebevolle Schwester wird zur Tat 1 Gezwungen. Weine nicht! Du hast nicht schuld."

l4Goethe hat dem Sinn nach die in der my- thischen Enahlung vorgebene "Schuld" des Tantalus beibehalten, sie aber durch Weglas- sung des Mordes am eigenen Sohn zu einer nicht genauer bestimmten 'Hybris' entschm. Iphigenie zufolge und im genauen Sinn war "seinvergehen menschlich" (322), während das auf fluchbedingte Vergehen nicht zutrifff.

15Vgl. Blumenberg 128: "Noch der Olym- pier Zeus hat Züge des den Menschen Mißgün- stigen, der Vefichtlichkeit gegenüber denen, die nicht seine Geschöpfe sind, die er von den Titanen in seinen Kosmos übernehmen mußte und für mißglückte Bewohner seiner Welt hält." Ebenso 129: Was geblieben ist von der Ungunst des Zeus gegenüber den Menschen, ist seine Erfindungsgabe, sie in tödliche Kämpfe untereinander zu verwickeln." Auf diese Machtproblematik weist die bekannte Formu- lierung von der kgeheuren Opposition im Hintergrunde" des Stücks aus dem 15. Buch von Dichtung und Wahrheit; Goethes Werke 10: 49f.

I6Da das Handeln von Tantalus nicht fluch- bestimmt war, ist er von der versöhnenden Projektion Orests ausgeschlossen. Sein schuldhaf- tes Tun steht zeichenhaft fur die Möglichkeit schuldhaften Handelns im Kontext menschli- cher Machtbestrebungen und Konflikte. Daß Tantalus an der Versöhnung nicht teilhat, spricht gegen die Deutung Adornos, wonach der Wahnsinnsmonolog "das Bild ungeschmä- lerter Versöhnung" entbände. Vgl. Theodor W. Adorno, "Zum Klassizismus von Goethes Zphi- genie," Neue Rundschau 78 (1967): 596f.

l?Vgl. dagegen die religiöse Deutung von Koch, dem zufolge das "Geschehen vom Anfang bis zum Ende" vom lebendigen Wirken der Götter bestimmt ist; Friedrich Koch, "Die religiöse Grundstxuktur von Goethes Iphigeni~ auf %U- ris," Literatur und Geistesgeschichrk: Festgabe für Heinz OttoBurger,hg. Reinhold Grimmund Conrad Wiedemann (Berlin, 1968) 153.

18Solche Widersprüche und Paradoxien sind in der Darstellung von Brown und Ste- phens geglättet und in eine "Ökonomie des My- thischenVintegriert, welche die mythische Ebene als eigenständig gegeben voraus-und dominant setzt und für sie eine problematische "eigenartige Selbstregelung" postuliert; vgl. Kathryn BmdAnthony Stephens: ". . . Hinübergehen und unser Haus entsühnen': Die Ökonomie des Mythischen in Goethes Iphige- nie," Jahrbuch &r deutschen Schillergesell- schaft 32 (1988): 94-115. Mythische Wörtlich- keit ist in dieser Deutung uneingeschränkt beibehalten und Orests Heilung so durch Gebet bewirkt, während Iphigenie am Schluß in der Rolle der Priesterin zur rituellen "Entsüh- nung"-verstanden als kultische Handlung- ihres Hauses aufbricht. Zum BegnfT der "Ent- sühnung" vgl. dagegen Dieter Borchmeyer, "Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Zhuris," Deutsche Dramen: Interpretationen uon der Aufklärung biszur Gegenwart, hg. Harro Müller-Michels (Königsteifls., 1985) 1:75: "Der Begriff der Entsühnung meint in der Zphi- genie die Durchbrechung der Determination, der Kausaiität des Bösen durch Iphigenies au- tonome sittliche Entscheidungdurch die sie dem Bösen eben nicht verfdlt, aus dem Bann- kreis des Fluchs heraustritt."

19lasch gibt eine ausgezeichnete Darstel- lung der %ligiösen Situation der Aufklärungs- zeit," wie sie sich im Stück spiegelt. Die "zen- trale Thematik" wird allerdings von ihm zu einseitig als "eine religiöse" bestimmt. Vgl. Rasch 8,16.

20Vgl. 1648: "Allein mein eigen Herz ist nicht befriedigt."

21Schmiz55.

22Daß Orest die korrekte Interpretation des Götterspruchs findet, ist sinnvoll, aber für den Ausgang des Stückes nicht entscheidend. Es ist Iphigenie, die Orest von dem Wahn befreit hat, daß die Götter seinen Untergang wollen. Da ihm geholfen ist, ohne daß der Orakelspruch wörtlich zu befolgen war,ist die Voraussetzung dafür geschaffen, daß er ihn korrekt deutet, in- dem er die Wahrheit, die sich auf konkreter Ebene anbietet, in den offenen mythischen Doppelsinn einschreibt. Und wiederum ist es Iphigenie, die am Schluß die gewaltsame Aus- einandersetzungunterbindetund die friedliche Lösung herbeiführt. So gesehen, kommt Orest am Schluß keine "Schlüsseifimktion" zu, und es gibt keine "deus-ex-machina"-Lösungmit dar- aus abzuleitender "Motivierungsschwäche"; vgl. Borchmeyer 70f.

2"Ganz unbefriedigend ist in diesem Sinne die religiös orientierte Deutung Kochs, wonach Orest "jtzt Träger der neuen Segenslinie" wäre und "die Führung übernommen" hätte; vgl. Koch 154.Raschweist zu Recht daraufhin, daß die Sicht in Orests letzter Rede eine perspekti- vische ist. Orest hat jedoch recht mit der Rolle, die er Iphigenie in bezug aufseine Heilung zu- schreibt. Vgl. Rasch 184f.

24Vgl. 532ff.: "Zwei Fremde, die wir in des Ufers Höhlen / Versteckt gefunden, und die meinem Lande / Nichts Gutes bringen, sind in meiner Hand."

25Ein unklares Bild dieser Humanität beeinträchtigt die Darstellung von Julie D. Prandi, in der die Verklärung Iphigenies zur "schönen Seele" unter Aufnahme fiiiherer Kritik zu Recht zurückgewiesen wird., vgl. Prandi, "Goethe's Iphigenie as Woman," Germanic Review 60 (1985): 23-31. Prandi schränkt die Wwkung von Iphigenies Humanität auf die Privatsphä- re ein, da sie Humanität mit kämpferischer Tat verbindet und so Iphigenie von der öffentlichen Sphäre ausgeschlossen sieht. Das Recht auf Selbstbestimmung, das Iphigenie jedoch für sich und alle Fremden öffentlich beansprucht und erwirkt, ist ein öffentliches Recht; es gilt im Prinzip für alle Sphären. Iphigenies huma- nes Wirken hat seinen Ursprung auch nicht in "a kind of imprisonment, literally in the Diana temple and figuratively in the private sphere," sondern in der Fremderfahrung, die eine öf- fentliche ist; vgl. 29.

26Adornos Deutung von Thoas' Verzicht kann ich mich nicht anschließen. Ihr zufolge beansprucht das StückUder Idee nach," daß sich mit Humanität Gerechtigkeit realisiere, wäh- rend Thoas ein Unrecht geschehe und er "an der höchsten Humanität nicht teiihaben" dür- fe. Thoas ist aber kein "Übervorteilter." Der Verzicht ist schmerzlich, aber Thoas leistet ihn, weil er ihn als die Grundlage von Recht aner- kennt und er gerade durch ihn an der Humani- tät des Stückes teilhat. Vgl. Adorno 596.Thoas bleibt dem Text zufolge keineswegs "innerlich zerrüttet zurückn und zahlt auch nicht "mit dem Verlust seines Lebensglücks."

2vgl.750ff.:"So nehm' ein Gottvon meiner schweren Stirn I Den Schwindel weg, der auf dem schlüpfrigen, I Mit Mutterblut bespreng- ten Pfade fort / Mich zu den Toten reißt."

28Die Teilhabe an dieser anzustrebenden Rechtsordnung ist positiv zu bewerten. Sie stellt eine frei gewählte, nicht hintergehbare Form von Herrschaft dar und ist in diesem Sin- ne frei von Schuld und der Verstrickung in den "Schuldzusammenhang des Lebendigen," die Adorno für das 'mündige Subjekt" im Stück p* stuliert, vgl. Adorno 586.

291m Stück geschieht Recht und die Grund- lagen für solches Recht werden formuliert. Da- mit ist Goethes Klassizismus mehr als "Chiffre des Unschlichtbaren." Daß es die Idee des Stük- kes sei, das Unschlichtbare zu schlichten, kann ihm meines Erachtens nicht entnommen wer- den. Vgl. Adorno 591.

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